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Nicht gerade eine ausreichende Mahlzeit.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 20. Dezember 2012

Bulimie und Anorexie

Maßnahmen gegen Essstörung wirken am besten bei Jugendlichen.

Je früher man eine Therapie gegen Essstörungen beginnt, umso besser der Erfolg. Auch Präventionsprogramme können das Körperselbstbild junger Menschen verändern, geeignet sind allerdings nur bestimmte Verfahren.

Rund um die Uhr Zugang zu hochkalorischer Nahrung, gleichzeitig Plakate und Hochglanzmagazinen mit magersüchtigen Models. „Das kann die Wahrnehmung des eigenen Körpers bei Mädchen durcheinander bringen und zu extremen Diäten führen“, betonte Prof. Dr. Ulrike Schmidt vom Kings’s College in London. Für sie sind Magersucht und Bulimie ähnliche Auswüchse der Wohlstandsgesellschaft wie Adipositas. Bisher sei es nicht gelungen, die Inzidenz dieser Erkrankungen zu senken: Die Zahl der jährlichen Anorexie-Neuerkrankungen in Industrieländern liegt seit zehn Jahren relativ konstant bei etwa 10 bis 15 pro 100.000 Frauen unter 50 Jahren, 20 bis 25 pro 100.000 Frauen sind es bei Bulimie. Andere Essstörungen wie Binge Eating sind sogar deutlich häufiger geworden, hier ist die Inzidenz innerhalb von zehn Jahren von etwa 17 auf 26 pro 100.000 gestiegen.

Programme mit Lehrern gehen oft schief

Programme, um Essstörungen entgegenzuwirken, indem Medien angehalten wurden, auf Werbung von magersüchtigen Models zu verzichten oder Eltern und Lehrer für die Problematik zu sensibilisieren – etwa durch die Einführung von Unterrichtseinheiten, die ein positives Körperselbstbild und Selbstwertgefühl vermitteln – sind in der Vergangenheit oft gescheitert, vor allem, wenn sie von Lehrern, und nicht von den Forschern, die sie entwickelt haben, ausgeführt wurden.

Inzwischen hätten die Briten aber ein Programm getestet, das von Experten, Lehrern und Jugendlichen gemeinsam entwickelt wurde. In sechs Unterrichtseinheiten wird ein besserer Umgang mit Medien vermittelt, die ein unnormales oder unerreichbares Körperbild propagieren. Jugendliche sollen sich zudem untereinander weniger negativ über das Aussehen anderer äußern. In einer Studie mit knapp 450 Schülerinnen im Alter von 12 bis 14 Jahren ließen sich durch das Programm Selbstvertrauen und Körperselbstbild signifikant bessern. Diese Faktoren blieben auch noch drei Monate nach Studienende konstant gut, dagegen wurden sie in einer Kontrollgruppe schlechter. Dies sind erste ermutigende Hinweise zum Nutzen der Prävention, die nun in größeren und länger dauernden Studien überprüft werden müssten.

Hat sich jedoch bereits eine Essstörung entwickelt, so hilft Jugendlichen häufig die Familien-basierte Therapie. Hierbei werden die Eltern mit einbezogen, sie sollen in einem mehrphasigen Ablauf zugleich einen unterstützenden und kontrollierenden Einfluss ausüben. Damit könne nach Studiendaten bei 60 bis 80 Prozent der Anorexiepatienten innerhalb von fünf Jahren ein normales Gewicht erzielt werden, sagte Schmidt. Das Verfahren sei damit Einzeltherapien weit überlegen.

Vorteile für kognitive Verhaltenstherapie

Schwierig wird es jedoch bei Erwachsenen mit Anorexie. In Studien hat lediglich eine kognitive Verhaltenstherapie (KVT) bei der Rückfallprophylaxe Vorteile ergeben. Auch die Erfolgsquote ist niedriger als bei Jugendlichen: Nach einem Jahr erreichten nur 20 bis 30 Prozent ein normales Gewicht, nach fünf Jahren 40 bis 50 Prozent. Bei der Bulimia nervosa gilt eine besondere Form der KVT als Mittel der Wahl: die KVT-Enhanced. Sie eigne sich auch, um emotionale Dysregulation und soziale Probleme anzusprechen. Vielversprechend sind zudem andere auf der KVT basierende Verfahren wie die Dialektisch-Behaviorale Therapie.

Schließlich ist auch beim Binge Eating die Evidenz für die KVT am besten, allerdings sei bei solchen Patienten auch die Interpersonelle Psychotherapie wirksam, sagte Prof. Dr. Martina de Zwaan von der Medizinischen Hochschule in Hannover. Dagegen gebe es keine Hinweise auf einen Nutzen tiefenpsychologischer Verfahren. De Zwaan wies aber darauf hin, dass eine Psychotherapie beim Binge Eating zwar die Essattacken und den Kontrollverlust lindere, nicht aber zu der Gewichtsreduktion führe, die sich viele der oft adipösen Binge Eater wünschen. Hier müsse man falschen Erwartungen vorbeugen. Bei extremem Übergewicht sei die Adipositas-Chirurgie eine Option – Binge Eating ist hier keine Kontraindikation.

Quelle: Kongress der DGPPN, 23. November 2012, Berlin

springermedizin.de , Ärzte Woche 50/52/2012

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