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Während der Wanderphasen kam es zu einer signifikanten Reduktion der Depressivität.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 6. September 2012

„Übern Berg“

Studie zur Suizidprävention am Universitätsklinikum Salzburg.

In Österreich wandern mehr als 74 Prozent der über 15-Jährigen zumindest gelegentlich. Die Wanderstudie „Übern Berg“ des Sonderauftrags für Suizidprävention der Universitätsklinik für Psychiatrie 1 am Salzburger Universitätsklinikum CDK bot den Patienten nicht nur „Gesundheitsförderung durch Wandern“, sondern auch eine nachgewiesene Reduktion der Hoffnungslosigkeit durch Wandern und Naturerleben in der Bergwelt.

Menschen mit psychischen Erkrankungen oder in Lebenskrisen können sich nur schwer überwinden, körperlich aktiv zu sein. Der Ärztliche Direktor der CDK und Leiter der Suizidprävention Doz. Dr. Reinhold Fartacek betonte im Rahmen einer Pressekonferenz : „Unser Ziel war es, unsere Patienten durch die körperliche Aktivität beim Bergwandern und das Erlebnis – übern Berg zu gehen – für den Alltag seelisch und körperlich zu stärken. Diese Erfolge sollen ihnen Mut und Hoffnung für die Bewältigung des Alltags geben.“

Die interdisziplinäre Studie „Physical exercise through mountain hiking in high-risk suicide patients. A randomized crossover trial“ wurde von Psychiatern und Psychologen der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie I gemeinsam mit dem Universitätsinstitut für Sportmedizin und dem hohen Engagement der Pflegemitarbeiterinnen durchgeführt. Die Ergebnisse bestätigt die unterstützende Wirkung der Psychotherapie und Pharmakotherapie durch Bewegungstherapie. Mit dem Studiendesign wurde ein weltweit einmaliger Datensatz erhoben, der durch eine Komplexität überzeugt: Sie punktet mit der täglichen Selbsteinschätzung kombiniert mit psychologischen Daten (vorher-nachher-Fragebogen und Prozesseinschätzung) und mit sportphysiologischen Messungen. In der Suizidprävention setzt man darauf, auf individuelle Stärken anstatt auf Krankheit zu schauen.

Synergetisches Navigationssystem (SNS)

Fartacek ergänzte: „Die Studie macht deutlich, dass die Natur aber auch die menschlichen Begegnungen in der Natur nach Lebenskrisen gute Effekte haben können.“ Die Selbsteinschätzung wurde beispielsweise unter Nutzung eines „Synergetischen Navigationssystems“ (SNS) messbar gemacht. Der Leiter des PMU-Instituts für Synergetik und Psychotherapie-forschung, Prof. Dr. Günter Schiepek hat das Synergetic Navigation Sytem entwickelt. Mit einem eigens angelegten Online-Fragebogen im Synergetic-Navigation System wurde täglich über sechs Monate lang die persönliche Befindlichkeit mit 38 Einzelitems in einer Selbsteinschätzung beurteilt. Durch die hochfrequenten Messungen ergab sich eine Verlaufsdarstellung mit mehr oder weniger stark ausgeprägten Schwankungen und Phasenübergängen. Speziell in den Bereichen Freude und Selbstwertgefühl kam es in der Wanderphase bei vielen Teilnehmern zu einer Steigerung, wobei die Ängstlichkeit gleichzeitig abnahm.

Was hat sich verändert?

Die Studienteilnehmer wurden in zwei Gruppen geteilt. Die Wandergruppe wanderte neun Wochen lang. Die Wartekontrollgruppe hatte keine Intervention. Nach neun Wochen wurde gewechselt. Gemessen wurden die empfundenen Veränderungen der Hoffnungslosigkeit und Depressivität, außerdem die Ausdauerleistungsfähigkeit. Hoffnungslosigkeit, Depressivität und Ausdauerleistung waren jeweils signifikant besser als vor der Studie. Die Studienteilnehmer berichteten davon, dass sie eine neue Tagesstruktur hatten, neue Routen kennengelernt hatten, mehr Appetit hatten, mehr Selbstvertrauen und weniger Stress empfanden. Nach eigenen Aussagen war ein Patient von den positiven Empfindungen überrascht, weil man eigentlich „keinen Sport und keine Berge mag“ und weniger Zeit zum „großen Grübeln“ hatte.

Wandern als ideale Bewegungsform

Die Teilnahme der Patienten am Wandern war nahezu lückenlos und belegt, dass diese Form der Bewegung nicht nur akzeptiert, sondern auch gerne ausgeübt wurde. Erfreulicherweise kam es dadurch zu einer deutlichen Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit.

Für die Durchführung der Wanderstudie wurde der Sportwissenschafter MMag. Josef Sturm mit ins Team geholt. Im Rahmen seiner Doktorarbeit beschreibt er den positiven Zusammenhang zwischen regelmäßiger körperlicher Bewegung und psychischer Gesundheit und versucht dabei die biologischen und psychologischen Wirkmechanismen herauszustellen. Er betonte, dass Bewegungsmangel ein Risikofaktor für die Entwicklung mancher psychischer Störungen sein kann.

Symptome reduzieren

Im Rahmen der Salzburger Wanderstudie konnte mittels täglicher Selbsteinschätzung bestätigt werden, dass bereits nach einer Wanderung die Stimmung verbessert, von negativen Gedanken abgelenkt und Stresssymptome abgebaut werden können. Am Ende des Wanderprogramms konnten sogar Selbstwert und Schlafqualität verbessert sowie Angst- und Borderlinesymptome reduziert werden.

Neben der Reduktion von Hoffnungslosigkeit, Depressivität und Suizidgedanken waren besonders die gute Compliance und die starke Verbesserung der Ausdauerleistungsfähigkeit überraschend. So konnte die Länge der Wanderstrecken kontinuierlich gesteigert werden. Noch vor Studienbeginn galt besonders die Motivation der Teilnehmer als eine der größten Herausforderungen. Besonders wichtig erschienen die sorgfältige Auswahl der Wanderstrecken sowie die Hilfe bei praktischen Problemen wie der Auswahl von Kleidung und Schuhen.

Optimaler Belastungspuls

Um eine Überforderung zu vermeiden, wurde der optimale Belastungspuls am Universitätsinstitut für Sportmedizin Salzburg ermittelt und bei jeder Wanderung mittels Herzfrequenzmesser überwacht. Jede Wanderung startete mit einfachen Mobilisationsübungen und endete mit abschließenden Dehnübungen. Im Laufe der Studie war anstelle der fehlenden Motivation die Vorfreude auf die nächste Wanderung so groß, dass die Teilnehmer oft schon eine gute Weile vor dem vereinbarten Zeitpunkt am Treffpunkt warteten.

In Bezug auf die Ergebnisse ist noch zu betonen, dass die Effekte zusätzlich zur Wirkung der bestehenden psychopharmakologischen und psychotherapeutischen Behandlung aufgetreten sind.

Quelle: SALK – Presseaussendung

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