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Illustration: DI Niel Mazhar
 

Symptom ohne Organbeteiligung

Der Einfluss der Medien auf die Arzt-Patienten-Beziehung bei somatoformen Störungen.

Zeitungen, Magazine, Radio und Fernsehen haben einen großen Einfluss auf die Krankheitskonzeptionalisierung der Patienten mit somatoformen Störungen. Anscheinend „empowernde“ Erklärungsmodelle unterstützend, stärken sie tatsächlich die subjektive Sicht der Betroffenen. Und tragen zur Propagierung dysfunktionaler Erlebens- und Verhaltensmuster bei. Mitunter haben auch Expertenaussagen eine unheilvolle Wirkung. Das Ziel wäre jedoch ein selbstreflexiver Umgang mit Erklärungsmodellen und ihren Pros & Cons seitens der Medien und Experten.

 

Der Begriff „somatoforme Störung“ beschreibt das Krankheitsbild von Patienten, die andauernd über Körperstörungen klagen, jedoch trotz gründlicher Untersuchungen keine peripheren Organpathologien aufweisen. „Es geht dabei um Schmerzen unterschiedlichster Lokalisation, funktionelle Störungen des Herz-Kreislauf-Systems oder des Magen-Darm-Trakts und Symptome aus dem Bereich der Erschöpfung, Müdigkeit und des Nicht-mehr-Könnens“, erklärt Prof. Dr. Peter Henningsen von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Unterschieden wird dabei klar von Erkrankungen, die zwar durch psychische Faktor verstärkt oder ausgelöst werden können, denen aber ein organisches Korrelat zugrunde liegt. Beispielhaft für diese Gruppe wäre die Neurodermitis.

Das Syndrom der „dicken Akte“

„Normale“ Körperbeschwerden treten bei neun von zehn Menschen im Lauf einer Woche auf, werden jedoch vom Großteil der Betroffenen ohne Probleme gemeistert. Wichtig dabei ist, sich wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass Gesundheit nicht die Abwesenheit von Krankheit bedeutet, sondern die Fähigkeit, krankhafte Prozesse zu bekämpfen und diese auch eindämmen zu können.

Bei drei von vier Personen, die wegen Körperbeschwerden zum Hausarzt gehen, kommt es innerhalb von zwei Wochen zur Rückbildung, zumindest aber zu einer Besserung ihrer Symptomatik. „Sollten sich diese Beschwerden allerdings nicht zurückbilden und kommt es gleichzeitig zu keinem organpathologischen Befund, kann sehr schnell das ‚Syndrom der dicken Akte‘ entstehen und ein Chronifizierungsprozess in Gang kommen“, beschreibt Henningsen die Zusammenhänge. Beispiele sind das Reizdarmsyndrom oder auch die nicht-ulzeröse Dyspepsie.

Was ist typisch für Patienten mit somatoformen Beschwerden? Ein wesentlicher Aspekt ist die hartnäckige Forderung nach medizinischen Untersuchungen, obwohl die umfangreiche Diagnostik wiederholt negative Ergebnisse bringt. Diese häufigen negativen Erfahrungen können schlussendlich zum dysfunktionalen „doctor-hopping“ führen, bei dem von Arzt zu Arzt gewechselt wird, mit der Hoffnung, dass die nächste Konsultation eine Antwort auf die Beschwerden findet. Dabei sollten Ärzte den Fehler vermeiden, diese zum Teil äußerst schwierigen Patienten erneut zu einem Kollegen zu überweisen, nur um kurzfristig Ruhe in die eigene Praxis einkehren zu lassen – obwohl klar ist, dass auch eine erneute Untersuchung zu keinen Ergebnissen führen wird, weil die Voruntersuchungen gewissenhaft durchgeführt worden waren.

So ein Verhalten bestärkt die Betroffenen in ihrer Annahme, dass bei ihnen vielleicht doch ein organpathologisches Grundproblem vorliegt, und das erschwert die eigentliche Diagnosefindung. Daraus ergibt sich ein Teufelskreis aus Hoffnung und Enttäuschung, der sich auf die Arzt-Patientenbeziehung immens auswirkt. Schlussendlich entsteht auf Patienten- und ärztlicher Seite ein Ohnmachtsgefühl, das zu einer iatrogenen Chronifizierung führen kann.

Verleiht Angst Flügel?

Die Erwägung einer eventuell zugrundeliegenden psychischen Problematik gestaltet sich jedoch oft schwierig, da somatische Erkrankungen vom Patienten meist akzeptiert, psychische hingegen argwöhnisch beäugt werden. Ein gutes Beispiel dafür liefert ein Auszug aus dem Comic „Asterix und die Normannen“, in welchem das nordische Volk Angst empfinden möchte, da diese angeblich Flügel verleiht. Als den Normannen die Symptome der Angst vor Augen geführt werden, „Schüttelfrost, Magenkrämpfe, Blutleere im Hirn“, erwidert einer darauf: „Ach, wenn man Angst hat, hat man also Grippe. Es ist nichts anderes als die Grippe!“

Einfluss der Medien

Abseits der Legitimität ist es genauso wichtig, sich vor Augen zu führen, dass das Krankheitsempfinden vom kulturellen und geschichtlichen Hintergrund abhängt, davon, wie mit Krankheit im jeweiligen Kontext umgegangen wird. Der Einfluss der Medien ist dabei nicht zu unterschätzen: Sie liefern die Zugänge zu Erklärungsmodellen, Symptominterpretation und Krankheitsdefinitionen.

Wird mit dieser Art von Symptompräsentation allerdings nicht korrekt umgegangen, oder werden Krankheitsausbrüche medial aufgebauscht, können schnell Massenhysterien entstehen, die die Gesundheitsversorgung unnötigerweise belasten. „Problematisch wird es vor allem dann, wenn dazu ,Experten‘ zitiert werden und den Aussagen somit zusätzliche Legitimität verliehen wird“, betont Henningsen.

Ein exemplarisches Beispiel ist eine Massenpanik in Belgien vor einigen Jahren. Ein Krankheitsausbruch wurde auf Coca-Cola-Flaschen zurückgeführt und auch von den nationalen Medien entsprechend präsentiert. Ein Jahr später erschien eine Arbeit im American Journal of Epidemiology, in der festgehalten wurde, dass die massive nationale Berichterstattung schon beim ersten Auftreten ein wesentlicher Faktor beim Ausbruch der Symptomatik von Schule zu Schule und dann innerhalb der Bevölkerung war.

Wirkung von Experten in Medien

Erschwerend kommt hinzu, dass Teile der Medien amplifizierend und dramatisierend arbeiten, die Berichterstattung wäre jedoch genauso auf eine distanzierende und moderierende Art möglich. Medien stehen nicht isoliert für sich selbst da. Vielmehr ist auch Einfluss von anderen Personen gegeben – ein Umstand, der gerade Experten in die Pflicht nimmt, im Rahmen von Stellungnahmen nicht leichtfertig zu agieren.

Ein Beispiel für eine eher beruhigende Wirkung medialer Berichterstattung findet sich im Fall eines Dorfs, in dem der Bürgermeister einen neu errichteten Handymast für das vermehrte Auftreten von Kopfschmerzen und Übelkeit verantwortlich machte und diese Argumentation von einigen Hausärzten mitgetragen wurde. Innerhalb kürzester Zeit reichten daraufhin mehr als 20 Personen Klagen wegen Körperverletzung ein. In diesem Fall agierten die Medien distanziert und brachten sachliche Informationen. Etwa, dass die Strahlenwerte weit unter der Norm lagen. Es wurde diskutiert, ob nun tatsächlich eine Verstrahlung vorliege oder die Bevölkerung eventuell an kollektiver Hysterie leide. „Ein Stammtisch vertrat dabei eine ganz andere Theorie“, sagt Henningson, „nämlich die, dass der einflussreiche Dorfpfarrer einfach auch einmal in die Zeitung wollte.“

Heilsversprechen

Ein wichtiger Aspekt im Rahmen der medialen Berichterstattung ist auch die Anpreisung von Wundermitteln oder von Heilmethoden, die gerade chronisch kranken Menschen die Befreiung von ihren Leiden innerhalb kürzester Zeit versprechen und so nichtberechtigte Hoffnungen wecken. Gerade Ärzte sind – als Expertinnen und Experten auf ihrem Gebiet – dazu angehalten, hier eine moderierende Stellung einzunehmen und sich der Auswirkungen ihrer Aussagen sowohl auf die einzelne Person als auch auf die Allgemeinheit bewusst zu sein.

Auch die zunehmende Beschaffung von Informationen mithilfe des Internet kann die Auseinandersetzung mit der eigentlichen Erkrankung verkomplizieren, weil eine objektive Herangehensweise an die Fülle der Informationen seitens der Patienten häufig nicht möglich ist. Die entstehenden Ängste jedoch, die in das Behandlungsgespräch mit einfließen, erschweren eine objektive Betrachtung der Symptome.

Von Christian Vajda, Ärzte Woche 24 /2009

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