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Prof.Dr. Otto Lesch (rechts), Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, MedUni Wien
 

Ausgezeichnete Aspekte von Gebrauch, Missbrauch und Abhängigkeit

Der weltweit anerkannte Experte im Bereich von Abhängigkeiten, Prof. Dr. Otto Lesch, bekam dieser Tage mit dem Lautenschläger Award in Helsinki eine der höchsten Auszeichnungen.

Der Preis über 25.000 Euro wird alle zwei Jahre im Rahmen des ESBRA (European Society for Biomedical Research on Alcoholism) Kongresses für außerordentliche Leistungen auf dem Gebiet der Alkoholfoschung vergeben und soll die geplanten Forschungsvorhaben weiter unterstützen.

Zurecht, wie wir meinen. Denn die "Typologie nach Lesch" und ihre Bedeutung für die Versorgung und die Basis hat in der europäischen Forschung Bedeutung erlangt. Lesch, der vor unbequemen Aussagen nicht zurückschreckt, legt in seinem erst kürzlich im Verlag SpringerWienNewYork publiziertem Buch "Alkohol und Tabak", fast nebenher die Schwachstellen der modernen Medizin dar. Etwa wenn er die reine Befundungs-Diagnostik-Medizin kritisiert, die „oft nur darauf aus ist, in ein therapeutisches Schemenmieder verpackt zu werden und so Gefahr läuft, über weite Strecken ihr menschliches Antlitz zu verlieren“.  Ein Auszug aus dem Interview, das Raoul Mazhar mit dem ESBRA-Preisträger führte.

Was dürfen wir uns von Ihrem Werk erwarten und an welches Publikum wenden Sie sich?

LESCH: Mir liegt sehr daran, viele verschiedene Fachgruppen anzusprechen, da ich davon überzeugt bin, dass nur ein kleiner Teil der Patienten in ein stimmiges medizinisch-psychologisches Setting kommt und eher in Übergangswohnheimen, in Sozialhilfestellen oder Obdachlosenherbergen landen. Den dort arbeitenden Menschen will ich mit meinem Werk etwas in die Hand geben, das sie effizienter arbeiten lässt.

Nikotin- und die Alkoholabhängigkeit sind in unseren Breiten die wohl häufigsten Abhängigkeitserkrankungen. Soll man sie getrennt oder in Kombination behandeln?

LESCH: Wir behandeln in erster Linie die Vulnerabilität eines Menschen für bestimmte Suchtmittel. Ich glaube, dass es dabei nicht so wichtig ist, um welche Suchtmittel es sich im Detail handelt.

Wir wissen heute, dass bei diversen stofflichen Abhängigkeiten ähnliche physiologische Prozesse angestoßen werden. So werden beispielsweise beim Rauchen und Alkoholkonsum ähnliche Giftstoffe frei, etwa die angstauslösenden b-Carboline. Wir vermuten, dass diese körpereigenen Substanzen, die das serotinerge System beeinflussen, bei Angststörungen eine wesentliche Rolle spielen.

Daher ist die in den 90er-Jahren übliche Praxis, nämlich ausschließlich das serotinerge System pharmakologisch zu therapieren, nicht zielführend, wenn man vorher schon den Precursor hätte behandeln können. Dieses Wissen ist viel zu wenig verbreitet.

Sie glauben also, dass bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen auf die Interaktion mit diversen Stoffen zu wenig Rücksicht genommen wird?

LESCH: Ja, dieses Problem findet sich sehr häufig. Nehmen wir als Beispiel eine Spezialstation für schizophrene Menschen. Dort gibt es überdurchschnittlich viele starke Raucher, die ihrer Sucht auch während des stationären Aufenthaltes nachgehen. Das ist aber wesentlich, da Tabak ein Dopamin-Agonist ist und den Spiegel der Neuroleptika reduziert. Dies sind Beziehungen, die ein gut weitergebildetes Krankenhauspersonal kennen und berücksichtigen muss.

Dazu zählt auch der ‚schwierige‘ Patient auf der Unfallstation, der auf seine Zigaretten verzichten muss und zu seiner Beruhigung Neuroleptika bekommt. Das heißt also, dass seine Dopaminrezeptoren zunächst wegen des Nikotinentzuges beleidigt werden und dann noch einmal durch die Gabe von sedierenden Medikamenten. Da sollte man sich nicht wundern, wenn sich aufgrund des kalten Entzuges ein Durchgangssyndrom einstellt. Sehr häufig wird also einfach nicht bedacht, dass die Entzugssymptomatik dieselben Schäden hervorrufen kann wie die Intoxikation.

Man hat bei Ihnen oft das Gefühl, dass Sie den Rückfall viel pragmatischer sehen und weniger stigmatisieren als viele Ihrer Kollegen. Ist das Bild richtig?

LESCH: Meine langjährige Erfahrung hat mich gelehrt, dass es nur eine kleine Gruppe gibt, die absolut abstinent bleiben kann – und zwar gleichgültig vom therapeutischen Konzept. Der Großteil der Betroffenen empfindet daher jeden Rückfall bei einer rigorosen Abstinenzdefinition als persönliches wie auch therapeutisches Versagen. Das provoziert in regelmäßigen Abständen Scham und Aggression mit nachfolgendem Mangel an Selbstwertgefühl. Das sehen auch offizielle EU-Stellen so und haben daher Ende 2008 die Reduktion der Trinkfrequenz als gleichgestelltes Therapieziel zur absoluten Abstinenz anerkannt.

Warum folgen dann so wenige Experten dieser Auffassung?

LESCH: Weil wir in einer Welt voller Zwänge leben. Viele Fachleute führen medizinische Einrichtungen, die für ein wirtschaftliches Überleben voll belegt sein müssen. Natürlich folgt man dort lieber jenen Regeln, die eine volle Bettenauslastung garantieren. Ein weiterer Grund ist, dass verschiedene Professionen – vom Sozialarbeiter über den Psychologen bis zum Mediziner – in diesem Feld tätig sind, jedoch ohne wirklich Hand in Hand zu arbeiten.

Eine dritte Begründung liegt in der Frage, wer wirklich Experte bzw. Expertin ist und wer nur von den Medien dazu gemacht wird. Oft liest man – selbst in Qualitätszeitungen – sogenannte Fachmeinungen zum Thema Rauchen und Alkoholabusus von Leuten, die sich damit nur rudimentär befassen. Besonders drastisch trat dies bei der „Komasaufen“-Debatte zutage. Und eines muss man leider feststellen – die Expertise ist sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene sehr dünn gesät.

In Ihrem Werk streichen Sie heraus, was der extramurale Bereich auf dem Gebiet der Suchtprävention und –behandlung tun kann.

LESCH: Das liegt mir besonders am Herzen, schließlich sind die Hausärzte die ersten Ansprechpartner von Abhängigen und deren Angehörigen. Sie können schon im Frühstadium der Abhängigkeit körperliche und psychische Veränderungen feststellen.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Einteilung der Patienten in die richtige Untergruppe. Denn dies ist für die Entscheidung ausschlaggebend, wann, ob überhaupt und zu welchen spezifischen Einrichtungen ein Patient überwiesen werden soll. Das muss aber gelernt werden – daher haben wir diesem Aspekt in unserem Buch "Alkohol und Tabak -Medizinische und Soziologische Aspekte von Gebrauch, Missbrauch und Abhängigkeit" viel Raum gewidmet. Ausgebaute Kenntnisse auf diesem Gebiet können die Stellung des Allgemeinmediziners steigern, davon bin ich überzeugt.

Das Gespräch führte Raoul Mazhar

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Alkohol und Tabak

Medizinische und Soziologische Aspekte von Gebrauch, Missbrauch und Abhängigkeit
Lesch, Otto-Michael, Walter, Henriette

ISBN: 978-3-211-48624-5 

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