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Foto: Privat
Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 

NebenWirkungen Spezial

A Lot of Crazy People

Die Psychiater stehen im zweifelhaften Ruf, ihren Patienten nicht unähnlich zu sein. Dabei dringt diese Medizinerspezies in menschliche Tiefen vor, die nie zuvor ein Chirurg gesehen hat.

Irgendwie herrscht in der gemeinen Bevölkerung der Glaube, die Psychiatrie habe es mit ansteckenden Erkrankungen zu tun und ein g'standener Psychiater unterscheide sich nicht allzu sehr von seinen Patienten. Doch warum sollte diese Ärztegattung mehr Symptome von ihren Schäfchen übernehmen, als andere?

Sieht man von schweren Infektionskrankheiten wie Pest, Schweinegrippe oder Golf-Fanatismus ab, wird für Ärzte im Allgemeinen keine allzu große Ansteckungsgefahr angenommen. Kaum noch hörte man, dass Chirurgen im Zuge einer Operation mit einer Appendizitis angesteckt, honorige Gynäkologieprofessoren von schmerzhaften Monatsblutungen heimgesucht oder Pathologen ab und zu mal vom Tod befallen werden.

Die psychischen Erkrankungen sind da wohl etwas heimtückischer, und auch in der Fachwelt ist die „Folie à deux“ eine bekannte Erscheinung. Man kennt da etwa den Dermatozoenwahn, jenes Leiden, bei dem die Patienten in der Gewissheit leben, von juckendem Ungeziefer befallen zu sein. Dieser Zustand kann sich durchaus übertragen, sodass oftmaliges Duschen nach der Ambulanz für den Psychiater durchaus befreiend sein kann.

Crazy Psychiater

Es spricht einiges für die Spezies der Psychiater. Etwa das Outing von psychischen Alterationen und Schrulligkeiten. Nicht dass andere Ärzte diesbezüglich weniger pathologisch wären. Nur verstecken sich solche Eigenheiten dann gerne hinter sturer Fachkompetenz, schwindelerregender Cholerik und arroganter Unnahbarkeit. Der Psychiater hingegen – so er etwas kann – trägt seinen eigenen Knacks stolz vor sich her, fast schon als Trademark. So beschrieb ein spanischer Psychiater einem skeptischen Wiener Hotelier die zu erwartenden Kollegen eines Kongresses mit den Worten „A lot of crazy people“.

Dass die Psychiater heute keine „und Neurologen“ mehr sind, zeigt, dass es ihnen nun ernst ist mit der menschlichen Psyche. Und dass sie als „und Psychotherapeuten“ nun nicht ausschließlich Happy-Pills und Sedativa in die Patienten füllen, macht irgendwie auch ein gutes Gefühl.

Das Spektrum der Verrücktheit

Es gibt mittlerweile schon sozial akzeptierte psychische Erkrankungen. Stress oder Burn-out sind keine gesellschaftliche Schande, zeugen sie doch von den Folgen braver, ehrlicher Arbeit. Aktienspielsucht, chronisches Dauerraunzen von Geschäftsleuten oder die Realitätsverleugnung von Sportreportern werden nicht einmal mehr als krankhaft eingestuft.

Depressionen sind für die Bevölkerung schon etwas schwerer zu verdauen, denn die Produktivität des Betroffenen ist deutlich eingeschränkt, was nicht sexy ist. Es macht auch nicht ganz so viel Spaß, beim Heurigen in ein ausdrucksloses Gesicht zu blicken und über „Murphys Law“ zu philosophieren. Gleiches gilt für Suchterkrankungen, denn der Blick beim Heurigen in ein Alkoholikergesicht verdirbt ebenso den Spaß, vor allem, wenn es uns im Spiegel der Heurigen-Toilette entgegengrinst.

Zu guter Letzt kommen jene Krankheiten, um die der gemeine Bürger am liebsten einen großen Bogen macht. Dazu gehören so seltsame Nervenleiden, die einen Stimmen hören lassen, wo es keine dazu gehörenden Stimmbänder gibt. Dass auch politische Parteien Stimmen wahrnehmen, wo keine sind, ist eine generell akzeptierte Störung.

Der Psychiater wird gesellschaftlich auch oft als Gemeingefährdung empfunden, da er jene Menschen, die vor gar nicht allzu langer Zeit in geschlossenen Anstalten sicher verwahrt schienen, nun auf all die gesunden und anständigen Bewohner loszulassen gedenkt. So muss der Seelenklempner stets sich, seine Patienten und die Psychiatrie rechtfertigen, vor der Bevölkerung, vor den Kollegen aus anderen Fachgebieten und vor lustigen Tageszeitungen.

Der diskrete Seiteneingang in den Ordinationen, wie er bei den Urologen oft zu finden ist, sollte jedoch bald der Vergangenheit angehören. Denn – und da gebe ich mich durchaus zuversichtlich – schon bald werden auch die Patienten ihre Befindlichkeitsstörungen voller Stolz vor sich hertragen. Bedruckte T-Shirts, wie „Depressiv, aber voll gut drauf“, „Ich höre Stimmen, Sie nicht?“ oder „Lieber Neurosen als gar keine Blumen“ sollen für ein starkes Selbstwertgefühl sorgen. Immer mehr Prominente outen sich zu ihren Panikattacken, Waschzwängen oder Tourette-Syndromen. Respekt, wem Respekt gebührt! Das haben sie sich verdient. Die Patienten und natürlich auch ihre Psychiater.

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