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Wenn Papa weint

Postnatale Depression ist kein alleiniges „Vorrecht“ der Frauen.

Dass auch Väter nach der Geburt ihres Kindes in ein massives Stimmungstief rutschen können, ist eine weitgehend unbekannte Tatsache. Da negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes angenommen werden, begann man erstmals diese Problematik zu erforschen.

 

Wird bei Frauen oft der aktuelle Hormonstatus unmittelbar nach der Geburt für das Auftreten einer Depression verantwortlich gemacht, liegt die wahrscheinliche Ursache für ein postnatales Stimmungstief beim Vater eher in einer Veränderung der etablierten Familienstruktur. Plötzlich ist nicht mehr alleine der Mann das Liebesobjekt, sondern auch das Neugeborene.

„Es bedarf einer Umstellung, sich auf ein solches neues Dreieck einzustellen“, erklärt Prof. Dr.DDr.h.c. Siegfried Kasper, AKH Wien, das Auftreten von väterlichen Depressionen. Die Reaktionen auf ein einschneidendes Erlebnis, wie sie die Geburt eines Kindes darstellt, können variieren. Kasper: „Bei Menschen mit seelischer Vulnerabilität können aber nicht nur depressive Verstimmungen auftreten, es ist eine Verschiebung des ganzen affektiven Spektrums möglich.“ Erklärungen dazu bieten die Vulnerabilitätshypothesen, Zusammenhänge zwischen depressiven Symptomen und serotonergem Neurotransmittersystem werden ebenso diskutiert.

Vier bis zehn Prozent der Männer zeigen nach der Geburt eines neuen Sprösslings mittelgradige bis schwere Zeichen einer Depression. Im Gegensatz zu Frauen mit den klassischen Symptomen wie Antriebslosigkeit, negative Affizierbarkeit und emotionale Labilität manifestiert sich die Depression beim Mann oft völlig anders. „Depressive Väter sind oft reizbarer, leichter irritierbar und zeigen mitunter aggressives Verhalten. Die damit assoziierte erhöhte Risikobereitschaft zeigt sich zum Beispiel durch riskantes Autofahren und Ausüben von Extremsportarten. Oft kommt es zu Alkohol- und Substanzmissbrauch“, erklärt Kasper.

Trauriger Vater, hyperaktives Kind

Paul Ramchandani von der Universität Oxford zählt zu den Ersten, der Studien zu diesem Thema durchführte. Er und seine Kollegen untersuchten 12.800 Männer und Frauen, die in einer Partnerschaft lebten (Avon Longitudinal study of Parents and Children). Die Partner wurden acht Wochen nach der Geburt und nach 21 Monaten (um chronisch depressive Störungen von postnataler Depression zu unterscheiden) mittels eines Fragebogens auf Symptome von Depression untersucht. Im Alter von dreieinhalb Jahren wurde die kindliche Entwicklung ausgewertet. Kinder von Vätern mit postnataler Depression waren signifikant häufiger hyperaktiv und zeigten Verhaltensprobleme. Besonders eindrucksvoll: die Auswirkungen auf die Söhne waren sehr viel stärker. War die Mutter nach der Geburt depressiv, wirkte sich dies auf beide Geschlechter gleichermaßen negativ aus. Hier dominierten vermehrte Ängstlichkeit und Traurigkeit. Die Ergebnisse der Studie von Ramchandani kann Kasper allerdings nicht nachvollziehen: „Die Rolle des Vaters wird bei Söhnen erst um das fünfte Lebensjahr ausschlaggebend. Ein gereizter, emotional instabiler Vater, den sein Sohn als Konkurrent erlebt, erschwert die Identifikation mit der Vaterfigur.“

Die Studien, die Paulson im Jahr 2006 an fast 11.000 Elternpaaren in den USA durchführte, griffen ebenfalls die Methode mittels Fragebogen auf, wenngleich der Autor sie als limitierenden Faktor bezeichnete. Befragt wurden die Eltern vor allem in Hinblick auf Spiel- und Erzählverhalten, aber auch nach Art des Zubettbringens ihrer Kinder. Depressive Väter (und Mütter) spielten generell weniger mit ihren Kindern, sangen ihnen weniger oft Lieder vor und erzählten weniger Geschichten. Mütter, nicht jedoch Väter, zeigten zudem andere Schlafensrituale. Paulson et al. legten mit ihrer Studie vor allem noch zwei interessante Effekte dar: Wenn Mütter an Depressionen litten, sangen Väter den Kindern weniger oft Lieder vor. Wenn Väter depressiv waren, erzählten die Mütter den Kindern weniger oft Geschichten und die Väter spielten vergleichsweise seltener mit ihren Kindern im Freien. Bei depressiven Eltern im Doppelpack „ignorierte“ die Mutter ihre eigene Depression zugunsten der Beziehung zum Kind. Die negativen emotionalen Folgen für das Kind waren weniger gravierend als bei der Konstellation depressive Mutter und nichtdepressiver Vater.

Erkennen und behandeln

Kasper mahnt, den Post-Partum-Blues der Männer ernst zu nehmen: „Je kleiner die Nuklearfamilie, desto größer können die Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes sein. Wo in einem großen Familienverband die psychische Störung des Einzelnen noch kompensiert werden kann, sind die Folgen in einer Dreierkonstellation oft fatal.“ Umso wichtiger wird die Tatsache, nicht nur Depression bei Müttern, sondern auch bei Vätern zu erkennen und frühzeitig zu behandeln, neben Antidepressiva auch mit Gesprächstherapie. Negativen Auswirkungen auf die Kindesentwicklung kann auf diese Weise bereits im Vorfeld begegnet werden.

Von Dr. Andrea Maierhofer, Ärzte Woche 23 /2009

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