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Foto: Buenos Dias/photos.com / Ärzte-Woche-Monatge
Noch erschütternder als der demente Täter ist der demente Häftling.
 

Denn sie wissen nicht, was sie tun ...

Forensische Aspekte von Verhaltensstörungen in Zusammenhang mit Demenz.

Verhaltensstörungen sind ein wesentlicher Teil des Krankheitsbildes bei dementen Personen. Als Folge entstehen Probleme im menschlichen Zusammenleben, oft mit tragischen Folgen. Nicht selten muss in letzter Konsequenz die Polizei oder die Justiz eingreifen – manchmal zu spät.

 

„Demente Personen werden zunehmend ein Thema für die Gerichtsmedizin“, stellte Prof. Dr. Christian Reiter, Leiter der Abteilung für Forensische Medizin der Medizinischen Universität Wien, in seinem Referat im Rahmen der Vortragsreihe „ddt – das demenz thema“ im April 2009 fest. „Wobei sich grundsätzlich die Frage erhebt: Kann ein Demenzkranker überhaupt Täter sein?“

Diese auf dem ersten Blick simple Frage, die fast automatisch ein „Nein“ als Antwort provoziert, erweist sich bei näherer Betrachtung als deutlich schwieriger zu beantworten.

Es gibt keine markante Grenze

Grundsätzlich hängt die Verantwortung für eine Straftat mit der Schwere der Demenzerkrankung ab. Je geringer die mentale Leistungsfähigkeit, desto weniger wird der Vorsatz zum Ausgangspunkt für eine strafbare Handlung. „Demenz bedingt das Schwinden der mentalen Leistungsfähigkeit bis hin zum Verlust“, erläuterte Reiter. „Allerdings sind die Übergänge von „nicht dement“ zu „dement“ fließend. Entsprechend schwierig gestalten sich die Ermittlungen in jenen Fällen, in denen (möglicherweise) demente Personen – als potenzieller Täter oder auch als Opfer eines (möglichen) Verbrechens – eine Rolle spielen.

Alte Menschen sind in einer Zeit aufgewachsen, in der andere Wertesysteme herrschten – etwa hinsichtlich der Rechte von ausländischen Mitbürgern. Bei Demenzkranken kann es nun zu einer Affektinkontinenz kommen, wie Reiter anhand eines Beispiels darlegte. „Ein Fall betraf einen betagten Mann, den lärmende ausländische Anrainer erzürnten. Er schaffte es nicht, seine Emotionen zu unterdrücken. Es kam zuerst zu einer verbalen Auseinandersetzung, die eskalierte: Der Mann griff zur Flinte und erschoss einen Menschen.“

Ein anderes Beispiel für unkontrolliertes Verhalten und Affekthandlungen bei herabgesetzter Hemmschwelle bot ein Fall in einer Senioren-Wohngemeinschaft. „Der Täter geriet mit einem Mitbewohner während eines Kartenspiels in einen Streit, der außer Kontrolle geriet. Die Folge war, dass er seinen Mitbewohner zu Tode prügelte – mit seinem Gehstock!“

Inadäquates Verhalten im Straßenverkehr von alten Personen führe desgleichen oft zu Unfällen – auch mit Todesfolgen, berichtete Reiter. „Dann steht die Schuldfrage zur Debatte – sehr oft mit strafrechtlichen Folgen für den Autolenker, der in der Regel verurteilt wird. Auch wenn der Unfall eigentlich durch die Demenzerkrankung verursacht wurde.“

Viele Demente sterben durch einen selbstverschuldeten, unabsichtlich herbeigeführten Wohnungsbrand oder Suizid. In beiden Fällen muss oft mühsam abgeklärt werden, ob Fremdverschulden – Brandstiftung oder Mord – vorliegen.

„Ein Fall, den wir gerichtsmedizinisch untersuchten, betraf eine betagte Dame, die teilweise entkleidet in einem Waldstück tot aufgefunden worden war. Der Zustand der Leiche ließ auf ein Gewaltverbrechen schließen“, erzählte Reiter. „Bei näherer Untersuchung stellte sich heraus, dass die Person sich verirrt hatte. Sie hatte sich dann selbst entkleidet und war schlussendlich erfroren.“

Häufig passiert es auch, dass Demente ernsthaft erkranken oder gar sterben, weil ihnen anscheinend bewusst die medizinische Versorgung vorenthalten wurde. Besonders häufig liegt das Problem bei unbehandelten Wunden, die zu Sepsis und Tod führen. Oft geben Angehörige an, dass sie sich des Problems zwar bewusst waren, sich gegen den (häufig männlichen) Patienten, den sie nach wie vor als Respektsperson sahen, nicht durchsetzen konnten. Die Familienmitglieder seien dann völlig überrascht, wenn sie plötzlich mit dem Vorwurf der Vernachlässigung konfrontiert werden, so Reiter.

Konsequenzen

Diese Vorfälle zeigen laut Reiter, wie wichtig es ist, dass eine beginnende Demenzerkrankung rechtzeitig erkannt wird: „Durch eine frühzeitig eingeleitete Therapie können viele menschliche Katastrophen verhindert werden.“ Er plädiert daher an die niedergelassenen Ärzte, sofort das Bezirksgericht zu informieren, sobald sie eine gesundheitliche Gefährdung des Patienten vermuten, damit ein Pflegschaftsverfahren rechtzeitig eingeleitet werden kann: „Lieber einmal zu früh als zu spät!“, lautet der Ratschlag des Experten, der mit einiger Sorge in die Zukunft blickt. Denn durch die steigende Lebenserwartung findet eine Umkehrung der Bevölkerungspyramide statt, sodass Prognosen für das Jahr 2050 – anspielend auf die geometrische Form – eher auf eine „Bevölkerungsurne“ hindeuten. Reiters Resümee: Wir müssen mit einer dramatischen Zunahme an Demenzpatienten rechnen und somit auch mit einer deutlich erhöhten Anzahl der Straftaten in diesem Zusammenhang. Und: „Noch erschütternder als der demente Täter ist der demente Häftling.“

Von Mag. Ingo Schlager, Ärzte Woche 23 /2009

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