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Patienten mit psychischen Erkrankungen macht nicht nur die Krankheit zu schaffen. In vielen Fällen ist die Ächtung der Gesellschaft fast ebenso schlimm.
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Prof. Dr. Michael Musalek Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

 

„Noch schlimmer als krank ist minderwertig krank“

Die „Human Based Psychiatry“ stellt den Menschen, nicht die Diagnose in den Mittelpunkt.

Prof. Dr. Michael Musalek, der amtierenden Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP), sprach mit der Ärzte Woche über Suchterkrankungen, dass Psychiater eigentlich auch Künstler sein müssen und dass therapeutischer Nihilismus in der Psychiatrie nicht angebracht ist.

 

Ein großer Teil der Patienten, die einen niedergelassenen Allgemeinmediziner aufsuchen, haben (auch) psychiatrische Probleme, die, falls rechtzeitig aufgedeckt einen günstigen Verlauf nehmen können. Und trotzdem wird dieses wichtige Fach in der Ausbildung zum Allgemeinmediziner zu wenig vermittelt, glaubt zumindest der Präsident der Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Prim. Prof. Dr. Michael Musalek – im Brotberuf ärztlicher Leiter des Anton-Proksch-Institutes in Wien.

Dabei ist gerade Musalek jemand, der das medizinische Handwerk im Allgemeinen und sein Fachgebiet im Speziellen als Kunst betrachtet, bei der vor allem eines im Zentrum steht: der Menschen als Ganzes – und als Kunstwerk.

 

Sie wurden gerade für eine weitere Amtsperiode als Präsident der ÖGPP bestätigt. Sie sind Experte für Suchterkrankungen, daher die Frage: Wie süchtig sind Sie nach dem Präsidentendasein?

MUSALEK: (lacht) Ein Suchtmittel zeichnet sich durch eine gute psychotrope Wirkung aus. Die Präsidentschaft ist hingegen weniger mit rauschartigem Glücksempfinden, als vielmehr mit Arbeit verbunden. Dennoch ist es eine große und schöne Aufgabe, und es stellt eine Auszeichnung für mich dar, hier bestätigt worden zu sein.

Was haben Sie sich für die kommenden zwei Jahre vorgenommen?

MUSALEK: Den Schwerpunkt, den wir immer weiter vertiefen müssen, ist die „Human Based Psychiatry“. Hier steht der Mensch im Zentrum, nicht die Krankheit. Vieles an der Psychiatrie ist Wissenschaft, ein großer Teil jedoch auch Kunst.

 

Wie ist diese Kunst mit den immer umfassenderen Leitlinien – auch in der Psychiatrie – vereinbar?

MUSALEK: Es ist wesentlich, dass man auf diese Leitlinien zurückgreifen kann, sie dürfen aber nicht zu starren Schienen werden. Die Evidence Based Medicine, auf die sich die modernen Guidelines stützen, ist durchaus Teil der Human Based Psychiatry und kein Gegenstück. Allerdings ist darauf zu achten, dass sie nicht zu einem engen Korsett geschnürt wird. In anderen Ländern, wo diese Leitlinien verpflichtend sind, geht diese Einengung zu weit. Im positiven Sinn bieten sie aber eine Stütze, die es durchaus ermöglicht, qualitativ hochwertig zu arbeiten.

 

Was haben Sie sich konkret vorgenommen?

MUSALEK: Auf medizinischer Seite geht es darum, von einer defizienzorientierten zu einer ressourcenorientierten Diagnose zu kommen. Denn dort liegt der Schlüssel zum Therapieerfolg. Viele chronische Erkrankungen sind nicht wegzubehandeln, eine alleinige Konzentration darauf, was der Patient nicht kann, ist der falsche Weg. Vielmehr muss der Schwerpunkt darauf gelegt werden, wie der Betroffene im Alltag damit umgehen kann, welche Fähigkeiten er besitzt und wie er diese stärken kann. So ist unser Therapiespektrum heute um den wichtigen Bereich der psychiatrischen Rehabilitation zu erweitern.

Die Zusammenführung der Interessen von Patienten, Angehörigen, Therapeuten, Industrie und Politik ist dabei ein lohnenswertes Ziel. Diesen Pentalog gilt es weiterzuführen. Komplexe Probleme, wie wir sie in unserem Fachbereich vorfinden, können nur gemeinsam gelöst werden. Im Rahmen unserer Jahrestagungen kommen immer wieder auch Angehörigenvertreter zu Wort. Dies ist erforderlich, damit wir nicht an den wahren Problemen vorbeiarbeiten.

 

Welche Aufgaben stehen hinsichtlich der Gesellschaft an?

MUSALEK: Der Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin soll nun endlich ins Laufen gebracht werden. Dies beinhaltet die Integration der psychotherapeutischen Ausbildung. Vonseiten der Gesellschaft sind die Vorarbeiten abgeschlossen. Ministerium, Krankenhausträger und Ärztekammer zeigen sich sehr kooperativ, sodass man von einer baldigen Lösung ausgehen kann.

 

Der Facharzt hätte eigentlich schon 2007 kommen sollen …

MUSALEK: Dies ist bedauerlich, da die jungen Kollegen bereits in der neuen Ausbildungsordnung stehen und verständlicherweise verunsichert sind. Dennoch darf man nunmehr optimistisch sein, dass in den nächsten Monaten die ganze Sache finalisiert wird. Dies ist wichtig, da wir in Österreich in der Psychiatrie einen Facharztmangel haben, den es auszugleichen gilt. Zudem gibt es in Deutschland bereits den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, sodass wir unter Zugzwang stehen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

 

In der Turnusausbildung gibt es nach wie vor die Wahl zwischen Neurologie und Psychiatrie, beim Facharzt für Allgemeinmedizin soll sich die Zeit auf der Psychiatrie auf drei Monate beschränken. Genügt das?

MUSALEK: Dies bedrückt uns ganz besonders. Die drei Monate, die nun für die Psychiatrie vorgesehen sind, sind zwar ein kleiner Erfolg, aber viel zu wenig, um genug zu erlernen. Der Stellenwert dieses wichtigen Fachgebietes wird nach wie vor unterschätzt. Und dies hat nichts mit Eitelkeiten zu tun, denn immerhin weisen heute 40 Prozent aller Patienten, die einen Allgemeinmediziner aufsuchen, auch psychische Störungen auf. Dies erfordert ein entsprechendes Know-how, da üblicherweise die Diagnose zuerst vom Allgemeinmediziner gestellt wird. Je später eine psychiatrische Erkrankung jedoch festgestellt wird, desto schlechter ist die Prognose. Dies gilt vor allem im Rahmen von Abhängigkeiten und Depressionen, die – rechtzeitig therapiert – sehr gute Verläufe haben können.

 

Gerade bei Suchterkrankungen wird von vielen Kollegen aber therapeutischer Nihilismus praktiziert …

MUSALEK: Die Behandlung von suchtkranken Personen erzielt weitaus bessere Ergebnisse als die Therapie eines Diabetes oder einer Hypertonie! Gleiches gilt für Depressionen. Wir können hier die Menschen über viele Jahre beschwerdefrei halten. Dies kann natürlich in Phasen verlaufen, und wenn nach zehn Jahren eine erneute Verschlechterung eintritt, so ist man heute noch immer mit Vorwürfen konfrontiert, dass die Behandlung „eh nichts gebracht“ habe. Man kann hier viel mehr machen, als die Bevölkerung und auch viele Kollegen glauben.

 

Welchen Stellenwert nimmt die Komplementärmedizin in der Psychiatrie ein?

MUSALEK: Die moderne Psychiatrie ist nur mehr multiprofessionell zu betreiben. Das muss mit einer engen Kooperation verschiedener Fachbereiche einhergehen, um alle Ressourcen zu nutzen, sofern sie komplementär im Gesamtbehandlungskonzept eingebettet sind. Dies gilt für die Psychotherapie genauso wie für die Komplementärmedizin. Viele psychisch Kranke werden allerdings durch ihre Ängste von fragwürdigen Methoden angezogen, die hier alternativ und nicht komplementär arbeiten, hier müssen klare Trennlinien gezogen werden.

 

Besteht die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen auch noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts?

MUSALEK: Viele unserer Patienten leiden weniger unter der Symptomatik, als unter dem Umstand, dass sie diese Erkrankung überhaupt haben. Wie Robert Musil die gesellschaftliche Diskriminierung treffend darlegte, haben „diese Unglücklichen nicht nur eine minderwertige Gesundheit, sondern auch eine minderwertige Krankheit“. So wird etwa die Sucht immer noch als selbstverschuldete Erkrankung diskreditiert. Private Zusatzversicherungen übernehmen hier keine Kosten. Gott sei Dank erkennen die Krankenkassen in Österreich dies als echte Krankheit an.

 

In den Medien wird meist über die forensische Psychiatrie berichtet, sodass für psychisch Kranke das Bild gemeingefährlicher Menschen gezeichnet wird …

MUSALEK: Sobald etwas Furchtbares passiert, lautet die erste Frage, ob dies ein psychisch Kranker war. Dies diffamiert natürlich die Menschen mit psychiatrischen Störungen generell, und es liegt an uns als Fachgesellschaft, dem entgegenzusteuern. In letzter Zeit erfolgte, wenn noch zaghaft, eine positive Berichterstattung über die Arbeitsbereiche der Psychiatrie, von Internetsucht über Glücksspiel bis hin zu Berichten über die Patientenbefragung zu Depression und Angststörungen. Dies ist notwendig, um darzulegen, dass in der Psychiatrie der Fokus auf den Menschen als körperliches, seelisches und soziales Wesen gelegt wird.

 

Das Gespräch führte Dr. Ronny Teutscher

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