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Foto: Buenos Dias/photos.com
Jeder Zehnte soll depressiv krank sein. Eine Zahl, die manche bezweifeln.
 

Das Streben nach Makellosigkeit - Wie steht es um unsere Kultur des Leidens?

Trotz Wirtschaftskrise: Nie ging es uns so gut wie heute. Nie konnten wir auch über ein so reichhaltiges Kulturangebot verfügen. Und trotzdem: Die Zahl der depressiv Erkrankten steigt ständig, sagt zumindest die offizielle Statistik. Stimmt die? Oder liegt vielmehr unser Umgang mit Krankheit im Argen?

 

Sind wir ein Volk der depressiv Kranken? Jeder zehnte soll schon betroffen sein, heißt es offiziell. Sind wir psychisch in der Tat sehr viel labiler als unsere Eltern und Großeltern, die immerhin zum Teil den Weltkrieg durchmachen mussten? Greift die Schwermut allenthalben um sich? Nein!, sagt der Sozialpsychiater Klaus Dörner, ehemaliger Ärztlicher Leiter der Westfälischen Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Neurologie in Gütersloh und inzwischen im Ruhestand: „Vier Fünftel dessen, was heute als psychisch krank gilt, haben noch vor 30 Jahren sämtliche Fachleute als Spielarten des Normalen angesehen. Ein Stück weit haben wir verlernt, dass Leiden – auch seelisches Leiden – zum Leben dazugehört.“

Neue Demut gefragt

Welche Kultur des Umgangs mit Gesundheit und Krankheit pflegen wir heute? Die Menschen schauen inzwischen mehr auf ihre Gesundheit als in früheren Jahren, werden aber deshalb nicht unbedingt gesünder. Denn der gesundheitsbewusste Bürger ist keineswegs automatisch auch der gesunde Bürger, folgt man jedenfalls den Ausführungen des Philosophen Hans Georg Gadamer, der Gesundheit als „selbstvergessenes Weggegebensein an die privaten, beruflichen und sozialen Lebensvollzüge“ definiert, also der Ansicht ist, dass Gesundheit gerade nicht herstellbar sei. Wer ständig seinen Körper nur nach Krankheitszeichen abhört und alle Anstrengungen unternimmt, seine Fitness zu erhalten, kommt nach seiner Meinung nicht zur Ruhe. Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter spricht in diesem Zusammenhang auch von der „Krankheit, nicht leiden zu können“. Der Schmerz müsse als unabschaffbarer Teil des Lebens akzeptiert werden. Nötig sei eine gewisse Gelassenheit gegenüber den eigenen Unzulänglichkeiten, eine Duldsamkeit gegenüber den natürlichen Schicksalsschlägen. Nur so könne der Einzelne Frieden mit sich und seiner Umgebung schließen – sich also gesund fühlen.

Früher ging man mit seinen Problemen zum Pfarrer, heute geht man zum Psychiater. Früher gab die Religion vielen Menschen Halt, heute geht es nur noch darum, wie kritische Beobachter meinen, „gut drauf zu sein“. Früher kaschierte man sein seelisches Leid, heute gehört es vielfach zum Party-Talk. Kein Burn-out? Der Mensch arbeitet wohl nicht richtig! Man jagt einer Utopie oder besser gesagt einer Schimäre hinterher: der vom makellosen Menschen. Soziologen machen einen Trend zur Medikalisierung aus, zu der Überzeugung, dass jedes Problem wie auf Knopfdruck von Ärzten behoben werden kann und auch soll. Egal, ob es sich um einen Beinbruch oder ein seelisches Leid handelt. Der Arzt, der wird’s schon richten. Schließlich muss man schon morgen wieder funktionieren. Kurzum: Das Problem scheinen also weniger die Krankheiten zu sein als vielmehr unser Umgang mit ihnen.

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 20 /2009

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