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Foto: Zentrum für seelische Gesundheit LEOpoldau, BBRZ Med
Das Team der Reha-Klinik Leopoldau besteht aus ÄrztInnen, PsychotherapeutInnen, Psycho- logInnen, Ergo- u. PhysiotherapeutInnen, SozialarbeiterInnen, Diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegepersonal, SportwissenschaftlerInnen und DiätassistentInnen.
 

Ambulante Rehabilitation bei Zwangsstörungen

Das Zentrum für seelische Gesundheit LEOpoldau bietet seit September 2010 neben der schwerpunktmäßigen Behandlung von affektiven Störungen, Angststörungen, somatoformen Störungen und Psychosen ein evidenzbasiertes, störungsspezifisches Programm für Menschen mit Zwangsstörungen an.

Im September 2010 wurde mit dem Zentrum für seelische Gesundheit LEOpoldau die erste ambulante Klinik zur medizinisch-psychiatrischen Rehabilitation eröffnet. Die Institution soll Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, die entweder noch beruflich tätig, arbeitslos, oder im Langzeitkrankenstand sind sowie erkrankten Personen, die bereits um Berufsunfähigkeits- bzw. Invaliditätspension angesucht haben, dabei helfen, wieder in den Arbeitsprozess einsteigen zu können.

Zusammenfassung: In Österreich gibt es momentan noch immer eine Unterversorgung für eine adäquate Behandlung von Menschen mit Zwangsstörungen. Das Zentrum für seelische Gesundheit LEOpoldau bietet seit September 2010 neben der schwerpunktmäßigen Behandlung von affektiven Störungen, Angststörungen, somatoformen Störungen und Psychosen ein evidenzbasiertes, störungsspezifisches Programm für Menschen mit Zwangsstörungen an.

Im folgenden Artikel wird die spezifische Behandlung von Zwangsstörungen skizziert und anhand einer Fallvignette verdeutlicht.

Summary: In Austria there is still a lack of adequate treatment programs for patients with obsessive-compulsive disorder. Since September 2010 the centre for mental health LEOpoldau offers an evidencebased, disorder-specific treatment for obsessive-compulsive disorder program besides other programs for patients with affective disorder, anxiety disorder, somatoform disorder and psychosis.

Within the following article the treatment and rehabilitation of obsessive-compulsive disorder is drafted and illustrated by a case example

In Österreich kam es in den letzten Jahren zu einem rasanten Anstieg der Krankenstandstage wegen psychischer Erkrankungen. Zusätzlich wurde auch von Seiten der Sozialversicherungsträger ein drastischer Anstieg von Früh- und Invaliditätspensionen, aufgrund psychischer Beeinträchtigung verzeichnet. Das vorhandene Reha- Angebot für Menschen mit psychischer Erkrankung beschränkte sich bis dato auf die Möglichkeit, eine stationäre medizinische Rehabilitation in Anspruch zu nehmen. Dies bedeutet jedoch für die betroffenen Patienten oft ein „Herausreißen“ aus dem gewohnten Umfeld und Alltag, sowie einen gewissen Verlust des gewohnten Tagesrhythmus.

Um diesem negativen Entwicklungstrend entgegen zu wirken und alternative Behandlungsmöglichkeiten zur stationären Rehabilitation zu bieten, wurde im September 2010 das Zentrum für seelische Gesundheit, als erste ambulante Klinik zur medizinisch-psychiatrischen Rehabilitation eröffnet. Die Institution soll Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, die entweder noch beruflich tätig, arbeitslos, oder im Langzeitkrankenstand sind sowie erkrankten Personen, die bereits um Berufsunfähigkeits- bzw. Invaliditätspension angesucht haben, dabei helfen, wieder in den Arbeitsprozess einsteigen zu können.

Als Vorteile der ambulanten medizinischen Rehabilitation für Personen mit psychischer Beeinträchtigung gelten die Wohnortnähe und die dadurch ermöglichte Aufrechthaltung von Versorgungsverpflichtungen und sozialen Kontakten und die Möglichkeit des Trainings im Alltag. Insbesondere kann auch dem Nahtstellenmanagement vor Ort vermehrte Aufmerksamkeit entgegengebracht und die Vernetzung mit weiterführenden Maßnahmen, wie beispielsweise dem Arbeitsplatz, weiterführenden Therapien oder Institutionen angebahnt werden.

Das Zentrum für seelische Gesundheit LEOpoldau bietet einen sechswöchigen Turnus an, der von Montag bis Freitag im Zeitraum von 08:00 bis 18:00 stattfindet. Im Grundpaket werden störungsspezifische Gruppen- und Einzelpsychotherapie, Ergo- und Bewegungstherapie, medikamentöse Therapie, Entspannungstherapie, psychologische Diagnostik, Sozialarbeit oder psychiatrische Pflege angeboten. Dieses Rahmenprogramm wird durch individuell auf die Patienten abgestimmte Angebote mit störungsübergreifenden Therapien wie Skills-, TEK, Genuss- und soziales Kompetenztraining, kognitives Training, verschiedenste Bewegungsangebote, sowie verschiedene Kunst- und Gestaltungsangebote ergänzt.

Der Schwerpunkt der Diagnosen erstreckt sich über ein großes Gebiet, von Depressionen und Angststörungen über Anpassungsstörungen, Zwangsstörungen, somatoforme Störungen bis hin zu Schizophrenie. Basierend auf dem bio-psycho-sozialen Modell liegt der Schwerpunkt der im Zentrum für seelische Gesundheit angebotenen Psychotherapie auf der kognitiven Verhaltenstherapie, welche nachweislich als besonders effizient bei einem breiten Spektrum psychischer Erkrankungen, speziell bei Ängsten, Zwängen und Depressionen gilt.

Ende Jänner konnte das Zentrum für seelische Gesundheit LEOpoldau bereits den tausendsten zugewiesenen Patienten begrüßen. Die positiven Rückmeldungen und die steigende Anzahl der Zuweisungen geben großen Anlass, sehr motiviert und optimistisch in die Zukunft zu blicken.

1. Behandlung von Zwangsstörungen

Die Behandlung von Zwangsstörungen in unserer Institution erfolgt im multi-professionellen Team mit individuellem Behandlungsplan. Die Vorbehandlungen der Patienten unterscheiden sich sehr stark und reichen von fehlender psychotherapeutischer und medikamentöser Therapie bis zu bereits länger bestehenden, gut funktionierenden Behandlungen, die während der Rehabilitation unterbrochen werden. Gelegentlich wird auch die Zwangserkrankung erst während der Rehabilitation diagnostiziert.

1.1 Kontraindikation für eine teilstationäre Behandlung bei Zwangserkrankungen

  • Schwere Zwänge, die es unmöglich machen täglich pünktlich zu den Therapien zu gelangen
  • Zwangserkrankungen mit starker familiärer Konfliktbelastung
  • Suchterkrankungen als Komorbidität
  • Hirnorganische Erkrankungen
  • Schwere im Vordergrund stehende psychiatrische und/oder somatische Komorbiditäten

 

Häufige Komorbiditäten sind affektive Erkrankungen, Suchterkrankungen, Angsterkrankungen, Essstörungen und Persönlichkeitsstörungen, insbesondere Cluster C.

1.2 Therapieprinzipien

Die deutschsprachigen Leitlinien zur Therapie von Zwangsstörungen werden derzeit von der AWMF neu erstellt und im September 2012 präsentiert werden. Die American Psychiatric Organisation empfiehlt eine Kombination aus kognitiv behavioraler und medikamentöser Therapie.

Aufgrund der oft relativ rasch erreichbaren Symptomreduktion der Zwänge ist es sinnvoll, mit diesem Symptom zu beginnen und in den nachfolgenden Therapien weitere Therapieschritte in Angriff zu nehmen (Symptom- versus Ursachentherapie).

Eine rasche Symptomreduktion führt zur deutlichen Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen, vermittelt erste Erfolge im Sinne von Selbstmanagement und kann oftmals erst weitere Therapien (Ursachentherapie) ermöglichen. Aufgrund der 6-wöchigen Dauer kann selbstverständlich nicht eine vollständige Therapie stattfinden, und die weitere Behandlung ist wesentlich für einen anhaltenden Therapieerfolg.

Die teilstationäre Behandlung mit verhaltenstherapeutischem Schwerpunkt bietet folgende Möglichkeiten:

  • Diagnostik
  • Psychotherapie
  • psychiatrische Behandlung
  • Unterstützung bei psychosozialen Problemen
  • Etablierung einer nachfolgenden Behandlung, falls notwendig

1.3 Phasen der Therapie:

1.3.1 Diagnostisch-therapeutische Phase

  1. Aufbau einer therapeutischen Beziehung
  2. Motivationsklärung / Motivationsaufbau
  3. Problem- und Verhaltensanalyse
  4. Zielanalyse
  5. Behandlungsplanung

1.3.2 Phasen der therapeutischen Intervention (siehe Tabelle)

Die Behandlung unterteilt sich in eine diagnostische und eine therapeutische Phase, die immer auch parallel laufen. Inhaltlich gibt es starke Berührungspunkte zwischen Einzel- und Gruppentherapie.

1.4 Therapiebausteine

1.4.1 Einzeltherapie

Die Entwicklung einer tragfähigen therapeutischen Beziehung steht wie bei jeder Therapie hier im Vordergrund. Dies ist notwendig, damit der Patient offen über die oft schambesetzten Symptome sprechen und sich auf die Expositionsübungen mit den ausgelösten aversiven Gefühlen einlassen kann.

Weitere Ziele sind die Motivationsklärung, Verhaltensanalysen und das Erarbeiten von kurz-, mittel-, sowie langfristigen Zielen. Zugrunde liegende Konflikte und die intra- und/oder interpersonellen Funktionen des Zwanges müssen erkannt werden und in die Therapieplanung einfließen.

 

1.4.2 Gruppentherapie

In 11 Stunden Gruppenpsychotherapie á 75 min liegen die Schwerpunkte auf

  • Psychoedukation
  • Vor- und Nachbereitung von Expositionsübungen mit Reaktionsverhinderung
  • kognitiven Interventionen

In der anfänglichen Psychoedukation erfolgt eine Information über Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, deren Zusammenhänge, Inhalte und Erscheinungsformen, sowie Vermeidungsverhalten.

Biologische und psychologische Erklärungsmodelle sollen die Erarbeitung des eigenen Krankheitsmodells ermöglichen. Mittels Selbstbeobachtungsbögen werden individuelle Symptome für die Erstellung konkreter Therapieschritte erhoben. Dabei werden zumeist anhand eines Tagesprotokolls Auslöser der Zwänge, einhergehende katastrophisierende Kognitionen, Rituale, vermiedene Situationen und Dinge, etc. schriftlich notiert. Damit werden erste Vorbereitungen für nachfolgende Expositionsübungen getroffen und dadurch auch erste Erfahrungen in Selbstmanagement gewonnen.

Mittels detaillierten Verhaltensanalysen werden auslösende Situationen, automatische Gedanken und Emotionen analysiert. Nach Vermittlung eines kognitiv-behavioralen Krankheitsmodells wird mit kognitiven Techniken zur Umstrukturierung der automatischen Gedanken begonnen. Dabei sollen unrealistische katastrophisierende Fehlbewertungen, die Überschätzung von Gefahr und persönlicher Verantwortung, sowie die Umstrukturierung von dysfunktionalen Gedanken erreicht werden.

Für die Expositionsübungen werden Angstkurven der zwangsauslösenden Situationen erstellt und Hierarchien gebildet. Expositionsübungen werden massiert (Beginn mit maximal belastender Situation) oder graduiert (ansteigendes Angstniveau der einzelnen Situationen), therapeutengeleitet (im Beisein des Therapeuten, der auch aktiv in der Situation hilft, Angst und Spannung wahrzunehmen und an der kognitiven Umstrukturierung arbeitet) oder selbst-kontrolliert, in vivo oder in sensu durchgeführt. Da die massierte Konfrontation für den Patienten belastender und deshalb auch mit höheren Abbruchraten zu rechnen ist, erfolgt zumeist ein graduiertes Vorgehen aufgrund der gemeinsamen Entscheidung mit dem Patienten. Allerdings muss ein ausreichendes Niveau der Angst von Anfang an erlebt werden, um ein Vermeiden der Angst in der Expositionsübung zu verhindern. Diese Übungen werden in Form von therapeutischen Übungen zumeist alleine oder in Begleitung des Einzeltherapeuten absolviert. Regelmäßiges Besprechen der Übungen in der Gruppe ist wesentlich, um Erfolge zu verstärken, Probleme zu analysieren und auftretende Gedanken kognitiv zu bearbeiten.

 

1.4.3 Weitere therapeutische Angebote

Mangelnde Selbstwirksamkeit, eingeschränkte Flexibilität und Spontanität, sowie die reduzierte Selbstwirksamkeit sollen verbessert werden. Wahrnehmung und Ausdrucksfähigkeit werden anhand körperorientierter und gestalterischer Methoden gefördert. In der Genussgruppe werden euthyme Techniken und Emotionswahrnehmung mittels Achtsamkeit vermittelt. Dies ist auch wesentlich für die Expositionsübungen, um die erlebten Emotionen wahrnehmen zu können.

1.5 Allgemeine Wirkfaktoren in der Behandlung von ZwangspatientInnen

Im Sinne der allgemeinen Wirkfaktoren in der Psychotherapie nach Grawe

  • Ressourcenperspektive
  • Beziehungsperspektive
  • Konfliktperpektive
  • Störungsperspektive

wird versucht diese, durch die Kombination der verschiedenen Therapieangebote, anzusprechen. Vorrangig werden Störungs- und Ressourcenperspektive beachtet. Mittels kognitiv-behavioraler Therapie in Einzel- und Gruppensettings wird die Störungsperspektive behandelt. Zusätzliche Therapieangebote fokussieren mehr auf die anderen Perspektiven, wobei es auch hier Überschneidungen gibt.

Ziel von Ressourcenaktivierung ist das Wiedererkennen von Fähigkeiten und Interessen. Dies ist wesentlich für die Entwicklung von alternativen Zielen im Leben und für die Motivation das Zwangsverhalten aufgeben zu wollen und sich den anstrengenden Expositionsübungen zu stellen. Mangelnde Ziele wirken ansonsten als aufrechterhaltender Faktor für die Symptomatik und behindern die Therapie.

Auf die Beziehungsperspektive wird einerseits durch die therapeutischen Beziehungen fokussiert, aber auch durch die Beziehungen zu den Mitpatienten angesprochen. Durch das Verhalten innerhalb der Gruppe können wertvolle Informationen über das Beziehungsverhalten gewonnen werden. Die Patienten verbringen fast alle Gruppentherapien innerhalb der gleichen Gruppe und viele Patienten sind aufgrund der Symptomatik sehr isoliert.

Die Gruppe stellt eine wichtige Möglichkeit dar, wieder Sicherheit in sozialen Beziehungen zu gewinnen und soziale Kompetenzen zu reaktivieren. Davon profitieren nicht nur Patienten bei denen das Zwangsverhalten ein Bewältigungsversuch für interpersonelle Schwierigkeiten aufgrund von Unsicherheiten darstellt. Alternative Verhaltensmuster können unmittelbar umgesetzt und erprobt werden.

Konfliktperspektive: Zwänge sind Symptome, die einen Bewältigungsversuch bisher nicht lösbarer Konflikte darstellen und das Symptom gibt oft keinen direkten Hinweis auf den zugrunde liegenden Konflikt. Die in den Expositionsübungen auftretenden Emotionen können Hinweise auf diesen Konflikt geben. Das Erkennen und die Bearbeitung dieses Konflikts sind wesentlich für eine anhaltende Symptomreduktion. Die Bearbeitung der Konfliktperspektive erfolgt parallel in der Einzeltherapie, allerdings aufgrund der Kürze der Rehabilitation nur in eingeschränktem Maß.

Zusammenfassend kann durch die Kombination der intensiven interdisziplinären Therapieangebote mit der täglichen Rückkehr in das gewohnte soziale Umfeld eine sofortige Umsetzung von Therapieinhalten in den Alltag ermöglicht werden und auftretende Probleme sofort reflektiert, bzw. Erfolge verstärkt und ausgebaut werden.

2. Fallvignette: Zwangsstörung

2.1 Anamnese

Frau N., 29 Jahre alt, kam nach einer 10-tägigen stationären Behandlung auf einer Akutpsychiatrie aufgrund einer postpartalen Depression, zur weiteren psychiatrischen Rehabilitation an unsere Institution und absolvierte den 6-wöchigen Turnus erfolgreich. Grund der Rehabilitation war eine bereits psychotherapeutisch und medikamentös lange vorbehandelte Zwangsstörung mit Zwangshandlungen und Zwangsgedanken, unter der sie in fluktuierendem Ausmaß seit ihrem 15. Lebensjahr litt. Dies resultierte bereits zu Schulzeiten in erheblichem Vermeidungsverhalten, so erwirkte sie z. B. eine dauerhafte Befreiung vom Turnunterricht. Eine damalige Psychotherapie in der jugendpsychiatrischen Abteilung des AKH-Wien im Einzel- und Gruppensetting wurde wahrgenommen und half ihr, ihr Leben und ihre Ausbildung ohne allzu große Einschränkungen zu gestalten. Abgesehen von Exazerbationen in Belastungssituationen, war Frau N. im Umgang mit ihrer Zwangsstörung seit ihrem 18. Lebensjahr stabil. Vor einem Jahr kam es allerdings im Rahmen ihrer ersten, kompliziert verlaufenden Schwangerschaft mit postpartaler Depression und begleitenden Beziehungsproblemen zu einem Aufflammen der Zwangssymptomatik mit zunehmender Heftigkeit.

2.2 Symptome

Die Zwangsgedanken und –handlungen drehen sich um die Sorge vor Ansteckung durch Keime über Körperflüssigkeiten von Mensch und Tier und deren Übertragung auf Andere, vor allem auf ihre sechs Monate alte Tochter. Nach Situationen, in denen sie eine Verunreinigung befürchtete, entwickelte sie panikähnliche Zustände mit Herzrasen, hoher innerer Anspannung, Schwitzen und Kurzatmigkeit. Diese suchte sie über Zwangshandlungen wie wiederholtes Händewaschen bzw. Händedesinfektion und Kleiderwechsel, wenn sie von potenziell unreinen Bereichen nach Hause kommt, zu begrenzen. Auch schloss sie Angehörige wie ihren Partner und ihre Mutter in diese Angst reduzierenden Kontrollhandlungen mit ein und verlangte häufige Rückversicherungen. Zusätzlich litt sie unter einer leichten depressiven Symptomatik, die sich in Antriebslosigkeit, gedrückter Stimmung, Grübelneigung, Freudlosigkeit und Schlafstörungen äußerte.

2.3 Verlauf

Im Rahmen der Therapie wurde ihr in einer störungsspezifischen, psychoedukativen Gruppentherapie Wissen über den Umgang mit Ängsten vermittelt. Weiters wurde sie über die Zusammenhänge zwischen Grundanspannung und Symptomentwicklung, über Vermeidungsverhalten und dessen Folgen, über Ressourcenentwicklung und Aktivierung, unterrichtet.

In einer parallelen intensiven Einzeltherapie wurde gezielter an der Entstehung und Entwicklung ihrer Zwänge gearbeitet. In ihrem Fall wurde Lernen am Modell (über den Vater) und mangelnde korrigierende Erfahrung als relevant erachtet. Weiters wurde die Funktion der Zwänge (generelle Angstreduktion bei erhöhtem Anspannungsniveau und Kontrollgewinn) vermittelt. Frau N. hat sehr hohe Ansprüche an sich und befürchtet, diesen vor allem in ihrer neuen Rolle als Mutter nicht gerecht zu werden. Aktuell führte besonders diese Diskrepanz zu einem erhöhten Anspannungsniveau. Mit der Patientin konnte erfolgreich erarbeitet werden, dass sie über ihre Zwänge versucht, Kontrolle auszuüben, die sie durch ihr älter werdendes Kind zu verlieren fürchtete. In diesem Zusammenhang kann auch die Verschlechterung der Zwänge im Rahmen der Schwangerschaft und Geburt im Sinne eines Bedingungsmodelles gesehen werden.

Eine Grundlage der Therapie war eine genaue Beobachtung der jeweiligen Zwang-auslösenden Situationen mit einer Situationsanalyse und einem Gedankenprotokoll.

Zur Verdeutlichung sei hier ein konkretes Beispiel geschildert:

  • Situation: Sie sah vor ihrer Haustür einen Hund defäkieren, von dem sie überzeugt war, dass er Würmer hatte.
  • Aufdringlicher Gedanke gekoppelt mit fälschlichem Bewertungsprozess: Ihre Befürchtungen gingen dahin, dass über den Kot die Eier über Beschmutzung der Schuhe und Kleider in die Wohnung gelangen könnten und die Tochter in Folge sicher an parasitären Hirnzysten erkranken würde.
  • Gefühlsreaktion: Frau N entwickelte Angst, Beklemmung, Schweißausbrüche und ein heftiges Zittern.
  • Neutralisieren der Angst durch Zwangshandlungen: Diese Symptome wurden über den Wechsel der Straßenkleidung in Wohnungsgewand, über häufiges Händewaschen und Desinfizieren abgeschwächt.

So wurde situationsgebunden kognitiv über das Erkennen und Erarbeiten von automatischen Gedanken, typischen Denkfehlern (z. B. Katastrophisieren, fälschlich hohe Wahrscheinlichkeitsannahmen von Gefahrenquellen und „Horrorszenarien“) und Denkinhalten sowie deren Umstrukturierung gearbeitet.

Auf der Verhaltensebene wurden Expositionsübungen durchgeführt, die letztlich eine Korrektur der Gefahrenabschätzung durch Kontamination und somit eine Reduktion der Angst über Erfahrungen bewirken sollten. Hier wurden mit der Patientin in den Einzelstunden genau geplante, bewältigbare, in Schwierigkeitsgrad gestaffelte Situationen erarbeitet, die normalerweise Zwangshandlungen provozieren würden. Das konnte anfänglich z. B. nur der Gang durch eine Unterführung mit verschiedenen Verunreinigungen (Kot, Urin, Erbrochenes) sein. Der betreuende Therapeut begleitete die Patientin und ließ sie mit „Liebe zum Detail“ die möglichen Gefahren und Konsequenzen beschreiben. Hierdurch wurde das Angstniveau gesteigert, was die Patientin dann ohne angstneutralisierende Zwangshandlungen aushalten musste, bis dieses auf ein niedrigeres Niveau absank ( Habituation). Gegen Ende gelang ihr im Rahmen einer Expositionsübung (Hausübung) alleine das Einsammeln von Kot fremder Hunde im „Sackerl“, ohne dass sie Angstzustände erlitt oder danach Zwangshandlungen ausführen musste. Sie konnte die Erfahrung machen, dass keine reelle Gefahr in den befürchteten Situationen bestand. Ferner konnte Frau N. in diesen Situationen Strategien anwenden und üben lernen, die zu einer Reduktion der Angst und Anspannung führen, was wiederum die Zwangshandlungen reduzierte.

Ein Angehörigengespräch unterstütze sowohl Frau N. als auch ihren Partner im Umgang mit der Zwangsstörung und half zusätzlich, belastende Beziehungsprobleme zu klären. Es konnte jedoch bestätigt werden, dass eine Funktionalität des Zwanges auf Beziehungsniveau nicht vorlag.

Ärztlich konnte bei Frau N., nachdem sie im Verlauf des Turnus abstillte, auch eine suffiziente medikamentöse Behandlung in Form von Paroxetin 40 mg täglich begonnen werden, mit dem sie bereits in der Vergangenheit gute Ergebnisse hat erzielen können.

Zusätzlich nahm Frau N. an der Ergotherapie teil, in der sie über ihre bereits vorhandene Kreativität hinaus Möglichkeiten zur Entspannung, eine Förderung der Selbstwahrnehmung und eine Verbesserung von Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit erwirkte. Ergänzt wurde dies durch die Mal- und Gestaltungstherapie, auf die sich Frau N. sehr reflektiert einlassen konnte. Das Entspannungstraining (Progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen) sowie die Bewegungstherapie rundeten das Angebot auf körperlicher Ebene ab.

2.4 Ergebnisse

Zum Zeitpunkt der Entlassung war Frau N. bezüglich ihrer Zwangsgedanken und -handlungen erheblich gebessert. Sie konnte es ihrem Partner überlassen, die ihm sinnvoll erscheinenden Hygienemaßnahmen vor der Betreuung der gemeinsamen Tochter durchzuführen. Sie selbst konnte sich an die in der Therapie als vernünftig erarbeiteten Hygienestandards halten. Vor allem aber fürchtete sie sich nicht mehr vor dem Älterwerden ihrer Tochter und dem damit verbundenen Kontrollverlust und der größeren Gefahr einer Kontamination. Sie konnte sich vorstellen, dass ihre Tochter im Gras krabbelt, womöglich etwas in den Mund nimmt, ohne in Angst auszubrechen oder Zwangs- und Reinigungshandlungen durchführen zu müssen.

Auch die depressive Symptomatik hatte sich gegeben, nicht zuletzt weil Frau N. einen besseren Selbstwert über eine Erhöhung ihrer Selbstwirksamkeit entwickeln konnte. Sie hatte wieder Lebensfreude, Vertrauen in sich auch als Mutter und Zuversicht, dass sie Probleme in der Zukunft erfolgreich bewältigen können würde. So hat sie auch generelle Inhalte und Strategien zur Problembewältigung z. B. in ihrer Paarbeziehung und Zukunftsplanung und Tagesstrukturierung mitnehmen können, was insgesamt zu einer deutlichen Verbesserung ihrer Lebensqualität und Belastbarkeit führte. Eine Fortsetzung der bereits vor Aufnahme bestandenen Psychotherapie war zum Erhalt des Therapieerfolgs jedoch notwendig.

 

Literatur bei den Verfasserinnen

1 Zentrum für seelische Gesundheit LEOpoldau, BBRZ Med

Tabelle Phasen der therapeutischen Intervention
Symptombezogene Interventionen Interventionen im weiteren Problembereich
1. Vorbereitung Expositionstrainings 1. Soziotherapeutische Unterstützung
2. Zwangshandlungen 2. Förderung sozialer Fertigkeiten
3. Zwangsgedanken 3. Klärung psychosozialer / intraindividueller Problembereiche
4. Angehörigenarbeit 4. Partnerschafts- / Familiengespräche

A. Pangerl1, G. Reschauer1, B. Zimprich1, psychopraxis. neuropraxis 2/2012

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