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Im Rahmen von Behandlungsprogrammen für suchtkranke Ärzte herrscht eine Kontrolldichte wie kaum bei anderen Betriebspräventionsprogrammen.
 

Der suchtkranke Arzt zwischen Kontrolle und Verantwortung

Kontrolle ist aufgrund der hohen ärztlichen Ressourcen ein marginales Problem.

Ärzte besitzen viele internalisierte Normen in Bezug auf Sicherheit und Verantwortung, die auch mit den Berufsidealen Altruismus und Kollektivitätsorientierung als Lebenssinn übereinstimmen. „Im Rahmen von Behandlungsprogrammen für suchtkranke Ärzte herrscht eine hohe Kontrolldichte, die bei sonstigen Betriebspräventionsprogrammen oder therapeutischen Nachsorgeprogrammen nicht annähernd erreicht wird“, sagte Prof. Dr. Martin Kurz vom Zentrum für Suchtmedizin an der Landesnervenklinik Sigmund Freud in Graz im Rahmen der ÖGPP-Tagung.

Kompetenz, Intelligenz (Rationalisierung), Belastbarkeit und Emotionskontrolle sind Eigenschaften, die besonders Ärzten zu eigen sind. Ärzte spielen eine wichtige Rolle und sehen sich meist als Teil eines größeren Ganzen. Damit dieser „Lebenssinn“ nicht verloren geht, nehmen Ärzte viel auf sich. Das Problem der Kontrolle bei Suchtkrankheit ist bei Ärzten eher sekundär, engmaschige Kontrolle wird als gegeben hingenommen, auch weil sie es aus ihrem Berufsalltag gewohnt sind.

Nach Parsons (1951) stellt die Gesellschaft bestimmte Erwartungen an den Arztberuf. Neben seiner beruflichen Kompetenz wird affektive Neutralität (Rationalität, positive Zuwendung, Emotionskontrolle), Universalismus (im Sinne einer uneingeschränkten Hilfsbereitschaft allen Menschen gegenüber), funktionale Spezifität (kein Ausnützen anderer, keine Kompetenzüberschreitung) sowie Altruismus und Kollektivitätsorientierung eingefordert. Er hat seinen Dienst in das Wohl der Gesellschaft zu stellen und (finanzielle) Eigeninteressen zurückzustellen.

Auch von Seiten des Arztes gibt es bestimmte Motivationen, diesen Beruf zu ergreifen (Rothgangel, 2011): Sie bestehen aus idealistischen, humanitären Motiven (Altruismus, Helfen, Interesse am Menschen), aus dem naturwissenschaftlichen und fachliche Interesse, sozioökonomischen Motive (Prestige, Einkommen Selbstbestimmtheit) und den Erwartungen anderer (Familie).

Zentraler Faktor: Motivation

Motivation als die „Fähigkeit, bestimmte Überzeugungen und Verhaltensweisen zu verändern“ spielt in der ganzen Suchtproblematik eine wichtige Rolle. Man unterscheidet externale und internale Motivatoren. Während durch erstere Änderungsprozesse angestoßen werden (sozialer Druck, negative Konsequenz), bewirken internale Motivatoren längerfristig anhaltende Veränderungen. Diese erfolgen durch Anerkennung der persönlichen Verantwortung und durch die innere Erkenntnis und Überzeugung bezüglich der Schwere des Problems. Internalisierte Normen, Sinn und positive Erfahrungen mit persönlichen Ressourcen sind gerade bei Ärzten stark ausgeprägt.

Schwoon (1998) hat Motivationsziele aus chronologischer Sicht betrachtet: Kurzfristig taucht die Motivation zur Behandlung auf. Subjektiver Leidensdruck, die Erfolgsaussichten (lohnt es sich, sich jemandem zu öffnen zu einem sehr beschämenden Thema, ist es für den Patienten in seiner subjektiven Realität erfolgsversprechend?) und die Praktikabilität (ist es überhaupt denkbar, dass jemand die Therapie praktisch durchführt? = subjektive Kosten) werden gegeneinander abgewogen. Voraussetzung ist so gut wie immer eine vertrauensvolle Betreuungssituation. Mittelfristig sollte es zur Veränderung des Substanzkonsums kommen, langfristig bestenfalls zu stabiler Abstinenz. Jenes Modell aber, das die Suchttherapie revolutioniert hat, weil sie es von einem statischen in ein dynamisches Modell von chronischer Erkrankung gewandelt hat, stammt von Prochaska & DiClemente (Transtheoretisches Modell) – siehe Kasten.

Fazit: Das Spannungsfeld, das durch die Kontrolle entsteht, wird oftmals als von außen kommender, aggressiver und misstrauischer Akt interpretiert. Bei Ärzten ist dies viel weniger der Fall, weil für sie der Profit aus einem engen Regime leichter ersichtlich ist. Auf der anderen Seite tauchen immer wieder medizinerspezifische Hindernisse (mangelnde Selbstfürsorge, überwiegend idealistische Normen, mangelnde Affektdifferenzierung, Perfektionismus und Fehlerphobie) auf. „Nehmen diese überhand, können sie auch in Pseudo-Autonomie und Verbitterung münden“, so Kurz.

 

Quelle: 12. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, 18. - 21. April 2012, Gmunden

Von R. Hofer , Ärzte Woche 20 /2012

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