zur Navigation zum Inhalt
Foto: ©iStockphoto.com/alejandrophotography
Therapie- und Betreuungskonzepte für alkoholabhängigen Patienten sind nur erfolgreich, wenn sie eine flexible Zielsetzung ermöglichen und die Patientenautonomie unterstützen.
 

Hat die nicht abstinenzorientierte Behandlung eine Chance?

Konsumreduktion bei Alkoholkranken kann als wertvolles Ziel der Therapie betrachtet werden.

Konsumreduktion ist als Therapieziel anerkannt, erfordert jedoch in den Betreuungsinstitutionen und bei den gesundheitspolitisch Verantwortlichen ein Umdenken. „Natürlich soll dabei die Abstinenz als ‚asymptotisches Ziel’ bzw. als die endgültige Befreiung nicht aus den Augen verloren werden“, sagte Prof. Dr. Sergei Mechtcheriakov von der Medizinischen Universität Innsbruck auf der 12. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie in Gmunden.

 

Im Umgang mit alkoholkranken Patienten in medizinischen und suchtspezifischen Einrichtungen ist derzeit eine strenge Dichotomie in Bezug auf Motivation, Compliance, Abstinenz und Therapieerfolg besonders auffallend. Patienten werden entweder als motiviert oder nicht motiviert, abstinent oder nicht-abstinent und deren Compliance als vorhanden oder nicht vorhanden beurteilt. Außerdem werden derzeit fast ausschließlich abstinenzorientierte Therapiekonzepte angeboten. In der klinischen Realität hingegen sind Motivationsschwankungen an der Tagesordnung, gute Compliance und überraschende Therapieabbrüche stehen nahe beieinander. „Viele Patienten können sich anfänglich eine vollständige Alkoholabstinenz als unmittelbares Ziel nicht vorstellen. Dies erfordert möglicherweise einen flexibleren Zugang“, erklärte Mechtcheriakov.

Die Überbewertung des Faktors „Abstinenz“ in Therapiekonzepten hat Folgen. Es entsteht als erstes „Zielzwang“ – so als gäbe es keine andere anstrebenswerte Möglichkeit als die absolute Abstinenz. Dabei wird das wichtigste Prinzip des modernen Umgangs mit abhängigen Patienten, nämlich Wahrung der Patientenautonomie, eingeschränkt. Zwangsläufig kann dies zur Erhöhung der Schwelle, sich in eine Therapie zu begeben, führen. Durch einen derartigen Zugang kann sogar verhindert werden, dass Patienten überhaupt einen Therapiewunsch deklarieren. Jedenfalls werden die Angaben des Patienten über seine Intention und Abstinenzbereitschaft teilweise der „Ideologie“ der hilfestellenden Institution „angepasst“. Auch für die Therapeuten und Institutionen hat dieser „Abstinenzzwang“ weitreichende Konsequenzen: er schränkt die verfügbaren Möglichkeiten ein und zwingt zu inadäquater Beurteilung des Therapiefortschritts und letztendlich des Therapieerfolges.

Durch den „Abstinenzzwang“ wird möglicherweise eine Art „Rückfall-Fatalismus“ suggeriert: wenn Alkoholkonsum beginnt, dann sei er nicht mehr aufzuhalten. „Psychologisch ist es für jeden Betreuer schwer, dem Patienten eine zweitbeste Lösung anzubieten und ihn dabei zu unterstützen. Andererseits dürfen die Vorteile der realistischen Zielsetzung nicht vergessen werden“, so Mechtcheriakov.

Ein langer Weg zur Abstinenz

Bei vielen alkoholabhängigen Patienten, die in der Folge Langzeitabstinenz erreicht haben, gehörten Phasen der Konsumreduktion und des Experimentierens mit kontrolliertem Trinken offensichtlich zum natürlichen Gesundungsprozess. Sind also Phasen der versuchten Konsumreduktion zur Entwicklung einer ausreichenden Krankheitseinsicht notwendig? Welche Art von Hilfe würden Patienten in dieser Phase der Erkrankung brauchen?

„Neurobiologisch könnte es auch in der Phase der Konsumreduktion zu einer Entkoppelung der krankhaften Verbindung zwischen der Regulation emotionaler und körperlicher Zustände und dem Alkoholkonsum kommen“, sagte Mechtcheriakov. Somit kann ein Konsumreduktionsversuch im therapeutischen Sinn als Vorbereitung für Abstinenz gesehen werden.

Vermehrt stellt sich die Frage, ob es in einem streng Abstinenz-voraussetzenden Setting richtig ist, dem Patienten bei Nicht-Einhalten der Abstinenz die Unterstützung und Betreuung zu entziehen. Bisher stand das Konzept des „Kontrollierten Trinkens“ (KT) als einzige Alternative zu den streng abstinenzorientierten Therapiemethoden zur Verfügung. Diese Therapiemethode kann zwar bei einigen Patienten zu guten Ergebnissen führen, ist aber aufgrund ihrer auf strenger Selbstdisziplin basierten Grundprinzipien und der eingeschränkten Anwendbarkeit umstritten.

Schritt zur Abstinenz

Die aktuellen Teilanalysen der britischen UKATT-Studie liefern interessante Einblicke in Bezug auf primär gewünschte Therapieziele von Seiten der Patienten. Die Multicenter-Studie mit insgesamt 3.241 gescreenten Patienten zeigte, dass auch Patienten, die moderates Trinken und nicht Abstinenz als bevorzugtes Ziel bei Studieneintritt gewählt haben, eine erhebliche Besserung und teilweise auch eine Abstinenz erreichten. Nur 19 Prozent der Patienten (742 waren zur Therapie bereit) wählten von sich aus Abstinenz als Therapieziel.

In Bezug auf Veränderung des Trinkverhaltens zeigten Patienten aus beiden Gruppen (Abstinenz und Nicht-Abstinenz) nach zwölf Monaten vergleichbare Ergebnisse. Zehn Prozent der Patienten aus der Gruppe der Nicht-Abstinenz schafften es sogar, Abstinenz zu erreichen. Daraus lässt sich schließen, dass das anfängliche Therapieziel den Therapieerfolg nicht in dem Maße voraussagt wie manchmal befürchtet wird. Denn für manche Patienten war die Phase des moderaten Trinkens der Schritt zur Abstinenz (UKATT Research Team. Alcohol Alcohol. 2010 Mar-Apr:45(2):136-42).

Viele Patienten müssen durch lange Phasen der versuchten Konsumkontrolle therapeutisch begleitet werden, bevor Langzeitabstinenz zu einem realistischen Ziel werden kann. Diese Patienten brauchen auch vermehrte Unterstützung im Sinne der Reduktion körperlicher Schäden und Linderung der sozialen Problematik, aber auch in Hinblick auf eine adäquate Krankheitseinsicht und die Modifikation der Zielsetzung.

„Ein häufiges Argument gegen die Arbeit mit nicht-abstinenten Patienten ist die kognitive Beeinträchtigung und Verhaltensauffälligkeiten. Dazu gibt es aber neue Studien, die diese Befürchtungen relativieren“, so Mechtcheriakov.

Neue Substanz

Die neue Substanz Nalmefene – ein Opioidrezeptor-Antagonist mit günstigen pharmakologischen Eigenschaften – steht nun möglicherweise in Europa vor der Zulassung. Die Phase III-Studien definierten erstmalig die Konsumreduktion als Therapieziel und zeigten, dass Patienten unter Nalmefene um 50 Prozent weniger schwere Trinktage aufwiesen als Patienten in der Placebo-Gruppe. Insgesamt kam es unter Nalmefene im Laufe der 12-monatigen Beobachtungsphase zur Reduktion des Alkoholkonsums um 60 Prozent. Die Einführung dieses Medikaments könnte neue Möglichkeiten in der Betreuung von alkoholabhängigen Patienten eröffnen.

„Es besteht dringender Bedarf, neue Therapie- und Betreuungskonzepte für alkoholabhängigen Patienten zu entwickeln. Diese Konzepte können nur dann erfolgreich werden, wenn sie eine flexible Zielsetzung ermöglichen, Patientenautonomie unterstützen und mit adäquaten Methoden zur Bemessung des Therapiefortschrittes und Therapieerfolges kombiniert werden“, so Mechtcheriakov.

 

Quelle: 12. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, 18. - 21. April 2012, Gmunden

Von R. Hofer , Ärzte Woche 20 /2012

  • Herr Ralf Schneider, 19.05.2014 um 20:53:

    „Konsumreduktion bei Alkoholkranken kann als wertvolles Ziel der Therapie betrachtet werden.

    Konsumreduktion ist als Therapieziel anerkannt, erfordert jedoch in den Betreuungsinstitutionen und bei den gesundheitspolitisch Verantwortlichen ein Umdenken.

    Danke für sachliche Darstellung und Information zum Thema Alkoholabhängigkeit.

    Das Selincro Forum Deutschland arbeitet an diesem Umdenkungsfaktor, weniger trinken, denn Abstinenz, danke.

    www.selincro-forum.de

    R. Schneider“

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben