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Von l.n.r.: Prim. Prof. Dr. Michael Musalek, Dr. Barbara Degn, Prof. Dr. Rudolf Müller (PVA), Dr. Walter Dorner.
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Prim. Prof. Dr. Michael Musalek Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

Foto: Österreichische Ärztekammer

Prim. MR Dr. Dorner Walter Präsident der Ärztekammer für Wien

 

Der lange Weg der Entstigmatisierung

Jeder zehnte Patient, der eine allgemeinmedizinische Ordination aufsucht, leidet unter einer Depression.

Jüngst wurde der österreichische Patientenbericht „Angststörung und Depression 2009“ präsentiert, nicht zuletzt um die Diskussion um strukturelle Probleme wie Facharztdichte, Kompetenzklärung, Kassenangebot etc. anzuregen. Patientenberichte sollen den gesundheitspolitischen Entscheidungsträgern Aufschluss über „Wünsche und Anregungen von Betroffenen“ liefern (siehe Kasten).

 

Immer häufiger werden psychiatrische Erkrankungen in Österreich Ursache für die Neuzuerkennung von Berufsunfähigkeits- und Invaliditätspensionen: Mit über 32 Prozent Anteil haben sie Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates seit 2007 von der Spitze verdrängt. ÖÄK-Präsident Dr. Walter Dorner zitierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), welche die Depression als neue Volkserkrankung charakterisiert. WHO-Prognosen sehen die Depression vom derzeit vierten Platz in der Rangliste der häufigsten Erkrankungen im Jahr 2020 auf Platz zwei vorgerückt. Dorner ortet Versorgungsmängel: „Noch immer dauert es mit durchschnittlich 28 Monaten viel zu lange, bis ein Patient mit Depression oder Angststörung zu einer entsprechenden Diagnose kommt.“

Prim. Prof. Dr. Michael Musalek, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, präzisiert diese durchschnittliche Zeitspanne: Bei einem Drittel der Patienten wird die Krankheit binnen eines Jahres nach Auftreten erster Symptome diagnostiziert, beim Rest dauert es (wesentlich) länger. Ein Drittel wird einen Monat nach Diagnosestellung behandelt, über die Hälfte der Betroffenen begibt sich erst nach einem Jahr in Therapie. Musalek: „Fazit ist, dass sehr spät diagnostiziert und behandelt wird – damit sind die Prognosen nicht so gut, wie sie sein könnten. Denn prinzipiell ist die Depression hervorragend zu behandeln. Depressive haben eine sehr hohe Compliance (rund 85 Prozent, Anm.), und es ist auch verständlich, warum: Weil die Medikamente so gut wirken.“ Jetzt gehe es laut Musalek darum, „Bewusstsein zu schaffen, dass die Menschen früher in Behandlung kommen“.

Hausarzt oder Psychiater?

Dr. Barbara Degn, Präsidentin der Wiener Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin, sieht „die große Mehrheit der depressiven Patienten in den allgemeinmedizinischen Praxen. Etwa jeder zehnte Patient, der eine allgemeinmedizinische Ordination aufsucht, leidet unter einer Depression.“ Daher falle dem Allgemeinmediziner die wichtige Aufgabe zu, „die Depression zu erkennen, korrekt zu diagnostizieren und, wenn nötig, auch zu behandeln.“ Jedoch sollte bei schwerer depressiver Störung und Suizidalität unbedingt ein Facharzt für Psychiatrie hinzugezogen werden.

Geringe Versorgungsdichte

Dorner ortet im fachärztlich-psychiatrischen Bereich in puncto Dichte für Österreich „einiges an Aufholbedarf“: Es gäbe viel zu wenige niedergelassene Psychiater, derzeit kämen je nach Bundesland 45.000 bis 70.000 Patienten auf einen Psychiater. Im bereits zehn Jahre zurückliegenden ÖBIG-Plan war noch von der Sollzahl von 30.000 Patienten pro Psychiater die Rede gewesen. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt das aktuelle Verhältnis von Psychiater zu Patienten 1:25.000.

Warum Patientenberichte?

Die Daten-Erhebung zum nunmehr vorliegenden siebenten abgeschlossenen Patientenbericht erfolgte mittels Befragung von 624 Patienten – davon 63 Prozent Frauen. Bei Frauen ist die Lebenszeitprävalenz von depressiven Erkrankungen etwa doppelt so häufig wie bei Männern (21 % vs. 10 %). Von den 304 Patienten, die in der Befragung ihren Zustand mit „eher schlecht bis sehr schlecht“ beschrieben, waren oder sind 70 Prozent von Angststörung und Depression betroffen.

PERI Consulting, Initiator des Projektes „Österreichischer Patientenbericht“ im Jahr 2005 und für die Durchführung verantwortlich, erläutert den Zweck derartiger Untersuchungen: „Ziel ist es, den österreichischen Patienten eine Stimme zu geben, mit der sie ihre subjektiv erlebten Wünsche und Bedürfnisse in Bezug auf ihr Leiden artikulieren können. Durch anonymisierte Patientenumfragen zu verschiedenen chronischen Erkrankungen, die bundesweit durchgeführt werden, sollen die Anliegen von Patienten eruiert, Optimierungspotenziale im österreichischen Gesundheitssystem erhoben und die Ergebnisse den zentralen Akteuren und Entscheidungsträgern des Gesundheitswesens übermittelt werden.“ Bislang liegen sieben Patientenberichte, u.a. zu Asthma, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose und Diabetes, vor. Projekte zu M. Crohn und Rheumatoider Arthritis sind derzeit in Arbeit.

 

Präsentation: Erster Österreichischer Patientenbericht Angststörung und Depression 2009, 20. April 2009

Im Bereich „Information“ vermissen • 26 % ausführliche Information über Nebenwirkungen von Medikamenten
• 23 % ausreichende und rechtzeitige Information über ihre Erkrankung durch den Arzt
• 22 % Grundinformationen zu ihrer Erkrankung von ihrem behandelnden Arzt
• 22 % ausführliche Informationen über psychotherapeutische Maßnahmen
Im Bereich „Medizin“ vermissen • 26 % gut informierte Allgemeinmediziner
• 24 % gute Kooperationen zwischen Fachärzten (Psychiatern) und Allgemeinmedizinern
• 20 % höhere Dichte an Psychotherapeuten
• 20 % gute Verträglichkeit ihres Medikamentes
Im Bereich „Soziales und Gesellschaft“ vermissen • 41 % Verständnis, Respekt und Akzeptanz für ihre Erkrankung
• 38 % aufgrund ihrer Erkrankung keine Einschränkungen im täglichen Leben
• 33 % Kosten für den Psychotherapeuten erstattet werden
• 31 % mehr Öffentlichkeitsarbeit für ihre Erkrankung Daten © ÖPB
Kasten:
Depression und Angststörung aus Sicht der Betroffenen

Von Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche 17/2009

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