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Foto: Diego Caltana
Monumentale Stiege in Triest.
Foto: Diego Caltana

Monumentale Stiege in Triest.

Foto: Schlöss Heinrich

Die Anstalt in Görz aus der Vogelperspektive.

Foto: Schlöss Heinrich

Eine Panoramaansicht aus Görz, veröffentlicht 1912 von Heinrich Schlöss im Buch: Die Irrenpflege in Österreich in Wort und Bild.

Foto: Schlöss Heinrich

Getrennt vom Verwaltungsgebäude der Anstalt in Görz begann ein stufenartiger Streifen von Pavillons.

Foto: Schlöss Heinrich

Die Reinigungsräumlichkeiten - abgerundete Ecken waren für das Bad im Pavillon typisch.

Foto: Schlöss Heinrich

Patienten, die für Aktivitäten wie die Gärtnerei beschäftigt waren, bekamen ein höheres Entgelt und bessere Verpflegung.

Foto: Schlöss Heinrich

Triest einst – kulturell und historisch auch heute noch ein Ort des Zusammentreffens von Kulturen, Sprachen, Ethnien und Religionen.

Foto: Claudio Erné, Trieste

Plan der „neuen“ Irrenanstalt von Triest.

Foto: NÖ Landes-Heil- und Pflegeanstalt.

Lageplan der NÖ Heil- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke „am Steinhof“. Heute das Sozialmedizinische Zentrum Baumgartner Höhe, Otto-Wagner-Spital mit Pflegezentrum in Wien.

Foto: Diego Caltana

Das Sanatorium in Triest in seiner heutigen Pracht – bei der Anstalt wurde jede überflüssige Ausschmückung der Fassade vermieden.

 

Psychiatrische Krankenanstalten in der Provinz der Monarchie: Görz und Triest

Die Architektur der psychiatrischen Krankenanstalten von Triest und Görz

Die „Spital-Stadt“ stellt die vorherrschende Architektur- und Städtebauform für die Errichtung von Heil- und Pflegeanstalten um die Jahrhundertwende dar und nimmt eine originelle Stellung im österreichischen Architektur-Szenario dieser Periode ein.

Dieser Bauform lag das Pavillonsystem zugrunde: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch, dass ein Krankenhaus, das mitten im Grünen lag und aus kleinen durchlüfteten und vom Licht durchströmten Gebäuden bestand, die besten Voraussetzungen für eine zügige Genesung mit sich brachte. Diese Bauanlagen am Rande der Ballungsräume wurden wie autonom geführte Zentren in wirtschaftlicher, logistischer und städtebaulicher Hinsicht organisiert, daher der Begriff „Spital-Stadt“.

Heilanstalten wie das Franz-Josef-Spital und das Wilhelminenspital in Wien wurden nach diesen Grundsätzen konzipiert: Der Bauplan der Anlage spiegelte zwar eine gewisse Hierarchie wider, das Pavillonsystem schien jedoch kein starres Ordnungsprinzip zu befolgen.

Eine eingehende Analyse dieser Einrichtungen lässt jedoch verschiedene Schlussfolgerungen zu, vor allem, wenn man unterschiedliche Spital- und Anstalt-Bauformen unter die Lupe nimmt. Bei der ersten modernen österreichischen Irrenanstalt, der Landes-Heil- und Pflegeanstalt von Mauer-Öhling, ist tatsächlich von einem Städtebauplan eher als von einem Lageplan die Rede. Die Anlage ist nach einer Logik der Symmetrie organisiert, die von der zentralen Distributionsachse ausgeht. Der gesamte Komplex ist nach städtebaulichen Barock-Richtlinien gestaltet. Wenn man den Bauplan der Spitalanstalt von Mauer-Öhling mit der Raumanordnung der Fürstenresidenzen des 18. Jahrhunderts vergleicht, ist der barocke Einfluss noch deutlicher zu erkennen. Jedoch sind es eher die Arbeitersiedlungen wie etwa jene, die Mitte des 18. Jahrhunderts von Ledoux entworfen wurden, die ein wichtiges Referenzbeispiel liefern. Während die Raumverteilung in einer Residenz eine reine formale Funktion hat, spielt die hierarchische Struktur einer Arbeitersiedlung (eher als die geometrische) eine substanzielle Rolle. Welcher ist jedoch der rote Faden, der eine Pflegeanstalt mit einer Produktionsstätte verbindet?

Michel Foucault führt die geordnete und disziplinierte Struktur, die sowohl eine Irrenanstalt als auch eine Arbeitersiedlung kennzeichnet, auf das Militärlager zurück: „Im Städtebau und bei der Errichtung von Arbeitersiedlungen, Spitälern, Asylen, Gefängnissen oder Erziehungsheimen sollte dieses Modell des Lagers zumindest in seinen Grundprinzipien lange Zeit nachwirken: das Prinzip der räumlichen Verschachtelung hierarchisierten Überwachungen, das Prinzip der ,Einlagerung’“.

In Österreich stellt vielleicht die räumliche Anordnung eines von Ludwig Baumann realisierten Zentrums ein beispielhaftes Paradigma „hierarchisierter Überwachungen“ dar, das die darauf folgenden Irrenanstalten nachhaltig prägen sollte. Baumann entwarf im Jahr 1888 den Bauplan für die Arbeiterstadt der Familie Krupp in Berndorf (Niederösterreich). Basierend auf einer barockartigen Symmetrieordnung wurde diese Arbeiterstadt nach einem paternalistischen Grundprinzip gestaltet. Die Familie Krupp bot ihren Lohnarbeitern Unterkunft, Bildung und Fürsorge an. Das Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverhältnis fand in der Errichtung des Herrenhauses auf einer Anhöhe seinen Niederschlag. Diese privilegierte Stellung gegenüber den anderen Gebäuden hatte eine symbolische Kontrollfunktion über die darunterliegende Stadt. Nur mit der Kirche bestand eine Verbindung auf gleicher Höhe, eine Art direkte Beziehung zwischen gleichwertigen „Gewalten“, die von der perspektivischen Achse zwischen den beiden Gebäuden hergestellt wurde. Die anderen Bauten (wie etwa die Wohnhäuser, die Fabrik etc.) wurden symmetrisch zu der Ache angelegt.

In den österreichischen Irrenanstalten (Mauer-Öhling, Wien, Görz, Triest) übte die Zentralachse dieselbe Funktion von Symmetrie und Ordnung aus, wobei sich jedoch einige Elemente stark veränderten: Das Herrenhaus wurde von den Leitungs- bzw. Verwaltungsräumen ersetzt, die Wohnhäuser von den Pavillons, die Fabriken von den Werkstätten, während die Kirche ihre Rolle als „Garant“ der Kontrolle aufrechterhielt.

Vom rein architektonischen Standpunkt her sind bei den österreichischen Irrenanstalten dieser Zeit einige Besonderheiten hervorzuheben. „Das bühnen bildnerische Vorbild“ der barocken Architektur sollte die Werke der Architekten und Stadtplaner über das ganze 19. Jahrhundert hinaus nachhaltig prägen. Otto Wagner beschäftigte sich damit in seinen Meisterklassen bei der Akademie. Der barocke Einfluss für den Architekten, der den Bauplan des Steinhofs entwarf, erweist sich daher als nicht zufällig. Schon einige Jahre zuvor hatte Wagner versucht, dieses barocke Erbe mit der Realisierung des Projektes „Artibus“ neu zu interpretieren: Wie im Schloss Schönbrunn entwarf Wagner für diese ideale Kunststadt eine Anlage von Gartenwegen, die den unterliegenden monumentalen Teil mit einer Gloriette am oberen Ende eines Abhangs verbinden sollte. Im Steinhof wurde die Gloriette mit der berühmten Kirche ersetzt, die den Kern der Spitalanlage bilden sollte, aber gleichzeitig einen gewissen Abstand stilistischer, architektonischer sowie symbolischer Natur vom Rest aufrechtzuerhalten hatte.

Ganz anders zeigt sich hingegen die Kirche im Triestiner Spital, die einen bescheidenen Stil aufweist und im Einklang mit den restlichen Bauten steht: Der Laubenplatz und die Gebäude der Anlage vermitteln den Eindruck eines kleinen Dorfes. Der Städtebauer Camillo Sitte, der im ständigen Gegensatz zu Otto Wagner stand, vertrat die Ansicht, dass der Platz eine malerische und psychologisch tröstende Wirkung haben sollte. Daher scheint Sitte bei der Planung des Triestiner Spitals eine kleine Revanche genommen zu haben.

In der Irrenanstalt von Mauer-Öhling wird die Kirche in ein multifunktionales Gebäude eingebaut, das gleichzeitig als Kult- und Erholungsstätte fungiert. Bei dieser Anstalt, der eine Pionierrolle in der Revolution der Baupläne für die Irrenspitäler zugesprochen wird, ist auf dem Eingangstor zum multifunktionalen Gebäude eine habsburgische Krone zu sehen, die die Verbindung zwischen dem Staat und der Pflege seiner Untertanen (selbst jener, die bis zu jenem Zeitpunkt am meisten vernachlässigt wurden) symbolisieren sollte: Wird die architektonische Revolution daher auch zu sozialer Revolution?

Die zwei Irrenanstalten von Triest und Görz zählen zu den modernsten Spitälern, die Anfangs des 20. Jahrhunderts im habsburgischen Staat errichtet wurden. Selbst wenn im Zuge des Aufbaus aufgrund einer Reihe von Schwierigkeiten die Realisierung von landwirtschaftlichen Kolonien, die zu der damaligen Zeit als die wirksamste Arbeitstherapie betrachtet wurden, nicht möglich war, versuchte die architektonische Planung Abhilfe zu schaffen. Die vorgesehene Anzahl der arbeitsfähigen Patienten (etwa 70 in beiden Anstalten) war zwar relativ niedrig im Vergleich zu den gesamten eingelieferten Geisteskranken, jedoch stellten diese zwei Spitäler nach 1918, vor allem aufgrund ihrer internen Organisation und der relativen Freiheit, die den Patienten erlaubt wurde, zwei wichtige Ausnahmen im italienischen Irrenhaus-Szenario dar.

Im ärztlichen Bereich erwiesen sich die zahlreichen Kontakte zwischen Triest und Wien als äußerst fruchtbar. 80 Prozent aller Ärzte und Primarien studierten an österreichisch-ungarischen Universitäten und die meisten davon besuchten die Wiener Medizinschule. Das Hauptkrankenhaus (Ospedale Maggiore) in Triest, das nach dem Modell des Wiener Allgemeinen Krankenhauses gebaut wurde, war nach seinem Wiener Pendant das zweitgrößte Spital des Kaiserreiches. Der „Ärztliche Bereitschaftsdienst“ von Triest, der im Jahr 1888 zur Gewährleistung eines regelmäßigen Rettungsdienstes gegründet wurde, nahm die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft als Vorbild, die 1881 auf Initiative von Jaromir Mundy nach dem verheerenden Brand des Ringtheaters ins Leben gerufen wurde.

Bei dem Bauplan der Triestiner Irrenanstalt kann trotz der starken Analogien, vor allem aufgrund der Morphologie der Anlage, keine direkte Einflussnahme vom Wiener Spital deutlich nachgewiesen werden, selbst wenn die zwei Bauten beinahe parallel zu einander, von der Beschlussfassung bis hin zur Fertigstellung, realisiert wurden. Nachgewiesen ist hingegen die Kenntnis über die wichtigsten europäischen Anstalten und alle „Experimentierversuche“, die im habsburgischen Staat durchgeführt wurden.

Das Bedürfnis nach neuen Räumen für die Pflege der Geisteskranken in der Hafenstadt führte in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu den ersten Überlegungen über die Möglichkeit, eine neue Irrenanstalt zu errichten. 1891 wurde eine Entente unter Triest, der Grafschaft Görz-Gradisca und der Markgrafschaft Istrien für die Errichtung eines interprovinziellen psychiatrischen Krankenhauses unterzeichnet. Die Behörden waren sich einig, eine zersplitterte Anlage zu errichten, um den Patienten mehr Freiheit und Autonomie zu gewährleisten. Nach dem Scheitern der Verhandlungen mit Görz im Jahr 1896 wurden die Richtlinien für die Realisierung einer Anlage in Triest, die auch für Istrien zuständig sein sollte, von einem Gremium bestimmt. Der aus Görz stammende Architekt Ludovico Braidotti (1865-1919) wurde vom Gremium mit der Planung der neuen Irrenanstalt beauftragt. Braidotti hatte an der Technischen Hochschule in Wien (1882-1887) studiert und war seit 1889 in Triest aktiv geworden, wo er die großen Sozialbauprojekte der Zeit, unter anderem als Leiter des Instituts für Gemeindewohnungen, konzipierte und förderte. Nachdem Braidotti den Auftrag erhielt, reiste er zusammen mit dem künftigen Direktor der Triestiner Anstalt Luigi Canestrini quer durch Europa, um bedeutende Anstalten zu besuchen.

Die Bodenbeschaffenheit von Triest erschwerte die Realisierung des Bauwerkes: Einerseits war man mit der Notwendigkeit konfrontiert, ein Grundstück in nicht allzu großer Entfernung von der Stadt zu finden, wo die Niveauverschiedenheiten keine zu bedeutenden Bodenarbeiten notwendig machten; andererseits musste man sich mit dem Problem der Wasserversorgung sowie des Schutzes gegen den kalten Nordostwind (Bora) auseinandersetzen.

Das gewählte Grundstück mit einer Fläche von 160.000 m2 ist heute noch von einem Eichenwald im westlichen und südwestlichen Teil der Anlage gekennzeichnet. Die Anlage war folgendermaßen organisiert: Rechts und links des unteren Eingangs befanden sich das weibliche und das männliche Sanatorium, beide waren für ein zahlendes Publikum bestimmt. Getrennt vom Verwaltungsgebäude begann ein stufenartiger Streifen mit den weiblichen Pavillons auf der linken Seite und den männlichen auf der rechten. Die zu der damaligen Zeit gewöhnliche Trennung der Geschlechter war durch die Haupthalle bei der Mittelachse gewährleistet. Die Pavillons in der Nähe der Direktion dienten als Beobachtungsstationen. Danach folgten die Abteilungen für „Halbruhige“, „Unruhige“ und noch weiter hinten jene für „Unreine“ und „Paralytiker“. Mittels einer monumentalen Treppe am Ende der Haupthalle gelangte man zum Plateau mit dem Theater, der Anstaltsküche, dem Maschinenhaus mit den Desinfektionsräumen. Hinter dem Plateau befanden sich die vier Pavillons für die „Ruhigen“ und, weiter oben, um die Kirche herum, vier kleine, mit Loggien versehene Landhäuser für Arbeiter und Arbeiterinnen (je 18 Pfleglinge mit einem oder zwei Wärtern). Wegen Platzmangel wurde eine Werkstatt anstelle einer gewöhnlichen landwirtschaftlichen Kolonie eingerichtet. Die Arbeiterstätten für die verschiedenen Gewerbe – Schuster, Tischler, Schneider, Matratzenmacher usw. – gruppierten sich um den Laubenplatz und bildeten das sogenannte Arbeiterdorf.

„Ganz abseits vom klinischen Teil der Anstalt, mit einer herrlichen, nach allen Richtungen offenen Aussicht, im Hintergrunde den Berg mit einem Eisenbahnviadukt, in der Ferne den herrlichen Anblick des Meeres darbietend, mitten unter Wiesen und Küchengärten, entbehrt das Dorf jeden Charakter eines Krankenhauses und gibt mit seinen vielen in der Freiheit lebenden Handwerkern den vollkommenen Eindruck eines gesunden, von der Arbeit belebten ruhigen Dasein“, so beschrieb Canestrini die Besonderheiten dieses Arbeiterdorfes. Canestrini gab gleichzeitig zu, dass für die Beschäftigung der Kranken ein landwirtschaftlicher Betrieb größeren Umfangs fehlte. Der Grund dafür war natürlich die geringe freie Fläche, aber auch der Umstand, dass nur wenige Patienten der Triestiner Anstalt vom Land kamen. Normalerweise gab es 30 Patienten, die sich mit Gärtnerei und Feldarbeit beschäftigten. Andere wurden in der Werkstatt, in der Küche (sowohl Männer als auch Frauen) in der Wäscherei und fürs Putzen und Saubermachen (nur Frauen) eingesetzt. Die Patienten, die für diese Aktivitäten beschäftigt waren, bekamen einen höheres Entgelt und bessere Verpflegung.

Die Planer dieser Anstalt verfolgten die klare Absicht, den Patienten das höchste Maß an Freiheit (mit Aufsicht) zu gewähren sowie jeden Anschein von Zwang sowohl in den Gebäuden als auch in der praktischen Behandlung zu vermeiden. Man versuchte sogar, häusliche Verhältnisse wiederherzustellen.

Der Architektur, die durch die Einfachheit des Materials und der Ausschmückungen sowie durch Variationen des Rohmaterials, der Farben und des Stils geprägt war, gelang es, die Eintönigkeit zu vermeiden und einen Eindruck der Harmonie mit der umgebenden Landschaft zu vermitteln.

Der therapeutische Einfluss der Natur wurde durch eine aufmerksame Planung der Grünflächen gesichert. Die Arbeiten, die mit der Grundsteinlegung im Jahr 1904 erfolgten, endeten im Jahr 1908.

Zur Zeit der Verhandlungen für die Realisierung einer einzelnen Irrenanstalt für Istrien, Triest und Görz waren die Geisteskranken in Görz nach dem Geschlecht getrennt: Die Männer wurden im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder und die Frauen im städtischen Krankenhaus untergebracht. Wie bereits erwähnt, konnten sich die Landesverwaltungen bei der Diskussion über die in Görz geplante Irrenanstalt nicht einigen. So entschied sich der Landesausschuss von Görz und Gradisca für die Errichtung einer eigenen Landesirrenanstalt. Der Erwerb des Baugrundes wurde durch die Bereitstellung von 100.000 Gulden ermöglicht, die aus dem Ertrag einer Wohltätigkeitslotterie stammten. Aufgrund einer Reihe von Verzögerungen konnte ein Expertenausschuss erst im Jahr 1901 einberufen werden. Zu den Mitgliedern dieses Ausschusses zählten der zukünftige Direktor der Anstalt Ernst Fratnich, der Bauplaner Artur Glessig und der Ingenieur Josef Wojteshovsky, der die Aufsicht über alle öffentlichen Bauten der Grafschaft inne hatte. Am 9. Juli 1901 wurde ein Einvernehmen erreicht und ein Grundstück gefunden, das sich im südwestlichen Teil der Umgebung von Görz befand. Die Wahl dieses Grundstückes stieß im sanitären Bereich auf Widerstand und löste Unmut aus: das Grundstück wurde als zu klein für die Realisierung einer Irrenanstalt im kolonialen Stil und als ungeeignet im Sinne der landwirtschaftlichen Arbeitstherapie erachtet. Darüber hinaus erfüllten die Beschaffenheit des Bodens, der zu flach und eben war, sowie die Abwesenheit von Bäumen und Schatten nicht den erwünschten Zweck dieses Standortes. Der Arzt Luigi Pontoni, Primar der Frauenabteilung in der Irrenanstalt am städtischen Krankenhaus, beschäftigte sich in zahlreichen Publikationen mit diesem Problem: Auf der Grundlage von Statistiken und Beispielen versuchte er, von der Nützlichkeit eines anderen Systems als Alternative zu dem im Endeffekt realisierten Pavillonsystem zu überzeugen. Es ist merkwürdig, dass die von ihm eingeholten Expertenmeinungen, etwa vom Direktor der berühmten Landes Heil- und Pflegeanstalt Alt-Scherbitz in Sachsen, Albert Paetz, und vom Direktor der Irrenanstalt in Kierling-Gugging, Josef Krajatsch, genau dieselben waren, die in weiterer Folge vom Ausschuss für die Realisierung des Projektes unter der Federführung des Stadtbauamtes von Görz herangezogen wurden.

Der Landes-Chef-Ingenieur Artur Glessig begab sich nach Salzburg, Mauer-Öhling, Alt-Scherbitz, Dösen bei Leipzig und Egelfing bei München, um die dortigen Irrenanstalten zu studieren. Basierend auf den im Ausland gesammelten Erfahrungen und gewonnen Erkenntnissen sowie auf den Ratschlägen von Paetz, fertigte Artur Glessig den endgültigen Projektplan an, der am 17. September 1904 genehmigt wurde. Die gesamte Grundfläche der Anstalt betrug 160.000 m2, eine Hälfte war für die Gebäude mit den dazu gehörenden Gartenanlagen bestimmt und die restlichen acht Hektar wurden für landwirtschaftliche Tätigkeiten benutzt. Die Anstalt war durch eine niedrige, mit einem Eisengitter versehene Mauer von der Straße und durch einen doppelten immergrünen Zaun von 1,50 m Höhe mit einem Drahtgeflecht von den umliegenden Feldern getrennt.

Entlang der zentralen Achse, die die Frauenpavillons von den Männerabteilungen abtrennte, entwickelte sich die ganze Anstalt symmetrisch, wie es bei der Triestiner Anstalt der Fall gewesen war. Der Park wurde bei der Mittelachse auf einer Grundfläche von einem Hektar angelegt und garantierte die Trennung der Geschlechter. Im mittleren Teil der Anlage waren außerdem das Verwaltungsgebäude, die Kirche und die Wirtschaftspavillons (die Zentralküche, die elektrische Zentrale und das Waschhaus) untergebracht. Zwischen den Pavillons befanden sich Parkanlagen, Obst- und Gemüsegärten, wodurch sie von den Wirtschaftsgebäuden getrennt wurden. Die Wasserleitung, die zu der damaligen Zeit ein noch nicht gelöstes Problem für die Stadt Görz darstellte, wurde von zwei Wasserschichten ermöglicht. Untersuchungen des Untergrundes wurden bis zu einer Tiefe von 146 m (71 m unter dem Meeresspiegel) vorgenommen. Die Qualität des Wassers wurde vom hygienischen Institut der Stadt Triest vom bakteriologischen Standpunkt geprüft. Diese Wasserschichten konnten die notwendige Wasserversorgung auch in Zeiten extremer Dürre gewährleisten. Das Wasser wurde in zwei 60 m3 große, aus Eisenbeton hergestellte Wasserreservoire gepumpt. Der Wasserturm, der die beiden Reservoire enthielt, wurde von der der Wiener Gesellschaft Pittel & Brausewetter realisiert und von Glessig selbst als „ein gelungener, kühner Bau“ definiert. Hinter dem Wasserturm fing die Ackerbaukolonie an. Bei der Mittelachse befand sich ein sogenannter Arbeitspavillon, ein 30 mal neun Meter großer von Säulenhallen umgebener Saal. Die Haupttätigkeit in diesem Gebäude war die Veredelung amerikanischer Weinreben. Rechts vom Arbeitspavillon befand sich ein Treibhaus für die veredelten Reben sowie für Obst und Gemüse. Die zwei äußersten Pavillons an der Allee, welche die Zentralanstalt von der Ackerbaukolonie trennten, waren für die arbeitenden Patienten bestimmt. Diese Pavillons enthielten je 35 Betten. Der Pavillon für infektiöse Krankheiten war auf der Westseite der Ackerbaukolonie gelegen und bestand nur aus dem Erdgeschoss.

Wie bei der Triestiner Anstalt wurde jede überflüssige Ausschmückung der Fassaden vermieden. Die Fassaden waren in ihrer Einfachheit mit lebendigen Farben und Verzierungen gestaltet, sonst sorgte die vielfältige, umgebende Natur für zusätzliche Ausschmückung. Wie Glessig selbst betonte, erfüllte die Architektur einen bestimmten Zweck: „Die moderne Stilart mit ihren lebhaften Farben und Friesen an den Fassaden, die Veranden, die Blumen und die grüne Umgebung verleihen dem Ganzen einen beruhigenden und behaglichen Eindruck, den die Ärmsten, denen die Pavillons zum Aufenthalt zugewiesen wurden, zu empfinden scheinen“.

Bei der Realisierung der Anstalt wurde hygienischen und sanitären Vorschriften Folge geleistet: In allen Krankenräumen, in den Aborten, Wasch- und Badelokalen waren die Ecken abgerundet und die Wände bis zu einer Höhe von 1,60 bis zwei Meter mit waschbarem Emaillack gestrichen. Andere Vorkehrungen standen im engen Zusammenhang mit der Funktion der Räumlichkeiten: In den Isolierzimmern hatten die Fenster einen eisernen Fensterrahmen und zehn bis zwölf Millimeter dicke Kristallscheiben (nach dem Muster der Irrenanstalt in Mauer-Öhling); in den Pavillons der klinischen Abteilung waren sie aus starkem, mit Eisenrahmen versehenen Lärchenholz (nach Muster der Salzburger Irrenanstalt).

Die Bauarbeiten zur Errichtung der Görzer Anstalt dauerten von 1905 bis 1908 an. Die Realisierung der Parkanlage, des Gemüsegartens und der Weinreben wurde dem Landesagraramt in Auftrag gegeben. Aufgrund einiger Verzögerungen konnte die Anstalt erst am 16. Februar 1911 fertiggestellt und am 25. Februar desselben Jahres in Betrieb genommen werden. Die Görzer Irrenanstalt wurde im Zuge des Ersten Weltkrieges schwer beschädigt und konnte erst im Jahr 1933 den Betrieb wiederaufnehmen.

Interessant ist die Tatsache, dass von den Anstalten in Görz und Triest die Psychiatriereform von Franco Basaglia ausging.

Canestrini L (1912) Frenocomio civico „Andrea di Sergio Galatti“ in Triest in Schlöss, Heinrich (Red.): Die Irrenpflege in Österreich in Wort und Bild. Halle a. S.: Mahrold

Foucault M (1994) Überwachen und Strafen. Frankfurt: Suhrkamp

Fratnich E (1912) Landes-Irrenanstalt Franz Josef I. in Görz (Küstenland) in Schlöss, Heinrich (Red.): Die Irrenpflege in Österreich in Wort und Bild. Halle a. S.: Mahrold

Glessig A (1913) Jubiläums-Landes-Irrenanstalt „Franz Joseph I.“ in Görz in: Allgemeine Bauzeitung

Haiko P, Leupold-Löwenthal H, Reissberger M (1981) „Die weiße Stadt“ – der „Steinhof“ in Wien. Architektur als Reflex der Einstellung zur Geisteskrankheit, in: Kritische Berichte, Jg. 9, Heft 6

Hofmokl E (1913) Heilanstalten in Österreich. Wien und Leipzig: Hölder

Moravánszky A (1998) Competing Visions: Aesthetic Invention and Social Imagination in Central European Architecture, 1867-1918. Cambridge (Mass.): The Mit Press

Premuda L (1974) Die vermittelnde Funktion von Triest für die Wiener Schule in Italien in: Lesky, Erna (Hrsg.): Wien und die Weltmedizin. Wien-Köln-Graz: Böhlau

Pontoni L (1901) Considerazioni circa le tre proposte della Giunta Provinciale di Gorizia sulla questione del manicomio. Gorizia: Seitz 1900; Ders.: La questione del manicomio in crisi acuta. Gorizia: Seitz 1901.

Sitte C (1889) Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen. Wien: Graeser 1889

  • Frau Dipl.-Ing. Ingrid Isabella Gumpinger Dr. techn., 14.05.2010 um 16:15:

    „herzliche gratulation zu diesem sehr interessanten artikel!
    ich finde das thema insbesondere spannend, da es teil von zwei meiner arbeiten ist.
    einerseits wurde das thema im forschungsprojekt "verwaltetes leben-teil 1" vom forschungsinstitut gesund 2020 ausführlich behandelt (ich bin vorsitzende dieses institutes www.gesund2020.at und hatte die projektleitung) und
    andererseits in meiner dissertation an der TU graz über "architekturen des gesundheitswesens".
    gerne würden wir vor allem in fortsetzung zu unserem forschungsprojekt eine publikation darüber herausgeben
    und suchen dafür einen verlag oder die möglichkeit, zumindest in einem ersten schritt einen artikel darüber zu veröffentlichen.
    über ein gespräch mit einer ansprechpartner würden wir uns sehr freuen - per email oder unter meiner telefonnummer +43 676 3125704.
    vielen dank und beste grüsse, ingrid i. gumpinger“

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