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Marianne Nentwich
Abb. 1: Alzheimer-Patienten: „…kann auch ein Geschenk sein, mit so einem Menschen auf eine ganz eigene, spezielle Art zu kommunizieren.“
Marianne Nentwich

Abb. 1: Alzheimer-Patienten: „…kann auch ein Geschenk sein, mit so einem Menschen auf eine ganz eigene, spezielle Art zu kommunizieren.“

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Abb. 2: „... bewusst gemacht, wie unendlich vergänglich Gesundheit, Reichtum, Erfolg sind.“

 

Erinnerungen an Hannes

Begleitung eines Alzheimer-Patienten

Dein Tod hat eine Leere hinterlassen, die schwer zu füllen sein wird. Seltsamerweise ist kein Schmerz in mir, nur ein dankbares Erinnern an fünf Jahre, die ich für dich da war, für dich da sein durfte. Täglich bin ich um die Mittagszeit zu dir gefahren, um dich zu füttern, dir ein wenig Gesellschaft zu leisten, dein unweigerliches Versinken in deine eigene Welt, wenn schon nicht aufzuhalten, denn das war unmöglich, so doch zumindest ein wenig hinauszuzögern.

Begonnen hatte dieser geistige Verfall, der, als ob er nicht für sich schon schlimm genug gewesen wäre, durch eine hinzu kommende Parkinson-Erkrankung verschärft wurde, schon vor vielen Jahren. Ich hatte damals kaum Kontakt mit dir; die Gründe dafür lagen, wie so oft, in familiären Zwistigkeiten. Aber du, der du mich von meiner Geburt an kanntest, hattest zu mir immer ein besonderes Verhältnis gehabt. Das mag daran gelegen haben, dass wir beide so etwas wie die schwarzen Schafe in der Familie waren, unangepasst, ein wenig rebellisch vielleicht.

Die Dinge, die uns im Leben passieren, haben immer einen Sinn. Sie sind nie zufällig, sondern sie fallen uns zu. Auch wenn uns das oft erst im Nachhinein klar wird. Und sie geschehen erst dann, wenn sie geschehen sollen, wenn die Zeit dafür reif ist. So erging es auch mir. Mit dem Tod meiner Tante gab es für dich, der keine eigenen Kinder hatte, die sich – vielleicht – um dich gekümmert hätten, nur den Weg in ein Seniorenheim. In ein privates zwar, mit entsprechend ansprechendem Ambiente, aber eben in ein Seniorenheim. Damals warst du noch mobil, konntest an den angebotenen Aktivitäten und Auflügen teilnehmen und hattest zudem eine reizende alte Dame als Zimmernachbarin, die sich deiner in rührender Weise annahm. Dort besuchte ich dich nur wenige Male, und dennoch wurde damals der Grundstein gelegt für mein späteres Engagement. Genauer genommen legte ihn die besagte, inzwischen auch verstorbene alte Dame. Als ich mich von dir einmal mit dem Versprechen wiederzukommen verabschiedete, meinte sie: „Aber nicht nur versprechen, auch tun!“ Ich habe mich daran gehalten und bin ihr heute noch dankbar für den leisen Tadel, der in ihren Worten mitschwang und den ich nie vergessen habe.

Doch der geistige Verfall nahm seinen Lauf, so dass du nach zwei Jahren, im März 2001, ins Pflegezentrum übersiedeln musstest.

Von Juli 2002 bis Mitte Mai 2005 führte ich sogar Buch über meine täglichen Besuche bei dir, über deinen Zustand, darüber, was wir unternahmen. Und gleich zu Beginn meiner Aufzeichnungen lese ich von einem Aufenthalt im Spital. Immer habe ich dich im Krankenwagen begleitet, wenn du vom Heim abgeholt wurdest. Ich wollte nicht, dass du, desorientiert und unfähig, dich zu artikulieren, einfach deinem Schicksal ausgeliefert warst. Unzählige Stunden habe ich in verschiedenen Krankenhäusern mit dir verbracht, gewartet, dass die eine oder andere Untersuchung vorgenommen wurde und danach weitere Stunden auf den Rücktransport. Immer, wenn du einige Tage im Krankenhaus bleiben musstest, ging ich mittags und zumeist auch abends hin, um dich zu füttern, vor allem aber, um dir das Gefühl zu geben, nicht alleine zu sein.

Jetzt habe ich Zeit, all die Jahre mit dir Revue passieren zu lassen. Anfangs besuchte ich dich nur zwei- bis dreimal wöchentlich. Irgendwann aber kam der Moment, wo mir der tägliche Besuch bei dir zum Bedürfnis wurde, ohne dass ich sagen könnte, warum. Ich hatte eine Aufgabe gefunden, die mir immer wichtiger wurde, die meinem nach dem Übergang in den „wohlverdienten Ruhestand“ ziemlich ereignislosen und eintönigen Alltag einen Sinn gab. Dein Zimmer und der Speisesaal im Pflegezentrum wurden in gewisser Weise zu meinem zweiten Wohnzimmer. Soziale Kontakte zu anderen Heiminsassen und deren Angehörigen sowie zum Pflegepersonal ergaben sich da ganz automatisch und wurden mir fast genauso wichtig wie du.

Ich weiß nicht, ob jemals jemand diese Erinnerungen an eine außergewöhnliche Beziehung lesen wird. Viele Menschen scheuen sich ja davor, sich mit Krankheit und Tod auseinanderzusetzen. Wie viele gibt es, die Menschen wie dich, die an Alzheimer leiden und im „normalen“ Sinn nicht mehr ansprechbar sind, einfach nur als arme Kranke sehen, die nichts mitbekommen, keine Gefühle haben, mit denen man nichts anfangen kann... Sie haben keine Ahnung, was für ein Geschenk es sein kann, mit so einem Menschen Kontakt zu haben, mit ihm auf eine ganz eigene, spezielle Weise zu kommunizieren. Was entgeht ihnen nicht alles! Ich würde alle Reichtümer dieser Welt nicht eintauschen für die Jahre, die ich dich begleiten durfte. Wie oft haben wir miteinander gelacht, hast du Grimassen geschnitten und dich einfach gefreut. Über die Zuwendung, die du nicht nur von mir, sondern vor allem auch von Eva, bekommen hast; von deinen „beiden lieben Menschen“, wie du es einmal, als du hin und wieder noch klar verständliche Worte sprechen konntest, ausdrücktest. Unzählige Male durften wir miterleben, wie du trotz deiner Unfähigkeit, dich uns mitzuteilen, gestrahlt hast, wenn wir einen Spaziergang mit dir machten und du, sozusagen als Krönung des kleinen Ausflugs, deine geliebte Sachertorte bekamst. Wenn du die Menschen, die uns begegneten, mit einem Kopfnicken oder einer Handbewegung grüßtest und man sehen konnte, wie schön diese Momente für dich waren.

Die erste Zeit haben mich die Besuche bei dir viel Energie gekostet. Erst langsam gewöhnte ich mich daran, deine „Sprache“ zu verstehen, mit dir zu „plaudern“. Immer hatte ich den Eindruck, dass du mir etwas erzählen wolltest - und die Worte einfach nicht zu einem Satz formen konntest. Wenn ich nachfragte, wiederholtest du eben diese unverständlichen Worte, für mich ein Zeichen, dass du sehr wohl einen Faden verfolgtest, mir etwas Bestimmtes sagen wolltest. Auch erinnere ich mich daran, dass du in den ersten Jahren sehr nah am Wasser gebaut hattest. Sehr schnell kamen dir die Tränen, warst du gerührt. Und wirktest sehr traurig. Das waren die Augenblicke, wo du, so denke ich, dir irgendwie dessen bewusst warst, dass etwas mit dir nicht stimmte. Selbst ein begnadeter Arzt, hattest du schon vor Jahren als Erster deine Krankheit diagnostiziert.

In all den Jahren, wo wir fast täglich ein, zwei, manchmal auch mehrere Stunden miteinander verbrachten, hast du mich niemals beim Namen genannt. Dennoch bin ich mir sicher, daß du wusstest, gefühlsmäßig wusstest, wer ich war. Hattest du doch noch viele Jahre zuvor, als du noch zu Hause warst, zu einer Freundin gesagt, dass du sicher seiest, ich würde mich später einmal um dich kümmern. Das sagtest du, obwohl wir zu diesem Zeitpunkt schon jahrelang so gut wie keinen Kontakt gehabt und einander nur ein-, zweimal bei familiären Anlässen gesehen, jedoch kaum miteinander gesprochen hatten. Doch die Wege Gottes sind verschlungen, und alles fügt sich, wie es sein soll. Es ist eigenartig: Heute ist es wenige Wochen her, dass du gegangen bist, und doch kommt es mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Dein Zimmer im Heim ist inzwischen wieder belegt, ein altes Ehepaar hat dort sein wohl letztes Domizil aufgeschlagen. Nichts mehr erinnert an dich, doch als ich heute im Heim war, um andere Bewohner zu besuchen, schien alles unverändert. Die alten Leutchen freuen sich, mich zu sehen, sind doch meine täglichen Besuche im Laufe der vielen Jahre zu einem Fixpunkt auch in ihrem Leben geworden, eine willkommene Abwechslung im täglichen Einerlei. Ich habe sie alle irgendwie ins Herz geschlossen – obwohl von der „alten Garde“, deinen Weggefährten, nur mehr ganz wenige am Leben sind; die meisten sind dir vorausgegangen.

Du hast mein Leben bereichert, auch wenn viele das wahrscheinlich nicht nachempfinden können. Du hast mir in deinem Leiden und vor allem auch in deinem Sterben bewusst gemacht, wie unendlich vergänglich Gesundheit, Reichtum, Erfolg sind. Wie schnell sich das Leben reduzieren kann auf vier Wände, einen Rollstuhl, die Abhängigkeit von anderen. Dass auch der erfolgreichste Mensch zu einem hilflosen Körper werden kann, der gewaschen, gewindelt und gefüttert werden muss. Durch dich habe ich jedoch gelernt, dass auch ein solches Leben noch lebenswert sein kann. Habe die Erfahrung machen dürfen, dass sich bei Menschen in deinem Zustand alles über die Berührung, die Stimme, den Augenkontakt abspielt. Dass ich bis zu deinem letzten Atemzug bei dir sein durfte, empfinde ich als eine Gnade. Noch immer habe ich deinen ausgemergelten Körper vor Augen, als wir dich in der Nacht vor deinem Tod gemeinsam mit einem Pfleger umlagerten. Noch einmal öffnetest du die Augen, die nichts mehr sahen, jede Bewegung tat dir sicher weh, aber du hast unsere Stimmen und Berührungen gespürt und wusstest, dass wir dich nicht alleine lassen würden.

Ich danke dir für die Zeit, die ich mit dir verbringen, für das, was ich dabei lernen und für mein weiteres Leben mitnehmen durfte. All jenen, die einen Angehörigen in ähnlicher Situation haben, möchte ich die Berührungsängste nehmen, ihnen sagen, wie schön und erfüllend es sein kann, einen Menschen zu begleiten, der, nach den wirklich ver-rückten Maßstäben unserer auf Erfolg und Geld fixierten Gesellschaft „wertlos“ geworden ist. Die Liebe und Zuneigung, die wir schenken, bekommen wir doppelt und dreifach zurück, und sie ist mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen.

G. Schneider, Wien, psychopraxis. neuropraxis 1/2009

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