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Prof. Dr. Thomas Stompe Universitätsklinik für Psychiatrie, MedUni Wien
 
Psychiatrie und Psychotherapie 27. November 2011

Ist der freie Wille wirklich willensfrei?

Mit der „Abschaffung“ des freien Willens ginge die Basis der normativen Ethik verloren.

Die Diskussion über die Frage nach der Existenz der Willensfreiheit ist so alt wie das Denken über die Bedingungen des Menschseins. Während dieser Diskurs bis zur Schwelle der ersten Moderne vorwiegend zwischen verschiedenen Richtungen der Philosophie, der Theologie und der Rechtswissenschaften geführt wurde, meldeten sich in den letzten beiden Jahrhunderten die aufstrebenden Natur- und Sozialwissenschaften zu diesem Thema zu Wort.

 

Es gehört zur Grunderfahrung des Menschen, dass er sich als frei erlebt und sein Handeln auf die Selbstbestimmung seines eigenen Willens zurückführt; sofern wir keinem äußeren oder inneren Zwang unterliegen, erfahren wir uns selbst als Urheber unserer Handlungen. Obwohl die Erfahrung der Freiheit unbezweifelbar in unserem Selbsterleben verankert ist, bleibt sie ein zweideutiges Phänomen, da wir in unseren Willensentscheidungen von vielfachen inneren und äußeren Faktoren abhängig sind. Die Diskussion über die Frage nach der Existenz der Willensfreiheit ist so alt wie das Denken über die Bedingungen des Menschseins. Die Argumente, die die gegenwärtige Diskussion beherrschen, finden sich in ähnlicher Form bereits in der griechischen Antike. Während dieser Diskurs bis zur Schwelle der ersten Moderne vorwiegend zwischen verschiedenen Richtungen der Philosophie, der Theologie und der Rechtswissenschaften geführt wurde, meldeten sich in den letzten beiden Jahrhunderten die aufstrebenden Natur- und Sozialwissenschaften zu diesem Thema zu Wort.

Inmitten einer komplexen Gemengelage von Wünschen, Empfindungen, Triebregungen, emotionalen Ich-Zuständen und Umwelteinflüssen lässt sich das „Ich selbst“ meiner Entscheidungen und Willensakte oftmals nicht eindeutig ausmachen. Aktualität gewinnt diese Diskussion, da mit der endgültigen „Abschaffung“ des freien Willens die entscheidende Basis der normativen Ethik verloren ginge. Die Auswirkungen auf die Gesellschaft im Allgemeinen und das Rechtssystem im Speziellen wären (un)absehbar.

Bedingungen der freien Entscheidung

Damit eine Entscheidung als frei gelten kann, müssen folgende Bedingungen erfüllt sein:

  1. Die Fähigkeit eines Subjekts, gegenüber externen Determinanten autonom über die eigenen Willensakte zu verfügen (Autonomieprinzip).
  2. Die Urheberschaft durch das Subjekt als Erstverursacher einer Kausalkette (Urheberprinzip).
  3. Der Handelnde hätte den zugrunde liegenden Willensakt unterlassen können (Deliberationsprinzip).
  4. Das Subjekt hätte unter identischen Umständen auch anders handeln können (Prinzip der alternativen Möglichkeiten).
  5. Freiwillige Handlungen müssen durch Bezug auf die Vernunft erklärt werden (Intelligibilitätsprinzip).

Gegenwärtig werden zwei Positionen diskutiert, die sich durch die verschiedenen Disziplinen ziehen, die sich mit dem Problem des freien Willens auseinandersetzen.

Inkompatibilismus

Der freie Wille ist von zwei Seiten bedroht: eine absolute Festlegung, die bis in die einzelnen Handlungen hineinreicht (harter Determinismus) und eine absolute Freiheit von Festlegungen (Libertarianimus), die letztlich ebenfalls nicht mit dem freien Willen zu vereinbaren ist, da ohne Determinismus keine Person vorhanden ist, die eine freie Entscheidung treffen kann. Handlungen werden unter diesen Bedingungen zu chaotischen, wenn nicht sogar stochastischen Prozessen. Neuere Vertreter eines radikalen und damit inkompatibilistischen Libertarianimus stützen sich auf quantenphysikalische Theorien. Im Reich der Quanten dominieren chaotische und probabilistische Eigenschaften, die alle Prozesse der darüber liegenden Ebenen beeinflussen. Die Ereignisse in unserem Universum erscheinen danach als Resultat von Zufallsprozessen mit bestimmten Wahrscheinlichkeitsverteilungen der Ergebnisse bei Wiederholungen von Prozessen gleichen Typs.

Die jüngsten deterministischen Angriffe gegen die Theorie der Willensfreiheit erfolgten durch radikale Vertreter der Hirnforschung wie Wolf Singer, Gerhard Roth oder Hans Markowitsch. Durch den Einsatz moderner bildgebender Verfahren, vor allem PET und fMRT, ist es möglich geworden, die neurobiologischen Korrelate des Prozesses der Entscheidungsbildung zu beobachten. Nach dem gegenwärtigen Erklärungsmodell der Hirnforschung über die Steuerung der Willkürmotorik hat der originäre Antrieb für unser Verhalten einen subkortikalen Ursprung – er entsteht im limbischen Bewertungs- und Gedächtnissystem. Dieses aktiviert die Basalganglien und das Kleinhirn, die wiederum die kortikalen Prozesse in Gang setzen. Dann erst setzt die Empfindung ein, etwas zu wollen. Neuere Untersuchungen zeigten, dass auch höhere Hirnzentren wie der vordere fronto-polare Kortex wichtig für die unbewusste Generation „freier“ Willensentscheidungen sind.

Kompatibilismus

In den letzten 20 Jahren betonen viele Philosophen wie David Chalmers, Harry Frankfurt oder Peter Bieri, aber auch Hirnforscher wie Northoff, dass Determinismus und Willensfreiheit nicht im Widerspruch zueinander stehen, sondern die von den Sozial- und Naturwissenschaften beschriebenen phylo- und ontogenetischen Entwicklungsdeterminanten geradezu eine Vorbedingung für die Willensbildung darstellen. Die biologischen, psychologischen und sozialen Restriktionen menschlichen Handelns wurden bereits zwischen 1850 und 1910 von Darwin, Freud und Marx dargelegt. Sie sind allerdings weniger als kausale „Alles-oder-nichts-Determinationen“, sondern eher als „Bedingungen“, „Treiber“ und vor allem „Limitierungen“, „Restriktionen“ oder „Hemmfaktoren“ der Optionen menschlichen Handelns zu sehen.

Der „Kompatibilismus“ wird auch als „weicher“ Determinismus bezeichnet. Dieser schließt für den Fall des Vorliegens eines Determinismus eine freie Willensentscheidung nicht aus. Entscheidungsgrundlagen sind die in einem bestimmten Augenblick gerade herrschenden Bedingungen äußerer wie innerer Natur. Auch Kompatibilisten halten eine Entscheidung ohne Bedingungen (wie von Inkompatibilisten postuliert) für einen reinen Zufall, was Verantwortung geradezu aufhebe. Eine absolute Freiheit wäre danach eine von der Umwelt isolierte Freiheit. Freiheit in einem relationalen Sinne hingegen ist die Möglichkeit der Entwicklung von verschiedenen Relationen zwischen Organismus und Umwelt. Freiheit in einem relationalen Sinne ist immer eine relative umwelt- und kontextgebundene Freiheit und daher nicht eine absolute und kontextunabhängige Freiheit. Ein zukünftiges Konzept der relationalen Freiheit muss somit verschiedene alternative Möglichkeiten der Kopplung zwischen Organismus und Umwelt beschreiben und theoretisch integrieren.

 

Literatur beim Verfasser.

 

Prof. Dr. Stompe hält am 8. Dezember am Menopausekongress (Wissenschaftliche Sitzung „Genetik-Epigenetik“) einen Vortrag über dieses Thema.
Weitere Informationen: 
www.menopausekongress.at

 

Von Th. Stompe , Ärzte Woche 47 /2011

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