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H. G. Zapotoczky

Abb. 1: Verteilung von Flüchtlingen, Immigranten und Fremdarbeitern in Österreich

 

Migration – Folgewirkungen in der nachfolgenden Generation

Einleitung

Zum Zeitpunkt der Erhebung von Unterlagen zu diesem Referat standen in Österreich lediglich Daten aus den Jahren 1996 und 1997 zur Verfügung; sie betrafen Flüchtlinge, Immigranten und Fremdarbeiter (Migrant-Workers) und ließen folgende Verteilungen erkennen:

34 % kamen aus der Türkei, 24 % aus Bosnien und Herzegowina, 22,9 % aus Serbien und Montenegro, 9,6 % aus Kroatien (Abb. 1).

Die Zahlen lassen Rückschlüsse auf die politische Situation der Balkanstaaten nach dem Krieg in Jugoslawien zu. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen 2006 weist weltweit 191 Million Migranten aus, was auf einen Kontinent-übergreifenden Ansturm von Menschen schließen lässt, die ihre Heimat verlassen müssen. In Österreich stammen die meisten Migranten aus „traditionsgeleiteten Gesellschaften“ (Riesman, 1966) mit islamischer Religion und Kultur. Nach Khoshrouy-Sefat (2007) muss Migration als traumatisches Geschehen aufgefasst werden. Am Beginn der Migrationszeit wird der Migrant von folgenden Hauptängsten gequält: Existentielle Ängste wie Unsicherheit, lebensbedrohende Umstände, fragliche Zukunftsorientierung, Reemmigrationsdruck, Ausweisungsbedrohung. Ferner Identitätskrisen, wie Entwurzelungserlebnisse, Verlust von Bezugspersonen, Verlustgefühle allgemein, Heimweh, Rollenverluste, Rollenverhalten, Generationskonflikte und zuletzt: Kulturschock aufgrund ethnokultureller Unterschiede.

Posttraumatische Belastungssituation

Mit diesen geschilderten Ängsten am Beginn der Migration wird in der Regel ein Mensch konfrontiert, der auch eine ereignisreiche und psychisch belastende Zeit während seiner Migration erlebt hat. Diese unterscheidet sich meist grundlegend von einer herkömmlichen Reise ins Ausland. Die Belastungssituation, die posttraumatische Dimensionen annehmen kann, wird durch mehrere Faktoren aufrecht erhalten:

Zunächst müssen Migranten mit unterschiedlichen politischen, sozialen, ökonomischen und persönlichen Gründen, die den Wechsel aus dem ursprünglichen soziokulturellen Raum in einen anderen – oder sogar mehreren – mitbedingt haben, fertig werden. Sie erleben Fremdsein und erleben sich selbst als fremd, schließlich haben sie Abschied, Trennung und Verlust von Heimat, Freunden und Verwandten erfahren. Nicht zuletzt haben sie auch die Geborgenheit in ihrer Muttersprache entbehren müssen. Sie erfahren auch unterschiedliche kulturspezifische Ausformungen ihres sozialen Lebens, andere erlaubte oder nicht erlaubte Formen ihrer Triebbefriedigung (Kohte-Meyer, 2008). Das führt zum Gefühl der Illoyalität gegenüber verlassenen Eltern und Geschwistern, zur Angst vor Verlust der individuellen und kulturellen Identität, zur Angst vor Neugestaltung der kulturspezifischen Ausformung ihres sozialen Lebens. Der Assimilationsdruck der Aufnahmegesellschaft (allein schon die Anforderungen der Administration) steigt in bisher nicht erlebtem Ausmaß an. Diese heftigen Belastungen haben das Ausmaß eines Traumas (Grinberg und Grinberg, 1990). Man kann daher mit guter Begründung von posttraumatischen Belastungsstörungen sprechen, denen Migranten ausgesetzt sind. Als erste Beeinträchtigung wurden bei Migranten der ersten Generation eine Tendenz zu vermehrter Somatisierungsneigung und eine signifikant erhöhte Kränkbarkeit im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung erhoben (Behrens, Machleidt und andere, 2007).

Posttraumatische Belastungsstörung

In Tabelle 1 sind posttraumatische Belastungsstörungen in der Allgemeinbevölkerung und komorbide Belastungsstörungen bei bipolaren, schizophrenen, schizoaffektiven und Persönlichkeitsstörungen zusammengestellt (Vauth u. Nyberg, 2007). Zieht man im Vergleich Migranten der ersten Generation heran, die vor allem aus Polen, der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien kamen und seit durchschnittlich 18,2 Jahren in Deutschland lebten, ergibt sich folgendes Bild (Behrens, Callies, 2008):

25,5 % (14 Patienten) wiesen die Diagnosen „Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen“ auf, 38,2 % (21 Patienten) „affektive Erkrankungen“. Wenn insgesamt auch nur eine umschriebene Anzahl von Patienten erfasst wurde (nämlich 55 Patienten), finden sich doch Annäherungen an die oben erwähnten Zahlen. Offenbar stellen Traumata einen unspezifischen Vulnerabilitätsfaktor da, der die Entwicklungen der späteren Schizophrenie beeinflussen kann (Vauth und Nyberg, 2007).

So hebt Leyer bereits 1991 hervor, „die Verarbeitung der Migration ist ein langer, oft lebenslanger Prozess“ (wie dies bei vielen traumatischen Stresserlebnissen der Fall ist) und fährt fort: „und wirkt häufig bis in die 5. Generation einer Familie hinein“.

Psychische Beeinträchtigungen bei Migranten der 2. Generation

Die Grunderfahrungen der nachfolgenden Generation (Töchter – Söhne) von eingewanderten bestehen zunächst ganz allgemein darin, dass für sie von vorn herein festgelegt ist, welcher Kulturkreis fortschrittlicher ist. Die Entscheidung fällt zugunsten desjenigen aus, in dem sie aufgewachsen sind und leben. Insofern sind sie auch Hoffnungsträger ihrer Eltern, die eingewandert sind und die von der nachfolgenden Generation als unsicher erlebt werden. Die zweite Generation steht als Vermittlerin zur Verfügung, die zwischen Ärzten, Behörden, etc. und den Eltern ausgleichen muss und dadurch Neidgefühle der Eltern hervorrufen können. Meistens spricht die nachfolgende Generation auch besser deutsch als ihre Eltern (Scheifele, 2008).

Darauf, dass die zweite Generation zwar kulturelle Gegebenheiten kennenlernen und erfahren kann, jedoch an der Ausbildung von verbildeten Fantasien Mängel aufweist, und so den symbolischen Bedeutungserhalt (die Software) nicht erfassen kann, hat Bautista (2008) hingewiesen.

So gerät die zweite Generation von Einwanderern in eine doppelte Stresssituation: Einerseits ist sie mit den Erfolgserwartungen ihrer Eltern konfrontiert, die sie – trotz immer wieder herausgeschobener Rückkehr (oder gerade deswegen) – nicht verwirklichen konnten, zum anderen muss sie ihre eigenen Chancen im Aufnahmeland wahrnehmen, die persönliche psychische Interessen, berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, Partnerschaften, etc. betreffen (Apitsch, 2008).

Diese Belastungen können zu psychischen Fehlentwicklungen und Einengungen führen. Eine Folge davon sind Suizide und Suizidversuche.

Yilmaz und Riecher-Rössler (2008) haben 70 ImmigrantInnen aus der Türkei mit Wohnsitz Basel-Stadt untersucht, 35,7 % von ihnen gehörten der ersten Generation, 64,3 % der zweiten Generation an, die aus 45 Patienten (34 Frauen, 11 Männer) bestand. Die Zuordnung zur zweiten Generation wurde durch das Einreisealter von 19 Jahren oder jünger festgelegt; ihr Alter beim Suizidversuch betrug 22,6 Jahre, ihr Einreisealter 14 Jahre, ihr Alter beim ersten Suizidversuch 22,4 Jahre. 8 von den 45 Patienten (17,8 %) verübten bereits mehrfach Suizidversuche. Der zeitliche Abstand Migration – erster Suizidversuch betrug 8,4 Jahre.

Die Suizidversuche wurden vorwiegend mit Schmerzmitteln verübt. Als Hauptprobleme konnten die Überlebenden Beziehungsprobleme mit dem Partner (64,4 %) anführen, ferner Probleme mit den Eltern (20 %); 2 Patienten (4,4 %) wurde eine Ausweisung angedroht, 5 Patientinnen (11,1 %) sahen sich als Opfer von Gewaltanwendungen.

 

Zusammenfassend interpretierten die Untersucher ihre Ergebnisse „mit Vorsicht“:

 

  • Erfolgte die Immigration der Adoleszenz zwischen 15 und 19 Jahren, beträgt die Rate der Suizidversuche 36,9 %. Sie ist deutlich überrepräsentiert, offenbar eine Folge von psychosozialen Belastungen, von Trennungserfahrungen und Identitätskrisen.

 

In der Gruppe der zweiten Migrantengeneration ist das Suizidrisiko bei jüngeren Frauen besonders hoch. Ihr Anteil ist höher als der altersentsprechende Frauenanteil der Schweizer Bevölkerung. Dafür können mehrere Faktoren zur Erklärung herangezogen werden:

 

  • Welche Rolle spielen jüngere Emigrantinnen in der neuen Umgebung?
  • Wie groß ist die Fähigkeit zur Autonomie und Selbstbestimmung ausgeprägt?
  • Welche Bedeutung kommt dem Phänomen der Zwangsheirat zu?

 

Gewalt spielt bei diesen Frauen eine große Rolle. Jedenfalls können die Suizidversuche als Möglichkeit interpretiert werden, ein Ziel zu verfolgen, das durch die aktuellen und erwarteten Folgen eine Veränderung der Situation bewirkt. Ein Hilfeschrei – auf den die Gesellschaft – auch die angestammte – Nicht-Immigrantengesellschaft – entsprechend antworten sollte.

Therapeutische Situationen

Gegenüber Migranten wird unsere kulturbedingt eingefahrene therapeutische Arbeit in Frage gestellt. Sie muss die Vielfalt verschiedener kultureller Repräsentationen berücksichtigen. Das trifft nicht nur die Arbeit mit Immigranten, die psychotherapeutische Bemühungen um ältere Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass die älteren in einer eigenen Subkultur leben, an die jüngere Psychotherapeuten nicht oder nur schwer herankommen. Vorstellungen, Wünsche, Denkweisen und Phantasien der älteren Menschen unterscheiden sich oft grundsätzlich von denen jüngerer. Erst recht ist dieses Phänomen bei Menschen ausgeprägt, die von vorne herein einem anderen Kulturkreis entstammen.

Man kann daher der intrakulturellen Therapiesituation, die auf denselben kulturellen Repräsentationen beruht, eine transkulturelle gegenüberstellen. Im traditionsgebundenen christlichen Abendland wird dazu aufgefordert „du sollst deine Eltern ehren, damit es dir wohl ergehe auf Erden …“, in der islamischen Kultur wird „du sollst deine Eltern zufriedenstellen“ überliefert. Demnach ist für einen Moslem die Zufriedenheit der Eltern das höchst seligmachende Ziel im Leben (Houshang Khoshrouy-Sefat, 2007). Hier kommt die kulturelle Ebene zum Tragen, d.h. verschiedene kulturelle Repräsentationen werden entsprechend thematisiert.

Von ihr kann noch eine idiosynkratische Ebene differenziert werden. Diese beruht darauf, dass diese Repräsentationen auch noch auf persönliche Art und Weise interpretiert werden können. Interpretationen können verbal wie averbal (in der Mimik, Gestik, im Verhalten) zum Ausdruck kommen. Dieser Ansatz der Teilung in kulturelle und idiosynkratische Ebenen manifestiert die „Ethnopsychoanalyse“, die sich um die Einbeziehung der „Pluralität kultureller Repräsentationen in den therapeutischen Bereich“ (Sturm, 2008) bemüht. Angesicht der weltweiten Einbeziehung von kulturell-lokalisierten Besonderheiten (kulturelle Globalisierung) und dem Phänomen, dass interkulturelle Begegnungen durch die größere Mobilität zunehmen, kommt Ethnopsychotherapie eine immer größere Bedeutung zu.

Ausblick

Eine differenzierte Erfassung von Immigranten je nach ihrem Herkunftsland trägt zum Verständnis dieser Menschen entscheidend bei, fördert den Umgang mit ihnen und hilft Schwierigkeiten mit ihnen abzubauen. Der Kontakt mit Immigranten kann Lebensprozesse in uns anstoßen und fördern. Es könnte dadurch möglich sein, dass wir Randgruppen in unserer Gesellschaft besser verstehen und zu akzeptieren lernen; unser Sehvermögen für Unterschiede in unserer Gesellschaft könnte gesteigert werden und unserer Toleranz gegenüber dem Fremden, was immer das sein kann, wachsen.

Nicht zuletzt bringt uns eine Änderung unserer Einstellung und Haltung gegenüber Immigranten neue Ideen und Einsichten: Sie gestalten unser Leben aufregend bunter und abwechslungsreicher und gewährleisten schließlich auch den Erhalt unseres Sozialsystems. Und das sollte uns wichtig sein. So erhält das Fremde, das auf uns zukommt und das wir akzeptieren unser Eigenes.

 

3. 7. 2010

Vortrag gehalten von Prof. Dr. Hans Georg Zapotoczky im Rahmen des Symposiums „Das Fremde im Eigenen – Das Meinige im Fremden“, 28. 3. 2009, in Graz

Apitsch U. Zur Dialektik der Familienbeziehungen und zu Gender-Differenzen innerhalb der zweiten Generation; In: Sigrid Scheifele (Hg.) Migration und Psyche, Psychosozial-Verlag, Gießen, 2008

Bautista I. B. Ambiguität, Angst und Fantasien im Kontakt mit Ausländern; In: Sigrid Scheifele (Hg.) Migration und Psyche, Psychosozial-Verlag, Gießen, 2008

Behrens K., Machleidt W., Haltenhof H., Ziegenbein M., Callies I. T. Somatisierung und Kränkbarkeit bei Migranten im psychiatrisch-psychotherapeutischen Setting; Nervenheilkunde, 7, 639-643, 2008

Behrens K., Callies I. T. Gleichbehandlung ohne gleiche Behandlung; Zur Notwendigkeit der Modifikation therapeutischer Strategien für die Arbeit mit Migranten; Fortschr. Neurol. Psychiatr., 76, 725-733, 2008

Bevökerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) siehe HOUSHANG KHOSHROUY-SEFAT

European Refugees, Immigrants and Migrant Workers in Austria 96/97 www.2.vobs.at/gassner/L2Min/Refugees.gif

Grinberg L., Grinberg R. Die Psychoanalyse der Migration und des Exils; Verlag Internationale Psychoanalyse; München, Wien, 1990

Houshang Khoshrouy-Sefat: Migration und seelische Krankheit; Z. f. Individualpsychol. 32, 3, 245-264, 2007

Kohte-Meyer J. Vernehmen und Erreichen – psychoanalytische Begegnung im transkulturellen Raum; In: Sigrid Scheifele (Hg.) Migration und Psyche, Psychosozial-Verlag, Gießen, 2008

Leyer E. M. Migration, Kulturkonflikt und Krankheit (Beiträge zur psychologischen Forschung Bd. 24), Opladen, Westdeutscher Verlag, 1991

Riesman D. Die einsame Masse; Hamburg, Rowohlt, 1966

Scheifele S. Migration und Psyche – Aufbrüche und Erschütterungen; In: Sigrid Scheifele (Hg.) Migration und Psyche, Psychosozial-Verlag, Gießen, 2008

Sturm G. Die transkulturelle Psychotherapie nach Marie Rose Moro; In: Sigrid Scheifele (Hg.) Migration und Psyche, Psychosozial-Verlag, Gießen, 2008

Vauth R., Nyberg E. Unbehandelte Posttraumatische Belastungsstörungen bei schizophrenen Störungen: eine Hypothek auf die Zukunft?; Fortschr. Neurol. Psychiat., 75, 463-472, 2007

Yilmaz T. A., Riecher-Rössler A. Suizidversuche in der ersten und zweiten Generation der Immigrationen aus der Türkei; Neuropsychiatrie, 22, 261-267, 2008

In Memoriam Prof. Dr. Hans Georg Zapotoczky
Am 3. 7. 2010 ist Prof. Dr. Hans Georg Zapotoczky im 78. Lebensjahr unerwartet verstorben. In einem Nachruf wurde er als profilierter und engagierter Wissenschafter beschrieben, der „mit seinem humanistischen Menschenbild das Berufsbild des Psychiaters gewandelt und die Psychiatrie in Österreich nachhaltig geprägt hat.“ Beim hier publizierten Text handelt es sich um einen Vortrag, den Prof. Zapotoczky im Rahmen des Symposiums „Das Fremde im Eigenen – Das Meinige im Fremden“ am 28. 3. 2009 in Graz gehalten hat. „Migration“ – ein Thema, dem sich der Humanist Prof. Zapotoczky in diesem Text gewidmet hat, und das heute mehr Aktualität besitzt, denn je.

H. G. Zapotoczky† , psychopraxis. neuropraxis 4/2011

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