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Foto: Stefan Badegruber
Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek Facharzt für Neurologie, systemischer Coach, Medizinischer Leiter des Gesundheitszentrums The Tree, Gründer des Beratungsunternehmens Medical Coaching, Masterausbildung in Systemischem Coaching an der Europäischen Ausbildung
Foto: Stefan Badegruber

Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek Facharzt für Neurologie, systemischer Coach, Medizinischer Leiter des Gesundheitszentrums The Tree, Gründer des Beratungsunternehmens Medical Coaching, Masterausbildung in Systemischem Coaching an der Europäischen Ausbildungsakademie

 

Begleitung auf gleicher Augenhöhe

Coaching kann wie ein Dietrich, der für viele Schlösser passt, die Lösung für viele verschiedene Probleme bieten.

Coaching stellt eine neue und auch den Arzt bereichernde Kommunikationsart dar. Die Methode kann u.a. bei Burnout (BO) in den therapeutischen Ansatz integriert werden. „Ärztliches Coaching ist eine wunderbare ergänzende Form der Begleitung und ermöglicht mir, mein Arztsein in einer wesentlich umfassenderen Weise zu leben. Da die Methode die ursprüngliche Intention der Medizin berücksichtigt, den Patienten in seiner Gesamtheit zu betreuen, ist sie für mich ein ganzheitsmedizinischer Ansatz der anderen Art“, betont der Neurologe und Coach Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek.

 

Im Interview mit der Ärzte Woche erläutert der Wiener Experte, wie Ärzte von Burnout betroffenen Patienten helfen können, aber auch, wie sie ihre eigene BO-Gefährdung einschätzen und beeinflussen können.

 

Ist Coaching die Antwort auf eine bis dato unzureichende Arzt-Patienten-Kommunikation?

LALOUSCHEK: Ich glaube, dass Coaching eine wertvolle Bereicherung oder ein neuer zusätzlicher Weg in der Kommunikation sein kann. Weil eine Erkrankung für einen Patienten nicht nur das Stellen einer Diagnose und das Einnehmen von Medikamenten bedeutet, sondern eine Vielzahl anderer Aspekte umfasst: Umgang mit Ängsten und Sorgen, berufliche und private Aspekte, für deren Bewältigung ihm ein Arzt, der auch als Coach zur Verfügung steht, sehr hilfreich sein kann. Denn Coaching ist eine sehr lösungs- und zielorientierte Beratungsform, in der grundsätzlich Berater und Beratener auf Augenhöhe miteinander sprechen – der Arzt hier gerade einmal nicht in seiner üblichen Rolle als Experte, der eine Empfehlung abgibt, nach dem Motto: Sie zeigen mir Ihr Problem und ich sage Ihnen, was Sie tun sollen.

 

Was bedeutet „gleiche Augenhöhe“ im Vergleich zur herkömmlichen Arzt-Patienten-Kommunikation?

LALOUSCHEK: Coaching – im Speziellen das systemische Coaching, welches mein Ansatz ist – arbeitet kaum mit Ratschlägen. Es gibt den Satz: Jeder Ratschlag ist auch ein Schlag – bestes Beispiel: „Sie sollten mehr Bewegung machen und weniger essen.“ Ich stelle viele und auch ungewöhnliche Fragen, mit der Absicht, dass der Patient klarer sieht, was sein Ziel ist. Wir entwickeln dann gemeinsam Schritte, damit er dorthin kommt. Eine Frage von mir lautet etwa: „Angenommen, Sie würden in meinem Sessel sitzen, was würden Sie sich wohl raten, oder was könnten Sie tun, um Ihre Situation noch zu verschlimmern?“

Im Arzt-Patienten-Verhältnis gibt es eine Vielzahl von Aspekten, wo der Arzt als Experte gefragt ist. Aber es gibt auch viele Aspekte der Erkrankung, wo ich dem Patienten durch gezielte, auch ungewöhnliche und neue Perspektiven öffnende Fragen hilfreicher sein kann. Denn gute Ratschläge kriegen wir alle ohnedies genug.

 

Geht die Methodik in Richtung psychotherapeutische Gesprächspraxis bzw. welche Arten neben systemischem Coaching gibt es noch?

LALOUSCHEK: Es gibt beispielsweise das Fachcoaching, wo vorausgesetzt wird, dass der Coach in dem Bereich, wo er coacht, selbst Fachexperte ist. Er bringt selbst das Fachwissen mit und hat auch die Möglichkeit, direktiv zu sein und Lösungsvorschläge vorzugeben. Der systemische Ansatz versucht vor allem, dem Gecoachten immer wieder neue Perspektiven zu vermitteln. Wir gehen davon aus, dass man ein Problem nicht immer möglichst genau analysieren muss, um es gut lösen zu können. Coaching kann keinesfalls Ersatz für eine Psychotherapie sein (siehe Kasten 1). Ich selbst bin kein Psychotherapeut. Wenn ich auf Themen wie etwa alte Traumata stoße, dann verweise ich bei Bedarf weiter.

Im technischen Sinn ist Coaching ein Ansatz, der sich sehr pragmatisch entwickelt hat. Es wurden auch Ansätze aus verschiedenen psychotherapeutischen Schulen übernommen, die gut funktionieren – warum sollte man sie nicht in einem anderen Setting anwenden? Beispielsweise bei der Technik des „zirkulären Fragens“ frage ich den Patienten nicht, was er zu dem Problem meint, sondern, was er an meiner Stelle sagen würde oder was wohl sein bester Freund dazu meinen würde. Ich lade ihn ein, ein bisschen um die Ecke zu denken.

Einer der Begründer der Kurzzeittherapie hat einmal gesagt: „Es gibt sehr, sehr viele verschiedene Probleme, aber es gibt deswegen nicht notwendigerweise genauso viele verschiedene Lösungen. Sondern Lösungen können auch wie Dietriche sein, wo eine Lösung in verschiedene Schlösser passt.“

Bei vielen Krankheiten muss vor der Behandlung eine Diagnose gestellt werden. Es gibt aber eine andere Art von Problemen, wo es weniger darum geht, die genaue Ursache festzustellen. Beispiel: ein MS-Patient mit Angst vor dem nächsten Schub. Er fängt wenig damit an, wenn ich analysiere, warum er diese Angst hat, und ich quasi in die Vergangenheit frage. Stattdessen frage ich: „Was wäre für Sie anders, wenn Sie weniger Angst hätten, was wäre statt der Angst da? Wann ist es Ihnen schon gelungen, besser mit der Angst umzugehen, was hilft Ihnen dabei? Was möchten Sie statt der Angst erreichen?“ Ich frage also möglichst konsequent auf einer Ziel- und Lösungsebene, weil das auch in meinem Gegenüber eine veränderte Haltung bewirkt und eine sehr viel bessere Ressourcen-Orientierung ermöglicht.

 

Existieren Richtlinien zu Frequenz und Dauer?

LALOUSCHEK: Der Coaching-Ansatz impliziert, dass Menschen, die zu mir kommen, eine ausreichende Selbstkompetenz haben. Daher richte ich mich in der Wahl der Behandlungsfrequenz sehr stark nach dem Gefühl und den Wünschen meiner Patienten. Falls ich den Eindruck habe, er sei nicht ausreichend selbstkompetent oder gar selbstgefährdend, werde ich direktiver – dann nehme ich natürlich auch wieder die ärztliche Rolle ein. Aber grundsätzlich richte ich mich nach den Vorstellungen der Klienten. Eine durchschnittliche Frequenz ist z.B. alle drei Wochen über ein halbes Jahr, also in der Regel niederfrequenter als eine Psychotherapie.

 

Ist Burnout ein Facharzt-Problem oder sind Hausärzte die erste Anlaufstelle für Patienten?

LALOUSCHEK: Ich glaube, dass die Hausärzte hier sicher eine Schlüsselfunktion haben, denn sie sehen die Mehrzahl der Patienten und kennen sie in der Regel auch über einen gewissen Zeitraum. Sie können Veränderungen wahrnehmen, die der Facharzt bei einmaligem Besuch möglicherweise gar nicht erkennt.

 

Aus welchen Symptomen kann der Hausarzt schließen, dass der Patient BO-gefährdet ist?

LALOUSCHEK: Generell sind drei Kernsymptome von BO definiert: 1. emotionale Erschöpfung, ein Gefühl des Ausgelaugt- und Ausgebranntseins, Unfähigkeit, freudige Gefühle zu empfinden. 2. kommt es zu Ineffizienz verbunden mit Leistungsabfall, und 3. je nach Beruf, beispielsweise bei sozialen Berufen spricht man von Dehumanisierung: eine negative Einstellung gegenüber Menschen, die einen beruflich kontaktieren, bis hin zu schwerem Zynismus.

Weiters ist BO mit einer Vielzahl anderer Symptome vergesellschaftet, auf der kognitiven Ebene mit psychosomatischen Beschwerden, Schlafstörungen, Konzentrations- und Gedächtnisproblemen. Auf emotionaler Ebene findet sich eine depressive Grundstimmung häufig gepaart mit Nervosität und Gereiztheit. Auf der Verhaltensebene steht in den Anfangsphasen Überaktivität im Vordergrund, die später in beruflichen und sozialen Rückzug und vermehrtes Suchtverhalten übergehen kann.

 

Welche gezielten Fragen kann ein Arzt nach BO-Symptomen stellen?

LALOUSCHEK: Ein Kernpunkt ist immer der Schlaf – ein sehr guter Parameter für die Befindlichkeit. Dann die Frage nach der Grundstimmung in den letzten Wochen, auch nach der Berufszufriedenheit. Wobei ich differenzieren möchte: BO wird generell immer im beruflichen Kontext gesehen. Meiner klinischen Erfahrung nach ist es aber ein Phänomen, das über das Berufliche hinausgeht. Man sollte auch nach außerberuflichen Belastungen fragen.

In frühen BO-Phasen ist Coaching häufig eine sehr gute Möglichkeit, einen Reflexionsraum zu finden, der hilft, aus dieser BO-Dynamik wieder auszusteigen. Bei Patienten in einer späteren Phase mit schwereren Depressionen, Rückzugsverhalten, Depersonalisationsphänomenen oder Suizidalität braucht es andere Unterstützung: den Neurologen oder Psychiater und ein psychotherapeutisches Netzwerk. Generell ist für Hausärzte empfehlenswert, ein entsprechendes Netzwerk an der Hand zu haben. Günstig ist es, zwei oder drei Psychotherapeuten persönlich zu kennen, an die man weiter verweisen kann, sowie ein Instrumentarium an offiziellen Anlaufstationen wie Kriseninterventionszentrum, Frauenberatung etc. – also kostengünstige Erstanlaufstellen, da sich nicht jeder Betroffene einen Wahlarzt oder Wahl-Psychotherapeuten so schnell leisten kann.

 

Das Gespräch führte Mag. Peter Bernthaler

Kasten 1:
Ärztliches Coaching eignet sich für
• generell alle Patientengruppen mit chronischen Erkrankungen (z.B. MS, chronische Nierenkrankheiten), weil es laut Lalouschek „gerade bei diesen Erkrankungen Aspekte gibt, die über das rein Medizinische hinausgehen, betreffend den Umgang mit der Erkrankung und die Auswirkungen, die diese Erkrankung auf das Gesamtleben der Patienten hat.“
• Erkrankungen, die in das Gebiet der Psychosomatik hineinreichen, weil hier Coaching Möglichkeiten gibt, mit den Krankheitssymptomen „fast kreativ-spielerisch umzugehen“.
Kasten 2:
Der Arzt selbst als Burn-out-„Kandidat“
Ärzte zählen zu den höher Gefährdeten im Vergleich zur sonstigen berufstätigen Bevölkerung. „Arbeits- und Zeitdruck trifft auf beide zu, aber im Spitalssystem geht es um Konfliktsituationen im Team, Unfairness, Hierarchien“, erläutert Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek. Im Niedergelassenen-Bereich ist es das Einzelkämpfertum, schwierige Entscheidungen allein treffen zu müssen, sich überrollt zu fühlen von der Patientenmasse, keine Möglichkeit zum Austausch – die Belastungsfaktoren sind also unterschiedlich, können aber letztlich aufs Gleiche hinauslaufen. „Insofern tut es beiden Gruppen gut, sich auch immer wieder Unterstützungsmöglichkeiten zu holen“, so der Experte.
Wissenschaftler charakterisieren die Verdrängung des Problems als eine der BO-Stufen. Lalouschek: „Ich glaube, dass diese Verleugnungstendenz den BO-Prozess generell begleitet, und dass Menschen in späteren BO-Phasen sowohl vor sich selbst als auch vor der Umwelt noch eine gewisse Fassade aufrechterhalten können, aber innerlich schon eine gewisse Hoffnungslosigkeit haben.“
Betroffene kommen oft in eine Situation, wo sie denken, sie müssten, um das Problem zu lösen, ihren Beruf aufgeben. Die Menschen sind gar nicht mehr fähig, differenziert und in Schritten zu denken. Erst wenn sie dann eine Begleitung haben und sehen, dass sich ihre Situation auch in kleinen Schritten, also ohne radikale Lösung, sehr wohl verbessern lässt, stellt sich mehr Offenheit ein.
„Bezüglich des Erkennens der Gefährdung gibt es für mich zwei Ebenen“, meint Lalouschek. „Warnsymptome zu kennen und dann zu beobachten, ob diese bei mir vorliegen: Das Gefühl, nie Zeit zu haben, psychosomatische Beschwerden, Schlafstörungen, das stetige Gefühl, gehetzt zu sein, sehr viele negative Gedanken gegenüber der Arbeit. Auf einer etwas philosophischeren Ebene würde ich empfehlen, sich hin und wieder Zeit für eine Standortbestimmung im eigenen Leben zu nehmen: Wo stehe ich und wie steht es sich dort?“

Peter Bernthaler, Ärzte Woche 14/2009

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