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Psychiatrie und Psychotherapie 13. September 2011

Spitzenplatz für Depressionen

Jeder dritte Europäer hat ernste psychische Probleme. Die Versorgung stagniert.

Etwa 38 Prozent der Europäer hatten im Jahr 2010 eine psychische Störung. Ärztliche Hilfe erhielten nur wenige. Als Gründe dafür werden in einer großen Studie die geringe Akzeptanz psychisch Kranker sowie eine uneinheitliche Versorgung genannt.

Die Autoren der breit angelegten Analyse haben unter Leitung des Dresdner Psychologen Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen alle verfügbaren Studien und Registerdaten zur Prävalenz psychischer und auch neurologischer Erkrankungen in 27 EU-Staaten sowie der Schweiz, Island und Norwegen ausgewertet. Diese Daten wurden mit einer ähnlichen Analyse aus dem Jahr 2005 verglichen. Die Forscher halten psychische Störungen in Europa inzwischen für die größte gesundheitspolitische Herausforderung. Zum einen, weil die Zahl der Betroffenen bislang offenbar unterschätzt wurde und zum anderen, weil die wenigsten ärztliche Hilfe erhalten, und dies auch häufig nicht im Einklang mit den Leitlinien.

In der Analyse wurden mehr als 100 unterschiedliche psychische und neurologische Krankheitsbilder berücksichtigt. Die Studie wurde vom European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) und des European Brain Council (EBC) erstellt und aktuell auf dem ECNP-Kongress in Paris präsentiert.

Demenzen im Kommen

Im Jahr 2010 waren rund 38 Prozent aller Einwohner der EU von einer klinisch bedeutsamen psychischen Störung betroffen. Im Jahr 2005 wurde die Prävalenz noch mit 27 Prozent beziffert. Der Unterschied lässt sich jedoch nicht auf einen Anstieg der Prävalenz zurückführen, vielmehr wurden in der neuen Analyse weitaus mehr Krankheitsbilder berücksichtigt als noch fünf Jahre zuvor. Insgesamt gibt es keine Hinweise auf eine Zu- oder Abnahme bei der Häufigkeit psychischer Störungen. Eine Ausnahme bilden lediglich Demenzen: Hier führt die gestiegene Lebenserwartung zu einer höheren Zahl von Betroffenen.

Die Versorgung von Menschen mit psychischen Störungen hat sich in den vergangenen fünf Jahren nicht verbessert. So erhält bislang höchstens ein Drittel der Betroffenen in der EU in irgendeiner Form professionelle Aufmerksamkeit oder eine Therapie. Bei psychisch Erkrankten startet die Therapie zudem oft erst Jahre nach dem Krankheitsbeginn und entspricht häufig nicht den minimalen Anforderungen.

Die gesellschaftliche Belastung, gemessen als Zahl der Lebensjahre, die mit gesundheitlichen Einschränkungen verbracht werden, ist bei neuropsychiatrischen Erkrankungen weitaus größer als bei irgendeiner anderen Krankheitsgruppe, also auch größer als bei Herz- oder Tumorerkrankungen. Am meisten in Krankheit verbrachte Lebensjahre forderten 2010 unipolare Depressionen (4,3 Millionen Lebensjahre), gefolgt von Demenzen (2,2 Millionen), Alkoholerkrankungen (2 Millionen) und Schlaganfall (1,6 Millionen).

Die Depression führt damit nicht nur einen Spitzenplatz bei den psychischen Erkrankungen an, sondern bei allen Krankheiten in Europa. Insgesamt sind psychische Störungen nach dem Ergebnis der Studie die Ursache für mehr als ein Viertel der krankheitsbedingten gesellschaftlichen Belastungen.

Acht von zehn Süchtigen waren Alkoholiker

Von Angsterkrankungen waren 2010 etwa 14 Prozent der Europäer betroffen, Frauen zweieinhalb Mal so oft wie Männer. Depressionen traten bei knapp sieben Prozent auf, bei Frauen mehr als doppelt so häufig wie bei Männern, dagegen waren 70 Prozent der Suchtkranken Männer. Insgesamt frönten etwa 3,4 Prozent der Europäer einem Substanz-Abusus. 80 Prozent der Süchtigen waren Alkoholiker. Häufig waren auch Schlafstörungen, v. a. Insomnie (bei 7 %) sowie ADHS (bei etwa 5 % der Kinder und Jugendlichen) und Demenzen (bei 5,4% der über 60-Jährigen). An Psychosen und geistigen Behinderungen war dagegen nur jeweils etwa ein Prozent in der Bevölkerung erkrankt, an Essstörungen ein halbes Prozent.

Wittchen, H. U. et al.: The size and burden of mental disorders and other disorders of the brain in Europe 2010. European Neuropsychopharmacology 2011; 21 (9): 655–79

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