zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com
Knapp 900.000 Österreicher konsumieren Alkohol in einem gesundheitsschädlichem Ausmaß, 8.000 pro Jahr sterben an den Folgen.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 19. September 2011

Alkoholabhängigkeit – ein Paradigmenwechsel

Motivationsarbeit und realistische Therapieziele sind die wichtigsten Schritte in der Behandlung alkoholabhängiger Patienten – absolute Abstinenz ist nicht mehr das Ziel.

Alkoholabhängigkeit wird heute weltweit als eine Krankheit akzeptiert. Die absolute Abstinenz ein Leben lang wird jedoch nur von sehr wenigen Kranken eingehalten. Im Rahmen des 13. Kongresses der Europäischen Gesellschaft für Biomedizinische Forschung über Alkoholismus vom 4. bis 7. September 2011 in Wien diskutierten Experten aus über 25 Ländern die neuesten Entwicklungen der Forschung über Alkoholabhängigkeit. Dabei zeichnete sich ein Paradimenwechsel ab – die absolute Abstinenz als wichtigstes Therapieziel steht nicht mehr im Vordergrund.

 

Laut dem Fonds Gesundes Österreich konsumieren knapp 900.000 Österreicher Alkohol in einem gesundheitsschädlichen Ausmaß, etwa 8.000 sterben pro Jahr an den Folgen. Auf EU-Ebene wurde Alkoholmissbrauch bereits als die dritthäufigste Ursache für vorzeitigen Todesfall bzw. eine chronische Erkrankung identifiziert. „Dennoch werden die Empfehlungen internationaler Experten – wie beispielsweise 0,0 Promille beim Autofahren oder Präventionsstrategien zur Reduktion von Suchterkrankungen basierend auf wissenschaftlichen Tatsachen – nur selten umgesetzt“, bedauerte Prof. Dr. Otto Lesch, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Suchtmedizin im Rahmen einer Pressekonferenz anlässlich des 13. Kongresses der Europäischen Gesellschaft für Biomedizinische Forschung über Alkoholismus.

Auch die Angabe von Harmlosigkeits- und Gefährdungsgrenzen stelle nur einen Versuch dar, eine Leitlinie für den Umgang mit Alkohol mit Vermeidung internistischer Folgeschäden zu geben. So liegt die Gefährdungsgrenze bei Männern derzeit bei 60g reinen Akohol/d (1,5 L Bier oder 0,75 L Wein) und bei Frauen bei 40 g (1 L Bier oder 0,5 L Wein). Diese Angaben stützten sich jedoch nur auf Erfahrungen bei älteren Personen, Auswirkungen auf den jugendlichen Organismus seien noch ungenügend untersucht. „Gerade bei Jugendlichen sind diese Mengenangaben im wahrsten Sinne des Wortes mit Vorsicht zu genießen“, so Lesch.

Jugend und Sucht

Psychoaktive Substanzen, allen voran Alkohol, gehören bei Jugendlichen zu üblichen Erfahrungen, wie eine Untersuchung an 18-jährigen Männern zeigt: 70 Prozent schmeckt Alkohol, 30 Prozent trinken Alkohol wegen der Wirkung, bei 15 Prozent besteht ein Alkoholmissbrauch und drei Prozent sind bereits alkoholabhängig.

„Während der Adoleszenz entwickelt sich das neuronale System besonders in jenen Gehirnregionen, die mit Motivation, Impulsivität und Suche nach neuen Reizen assoziiert sind. Das sind auch jene Regionen, die für eine potenzielle Abhängigkeitsentwicklung von zentraler Bedeutung sind. Jugendliche sind daher in zweierlei Hinsicht vulnerabel – für die Adaptation an falsche Rollenbilder und für die Koppelung positiver Erfahrungen an die Einnahme psychoaktiver Substanzen“, betonte Dr. Nestor Kapusta von der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien.

Aktuellste Ergebnisse zeigen auch, dass neben psychischen Erkrankungen bestimmte Persönlichkeitsmerkmale prädisponierend für Alkohol-, Nikotin- und Cannabismissbrauch sind. Jugendliche mit irritablem oder zyklothymem Temperament oder Konzentrationsschwierigkeiten haben ein höheres Risiko, eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln, und bedürfen daher einer frühzeitigen Hilfe.

Suchtprävention müsse nach Ansicht der Experten daher sowohl auf individueller wie auch gemeinschaftlicher Ebene umgesetzt werden. Als Orientierung für Präventionsprogramme sollte die Präventionstrias aus indizierter Prävention bei beinahe Erkrankten und Hochgefährdeten, selektiver Prävention bei gefährdeten Zielgruppen und universaler Prävention (Aufklärung) zur Anwendung kommen.

Armut macht krank

Wie Untersuchungen zeigen, ist das Ausmaß der Stigmatisierung von Alkoholkranken in der Bevölkerung sehr hoch. „Daher nimmt auch nur ein kleiner Prozentsatz von Alkoholkranken professionelle Hilfe in Anspruch“, unterstrich Dr. Christian Wetschka von der Caritas Wien. „Vorurteile und Ausgrenzungsverhalten gegenüber Alkoholkranken finden sich jedoch auch unter Experten in zuständigen Facheinrichtungen.“

Und der Experte erklärte weiter: „Armut, schlechtere Bildung, Langzeitarbeitslosigkeit und psychische und gesundheitliche Belastungen sind häufig Ursache einer Suchtentwicklung und nicht deren Folge.“ So sei die Lebenserwartung von Wohlhabenden um fünf bis sieben Jahre größer als bei Armen, die Lebenserwartung von Alkoholkranken je nach Verlauf zwischen 12 und 23 Jahren vermindert. Auch schwere Verlaufsformen fänden sich häufiger bei Menschen unter der Armutsgrenze.

Die bestehenden Angebote sind nach der Erfahrung von Wetschka jedoch häufig zu hochschwellig und der Faktor der sozialen Integration werde in der Therapie von Suchterkrankungen noch zu wenig berücksichtigt.

Neue Therapieansätze bei Alkoholabhängigkeit

Erster und wichtigster Schritt in der Behandlung von Alkoholabhängigkeit ist, so die Experten, die Motivationsarbeit und die Wahl eines realistischen, gemeinsam erarbeiteten Therapiezieles. Während in den USA und deutschsprachigen Ländern Europas die absolute Abstinenz nach wie vor das erklärte Therapieziel darstellt, hätten andere Länder bereits neue Wege beschritten. „Wir wissen heute, dass viele Alkoholabhängige ihr Trinken allmählich in den Griff bekommen können“, betonte Prof. Dr. Henriette Walter von der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie der Medizinischen Universität Wien. (Die im Zentrum der Therapie alkoholkranker Patienten stehenden Angebote sind in der Tabelle zusammengefasst.)

Die Vorteile der Trinkmengenreduzierung („cutdown drinking“) sind die Vermeidung von schweren Entzündungen, die Unterstützung der Selbstkontrolle, die graduelle Gewöhnung an geringere Alkoholmengen und die Vermeidung eines „Alcohol deprivation“-Effekts (Jojo-Effekt). Durch die pharmakologische Dekonditionierung werden auch emotionale Ebenen des Patienten angesprochen und die Verbindung zwischen Trinken und Belohnungsgefühl gelöst.

Zur Auswahl der geeigneten Maßnahmen ist jedoch die Definition von Untergruppen der Alkoholabhängigen notwendig. Zumindest sollte der Beginn der Alkoholabhängigkeit, psychiatrische Komorbidität und die Typologie nach Babor und Lesch erhoben werden (www.Lat-online.at). Dieses Instrument gibt klare Vorschläge für das realistisch erreichbare Therapieziel, für die zu wählende Motivationsstrategie und für die in dieser Untergruppe wirksame Medikation und Psychotherapie.

Die vielen heute angewandten Medikamente wirken immer nur für einen Teil der Alkoholabhängigen. So wirkt z. B. Topiramat für Alkoholabhängige mit einem Beginn vor dem 25. Lebensjahr, Acamprosat für Typ I und II nach Lesch, Naltrexon oder Nalmefene für Cut down Drinking und für Typ III und IV zur Verbesserung der Abstinenzraten, Alcover zur Entzugsbehandlung und zur Verbesserung des Schweregrades und der Dauer von Rückfällen von Typ III und Typ IV.

Eine neue, sich in Entwicklung befindende Methode ist der Einsatz von Ersatzmedikamenten für Alkohol.

Alkohol in der inneren Medizin

„29 Prozent der Männer und 9 Prozent der hospitalisierten Frauen weisen eine Alkohol-assoziierte Erkrankung auf“, unterstrich Prof. Dr. Michael Trauner, Klinische Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie der Medizinischen Universität Wien, die Bedeutung des Problems.

Die Diskussion der Alkoholproblematik aus internistischer Sicht steht im Spannungsfeld zwischen Nutzen und akuten/chronischen Folgeschäden oberhalb eines kritischen Schwellenwertes, welche durch toxische Alkoholmetabolite und ungünstige Stoffwechseleffekte bedingt sind.

So zeigte z.B. eine rezente Studie bei über 10.000 Männern mit erhöhtem Blutdruck, dass moderate Alkoholmengen das Herzinfarkt-Risiko senken. Vermutlich, weil die sogenannten High Densitiy Lipoproteine durch Alkohol erhöht werden können und das Risiko für Gefäßerkrankungen dadurch gesenkt wird. Alkoholabhängige Personen haben jedoch grundsätzlich ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck. Weitere schwere Folgeerkrankungen können die Leber, den Magen-Darm-Trakt, die Bauchspeicheldrüse, Herz, Niere, Skelettmuskulatur sowie das zentrale und periphere Nervensystem betreffen. Weiters schädigt Alkohol den Fetus und stellt einen Risikofaktor für zahlreiche Krebserkrankungen dar.

Akute Auswirkungen können Herzrhythmusstörungen und Gastritis, aber auch Bewusstseinstrübung sein. „Eine akute Alkoholvergiftung kann aber auch lebensbedrohlich sein“, so Trauner. FH

 

Quelle: Pressekonferenz „Neueste Entwicklungen in der Forschung zur Alkoholabhängigkeit“, 1. September 2011, Wien

Therapie alkoholkranker Patienten
• Medikamentöse und psychosoziale Hilfen zur Reduktion der Trinkmengen oder zur Einleitung einer abstinenten Phase
• Medikamentöse und psychosoziale Unterstützungen zur Erhaltung der Abstinenz
• Reduktion der Frequenz und der Schweregrade von Rückfällen
• Rasche Hilfen nach dem Krisenkonzept nach Sonneck, am besten mit sofortigen Aufnahmemöglichkeiten von einigen Tagen
• Ambulante Begleitung in einem stabilen therapeutischen Setting ist deutlich wichtiger als stationäre, manchmal weit vom Patienten entfernte Therapieangebote, die oft nur starre abstinenzorientierte Therapien anbieten.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben