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Personen mit Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis haben es am schwersten, eine Stelle zu bekommen. Depressive Patientinnen und Patienten können dagegen – sofern sie eine Langzeitmedikation einnehmen – sehr gut und langfristig ins Arbeitsleben integriert werden.

© Privat

Mag. Helene Prack

 

Wer braucht uns noch?

Die Chancen von psychisch beeinträchtigten Menschen am freien Arbeitsmarkt. Günstige und ungünstige Rahmenbedingungen für den beruflichen Wiedereinstieg.

Zusammenfassung: Psychisch beeinträchtigte Menschen benötigen, wie alle Menschen, Arbeit als sinnstiftendes Element in ihrem Leben. Beschäftigung und die damit verbundene Entlohnung garantieren größtmögliche Selbstständigkeit und Selbstversorgung. Arbeitstraining gilt als zentrales Element in der psychosozialen Rehabilitation. In den letzten zehn Jahren sind auch in der Steiermark arbeitsrehabilitative Einrichtungen zur Vorbereitung auf die berufliche Integration von Menschen am ersten und zweiten Arbeitsmarkt mit psychischen und/oder psychiatrischen Erkrankungen entstanden. Dieser Artikel beschreibt, aus der praktischen Erfahrung in der Arbeitsrehabilitation,günstige und ungünstige Rahmenbedingungen für die Eingliederung am Arbeitsmarkt. So sind eindeutig Zusammenhänge zwischen Art und Schwere der Erkrankung und den Möglichkeiten einen Arbeitsplatz zu finden bzw. diesen auch langfristig halten zu können, herauszufiltern. Besondere Beachtung der situativen und persönlichen Rahmenbedingungen ist notwendig. Noch immer sind Stigmatisierung und Informationsdefizite gegenüber Krankheitsbildern von Seiten der Arbeitgeber und Arbeitskollegen dem Eingliederungsprozess hinderlich. Betroffene wiederum hadern mit ihrem Schicksal und es fehlt oft an der notwendigen Krankheitseinsicht und der damit verbundenen Bereitschaft zur Einstellungsänderung gegenüber dem vorherrschenden aktuellen Leistungsvermögen und der Selbstwirksamkeitsüberzeugung.

Summary: Persons with psychological impairment need jobs just as healthy people do. Employment offers a guarantee for independence. A job creation scheme is a fundamental element in psychosocial rehabilitation. During the last ten years, job creation centres have been established in Styria to prepare psychologically impaired people for job integration on the first and second labour market. This article describes, based on work trainee experiences, supportive as well as useless measures for reaching this goal. There exists coherence between the kind and severity of psychological impairment and chances to get and keep a job for a long time. We must pay attention to situational and personal general conditions. Stigma and deficiency of information about psychological and psychiatric clinical conditions exist with employers and workmates, while the psychologically impaired persons deny their destiny and have no motivation to change their opinion of personal and current performance principles.

Über den förderlichen Einfluss von Arbeit auf den Heilungsprozess psychisch beeinträchtigter Menschen haben bereits Philippe Pinel (1801), Dominique Esquirol (1827) oder Wilhelm Griesinger (1845) in ihren Forschungsarbeiten hingewiesen. Als Begründer der Arbeitstherapie gilt Hermann Simon in den 20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Er hat versucht, die Beschäftigung in ein umfassendes Behandlungskonzept zu integrieren.

Arbeit und Beschäftigung gelten als Grundlage für Sinnstiftung und Identitätsfindung eines Menschen. Daneben ist die Erwerbsfähigkeit, und die damit verbundene Entlohnung, auch die Basis für die größtmögliche Selbstversorgung und soziale Absicherung der Betroffenen. Arbeit gilt als positiver Prädiktor im Heilungsprozess. Studien belegen, dass länger währende Arbeitslosigkeit generell einen bedeutenden Risikofaktor für psychische Erkrankung darstellt. So finden sich in der Gruppe der „Langzeitarbeitslosen“ viele Menschen mit depressiven Störungen, Tendenzen zu verstärktem Suchtverhalten, gekoppelt mit häufigen Problemen im sozialen Umfeld.

Arbeitsrehabilitation für psychisch beeinträchtigte Menschen

Im Zuge der Ausweitung des extramuralen Leistungsangebotes im psychosozialen Versorgungsnetz in der Steiermark sind im Laufe der letzten Jahre auch arbeitsrehabilitative Einrichtungen für psychisch kranke Menschen errichtet worden.

Der werkdienst-süd in Lebring, Bezirk Leibnitz, besteht seit 2003 (Trägerorganisation: Verein zur Förderung seelischer Gesundheit – GFSG). Es handelt sich hier um eine „Trainingsfirma“ für Menschen mit psychischen und/oder psychiatrischen Erkrankungen zur Vorbereitung auf eine berufliche Integration am ersten und zweiten Arbeitsmarkt. 15 Schulungsteilnehmer können täglich innerhalb einer 35,5 Stunden Arbeitswoche ihre Leistungsfähigkeit in einer betrieblichen Struktur überprüfen und werden individuell gefördert mit dem Ziel der Reintegration in die freie Wirtschaft.

Unsere Arbeitssparten (siehe auch www.gfsg.at) sind vielseitig und bieten den Teilnehmern die Möglichkeit, arbeitsrelevante Kompetenzen wirtschaftsnah innerhalb von 18 Monaten zu trainieren. Der Gender Mainstreaming Ansatz wird bewusst in unserer Einrichtung umgesetzt und gelebt. Ein weiterer Schwerpunkt im werkdienst-süd ist ein begleitendes Coaching zur Perspektivenentwicklung, Stellensuche und Stellenbewerbung mit dem Ziel der beruflichen Integration. Gefördert wird das Projekt durch das Bundessozialamt Steiermark und der werkdienst-süd ist auch als Einrichtung nach dem Steiermärkischen Behindertengesetz anerkannt. Der „Erfolg“ unserer Arbeit wird anhand der Erreichung vorgegebener Vermittlungsquoten gemessen. Seit 2003 haben wir insgesamt 97 Teilnehmer bis zu 18 Monate im Arbeitstraining gefördert. Davon konnten 37 Teilnehmer in den Arbeitsmarkt der freien Wirtschaft vermittelt bzw. integriert werden.

Art der Erkrankung und Chancen am Arbeitsmarkt

Wir sehen deutliche Zusammenhänge zwischen Art und Schwere der psychischen bzw. psychiatrischen Erkrankung und den Chancen tatsächlich auch Arbeitsplätze finden und langfristig halten zu können. Personen mit Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis haben es am schwersten auch tatsächlich eine Stelle zu bekommen. Hier sind vor allem große Vorurteile von Seiten der Arbeitgeber dieser Personengruppe gegenüber zu beobachten. Menschen, die unter Schizophrenie leiden, werden als generell leistungsschwach, unzuverlässig und unkontrollierbar bewertet. Es herrschen große Informationsdefizite über dieses Krankheitsbild in der Allgemeinbevölkerung. Tür und Tor für Stigmatisierung sind noch immer weit geöffnet.

Aber auch die Betroffenen selbst haben oft sehr unrealistische Vorstellungen von ihrem tatsächlichen Leistungsvermögen. Durch das Stigma verbergen sie ihre Krankheit und setzen häufig auch die Erhaltungsdosis zur langfristigen Stabilisierung schon nach kurzer Zeit im Arbeitsleben wieder ab. Fälschlicherweise führen sie den bemerkbaren Leistungsverlust auf die Medikation zurück und wollen möglichst rasch wieder ihr „Normalniveau“ – wie vor der Erkrankung – erreichen. Dass es sich aber meist um chronische Überforderung durch ungünstige Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz handelt, wird negiert. Es kommt zum neuerlichen Auftreten von Symptomen, eine Kündigung ist oft die Folge.

Personen, die an depressiven Erkrankungen leiden, können – sofern sie die Langzeitmedikation auch tatsächlich einnehmen – sehr gut und langfristig ins Arbeitsleben integriert werden. Auch ist das jene Gruppe, die meist bereit ist, ihre Krankheit am Arbeitsplatz öffentlich zu machen und zu thematisieren. Depressionen und Burn-Out sind gesellschaftlich doch weitgehend akzeptiert und auch der Informationsstand über diese Krankheitsbilder ist recht hoch. Hier herrscht bereits Verständnis auch von Seiten der Arbeitgeber in einem Ausmaß vor, dass Dienstverhältnisse auch bei auftretenden Leistungsschwankungen aufrecht bleiben können.

Wir beobachten auch in den letzten Jahren eine deutliche Zunahme innerhalb der Diagnosegruppen der Persönlichkeitsstörungen vor allem bei sehr jungen Menschen. Hier ist das Leistungsniveau zwar durchaus im Normbereich, aber die sozialen und emotionalen Defizite der Betroffenen stellen das größte Hindernis in der Vermittelbarkeit und dem langfristigen Arbeitsplatzerhalt dar. Arbeitgeber wie auch Arbeitskollegen sind häufig von den starken emotionalen Schwankungen und Impulsdurchbrüchen überfordert. Auch hier wäre ein langfristiges Coaching für beide Seiten (Arbeitnehmer und Arbeitgeber/unmittelbare Arbeitskollegen) durchaus notwendig und sinnvoll.

Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz

Dem Eingliederungsprozess förderliche Rahmenbedingungen

Situativ günstige Rahmenbedingungen:

  • Gleichbleibende Anforderungen und stabile Auftragsmuster sind der Produktivität und dem Durchhaltevermögen förderlich.
  • Kleine, personell stabile, Arbeitsteams begünstigen den Aufbau von gegenseitigem Vertrauen. Hier können auftretende Probleme offener angesprochen und diskutiert werden.
  • Auch die sozialen und familiären Rahmenbedingungen, in denen sich ein Mensch befindet, spielen eine nicht unwesentliche Rolle. Ein stabiles soziales und familiäres Netz garantiert jene „Ankerfunktion“ und Hilfestellung, die bei neuen Herausforderungen Unterstützung bietet, damit sich Betroffene zunächst einmal auf das Wesentliche konzentrieren können.
  • Fördermöglichkeiten (z. B.: Integrationsbeihilfe) bei der Entlohnung für Arbeitgeber
  • Aufrechterhalten der Integrationsbegleitung (Finanzierung durch die Behörden) durch Fachpersonal (Arbeitsassistenten, Coaches etc.) über die Probezeit (3 Monate) hinaus
  • Bereitschaft der Arbeitgeber sich über Krankheitsbilder Informationen zu beschaffen und vorurteilsfrei gegenüber Betroffenen zu agieren – gelingt meist dann, wenn Fachpersonal für das Coaching über die öffentliche Hand finanziert wird und nicht vom Arbeitgeber selbst getragen werden muss.

Personenbezogene, günstige Rahmenbedingungen:

  • Mehrjährige berufliche Vorerfahrung und abgeschlossene Ausbildung heben die Chancen auf eine berufliche Integration deutlich.
  • Hohe Mobilität (Führerschein oder Wohnort mit guter Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel)
  • Ein hohes Maß an Krankheitseinsicht und Compliance gegenüber Langzeitmedikation von Seiten der Betroffenen
  • Akzeptanz der Leistungsschwankungen aufgrund der psychischen Problematik bzw. die Bereitschaft sich beruflich andere Perspektiven zu suchen und eventuell auch ein geringeres Einkommen in Kauf zu nehmen – nach dem Motto: „Weniger ist oft mehr“
  • Wissen über geeignete Entspannungsmethoden und deren kontinuierliche Anwendung zum Abbau von Stress und als Überforderungsprophylaxe
  • Bereitschaft, sich langfristig durch psychologische und/oder psychotherapeutische Behandlung im Integrationsprozess unterstützen zu lassen. Oft ist es unumgänglich, dass eigene Einstellungen, insbesondere dem persönlichen Leistungsvermögen und der Selbstwirksamkeitsüberzeugung gegenüber, neu definiert werden müssen.
  • „Gestufte Rückkehr“ in die Vollarbeitszeit – so ist zu Beginn der Eingliederung oft ein Beschäftigungsausmaß von 50 Prozent bis 75 Prozent ratsam (langsame Adaptierung des Leistungsvermögens an neue Anforderungen) und erst nach einiger Zeit (ungefähr ein Jahr) eine Ausweitung auf volle 100 Prozent sinnvoll.

Dem Eingliederungsprozess hinderliche Rahmenbedingungen

Branchenspezifische, ungünstige Rahmenbedingungen:

  • Schichtarbeit mit wechselnden Arbeitszeiten ist kontraproduktiv für die psychische Stabilität. Menschen, mit psychischen und/oder psychiatrischen Erkrankungen benötigen meist zum Aufrechterhalten der Stabilität eine Langzeitmedikation. Die aktivierende bzw. sedierende Wirkung der Psychopharmaka wird dabei bewusst so angeordnet, dass Betroffene tagsüber aktiver und kognitiv wacher sind und abends durch Sedierung sich mental erholen und gut schlafen können. Deshalb ist auch ein Arbeitszeitrhythmus notwendig, der dies unterstützt. Viele Betroffene nehmen aber Schichtarbeit an, weil hier der Verdienst höher ist und auch das Angebot am Arbeitsmarkt größer ist. Vor allem für ungelernte Hilfskräfte ist die gute Verdienstmöglichkeit bei Schichtarbeit ein großer Anreiz. Dass dies mit der Anordnung der Medikamenteneinnahme nicht zusammenpasst, wird übersehen und führt dazu, dass Betroffene die verordneten Medikamente einfach absetzen.
  • Arbeitsplätze in Branchen mit Spitzenstressbelastungen (z. B.: in der Gastronomie, Baugewerbe etc.) setzten ein hohes Maß an Flexibilität in der Adaptionsfähigkeit der persönlichen Leistungskurve voraus. Auch extremer Lärm, wechselnde Hitze- und Kältebelastungen sind zusätzliche Stressfaktoren. Unsere Erfahrungen aus den letzten sechs Vermittlungsjahren zeigen, dass diese Branchen für Menschen mit schizophrenen Erkrankungen nicht günstig sind und es zu keinen langfristig aufrechten Dienstverhältnissen gekommen ist.
  • In den letzten Jahren ist ein verstärkter Trend beobachtbar, Menschen mit Behinderungen auch für den Pflegebereich als Heimhelfer auszubilden, da hier ständiger Personalmangel herrscht. Vielfach werden diese Kurse auch Frauen angeboten, die aufgrund von Kindererziehungszeiten länger aus dem Berufsleben ausgeschieden sind und so einen Wiedereinstieg schaffen sollen. Die Konfrontation mit dem Tod und Abschiednehmen im Pflegebereich stellt eine große psychische Dauerbelastung dar. Hochsensible Menschen (vor allem Personen, die an Depressionen leiden) können zwar sehr gut Beziehungen aufbauen und gestalten, haben aber große Probleme bei der professionellen Abgrenzung und Bewältigung von Trennungen. Menschen, die unter Persönlichkeitsstörungen leiden, haben wiederum Probleme in der Beziehungsgestaltung und können oft ihre Impulse nur schwer kontrollieren. Die enorme psychische und auch körperliche Stressbelastung im Pflegebereich ist ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor für Rückfälle.

 

Personenbezogene, ungünstige Rahmenbedingungen:

  • Keine abgeschlossene Berufsausbildung, keine oder wenig Jahre an beruflicher Vorerfahrung
  • Geringe Mobilität (kein Führerschein oder die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln an den Wohnort ist sehr schlecht ausgebaut)
  • Mangelnde Krankheitseinsicht und Compliance gegenüber Medikamenteneinnahme von Seiten der Betroffenen. Die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt ist ein großer Schritt in Richtung Normalisierung. Viele Betroffene bewerten sich bei Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt als völlig gesund und negieren auftretende Leistungsschwankungen aufgrund von Überforderung. Leistungsdefizite werden fälschlicherweise als Nebenwirkung den Psychopharmaka zugeschrieben und deren Einnahme wird abgesetzt.
  • Betroffene wollen sich nicht outen und halten ihre psychische und/oder psychiatrische Problematik am Arbeitsplatz geheim (Angst vor Stigmatisierung, Imageverlust). Diese Geheimhaltung ist aber ein zusätzlicher Stressfaktor und kann in weiterer Folge zum Auftreten einer Überforderungssymptomatik führen.

1 Leitung werkdienst-süd (Träger: GFSG), Lebring

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