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Abb. 1: 90 Prozent der Menschen, die an einem Suizid versterben oder einen Selbstmord versuchen, leiden an einer psychiatrischen Erkrankung.
 

Suizid

Von der Risikobewertung bis zur Therapie

Früher wurden Menschen nach einem missglückten Suizidversuch sofort stationär psychiatrisch behandelt. „Heute sind, unter anderem aufgrund ökonomischer Engpässe, stationär psychiatrische Behandlungen nach Suizidversuchen in Europa seltener geworden, was nicht immer zum Vorteil des Patienten ist“, so Dr. Ingeborg Leitner, Fachärztin der Abteilung für Psychiatrie des Wiener SMZ-Ost. Die schwedische Psychiatrische Gesellschaft empfiehlt deshalb bei jedem Patienten nach dem ersten Suizidversuch eine zumindest 24 Stunden dauernde stationäre Aufnahme auf einer psychiatrischen Station. Diese Zeit sollte gleichzeitig für eine eingehende Diagnose genutzt werden.

Der CME-Kurs „Suicide: From Risk-Assessment to Treatment“, der im Rahmen des 19. European Congress of Psychiatry (12 bis 15. März in Wien) abgehalten wurde, war dem Statement der Europäischen Psychiatrischen Gesellschaft zur Suizidprävention gewidmet. Dr. Vladimir Carli vom schwedischen Karolinska-Institut erklärte, dass 90 Prozent der Menschen, die an einem Suizid versterben oder die einen Selbstmord versuchen, an einer psychiatrischen Erkrankung, vor allem einer Depression, leiden. Klinische Studien zeigen, dass eine adäquate Behandlung der zu Grunde liegenden psychiatrischen Erkrankung Suizid-präventiv wirkt.

„Die Referenten des CME-Kurses betonten die Bedeutung des sorgfältigen Monitorings von Suizidalität vor allem zu Behandlungsbeginn, da das Risiko für suizidales Verhalten bei depressiven Patienten, die mit Antidepressiva behandelt werden, zunächst weiterhin hoch bleiben und besonders bei Non-Respondern kritisch werden kann. Das könnte auf eine Wirklatenz der Antidepressiva zurückzuführen sein oder auf den fehlenden sedierenden Effekt der neueren Substanzen“, so Leitner.

Der Vortragende vertrat die Theorie, dass vor allem im Rahmen der bipolaren Depression eine antidepressive Behandlung zunächst eine Verschlechterung eines Agitationszustandes bewirken kann und in weiterer Folge suizidales Verhalten wahrscheinlicher macht. „Daher ist es sehr wichtig, Patienten mit bipolarer Störung möglichst rasch zu erkennen. In der Behandlung wurde empfohlen, gegebenenfalls neben dem Antidepressivum einen Stimmungsstabilisator und/oder eine sedierende Komedikation zu verabreichen“, erklärt Leitner.

Erfassen von Risikofaktoren

50 Prozent der Menschen sterben bei ihrem ersten Suizidversuch. Deshalb sind das Erfassen von Risikofaktoren und entsprechende Prävention von besonderer Bedeutung. Leitner: „Der bedeutendste Risikofaktor für suizidales Verhalten scheint die Angabe eines früheren Suizidversuches in der Anamnese zu sein. Umgekehrt gehören Selbstvertrauen und Offenheit, gute Beziehungen zu Familie und Freunden, ein Ziel im Leben zu haben und Umweltfaktoren wie gute Ernährung, ausreichend Schlaf, Sonnenlicht, körperliche Bewegung etc. zu den protektiven Faktoren. Sie sollten bei der Behandlung der suizidalen Patienten gezielt gefördert werden.“

Als Hilfe beim raschen Erkennen von suizidgefährdeten Menschen verwiesen die Vortragenden auf die psychometrische Skala SADPERSONS (publiziert von Patterson,WM et al. in Psychosomatics 1983, 24), die auch praxisnahe Handlungsempfehlungen beinhaltet.

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