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Die Zukunft der Psychiatrie

Höhepunkte der 11. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

Die diesjährige Jahrestagung der ÖGPP, die vom 27.–30. April in Gmunden stattfand, war wieder sehr gut besucht – es nahmen fast 800 Kollegen und Kolleginnen sowie mehr als 400 Schüler am Schülerkongress teil. Die Tagung widmete sich in zahlreichen Vorträgen und Tutorials dem Thema „Die Zukunft der Psychiatrie“ und zeigte die breite Palette der gelebten Praxis und Möglichkeiten, die unser Fach bietet, das an der Schnittstelle von Human- und Naturwissenschaften positioniert ist, auf.

Den Auftakt machte Asmus Finzen (Basel) mit einem kritischen Vortrag über die Wahrnehmung der Psychiatrie und der Psychiater aus der Sicht der Bevölkerung, gefolgt von einem Vortrag von Johannes Gregoritsch vom Hauptverband, der mit aller Deutlichkeit auf die Versorgungsdefizite im Bereich der Psychiatrie, insbesondere der schwer Kranken im Unterschied zu den technischen Bereichen der Medizin hinwies und eine gemeinsame Planung aller Kostenträger forderte.

Einen Einblick in die Aktivitäten der europäischen Gesellschaft, der UEMS (Union Européenne des Médecins Spécialistes), die sich trotz der heterogenen Systeme der insgesamt 27 europäischen Mitgliedsländer um einheitliche Standards in verschiedenen Bereichen der Psychiatrie – wie etwa der Facharztausbildung – bemüht, gab Brigitte Mauthner (Wien). Psychotherapie ist mittlerweile in fast allen europäischen Ländern integraler Bestandteil der Facharztausbildung, ein eigener Facharzt für Psychosomatik, wie er von manchen ärztlichen Kollegen in Österreich angestrebt wird, ist aus europäischer Perspektive ein deutsches Unikum.

Die Stellung der Psychiatrie in der Medizin

Zum Thema „Die Stellung des Psychiaters in der Medizin: Zukünftige Behandlungsstrategien“ zeigte Hans-Peter Kapfhammer (Graz) die Komplexität der Fragen- und Aufgabenstellung des Psychiaters als „Psychosomatiker“ auf und betonte die Bedeutung eines multidimensionalen Zugangs in der Behandlung von körperlich und seelisch erkrankten Patienten, die beispielsweise an Herzinfarkt und Depression erkrankt sind.

Der behandelnde Psychiater sollte, um seiner Brückenfunktion in einem interdisziplinären Behandlungssystem gerecht zu werden, sowohl psychodynamische wie auch biologische Kompetenz aufweisen. Einem eigenen Facharzt für Psychosomatik erteilte Kapfhammer eine klare Absage und forderte statt dessen für alle Ärzte mehr psychosomatische Kompetenz, auch in Form einer Zusatzqualifikation, aufbauend auf einem „common trunk“.

Michael Bach (Steyr) skizzierte die Entwicklung der Ausbildung in psychotherapeutischer Medizin und warf einige interessante Fragen auf, wie etwa: Wie viel Heterogenität verträgt die Psychotherapie? Wer entscheidet nach welchen Kriterien, welche Methode indiziert ist? Zudem forderte er einen selbstkritischeren Zugang und den Ausbau von interdisziplinären Netzwerken in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung.

Aufgaben und Profil zukünftiger Psychiater

Visionär präsentierte Christian Haring (Hall) das Profil und die Aufgaben der zukünftigen Psychiater. Durch die hohe Kommunikationskompetenz und Praxis an der Schnittstelle zu verschiedenen Disziplinen wie Soziologie, Architektur, Philosophie, Biologie, Psychotherapie und Ökonomie könnten und sollten Psychiater viel mehr als Experten von der Politik gefragt werden.

Ein überfüllter Seminarraum spiegelte das rege Interesse am State of the Art Symposium „Burn-Out“ wider. Die Referentinnen machten mit ihren Darstellungen zu Fragen der Diagnostik, Phänomenologie, Ursachen, Prävention, Behandlung und arbeitspsychologischen Aspekten die Notwendigkeit, sich innerhalb der Psychiatrie verstärkt mit dem Thema auseinanderzusetzen, deutlich.

Ausgehend von einer Ideengeschichte der Psychiatrie präsentierte der Literaturwissenschafter und Presssprecher der DGPP Thomas Nesseler anhand des „Story Telling“, einer modernen Form der Narration, die modernen medialen Möglichkeiten, um die Psychiatrie öffentlich besser zu positionieren.

Möglichkeiten und Grenzen der Postmoderne

Michael Musalek spannte einen philosophischen Bogen und sprach über die Möglichkeiten und Grenzen der postmodernen Psychiatrie und verortete diese im Spannungsfeld zwischen Evidence Based Medicine und Human Based Psychiatry. Bei der Länderpodiumsdiskussion fand eine angeregte Diskussion zwischen deutschen, schweizer und österreichischen Vertretern über die Gegenwart und Zukunft der Psychiatrie statt.

Im Rahmen der beiden Symposien der Sektion Psychotherapie, die parallel zu vielen anderen interessanten Symposien stattfanden, wurde unter anderem von Martin Aigner (Wien) die neue Ausbildungsverordnung präsentiert sowie die Erfolge und Schwierigkeiten bei deren Umsetzung in einem österreichweiten Vergleich mit Vertretern diskutiert.

Für anregende Diskussion sorgten auch die Referate von Ulrike Kadi und Henriette Löffler-Stastka (beide Wien), welche die unterschiedlichen Paradigmen in Psychiatrie und Psychotherapie zwischen Berechenbarkeit und deren Entlarvung als Illusion vor dem Hintergrund eines machtpolitischen Diskurses verdeutlichten.

Nach einem Streifzug durch sozialpsychiatrische, psychotherapeutische und biologische Forschungsaspekte der Psychiatrie, fand die Tagung nach einem gelungenen Festabend mit der Generalversammlung ihren traditionellen Abschluss, bei der Michael Musalek den Vorsitz der ÖGPP an den neuen Präsidenten Christian Haring übergab.

 

 

Dr. Bettina Fink, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie (Wien) sowie Bundesfachgruppenobfrau für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin.

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