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Von ihrer Reise zum römischen Pantheon schickte Frau F. ihren Betreuerinnen eine Ansichtskarte.

© Privat

Prim. Dr. Eleonore Miller-Reiter

 

Aus der Wohnungslosigkeit zum Pantheon

Liaisonpsychiatrie bei wohnungslosen Frauen: Durch geduldige Begleitung kann es immer wieder gelingen, einen günstigen Zeitpunkt für einen Behandlungsbeginn zu finden.

Zusammenfassung: Mit diesem Fallbericht soll einerseits das Modell der Liaisonpsychiatrie in der Wohnungslosenbetreuung dargestellt werden sowie andererseits die besondere Bedeutung langfristiger Beziehungsarbeit und auf Freiwilligkeit beruhender Behandlungsangebote hervorgehoben werden. Viele schwer kranke Patientinnen und Patienten haben – oft schon vor Jahrzehnten – unangenehme bis traumatisierende Erlebnisse bei stationären Aufnahmen mitgemacht und lehnen psychiatrische Behandlung ab, weil sie sie mit Zwang und massiven Nebenwirkungen assoziieren. In der Folge soll berichtet werden, wie eine Patientin wieder Vertrauen zu medizinischen Angeboten und somit eine wesentlich bessere Lebensqualität finden konnte.

Summary: This case report focuses on the opportunities liaison psychiatric services offer to homeless women: After many years without any treatment, a schizophrenic woman accepted new offers. Thus it was also possible to treat her comorbidity (colitis ulcerosa) and raise her quality of life.

Um die besonderen Bedingungen, unter denen ich Frau F. eine Zeit lang begleiten durfte, verständlich zu machen, muss ich zunächst auf das Angebot und die Aufgaben der Liaisonpsychiatrie in Bezug auf wohnungslose Personen eingehen: Dieses Modell wurde in Wien als Reaktion auf den zunehmenden Bedarf an Unterstützung für die Betreuerinnen und Betreuer der Wohnungsloseneinrichtungen im Umgang mit psychisch kranken und auffälligen Menschen entwickelt.

Psychiatrischer Liaisondienst für wohnungslose Frauen

Das Angebot besteht aus regelmäßigen fachärztlichen Besuchen in den jeweiligen Häusern während derer das Personal sich mit Fragen an den Liaisonarzt wenden kann, der konkrete Ratschläge zum Umgang mit psychisch kranken Personen erteilt. Daneben können Fallbesprechungen und Fortbildungen abgehalten werden. Außerdem haben die Bewohner und/oder Besucher von Tagstrukturzentren die Möglichkeit, von sich aus oder durch Personal vermittelt, den Liaisonarzt persönlich zu konsultieren.

Diese Arbeit in einem Tagstrukturzentrum und Wohnungslosenheim für Frauen wird von einer Fachärztin geleistet. Männern ist der Zutritt zum Haus verboten, um den oft traumatisierten Frauen ausreichend Schutz zu gewähren. Nicht nur diese Notwendigkeit weist auf den speziellen Bedarf wohnungsloser Frauen hin – es ist auch bemerkenswert, dass in diesem Zentrum, und generell bei wohnungslosen Frauen, ein hoher Prozentsatz schwer psychiatrisch krank ist, häufig viele Jahre lang chronisch produktiv. Die Frauen meistern ihr Leben unter den extremen Bedingungen der Wohnungslosigkeit jeweils auf sehr individuelle Art und Weise. Viele hatten nie psychiatrische Behandlung, viele wandten sich vor Jahren, manchmal Jahrzehnten, unter den früher herrschenden Bedingungen und alten Neuroleptika von der Psychiatrie ab und zogen ein „selbstbestimmtes“ Leben auf der Straße der Behandlung und stationärer Struktur vor.

Der Fall von Frau F.: Paranoide Schizophrenie und Anorexie?

Frau F.* wurde mir zunächst im Rahmen einer kurzen Fallbesprechung vom Team des Frauenwohnungslosenheims vorgestellt, da sie sich zunehmend bizarrer verhielt, was zu Schwierigkeiten für das Personal und mit Mitbewohnerinnen führte. Sie wohnte sehr zurückgezogen in ihrem Einzelzimmer, war außerordentlich ungepflegt, sprach mit beinahe niemandem, und wenn, dann nur sehr einsilbig. Die Betreuerinnen hatten den Eindruck, dass sie manchmal Stimmen hörte. Zusätzlich traten Phasen ziemlicher Gespanntheit auf, in denen sie zu Aggressionsdurchbrüchen neigte.

Besonders lästig war allen aber ein in den vorhergehenden Wochen aufgetretenes Verhalten: Frau F. verstopfte anscheinend häufig die gemeinsam zu nutzenden sanitären Anlagen mit unzähligen Rollen Toilettenpapier, was inzwischen nicht nur zu Ärger bei den Mitbewohnerinnen sondern auch zu relativ hohen Installateurkosten geführt hatte und schließlich der Anlass der Besprechung wurde.

Aus der Anamnese konnten mir die Betreuerinnen berichten, dass Frau F. vor Jahrzehnten als Fachkraft berufstätig war, dann aber mehrfach stationär aufgenommen wurde, wiederholt unter den Diagnosen paranoide Schizophrenie und/oder Anorexie. Offenbar nahm sie danach keine Behandlung mehr wahr, sie „verschwand“ gleichsam und tauchte in der Wohnungslosenszene wieder auf. So gelangte sie zu ihrem Einzelzimmer im Frauenwohnzentrum, wo Besachwaltung angeregt wurde, da sie ihre Pension nicht beanspruchte.

Die von der Sachwalterin zur Verfügung gestellten Befunde stammten alle aus dem vorigen Jahrtausend und waren, abgesehen von der Diagnose Paranoide Schizophrenie (begründet auf Stimmenhören und Denkstörungen), inkonklusiv. Speziell die Diagnose Anorexie beruhte vor allem auf immer wieder auftretendem Gewichtsverlust während die Patientin Nahrungsverweigerung negiert hatte.

Zunehmende Aggression

Ich entschloss mich, Frau F. in ihrem Zimmer aufzusuchen. Ihre Bezugsbetreuerin stellte mich vor. Ich fand Frau F. in einem abgedunkelten verwahrlosten Zimmer vor, ungepflegt und abwehrend. Auf meine Frage, wie es ihr gehe, antwortete sie einsilbig „gut“ und mein Angebot, ihr zu helfen: „Es scheint, Sie sind recht abgemagert, vielleicht kann ich etwas für Sie tun“, lehnte sie ab. Ich kündigte an, sie wieder aufzusuchen und zog mich zurück. Dem Personal konnte ich nur raten, den Schaden zu begrenzen. Die Vermutung lag nahe, dass ihr Verhalten auf halluzinatorischen Erlebnisse beruhte, sie leugnete aber jeden Zusammenhang mit ihrer Person. Für eine Unterbringung reichte das Szenario bei weitem nicht. Ich wies die Betreuerinnen aber an, jede Möglichkeit für eine Unterbringung zur Behandlungsaufnahme zu nützen.

Tatsächlich wurde Frau F. immer aggressiver, sodass es schließlich zu einer tätlichen Auseinandersetzung mit einer Mitbewohnerin kam, die zu einer amtsärztlichen Einweisung führte. Im Spital zeigte sich Frau F. wieder friedlich, nahm freiwillig Zyprexa® Velotab und gab an, sie werde es auch weiter ambulant einnehmen. Daher wurde sie nicht aufgenommen. Die umgehende Rückkehr ins Frauenwohnzentrum enttäuschte die Betreuerinnen, die Hoffnungen auf eine längere stationäre Behandlung gesetzt hatten, sehr.

Telefonisch schlug ich vor, einen ambulanten Behandlungsversuch mit Hilfe einer psychiatrischen Krankenschwester zu unternehmen, der Auftrag dafür wurde von der Sachwalterin bewilligt. Tatsächlich akzeptierte Frau F. widerwillig deren Besuche und nahm – ungenau, aber doch – die vorbereiteten Velotabs ein. Ich besuchte sie regelmäßig und fand sie immer in ähnlichem Zustand vor – ungepflegt, aber weniger gespannt und etwas zugänglicher. Es kam zu keinen Zwischenfällen mehr, allerdings verlor sie immer weiter an Gewicht. Schließlich alarmierte mich die Krankenschwester, weil Frau F. nur noch 42 kg bei einer Größe von etwa 168 cm wog.

Bei meinem darauf folgenden Besuch konnte ich sie begleiten, wie sie sich Dosengulasch zubereitete und auch aß. Sie konnte sich den Gewichtsverlust nicht erklären, wollte aber keinesfalls stationär aufgenommen werden, sodass ich mich wieder zurückziehen musste. Für eine Unterbringung wegen Unterernährung reichte das Zustandsbild noch nicht. Ich bat die Betreuerinnen, täglich bei ihr vorbeizuschauen und mich zu verständigen, falls sich ihr Zustand weiter dramatisch verschlechtern sollte. Tatsächlich fand ich sie in der nächsten Woche in einem erbärmlichen Allgemeinzustand vor. Zu meiner Überraschung willigte sie ein, als ich sie ultimativ aufforderte, sich jetzt mit der Rettung ins Spital bringen zu lassen.

Freiwilliger stationärer Aufenthalt

Bei dem folgenden längeren freiwilligen stationären Aufenthalt wurde neben der paranoiden Schizophrenie eine Colitis ulcerosa festgestellt und chirurgisch und medikamentös behandelt, auch die Zyprexa®-Dosierung wurde ohne Probleme erhöht. Frau F. erholte sich prächtig, wurde gesprächig und gut affizierbar, sodass sie nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in recht gutem Allgemeinzustand entlassen werden konnte.

Ich besuchte sie regelmäßig, sie berichtete mir auf vorsichtiges Fragen, dass sie sehr froh sei, nunmehr keine Stimmen mehr zu hören. In der Folge orientierte sie sich immer weiter nach außen, suchte sich mit Hilfe der Krankenschwester und des Personals eine Praktische Ärztin und hielt ihre Kontrolltermine bezüglich der Colitis penibel ein. Manchmal traf ich sie auf der Straße, meistens war sie zu Vorträgen über Reisen unterwegs. Sie sei früher sehr gerne gereist und würde das auch gerne wieder tun, berichtete sie mir vergnügt. Rom habe sie besonders geliebt.

Eines Tages teilte sie mir mit, dass sie bald nach Rom fahren und endlich wieder das Pantheon sehen würde! Auf meine Frage, wie sie das denn organisieren und finanzieren würde, antwortete sie mit einem verschmitzten Lächeln: „Meine Sachwalterin besorgt mir einen Pass und kosten wird es nicht viel: Ich kann ja fahren, wann ich will, ich buche Sparschiene, das kostet nur 29 Euro und dann schlafe ich in der Bahnhofsmission!“ Von dieser Reise schickte Frau F. eine Ansichtskarte an ihre Betreuerinnen.

Inzwischen lebt sie in einer eigenen kleinen Wohnung, lässt sich ihre Medikation von ihrer Praktischen Ärztin verschreiben und kommt gut zurecht. Regelmäßige psychiatrische Behandlung lehnt sie mit dem Hinweis, dass sie das nicht brauche, sie würde sich rühren, wenn es ihr schlecht gehe, weiterhin ab. Sie akzeptiert aber Hausbesuche durch psychiatrisches Fachpersonal, sodass der Kontakt zu ihr nicht abreißt.

Mit diesem Fallbeispiel möchte ich dazu ermutigen, auch bei schwer kranken Patienten und Patientinnen die Hoffnung nicht aufzugeben. Durch geduldige Begleitung kann es immer wieder gelingen, einen günstigen Zeitpunkt für einen Behandlungsbeginn zu finden und manchmal bringen auch gerade anscheinend ungünstige Bedingungen – wie in diesem Fall die „nicht gelungene Unterbringung“ – neue Wendungen, die einen Start in ein neues Leben mit besserer Qualität ermöglichen.

1 Ärztliche Leiterin Sozialpsychiatrisches Ambulatorium Donaustadt, Wien

* Name und Umfeld der Patientin wurden verändert.

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