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Foto: kecc Communication & Consulting
Prof. Dr. iur. Rotraud A. Perner Psychotherapeutin/Psychoanalytikerin, Diplomerwachsenenbildnerin, Gesundheitspsychologin, Gerichtssachverständige i. R
 

Schießwut und ihre Hintergründe

Warum Jugendliche zu Amokläufern werden.

Jedes Mal, wenn vor allem Jugendliche durch „zielgerichtete Gewalt an Schulen“ zu Tode kommen, fragt die schockierte Öffentlichkeit: Wie konnte es dazu kommen? Wie wird jemand zum School Shooter? Wieso hat niemand Anzeichen bemerkt? Und wie schützen wir unsere Kinder vor Nachahmungstaten?

 

Üblicherweise halten Experten aus dem Bereich der Jugendarbeit Vorträge über die einzelnen „Symptome“, an denen „man“ die Grundstimmung erahnen könnte – dafür gibt es ja auch bereits etliche Studien und Fachbücher: introvertiertes Einzelgängertum, dysfunktionale bzw. nicht tragfähige oder überhaupt fehlende soziale Bindungen, wenn doch, dann ebenfalls zu Außenseitern, instabile Familienverhältnisse, deutlich depressive Symptome, latente Suizidalität.

Signale und Möglichkeiten der Prävention

Nachgewiesen werden konnte, dass die Täter ihren Amoklauf über einen längeren Zeitraum hinweg phantasieren und planen und auch Dritten gegenüber Andeutungen oder gar Ankündigungen machen – vor allem, man werde etwas Besonderes tun, auch, man werde dadurch in die Medien kommen. Hier wären präventive Journalistenschulungen hilfreich, auf Sensationsberichterstattung zugunsten von seriöser Fachinformation zu verzichten.

Auffallend ist die häufig bemerkbare Identifikation mit einer gewalttätigen Figur aus Film, Fernsehen, Comic oder Computerwelt, oft bis zur Nachahmung von Kleidung und Make Up, was Spott und Hohn und damit Außenseitertum neuerlich verstärkt. Ein Teufelskreis von selbst erdachten Höhen und fremd erlebten Tiefen. Dabei erlaubt die Projektion in solch eine supermännliche Rolle den zeitweiligen Ausgleich erlittener Demütigungen: man ist dann nicht mehr der, der Angst hat, sondern der, der Angst macht. Hier wäre ein präventiver Ansatz möglich: das Experimentieren mit der Idealrolle als kreativen Akt anzuerkennen und darüber einfühlsamen Zugang zu dauerhaftem Sozialkontakt aufzubauen.

Auslöser

Kurz vor der Tat konnte in der Regel eine aus der Sicht der Täter besonders eklatant erlebte schwer wiegende Niederlage nachgewiesen werden – beispielsweise Schulversagen, Schulverweis, Verlust der Lehrstelle, eines Therapieplatzes, einer hoffnungsträchtigen Beziehung, aber auch Statusverlust.

Leider wird in unserer Gesellschaft Statuszerstörung noch immer als probates Mittel zur Disziplinierung angesehen – ein Relikt militärischer Schulungen von Männern zu Nahkampfmaschinen, wobei das Ziel dabei die Zerstörung der Individualität und deren Ersatz durch einen Corpsgeist der Überlegenheit über den als minderwertig definierten „Feind“ war. Heute erleben sich manche Jugendliche als minderwertiger Feind ihrer überlegen tuenden Väter oder anderer Erziehungspersonen, denen sozialpädagogisches, vor allem gewaltpräventives Wissen und Können fehlt. Genau das bräuchten sie aber, wenn es darum geht, schockierende Botschaften zu übermitteln. (Das Gleiche gilt auch für Arbeitgeber bei Mitteilung von Kündigung oder einem Verweis – einer der Gründe für Workplace Violence.)

Schutzfaktoren

Barrieren im Jugendschutz- bzw. Waffenrecht bringen keine Problemlösung: Verbotenes zieht nur besondere Aufmerksamkeit auf und illegale Beschaffung nach sich. Alterskennzeichnungen werden umgangen, statt Schusswaffen kann man sich leicht mit Internet-Anleitung Sprengsätze basteln. Die Wirkung beispielsweise von Filmszenen oder Computerspielen beruht auf der Anregung und Ausdifferenzierung von Phantasien – und Phantasie kann man nicht verbieten, nur lenken. Das gehört in den Bereich der Pädagogik wie auch der Gesprächsmedizin. Denn was Gewalt verhüten kann, sind stabile Einbindungen ins soziale Gefüge mit stabilen sozial kompetenten Bezugspersonen und funktionsfähigen Rollen.

Im Bereich der Polizei wurden in den letzten Jahren schnellstmögliche Einsatzpläne, Evakuierungs- und andere Sicherheitskonzepte entwickelt, die vor allem darauf zielen, Täter möglichst schnell handlungsunfähig zu machen.

Im Bereich der möglichen Bezugspersonen – Eltern, Lehrerschaft, aber auch Schul- und vor allem Hausärzte – wirkt eine „Kultur des Hinhörens“ als soziales Frühwarnsystem. Dann aber darf nicht wie üblich mit Warnung, Drohung, Strafe reagiert werden – denn genau das kann zu der Auslösespirale führen. Und: Es gibt ein Tabuthema, das nie angesprochen wird: das Männlichkeitsvorbild daheim – aber nicht auf dem Bildschirm, sondern am Esstisch oder wo auch immer. Ich habe mehrfach Amokläufe verhindert – hatte junge Männer, z. B. in kugelsicherer Weste, vor mir sitzen, die fest entschlossen waren, wahllos Passanten nieder zu schießen oder bestimmte Personen mit hohem „Arschlochfaktor“ (ein Buchtitel) zu töten. Eigentliches, „verschobenes“, Ziel war ein sadistischer Vater oder Großvater. Man sage bitte nicht wie üblich, das wäre ein „Hilferuf“ gewesen. Es war ein Test. Ich wurde getestet, wie ich reagieren würde, und hätte ich ebenso reagiert wie die Nahestehenden, wäre ich vielleicht die erste Tote gewesen.

Was ich dabei erfahren habe, war: Ihr Hass gehörte zu grausam strengen Vaterfiguren „über“ sich, mit hohen Leistungsansprüchen an ihre Nachkommen (aber nicht immer an sich selbst, denn viele waren alkoholabhängig oder sexsüchtig, hatten selbst ein geringes Selbstwertgefühl), einer abwertend-demütigenden Sprache und fehlendem Mitgefühl.

Es sind genau diese Männer, die sich „nichts sagen“ lassen, weil sie keine überlegene Autorität anerkennen wollen, daher auch ungern zum Arzt kommen – aber genau hier könnte die Hausärzteschaft schon frühzeitig eine Schlüsselfunktion einnehmen. Sie wissen ja meist von anderen Angehörigen um diese Psychodynamiken von Niedertracht zwecks Selbsterhöhung. Voraussetzung dazu wäre allerdings, dass das spezifisch geformte ärztliche Gespräch – dazu habe ich eine eigene Methode entwickelt – als wesentliche Gewaltprävention anerkannt und angemessen entlohnt wird.

Foto: kecc Communication & Consulting

Prof. Dr. iur. Rotraud A. Perner Psychotherapeutin/Psychoanalytikerin, Diplomerwachsenenbildnerin, Gesundheitspsychologin, Gerichtssachverständige i. R

Von Prof. Dr. iur. Rotraud A. Perner, Ärzte Woche

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