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Klinische Psychologie im Krankenhaus Lehrner, Johann; Stolba, Karin; Traun-Vogt, Gabriele; Völkl-Kernstock, Sabine 324 Seiten, € 38,86 Springer, 2011 ISBN 978-3-7091-0656-3
 

Keiner bleibt allein

Klinische Psychologie im Krankenhaus.

Die Klinische Psychologie ist ein eigenständiges universitäres Fachgebiet mit einer festen Verankerung im Gesundheitssystem vieler Länder. Eines ihrer wesentlichsten Aufgabengebiete ist die Betreuung von Patienten im Krankenhaus.

 

Besonders seit der Einführung des Krankenanstaltengesetzes in Österreich, dem daraus resultierenden Recht der Patienten auf psychologische Betreuung und der damit einhergehenden Verpflichtung der Krankenhausträger, psychologische Behandlung für Patienten bereitzustellen, hat die Klinische Psychologie einen enormen Aufschwung im stationären Setting genommen.

Tätigkeits-Spektrum

Die Tätigkeit der Klinischen Psychologen ist sehr vielfältig und reicht über die gesamte Lebensspanne eines Menschen – von der Betreuung werdender Eltern über die testpsychologische Diagnostik und Betreuung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen bis hin zu Menschen im Endstadium ihres Lebens (siehe Kasten). Daraus ergeben sich für die moderne Klinische Psychologie im Krankenhaus ganz unterschiedliche Aufgabenbereiche. An erster Stelle stehen dabei die klinisch-psychologische Diagnostik und die daraus resultierenden klinisch-psychologischen Behandlungsansätze. Krisenintervention, Beratung (etwa vor Operationen) sowie gesundheitspsychologische Beratung und Behandlung zur Vermeidung von Erkrankungen zählen ebenfalls zu den Aufgaben.

Neben dem großen Spektrum der klinischen Versorgungstätigkeit tragen Klinische Psychologen im Krankenhaus durch ihre Forschungsarbeiten außerdem wesentlich zur Weiterentwicklung des eigenen Faches wie auch dem der Medizin bei. Aufgrund ihrer universitären Ausbildung bringen sie exzellente Fertigkeiten in Statistik, Methodenlehre und Untersuchungsdesign mit.

Ein seit Jahrzehnten etabliertes Tätigkeitsfeld Klinischer Psychologen ist die Psychiatrie. Hier reicht das Aufgabenfeld von der fundierten klinisch-psychologischen Diagnostik der Persönlichkeit wie auch der Leistungsfähigkeit mittels entsprechender Testverfahren über unterschiedliche psychologische Behandlungsformen, wie etwa kognitive Trainingsprogramme, Psychoedukation oder Angehörigenarbeit, bis hin zu speziellen Behandlungs- und Beratungsformen mit fließendem Übergang zur Psychotherapie. Aktuelle Themen wären hier beispielsweise Angst, Depression, Burnout, Substanzabhängigkeit, Essstörung, Schlafstörung, Demenz oder Traumatisierung. An psychiatrischen Kliniken arbeiten die klinischen Psychologen Seite an Seite mit den Ärzten, wobei sich viele Tätigkeitsbereiche überschneiden, mit Ausnahme der Psychopharmakologie, die dezidiert den Medizinern vorbehalten bleibt.

Die Klinische Psychologie hat auch im Bereich der Neurologie einen großen Stellenwert. Im Bereich der Diagnostik werden ausführliche neuropsychologische Untersuchungen mit standardisierten psychometrischen Verfahren durchgeführt, um etwaige neurologisch bedingte Leistungsdefizite zu quantifizieren und entsprechende therapeutische Maßnahmen ergreifen zu können. Die neuropsychologische Untersuchung spielt besonders bei Demenz, Schlaganfall, Epilepsie, Bewegungsstörungen, aber auch Kopfschmerzsyndromen eine herausragende Rolle. Aufbauend auf der Diagnostik werden entsprechende neuropsychologische Behandlungsverfahren, wie zum Beispiel kognitives Training, eingeleitet.

In den Bereichen Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Kinder- und Jugendheilkunde ist die klinisch-psychologische Diagnostik und Behandlung bzw. Beratung ebenfalls seit Langem fest verankert. Aber auch in zahlreichen anderen klinischen Feldern werden Klinische Psychologen vermehrt und sehr erfolgreich eingesetzt, so unter anderem in der Dermatologie, Chirurgie, Gynäkologie, Inneren Medizin oder Orthopädie.

Neues Lehrbuch

Das neu erschienene Lehrbuch (siehe Buchtipp) Klinische Psychologie im Krankenhaus schildert in kompetenter wie anschaulicher Weise das klinisch-psychologische Tätigkeitsspektrum in den unterschiedlichen medizinischen Teildisziplinen. Es liefert für den niedergelassenen Arzt wertvolle Hinweise und Informationen in Bezug auf mögliche psychosoziale Probleme und kognitive Einschränkungen der Patienten und zeigt Möglichkeiten der Kooperation hinsichtlich der fachlichen klinisch-psychologischen Abklärung und entsprechender klinisch-psychologischer Behandlungsmöglichkeiten.

 

Priv. Doz. Dr. Johann Lehrner ist an der Uniklinik für Neurologie, Mag. Karin Stolba an der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Dr. Gabriele Traun-Vogt an der Uniklinik für Frauenheilkunde und Sabine Völkl-Kernstock an der Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, MedUniWien, tätig.

Eine klinisch-psychologische Behandlung
Ein Beispiel aus der Psychoonkologie soll veranschaulichen, wie sich der Bogen der klinisch-psychologischen Behandlung, im Falle einer Brustkrebserkrankung einer jungen Frau von 32 Jahren, im schlimmsten Fall von der Diagnosemitteilung bis zur Trauerbegleitung der Familie nach dem Tod der Patientin, spannt. Dabei werden etwa folgende Fragestellungen psychologisch bearbeitet:

• Warum ich – warum jetzt – warum Brustkrebs?
• Muss ich sterben? Wie lange habe ich noch zu leben?
• Wie soll ich mit der Angst vor einer Metastasierung leben?
• Wie rede ich mit meinem Mann? Unsere Sexualität verändert sich – wie sollen wir damit umgehen? Wie kann man über Sex überhaupt reden, wenn es schwierig ist?
• Wie soll ich meinen Kindern sagen, dass ich Krebs habe? Was soll ich sagen, wenn sie mich fragen, ob ich sterben werde?
• Wir wollten erst Kinder bekommen – durch die Erkrankung denken wir darüber nach, ob wir das überhaupt verantworten können. Wie kommen wir zu einer guten Entscheidung?
• Eine Brust muss entfernt werden – wie werde ich das verkraften?
• Wird mein Partner es ertragen, mich ohne Brust zu sehen?
• Soll ich meine Brust wiederaufbauen lassen? Wie wird sich das anfühlen, passt das für mich?
• Wie werde ich eine Chemotherapie verkraften, wie den Haarverlust?
• Eine antihormonelle Therapie bringt mich so früh in den Wechsel – was passiert mit meinem Frausein?
• Metastasen sind aufgetreten – wie kann ich damit leben und dabei meinen Kindern trotzdem eine gute Mutter und meinem Mann eine gute Partnerin bleiben?
• Ich weiß, ich werde bald sterben müssen – wie kann ich das ertragen, wie meinen Kindern in Erinnerung bleiben?
• Wie bereite ich gemeinsam mit meinem Mann die Kinder auf meinen Tod vor, welche Vereinbarungen sind mir für nachher wichtig, damit ich gehen kann?
• Wer kümmert sich um meine Familie in ihrer Trauer?

Vor dem Hintergrund multidisziplinärer Teamarbeit sind Psychologen mit psychoonkologischem Schwerpunkt täglich gefordert, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, um Patienten und deren Angehörige im Spital optimal in schwierigsten Lebensphasen zu betreuen. Darüber hinaus erfüllen sie aber auch eine essenzielle stützende Funktion für die Kollegen im multiprofessionellen Behandlungsteam.

Von J. Lehrner, K. Stolba, G. Traun-Vogt und S. Völkl-Kernstock , Ärzte Woche 26 /2011

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