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Fotos (2): BÖP (berufsverband österr psychologen)
Erfahrene Psychologinnen und Psychologen vermitteln Grundlagen des Umgangs mit traumatisierten Menschen.
 

Erste Hilfe für die Psyche

Analog zu den bekannten medizinischen Nothelferkursen bietet der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) seit Februar psychologische Ersthelferkurse an.

Gewalterlebnisse wie Unfälle können nicht nur zu körperlichen Verletzungen führen, sondern auch das psychische Gleichgewicht massiv stören. Seit Kurzem kann im Einführungskurs „Psychologische Erste Hilfe für Laien“ gelernt werden, wie seelische „Wunden“ erstversorgt werden. Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist gerade auch in Gesundheits- und Sozialberufen wichtig: Der Entwickler des Kursprogramms Dr. Cornel Binder-Krieglstein erklärt im Interview mit der Ärzte Woche, warum auch medizinisches Personal davon profitiert.

 

Der Notfallpsychologe und Vizepräsident des Berufsverbands Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) Dr. Cornel Binder-Krieglstein hat im Rahmen der österreichischen Akademie für Psychologie einen Kurs entwickelt, in dem die elementare psychologische Erstversorgung nach einem belastenden Ereignis gelernt werden kann. „Diese Erstversorgung wird zwar im Idealfall durch Psychologinnen und Psychologen geleistet“, erklärt er, „kann aber auch durch geschulte Ersthelfer erfolgen.“

Während medizinische Erste-Hilfe-Kurse von allen großen Rettungsorganisationen durchgeführt werden, nimmt sich das Angebot für die psychologische Erste Hilfe bescheiden aus. Mit den neuen Einführungskursen hat der BÖP nun einen ersten Schritt zur Verbesserung dieser Situation gesetzt. In einem vierstündigen Basisseminar erfahren die Teilnehmer, was in Krisensituationen berücksichtigt werden muss.

In Amerika und den skandinavischen Ländern wurden mit ähnlichen Kursen in den letzten Jahren schon gute Erfahrungen gemacht.

 

Warum braucht es den psychologischen Erste-Hilfe-Kurs?

Binder-Krieglstein: Wir wollen diese Kurse der breiten Bevölkerung anbieten, um Menschen zu unterstützen, die schon einmal in Situationen gewesen sind, in denen sie jemand anderem im Sinne des guten Hausverstandes einen Beistand leisten wollten und dabei gemerkt haben, dass es nicht gut funktioniert hat. In der Tat kann man etliche „Dos and Don’ts“ und vor allem einen roten Faden der psychologischen ersten Hilfe vermitteln.

Wir bieten auch einen 16-stündigen Aufbaukurs an, der jenen Menschen besonders empfohlen wird, die in einem sozialen Bereich tätig sind.

 

Ihre Kurse sind also auch für Ärzte geeignet?

Binder-Krieglstein: Auf jeden Fall, nicht nur für Ärzte, sondern auch für Krankenpflegepersonen, Sprechstundenhilfen, Sozialarbeiter und Pädagogen, wobei es günstig ist, homogene Gruppen zusammenzustellen und spezielle Schwerpunkte zu setzen.

Solch einen psychologischen Erste-Hilfe-Kurs für Ärzte oder Sprechstundenhilfen bieten wir in der Akademie gerne an. Eine Kooperationen des Berufsverbandes mit der Plastisch Chirurgischen Gesellschaft ist im Anlaufen: Hier sollen Psychologie und Kommunikation in die Fachausbildung der Plastischen Chirurgen eingebaut werden. Da ist es ja auch wichtig, die Motivation und emotionale Situation der Patienten besonders zu berücksichtigen, um eine Intervention dann setzen zu können, wenn sie sinnvoll ist und nicht aus einer „Alltagsposse“ heraus erfolgt.

 

Was sind denn Kardinalfehler, die in Krisensituationen gemacht werden?

Binder-Krieglstein: Man sollte nur dann eine psychologische Erste Hilfe anbieten, wenn man sich dazu auch gut in der Lage fühlt. Wenn man selbst gerade Belastungen erlebt hat, die einen daran hindern, oder wenn man selbst emotional instabil ist, sollte man das lieber lassen.

Man muss sich auch überlegen, aus welcher Motivation heraus man helfen will. Wir wollen vermeiden, dass Menschenmit einem Helfer-Syndrom, bei denen das eigene Interesse im Vordergrund steht, eingreifen.

In der konkreten Situation sollte man einen Überblick über den Ablauf der Intervention haben und nicht einfach nur drauflos betreuen, was einem der Hausverstand gerade nahelegt. Das wären ein paar Punkte, auf die man schon achten sollte.

 

In welchen Situationen ist es auch für Ärzte wichtig, diesen roten Faden zu kennen?

Binder-Krieglstein: Ich fahre ja im Rettungsdienst selbst auch im Notarztwagen. Gerade wenn man in der Notfallmedizin unterwegs ist und dabei z. B. den Tod einer Person feststellt, steht man oft unter Zeitdruck. Da müsste man Notärzte darauf hinweisen, dass ihnen für die Nachbetreuung mobile Psychologen oder Kriseninterventionsteams fast überall in Österreich zur Verfügung stehen.

In der Ordination ist die Übermittlung einer schlimmen Nachricht eine kritische Situation. Da werden jetzt einige Ärzte sagen, dass sie das ja tagtäglich tun, aber es wäre zu hinterfragen, ob es so geschieht, wie sie das anstelle des Patienten selber gerne hätten. Das kann man mit einer Portion Selbstkritik rasch überprüfen.

Im Bereich der Onkologie kann man sich fragen: Wie sehr nutze ich die Ressource der Psychologen, die es in Krankenhäusern gibt, und wie sehr könnte man enger mit anderen Berufsgruppen zusammenarbeiten, sodass man multiprofessionell an diese Fragestellung herangeht?

In der Geriatrie – ich bin selber Betreiber von sieben Pflegeheimen mit 500 Betten – ist mir wichtig, dass in jedem Pflegezentrum ein Psychologe angestellt ist, damit man Probleme gemeinschaftlich, Schulter an Schulter, abarbeiten kann. Das geht am besten in der Kombination von Medizin und Psychologie. Wir haben die enge Verquickung dieser beiden Disziplinen das „Langenloiser Modell“ genannt. Im Prinzip geht es darum, den Menschen in seiner momentanen Situation multiprofessionell, Schulter an Schulter, ohne Standesdünkel, möglichst gesamtheitlich zu betreuen.

 

Was ist für den Laien, abgesehen vom roten Faden, noch wichtig?

Binder-Krieglstein: Im Einführungskurs bekommen die Teilnehmer auch beschrieben, wie sich die Berufsfelder abgrenzen: Was macht der klinische Psychologe, und was macht er nicht? Was macht der Arzt, der Psychiater, der Psychotherapeut, und was macht er nicht? Dazu gehört auch, dass der Laie erfährt, was er tun kann und was nicht, wann er unbedingt einen Profi einschalten muss, einen Psychologen oder Psychiater.

In den Kursen kann man den Leuten auch versuchen, durch Information die Angst vor den „Psy“-Berufen wie dem Psychologen oder dem Psychiater zu nehmen und erklären, dass manchmal durch den Einsatz von Psychopharmaka eine klinische psychologische Behandlung erst möglich wird.

 

Haben Sie schon ein Feedback auf den Kurs erhalten?

Binder-Krieglstein: Oh ja, sehr gutes Feedback, wir haben das ja einmal kurz im Radio auf Ö3 vorgestellt, und darauf haben wir innerhalb von drei Stunden 60 Anfragen bekommen. Wenn die Leute von den Kursen hören, sagen sie immer: „Dass es das endlich gibt!“

 

Wovon profitieren die Teilnehmer ihrer Kurse besonders?

Binder-Krieglstein: Also ganz wichtig sind den Leuten immer diese fünf Punkte des BASIS-Modells (siehe Kasten), die den Kern der psychologischen Ersten Hilfe ausmachen. Das finden die meisten sehr gut, weil konkret dargestellt wird, was alles getan werden muss.

Nach den vier Stunden Einführungskurs sagen die Teilnehmer oft: „Na ja und jetzt? Jetzt bin ich auf den Geschmack gekommen, jetzt wüsste ich gerne ein bisschen mehr.“ Da konnten wir jetzt einen 16-Stunden-Kurs auch zumindest schon avisieren.

 

Können Sie das BASIS-Modell ein bisschen erläutern?

Binder-Krieglstein: Im BASIS-Modell steht jeder Punkt für einen Schritt: Der Buchstabe „B“ heißt Beziehung aufbauen. „A“ steht für Anerkennen der Situation oder auch des Geschehnisses, auch auf der Ebene des Patienten oder des Betroffenen. Dabei muss relativ rasch eingeschätzt werden, wo eigentlich das Problem der Person liegt. „S“ bedeutet Struktur geben. „I“ ist Information, z. B. darüber, wie der weitere Ablauf aussieht, aber auch über die Psychotraumatologie, über die akute Belastungsreaktion. Denn wir hören oft, dass die Betroffenen Sorge haben, dass sie verrückt werden – so formulieren sie das laienhaft –, wenn sie in den ersten 48 Stunden, vor allem in der Nachtschlafphase, Störungen haben oder Flash-backs usw. Hier kann man informieren. Der fünfte Punkt ist das „S“ wie soziale Auffangnetze, die sicherstellen, dass dann die Rückbindung in soziale Gefüge überprüft und durchgeführt wird. Dabei muss ein soziales Netz zusammengestellt werden, in dem der Betroffene anschließend den weiteren Tag oder die Nacht geborgen und sozial versorgt verbringen kann.

 

Wissen Sie von konkreten Situationen, wo geschulte Laien sehr gute Hilfestellung leisten konnten?

Binder-Krieglstein: Es kann ja jeder Mensch jederzeit in so eine Situation kommen. So haben wir diese psychologischen Erste-Hilfe-Kurse einmal für die Laien angedacht. Es gibt aber auch andere Menschen, die schon eine solche Ausbildung genossen haben: Laien, die im Katastrophenfall helfen, z. B. Zelte aufzubauen, in Gemeindehallen Lager aufzubauen und die Leute mit Essen versorgen. Ich glaube, dass es auch wichtig ist, z. B. allen Lehrern, Krankenschwestern, Sozialarbeitern sowie Lebens- und Sozialberatern einen standardisierten Kurs anzubieten.

Es gibt ja auch Laien-Kriseninterventionsteams in Österreich, die allerdings keinen psychologischen Erste-Hilfe-Kurs haben, sondern eine aufwendigere Kriseninterventionsausbildung. Auch bei der Bergrettung haben wir den Einsatzkräften den Kurs schon einmal angeboten.

 

Wo kann man Kurse in psychologischer Erster Hilfe besuchen?

Binder-Krieglstein: Organisiert werden diese Kurse über die Österreichische Akademie für Psychologie in Wien. Weil wir von der großen Nachfrage etwas überrascht wurden, sind wir gerade dabei, das Angebot auf Niederösterreich im Rahmen des Projekts „Gesunde Gemeinde“ auszudehnen. Dann wird es ein Rollout über die anderen Bundesgebiete geben. Vielleicht wäre dabei eine Kooperation mit der Ärztekammer oder anderen strategischen Partnern möglich. Da sind wir grundsätzlich offen, denn wir wollen die soziale, psychiatrische, psychologische, psychotherapeutische Ebene auch im akademischen Schulterschluss vorantreiben.

 

Webtipp: www.boep.or.at

Dr. Cornel Binder-Krieglstein Klinischer und Gesundheitspsychologe, Vizepräsident des Berufsverbands Österreichischer Psychologinnen und Psychologen

Kasten:
Das BASIS-Modell
Ein roter Faden durch die psychologische Erste Hilfe:

1. Beziehung aufbauen
2. Anerkennung des Ereignisses
3. Strukturieren
4. Informieren
5. Sicherstellen von Auffangnetzen

Quelle: Österreichische Akademie für Psychologie ÖAP
Fotos (2): BÖP (berufsverband österr psychologen)

Erfahrene Psychologinnen und Psychologen vermitteln Grundlagen des Umgangs mit traumatisierten Menschen.

Von Mag. Patricia Herzberger, Ärzte Woche

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