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Quelle: Müller-Baden, Emanuel (Hrsg.): Bibliothek des allgemeinen und praktischen Wissens, Bd. 2. - Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart: Deutsches Verlaghaus Bong & Co, 1904. - 1. Aufl.
Im Mittelalter war die Anzahl der Tötungsdelikte in Zentraleuropa noch wesentlich höher als heute.
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Prof. Dr. Thomas Stompe Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, AKH Wien

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Dr. David Holzer Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, AKH Wien und Justizanstalt Göllersdorf

 

Mord und Totschlag

Zusammenhang zwischen Tötungsdelikten und Kultur.

Damit die Prävalenz von Tötungsdelikten bei psychisch kranken Straftätern adäquat beurteilt werden kann, sind Kenntnisse über nationale Homizidraten in der Allgemeinbevölkerung unerlässlich. Um einen Einblick in die kriminologische Homizidforschung zu vermitteln, sollen im Folgenden die historische Entwicklung der Tötungsdelikte in Europa dargestellt, nationale Unterschiede in Homizidraten aufgezeigt und soziale Rahmenbedingungen analysiert werden.

 

2009 publizierten Matthew Large und Kollegen eine Metaanalyse von internationalen Studien, welche die Häufigkeit von Tötungsdelikten bei Tätern mit Störungen aus dem schizophrenen Formenkreis über einen Zeitraum von insgesamt 58 Jahren dokumentieren. Die Autoren konnten dabei nachweisen, dass Tötungsraten bei psychisch Kranken mit Homizidquoten in der Allgemeinbevölkerung korrelieren.

Basierend auf diesem Ergebnis schloss die australische Forschergruppe, dass die Auftrittswahrscheinlichkeit von strafbaren Gewalthandlungen bei schizophrenen Patienten nicht nur durch das Störungsbild und die Suffizienz des medizinischen Behandlungsmanagements bedingt sei, sondern auch durch Faktoren, welche die Häufigkeit von Tötungsdelikten in der Allgemeinbevölkerung beeinflussen.

Historische Tötungsraten in Europa

Die Anzahl der Tötungsdelikte in Zentraleuropa lag im 13. und 14. Jahrhundert weit über 30 Homizide pro 100.000 Einwohner. Bis in die Neuzeit konnte über Jahrhunderte hinweg jedoch ein steter Abfall beobachtet werden, wobei die Häufigkeit vorsätzlicher Tötungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts unter zehn pro 100.000 gesunken war.

Nach dieser ersten Periode des Abfalls folgte ein weiterer deutlicher Rückgang, welcher mit einer auffallenden Angleichung der regionalen Tötungsraten verbunden war. Mit einer durchschnittlichen Quote von 0,8 Homiziden pro 100.000 wurde schließlich in den 1950er und 1960er Jahren der historische Tiefpunkt in Europa erreicht.

In der dritten Entwicklungsphase zeigte sich zwischen 1970 und 2000 ein Anstieg der Tötungsraten mit regionalen Zunahmen bis über 300 Prozent. Nach dieser Periode der „Crime Booms“ stabilisierten sich die europäischen Homizidraten und zeigen seit der Jahrtausendwende einen stabilen Verlauf mit leicht sinkender Tendenz.

Rückgang der Tötungsdelikte

Der beschriebene Rückgang der Tötungsdelikte in Europa wird von Experten auf eine Abnahme der interpersonellen Gewalt von jungen Männern in der Öffentlichkeit zurückgeführt und als Ausdruck des europäischen Zivilisierungsprozesses verstanden. Gestützt wird diese Ansicht durch Studienergebnisse, welche aufzeigen, dass der Anteil von Frauen an den Opfern von Tötungsdelikten in Regionen mit hohen Homizidraten etwa zehn Prozent beträgt. Bei Abnahme der regionalen Tötungshäufigkeit war hingegen ein Anstieg des prozentuellen Anteils der weiblichen Opfer auf bis zu 30 Prozent zu beobachten.

Ferner zeigen Analysen unterschiedlicher nationaler Daten, dass Tötungsraten mit dem Durchschnittsalter der Bevölkerung eine negative Korrelation aufweisen. Mit den Fortschritten des medizinischen Versorgungssystems im 19. und 20. Jahrhundert konnte der Rückgang der Tötungsdelikte seit 1850 noch weiter verstärkt werden, da nunmehr viele schwer verletzte Opfer gerettet werden konnten. Die Periode der „Crime Booms“ ist nach wie vor Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen, wobei vorzugsweise soziokulturelle Phänomene wie „Entzivilisierungsprozesse“ oder Veränderungen der „Lebensführung“ als ursächlich angenommen werden.

Tötungsraten im internationalen Querschnitt

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen betrug die globale Homizidrate in Jahr 2004 etwa 7,6 Tötungsdelikte pro 100.000 Menschen der Weltbevölkerung. Hierbei handelt es sich um Personen, die nicht in kriegerischen Auseinandersetzungen vorsätzlich getötet wurden. Diese Rate entspricht einer absoluten Zahl von rund 490.000 Personen, welche in diesem Jahr vorsätzlich getötet wurden. Mit einem Anteil von 37 Prozent verzeichnete dabei Afrika die meisten Mordopfer weltweit, gefolgt von Amerika mit 29 Prozent und Asien mit 25 Prozent.

Die verbleibenden zehn Prozent aller im Jahr 2004 dokumentierten Tötungsdelikte ereigneten sich in Europa und im ozeanischen Raum. In Relation zur jeweiligen Bevölkerungszahl wurden – mit über 20 Delikten pro 100.000 Einwohnern – die höchsten Homizidraten 2004 in den südlichen und westlichen Regionen Afrikas sowie in Zentral- und Südamerika beobachtet. Der karibische Raum und Osteuropa folgten mit durchschnittlichen Raten zwischen zehn und 20 pro 100.000, womit diese ebenfalls deutlich über dem weltweiten Durchschnitt lagen.

Fünf bis zehn Tötungsdelikte pro 100.000 wurden für Nordafrika, Nordamerika und Zentralasien berechnet, während Regionen wie Südosteuropa, der Mittlere Osten sowie der südasiatische und ozeanische Raum zwischen drei bis fünf Homizide pro 100.000 verzeichneten. Die geringsten Tötungsraten wurden schließlich in West- und Zentraleuropa sowie in Südostasien gefunden.

Mit einer durchschnittlichen Tötungsrate von rund 0,6 pro 100.000 Einwohnern zwischen 2006 und 2008 verzeichnet Österreich die niedrigste Homizidrate im innereuropäischen Vergleich. Die Anzahl der Tötungsdelikte zeigt dabei seit dem Jahrtausendwechsel einen weitgehend stabilen Verlauf mit leicht absteigender Tendenz.

Soziale Einflussfaktoren

Hohe Homizidraten finden sich in Staaten mit niedriger Alphabetisierungsrate, geringer Lebenserwartung, einem hohen Anteil von jungen Einwohnern sowie niedrigen Wohlstandswerten und einer hohen sozialen Ungleichheit. Ferner sind Tötungsdelikte häufiger in Nationen mit Demokratiedefiziten, wobei hier lateinamerikanische Länder mit so genannten „Übergangs-Regimes“ die höchsten Homizidquoten aufweisen.

Um den Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Tötungsdelikten bei psychisch kranken Straftätern und den Homizidraten in der Allgemeinbevölkerung zu klären, sind zukünftig weitere internationale Vergleichsstudien sowie eingehendere Untersuchungen über den Einfluss von soziokulturellen Faktoren notwendig.

 

Literatur bei den Verfassern

„Homizid“
Internationalen Definitionen zufolge bezeichnet „Homizid“ die vorsätzliche, rechtlich nicht legitimierte Tötung eines Menschen durch eine andere Person. In der Fachliteratur wird die Häufigkeit von Homiziden als Tötungsrate – dokumentierte Fälle auf 100.000 Einwohner pro Jahr – angegeben.

Von Dr. David Holzer und Prof. Dr. Thomas Stompe , Ärzte Woche 22 /2011

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