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Prof. Dr. Otto Lesch Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, MedUni Wien
 

Die individuelle Vulnerabilität für Suchtmittel behandeln

Obwohl Alkohol- und Tabakkonsum in unseren Breiten massive negative Auswirkungen haben, wird auf diesem Therapiegebiet viel falsch gemacht. Nach wie vor ist die Expertise dünn gesät.

Der weltweit anerkannte Experte im Bereich von Abhängigkeiten, Prof. Dr. Otto Lesch, veröffentlichte im Verlag SpringerWienNewYork sein aktuelles Buch zum Thema Alkohol- und Tabakabhängigkeit. Im Interview mit der Ärzte Woche fasst der Experte die zentralen Botschaften seines jüngsten Werkes zusammen.

 

Das Buch „Alkohol und Tabak – medizinische und soziologische Aspekte von Gebrauch, Missbrauch und Abhängigkeit“ will vor allem zeigen, welche Gefahren im eindimensionalen Denken bei der Behandlung von stofflichen Abhängigkeiten stecken. Der renommierte Hauptautor, Prof. Dr. Otto Lesch von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien, weist in diesem Rahmen auch auf die Regelkreise von suchtauslösenden Mechanismen und die psychosoziobiologischen Interaktionen hin. Lesch, der vor unbequemen Aussagen nicht zurückschreckt, legt fast nebenher auch die Schwachstellen der modernen Medizin dar. Etwa wenn er die reine Befundungs-Diagnostik-Medizin kritisiert, die „oft nur darauf aus ist, in ein therapeutisches Schemenmieder verpackt zu werden und so Gefahr läuft, über weite Strecken ihr menschliches Antlitz zu verlieren“.

 

Was dürfen wir uns von Ihrem aktuellen Werk erwarten und an welches Publikum wenden Sie sich?

LESCH: Das Buch besteht eigentlich aus drei Teilen. Der erste Part bezieht sich vor allem auf psychologische Kriterien, ein anderer stellt insbesondere medizinisch-biologische Faktoren in den Vordergrund, etwa die Interaktion von Alkohol bzw. Tabak und Medikamenten. Der dritte Teil arbeitet mit vielen Fallbeispielen, gibt Einblicke in die Soziologie der Abhängigkeit und nimmt somit einen ganz anderen Blickwinkel ein.

Die Vielfalt der Zugänge soll garantieren, dass das Buch zum Nachschlagwerk für verschiedene Professionisten wird, auch für solche, die sich mit Tabak- oder Alkoholabhängigkeit nur am Rande befassen. Etwa der Urologe, der sich wundert, warum die sonst erfolgreiche Therapie so gar nicht ansprechen will. Oder der Kardiologe, der die Herzrhythmusstörungen seines Patienten nach dem Wochenende nicht einordnen kann. Findet sich in der Anamnese eine Alkohol- und/oder Nikotinabhängigkeit, so gibt es mannigfaltige Einflüsse auf Pathophysiologie und Pharmakologie. Unser Buch soll helfen, diese Querverbindungen offen zu legen.

Mir liegt sehr daran, viele verschiedene Fachgruppen anzusprechen, da ich davon überzeugt bin, dass nur ein kleiner Teil der Patienten in ein stimmiges medizinisch-psychologisches Setting kommt und eher in Übergangswohnheimen, in Sozialhilfestellen oder Obdachlosenherbergen landen. Den dort arbeitenden Menschen wollen wir mit diesem Buch etwas in die Hand geben, das sie effizienter arbeiten lässt.

Nikotin- und die Alkoholabhängigkeit sind in unseren Breiten die wohl häufigsten Abhängigkeitserkrankungen. Soll man sie getrennt oder in Kombination behandeln?

LESCH: Wir behandeln in erster Linie die Vulnerabilität eines Menschen für bestimmte Suchtmittel. Ich glaube, dass es dabei nicht so wichtig ist, um welche Suchtmittel es sich im Detail handelt. Natürlich spielt der Stoff eine Rolle, wenn es um Probleme der Entzugstherapie oder Folgeerkrankungen geht. Doch für andere essentielle Fragen, wie etwa Lebenstil- oder Verhaltensänderungen, ist das suchtauslösende Substrat nahezu unerheblich. Hier steht die Interaktion von psychosoziobiologischen Vulnerabilitäten im Vordergrund.

Zudem wissen wir heute, dass bei diversen stofflichen Abhängigkeiten ähnliche physiologische Prozesse angestoßen werden. So werden beispielsweise beim Rauchen und Alkoholkonsum ähnliche Giftstoffe frei, etwa die angstauslösenden b-Carboline. Wir vermuten, dass diese körpereigenen Substanzen, die das serotinerge System beeinflussen, bei Angststörungen eine wesentliche Rolle spielen. Daher ist die in den 90er-Jahren übliche Praxis, nämlich ausschließlich das serotinerge System pharmakologisch zu therapieren, nicht zielführend, wenn man vorher schon den Precursor hätte behandeln können. Dieses Wissen ist viel zu wenig verbreitet.

 

Sie glauben also, dass bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen auf die Interaktion mit diversen Stoffen zu wenig Rücksicht genommen wird?

LESCH: Ja, dieses Problem findet sich sehr häufig. Nehmen wir als Beispiel eine Spezialstation für schizophrene Menschen. Dort gibt es überdurchschnittlich viele starke Raucher, die ihrer Sucht auch während des stationären Aufenthaltes nachgehen. Das ist aber wesentlich, da Tabak ein Dopamin-Agonist ist und den Spiegel der Neuroleptika reduziert. Dies sind Beziehungen, die ein gut weitergebildetes Krankenhauspersonal kennen und berücksichtigen muss. Solche Beispiele gibt es zuhauf. Dazu zählt auch der ‚schwierige‘ Patient auf der Unfallstation, der auf seine Zigaretten verzichten muss und zu seiner Beruhigung Neuroleptika bekommt. Das heißt also, dass seine Dopaminrezeptoren zunächst wegen des Nikotinentzuges beleidigt werden und dann noch einmal durch die Gabe von sedierenden Medikamenten. Da sollte man sich nicht wundern, wenn sich aufgrund des kalten Entzuges ein Durchgangssyndrom einstellt.

Sehr häufig wird einfach nicht bedacht, dass die Entzugssymptomatik dieselben Schäden hervorrufen kann wie die Intoxikation. Wenn die Patienten plötzlich mit dem Rauchen aufhören müssen, dann muss eine entsprechende Ersatztherapie angeboten werden, alles andere ist als unethisch anzusehen!

 

Man hat bei Ihnen oft das Gefühl, dass Sie den Rückfall viel pragmatischer sehen und weniger stigmatisieren als viele Ihrer Kollegen. Ist das Bild richtig?

LESCH: Meine langjährige Erfahrung hat mich gelehrt, dass es nur eine kleine Gruppe gibt, die absolut abstinent bleiben kann – und zwar gleichgültig vom therapeutischen Konzept. Der Großteil der Betroffenen empfindet daher jeden Rückfall bei einer rigorosen Abstinenzdefinition als persönliches wie auch therapeutisches Versagen. Das provoziert in regelmäßigen Abständen Scham und Aggression mit nachfolgendem Mangel an Selbstwertgefühl.

Den Menschen sollte vor Augen geführt werden, dass das eigentliche Ziel eine Lebensstiländerung ist, das eine Zeitlang freilich auch mit einem gewissen Rückfallrisiko verbunden ist. Ich bin davon überzeugt, dass diese Patienten viel eher abstinent bleiben als jene, die ständig mit dem erhobenen Zeigefinger konfrontiert werden. Das sehen auch offizielle EU-Stellen so und haben daher Ende 2008 die Reduktion der Trinkfrequenz als gleichgestelltes Therapieziel zur absoluten Abstinenz anerkannt.

 

Warum folgen dann so wenige Experten dieser Auffassung?

LESCH: Weil wir in einer Welt voller Zwänge leben. Viele Fachleute führen medizinische Einrichtungen, die für ein wirtschaftliches Überleben voll belegt sein müssen. Natürlich folgt man dort lieber jenen Regeln, die eine volle Bettenauslastung garantieren. Ein weiterer Grund ist, dass verschiedene Professionen – vom Sozialarbeiter über den Psychologen bis zum Mediziner – in diesem Feld tätig sind, jedoch ohne wirklich Hand in Hand zu arbeiten. Wir haben nach wie vor steile Hierarchien, und die Medizin dominiert in diesem Gefüge. Dies führt dazu, dass das eigentlich komplexe Geschehen rund um die Sucht biologistisch simplifiziert wird.

Eine dritte Begründung liegt in der Frage, wer wirklich Experte bzw. Expertin ist und wer nur von den Medien dazu gemacht wird. Oft liest man – selbst in Qualitätszeitungen – sogenannte Fachmeinungen zum Thema Rauchen und Alkoholabusus von Leuten, die sich damit nur rudimentär befassen. Besonders drastisch trat dies bei der „Komasaufen“-Debatte zutage. Und eines muss man leider feststellen – die Expertise ist sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene sehr dünn gesät.

 

Sie beklagen sich immer wieder über diverse Ideologien, die in die Suchtproblematik hineinspielen.

LESCH: Das ist auch so! Nehmen wir als Beispiel eine schwerkranke Patientin mit einem Mammakarzinom mit osteokastischen Metastasen und massiven Schmerzen, der das Recht auf die beste palliative Behandlung – nämlich eine Heroin-Kokain-Kombination – per Gesetz verwehrt wird. Hinter solchen Verboten stehen aber keine medizinischen Gründe, sondern Ideologien. Das halte ich für unethisch! Ein Blick auf die Statistik spricht Bände: Tabak und Alkohol verursachen jährlich 14.000 bzw. 8.000 direkte Tote. Wir haben keinen einzigen Tod nach Cannabisgebrauch. Aber Cannabis bleibt weiterhin strikt verboten, dabei wäre der medizinische Gebrauch dieser Substanz sehr wertvoll. Für manche Erkrankungen wäre Cannabis sogar eine der wenigen wirksamen Therapien, etwa beim Tourettesyndrom. Da zwingt man Patienten kompromisslos in die Illegalität. Hier benötigen wir als massiv Alkohol- und Tabak-missbrauchendes Land anscheinend den Außenfeind Haschisch – alle einseitig denkenden Systeme schaffen sich einen Außenfeind.

 

In Ihrem Buch streichen Sie heraus, was der extramurale Bereich auf dem Gebiet der Suchtprävention und –behandlung tun kann.

LESCH: Das liegt mir besonders am Herzen, schließlich sind die Hausärzte die ersten Ansprechpartner von Abhängigen und deren Angehörigen. Sie können schon im Frühstadium der Abhängigkeit körperliche und psychische Veränderungen feststellen. Wenn dann auch die menschliche Ansprache zwischen Arzt und Patienten passt und die richtigen (offenen) Fragen gestellt werden, kann enorm viel abgefangen werden. Untersuchungen gehen davon aus, dass dadurch bei etwa 25 Prozent aller Betroffenen eine Reduktion des Trinkkonsums über sechs Monate hinweg erreicht werden kann. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Einteilung der Patienten in die richtige Untergruppe. Denn dies ist für die Entscheidung ausschlaggebend, wann, ob überhaupt und zu welchen spezifischen Einrichtungen ein Patient überwiesen werden soll. Das muss aber gelernt werden – daher haben wir diesem Aspekt in unserem Buch viel Raum gewidmet. Ich bin davon überzeugt, dass ausgebaute Kenntnisse auf diesem Gebiet die Qualität unseres Gesundheitssystems und die Stellung des Allgemeinmediziners deutlich steigern können.

 

Das Gespräch führte Raoul Mazhar

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