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Vor dem eigentlichen Amoklauf verdunkelt sich die Außenwelt oder verfärbt sich rot.
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Prof. Dr. Thomas Stompe Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Allgemeines Krankenhaus Wien

 

Amok aus transkulturell-psychiatrischer Sicht

Sowohl der malaiische Latah-Zustand als auch der westliche Amoklauf sind Ausdruck von Fehlentwicklungen der Persönlichkeit in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation.

Bevor der Terminus Amok auf westliche Phänomene wie School-Shooting angewandt wurde, bezeichnete er ein kulturgebundenes oder in modernerer Diktion: kulturspezifisches Syndrom. Kulturgebundene Syndrome kommen nicht ubiquitär vor. Sie zeigen eine mehr oder minder differenzierte Symptomatik, eine spezielle Benennung und sind mit indigenen ätiologischen und prognostischen Vorstellungen verbunden. Zumeist gibt es typische Regeln des Umgangs, der Therapie und der Prävention.

 

Amok wurde wie Latah zuerst in Malaysia beschrieben. Wie Latah gehört Amok zu den akuten Belastungsreaktionen mit dissoziativer Symptomatik.

Der Latah-Zustand

Latah bezeichnet sowohl die dissoziativen Anfälle als auch die davon betroffene Person und wird durch heftiges Erschrecken ausgelöst. Im Vorfeld des für gewöhnlich 15 Minuten bis mehrere Stunden andauernden Latahs findet sich nicht selten ein sexueller Initialtraum. Die Betroffenen zeigen eine Dekomposition der Sprache mit Pornolalie, Echolalie, aber auch Echopraxie und wurmartige, athetotische Bewegungen sowie gelegentlich Katalepsie.

Die Latahs sind extrem suggestibel, folgen willenlos Anweisungen, imitieren Anwesende, äußern sich vulgär oder vollführen obszöne Gesten. Nach dem Anfall scheinen sie sich an nichts erinnern zu können. Latahs werden als nicht verantwortlich für ihre Handlungen während des Anfalls betrachtet. Betroffen sind fast ausschließlich erwachsene Frauen.

Typisch für diese Kultur ist eine betonte Statusdifferenzierung mit ausgeprägter Trennung der Geschlechterrollen, eine hochgradig stilisierte und formalisierte Etikette, wobei den Frauen besonders strenge Sittsamkeitsregeln auferlegt werden. Die Haltung gegenüber der Umwelt ist eher betrachtend als aktiv eingreifend, wodurch eine identifikatorische Verwischung der Ich-Grenzen bis hin zu dissoziativen Bewusstseinsveränderungen begünstigt wird. Der Latah-Zustand stellt einen Freiraum dar, in dem Frauen Regeln ungestraft durchbrechen können.

Ähnliches gilt für den Amok. Im Vorfeld sind Milieuschwierigkeiten, chronische Erkrankungen und der Verlust der sozialen Ordnung oft von Bedeutung. Dem eigentlichen Amoklauf geht ein unspezifisches neurasthenisches Vorstadium voraus. Auf dieser Grundlage gewinnen akute psychische oder physische Belastungen an Gewicht. Manchmal führt ein an sich belangloser Vorfall zur Dekompensation.

Stadium der „Meditation“

Vor dem eigentlichen Tatgeschehen findet sich für gewöhnlich ein „Stadium der Meditation“ mit Grübeln und anhaltendem Wiederholen von Gebetsformeln. Dabei verschiebt sich die Bewusstseinslage. Die Außenwelt verdunkelt sich oder verfärbt sich rot. Von bedrohlichen Gestalten umringt, empfindet der Betroffene in unerträglichem Maße Angst oder Wut. Aus diesem vorbereitenden Stadium bricht abrupt der eigentliche Amok los.

Von einem Bewegungssturm ergriffen, schreit und rennt der Täter umher, greift wahllos Menschen und Tiere an, zerfleischt seine Opfer, zerstört Gegenstände, legt Feuer. Schließlich wendet der Tobende die Aggression gegen sich selbst oder beruhigt sich scheinbar, wobei es rasch zu erneuten Ausbrüchen kommen kann. Den Abschluss bildet meist ein tiefer Schlaf oder ein stuporartiger Zustand, gefolgt von einem depressiven Nachstadium. Für die Zeit des Amoks wird Amnesie angegeben.

Geisterbesessenheit

In der Volkspsychologie der Malaien ist „gila mengamok“ eine Sonderform der Geisterbesessenheit („gila kena hantu“), welche mit der Aneignung von übernatürlichen destruktiven Kräften einhergeht. Das Auftreten von Amok wird der malaiischen Kultur durch den Umgang mit negativen Emotionen begünstigt. Bereits in der Kindererziehung wird größter Wert darauf gelegt, jeden Ausdruck von Aggressivität zu vermeiden. Auch später hat Konfliktvermeidung höchste Priorität. Wer die Regeln nicht beachtet, erfährt rasch eine soziale Ächtung.

Der Sozialstatus ist in dieser Kultur äußerst wichtig, was sich unter anderem in der Existenz von drei schichtspezifischen Sprachebenen widerspiegelt. Somit verfügen Malaien nur über ein beschränktes Repertoire sozial akzeptierter Konfliktregelung. Aufgrund dieser fehlenden Streitkultur sind diese Menschen unter einer scheinbar gleichmütigen Fassade extrem empfindlich.

Gemeinsamkeiten

Latah und Amok gemeinsam ist also, dass diese Erlebnisformen und Verhaltensweisen eine geschlechtsspezifische Entlastungsfunktion in einer streng reglementierten Gesellschaft haben. Beide Phänomene gehören dem dissoziativen Formenkreis an und gehen mit einer Amnesie einher.

Im Unterschied zum malaiischen Amok sind westliche Amokläufe zumeist geplant. Sie sind oft Reaktion auf eine subjektiv erlebte Kränkung oder Zurücksetzung. Während der Handlung erlebt sich der Täter als allmächtiger Herr über Leben und Tod. Zumindest zu Beginn werden gezielt bestimmte Personen(-gruppen) angegriffen.

Die meisten Täter begehen noch während des School-Shootings Suizid. Von den wenigen Überlebenden weiß man, dass die Aktion voll bewusst erlebt wird, Amnesie besteht keine. Im Gegensatz zu malaiischen Amokläufen findet School Shooting für gewöhnlich nicht in einem dissoziativen Dämmerzustand statt, weshalb auch nach der Tat keine dissoziative Amnesie auftritt. Bei aller Heterogenität der Täterpersönlichkeiten scheint das gemeinsame Merkmal eine narzisstische Identitätsunsicherheit zu sein. Damit ist wohl das School-Shooting – wie der malaiische Amok – Ausdruck von Persönlichkeitsfehlentwicklungen in einer spezifischen gesellschaftlichen Situation.

Von Prof. Dr. Thomas Stompe, Ärzte Woche 20 /2011

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