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Foto: flickr / mcmorgan08
Die Nachfrage nach psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungen wird steigen.
 

Zwischen Wellness und Brainjogging

Trends in der Psychiatrie.

Die Psychiatrie und Psychotherapie hat sich in den letzten Jahrzehnten wie kein anderes medizinisches Fachgebiet verändert. Solche Veränderungsprozesse bewirken Unsicherheiten und verlangen nach einer Neuorientierung.

 

Während es vor einiger Zeit noch verpönt war, psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfe zu suchen, gehört es nun – wie das wöchentliche Wellness-Erlebnis – dazu, sich psychotherapeutische Unterstützung, Coaching oder Supervision für jede Lebenslage zu holen. Und führten wir vor Jahren in Fachkreisen noch heftige Diskussionen darüber, ob nun Geist und Gehirn zusammengehören oder nicht, sind wir heute die bunten Abbildungen der bildgebenden Verfahren gewohnt, sprechen von Spiegelneuronen, Neuroplastizität und Social Neuroscience.

Die Psychiatrie der Zukunft

Unter dem zunehmenden Kostendruck und der Ökonomisierung der Medizin wird es zu einer Verkürzung der Aufenthalte in psychiatrischen Institutionen kommen, die sich dann vermehrt im ambulanten Sektor engagieren müssen. Auch wenn es zu begrüßen ist, dass die psychiatrischen Versorgungsstrukturen so organisiert sind, dass psychisch kranke Menschen und ihre Angehörigen gemeindenah und in ihrem angestammten Umfeld behandelt werden können, besteht die Gefahr, dass anstatt die stationären Budgets in den ambulanten Bereich zu verlagern, diese reduziert werden und die ambulante Versorgung die wachsenden Aufgaben nicht übernehmen kann.

Weiter ist davon auszugehen, dass die Nachfrage nach psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungen in den kommenden Jahren zunehmen wird. Heißt das nun, dass psychische Erkrankungen zunehmen werden, wie es verschiedene Studien prognostizieren, oder hat die steigende Zunahme der Nachfrage mit einer wachsenden Entstigmatisierung zu tun, nämlich damit, dass Patienten und Patientinnen früher und mit weniger Bedenken ein entsprechendes Behandlungsangebot beanspruchen? Stehen genügend Ressourcen zur Verfügung, um diesem Trend zu begegnen?

Therapieangebote

Die Behandlungsangebote selbst entwickeln sich von einer allgemeinen psychiatrischen Grundversorgung hin zu vermehrten spezialisierten Behandlungsangeboten. Mehr Methodenvielfalt und mehrdimensionale Behandlungsansätze sind zu begrüßen – aber es gilt achtsam zu bleiben, damit wir psychisch kranke Menschen nicht erneut klassifizieren in gut behandelbare und behandlungsresistente, komplexe „Fälle“.

Wie können wir eine adäquate und ausreichende Behandlung und Rehabilitation für chronisch psychisch kranke Menschen garantieren, die oft eine andere Behandlung und Betreuung brauchen als Menschen mit einem klaren Störungsbild, das dann auch störungsspezifisch behandelt werden kann. Auch zu berücksichtigen ist, dass psychische Erkrankungsbilder komplexer werden und durch soziale Faktoren noch schwieriger anzugehen sind.

Weniger soziale Verantwortung

Demographische Veränderungen werden die Zukunft des Fachgebietes Psychiatrie maßgeblich beeinflussen. Wir leben in einer Gesellschaft mit einem hohen Individualisierungsgrad, abnehmender sozialer Verantwortung und mit einer ausufernden Urbanisierung, wo auch die medizinischen Spezialangebote zu finden sind. Wie wird aber die Peripherie psychiatrisch versorgt? Wir werden des Weiteren mit einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung, und damit verbunden mit alterspsychiatrischen Fragestellungen, konfrontiert. Die Migrationsströme stellen gerade an die Psychiatrie und Psychotherapie eine spezielle Herausforderung. Haben wir hier Antworten?

Trends im Beruf der Psychiater

Die sich rasch verändernden Herausforderungen für die Psychiatrie spiegeln sich nicht nur im Fachgebiet wider, sondern auch bei den in der Psychiatrie arbeitenden Fachleuten. Wir beobachten in allen europäischen Ländern einen zunehmenden Nachwuchsmangel an jungen Ärztinnen und Ärzten, die sich für die Psychiatrie und Psychotherapie interessieren. Die stärkere Feminisierung des Arztberufes, insbesondere im Bereich der Psychiatrie und Psychotherapie, erfordert flexible Arbeitsmodelle.

Gleichzeitig treten neue Akteure in der psychiatrischen Versorgung auf den Plan. Neben Hausärzten übernehmen Psychologen und nicht-ärztliche Psychotherapeuten vermehrt die Betreuung und Behandlung psychisch kranker Menschen (s. Grafik). Fachkräfte aus der Krankenpflege arbeiten nicht mehr nur im Spital oder der Klinik, sondern auch in der Gemeinde und in ambulanten Diensten. In Entwicklung befinden sich Online-Beratungen und -Therapien.

Dieser niederschwellige und einfache Zugang erleichtert vielen psychisch kranken Menschen die Inanspruchnahme von Hilfe. Gleichzeitig aber besteht die Gefahr einer weiteren Entfremdung in der therapeutischen Beziehung und Begegnung. Und wir dürfen nicht vergessen, dass mehr als die Hälfte all unserer Patienten neben schulmedizinischen Angeboten auch komplementäre Angebote in Anspruch nimmt, von der Homöopathie über die Kinesiologie bis zu Heilern und esoterischen Praktiken.

Ein Erfolgsmodell für die Zukunft

Die Psychiatrie der Zukunft hat sich Fragen aus der Neurobiologie bis hin zur Ethik zu stellen. Sie braucht eine Verwurzelung in der somatischen Medizin sowie in der Philosophie und Psychologie. Psychopharmakotherapie und individualisierte Psychotherapien sollen der einzelnen Patientin nützen. Gleichzeitig gilt es, Versorgungsfragen zu diskutieren, damit alle psychisch kranken Menschen in einer Region Hilfe bekommen, ohne einzelne Patientengruppen zu diskriminieren oder in Vergessenheit geraten zu lassen.

Der Psychiater als Einzelkämpfer verschwindet zu Gunsten von interdisziplinären Netzwerken, in die er seine Kompetenzen einbringt. Das breite Wissen in verschiedenen Fachgebieten und das für die Psychiatrie typische vernetzte Denken wird zur herausragenden psychiatrischen Kompetenz werden – im Unterschied zu hochspezialisierten Fachgebieten der Medizin.

Die Psychiatrie und ihre Fachkräfte werden in der Medizin zu Pulsgebern für Fragen der Patientenrechte, überhaupt für den partizipativen Einbezug der Patienten in die Behandlung, für den kompetenten Umgang mit Angehörigen und dem sozialen Umfeld, für schwierige rechtliche Fragen, wie zum Beispiel der Frage des Zwangs zu einer Behandlung, oder im Versicherungsrecht.

Über all diesen Herausforderungen und zukünftigen Entwicklungen gilt es jedoch wie bereits in der Vergangenheit die Frage zu stellen, ob die psychiatrisch-psychotherapeutischen Angebote der Zukunft die Bedürfnisse der psychisch kranken Menschen wirklich erfüllen, und ob die richtigen Angebote auch zur Verfügung gestellt werden. Das heißt, wem kann mit welcher Hilfe zur Seite gestanden werden und wem nicht? Die Psychiatrie und ihre Fachkräfte müssen in der Zukunft die zentralen Ansprechpartner in Fragen der psychiatrischen Versorgung bleiben und ihre Kompetenz weiter ausbauen. Also geht es weder um Wellness noch um Hirnjogging, sondern um eine Fokussierung auf die Bedürfnisse und Leiden unserer psychisch kranken Mitmenschen und ihrer Umgebung.

 

Der Autor ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP).

Von Dr. Hans Kurt, Ärzte Woche 20 /2011

  • Frau Simone Gurrer, 22.05.2011 um 13:51:

    „Ich finde, dass dem Thema Psyche im modernen Gesundheitssystem ohnehin viel zu wenig Beachtung geschenkt wird.
    Wenn ein Mensch physisch krank ist, und sei es nur ein stärkerer Schnupfen, so darf er sich vom Dienst freistellen lassen, bis er wieder gesund ist.
    Wenn ein Mensch hingegen psychische Schwierigkeiten hat, etwa ausgebrannt ist, leichte Depressionen hat, sich überlastet fühlt, Angstzustände oder Ähnliches hat, dann darf er sich erst dann freistellen lassen, wenn das Ganze derartig heftige Maße angenommen hat, dass er mit "Burnout" diagnostiziert wird, auch wenn man dieses "Burnout" mit ein paar Tagen Erholungsurlaub zu angemessener Zeit vermutlich hätte verhindern können.
    Oder einfach mit geförderten Psychologenstunden, Wellnesstherapien oder ähnlichem.

    In den USA ist es etwa schon vollkommen normal, dass jeder seinen eigenen Psychologen hat. Das wird dort wie der Hausarzt gehandhabt und das ist auch gut so.
    Auch wenn man nicht gleich so weit gehen möchte, gibt es massig Möglichkeiten.
    Eben etwa den Anspruch auf eine gewisse Anzahl an Krankentagen im Jahr, die auf psychischen Ursachen basieren (für die Diagnose/Krankschreibung könnte eben ein Psychologe herangezogen werden). Oder aber man lässt gezielte Entspannung von der Krankenkasse fördern. Etwa eine Förderung auf Dinge wie Physiothermkabinen, Wellnessurlaube etc. bis zu einem Höchstbetrag im Jahr.

    Es ist traurig, dass der Mensch nicht als das gesehen wird, was er ist, nämlich ein Wesen, dessen Psyche und Körper sich gegenseitig beeinflussen, sondern stattdessen immer nur als "Maschine mit Geist" angesehen wird, die solange "gesund" ist, solange sie mechanisch funktionstüchtig ist.“

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