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Foto: wikipedia / Mila Zinkova
Foto: Ambra Duda (API)

Prim. Prof. Dr. Michael Musalek

 

Die Vielfalt vereinen

Die Zukunft der Psychiatrie liegt in der Integration der unterschiedlichen Arbeitsmethoden.

Auf der 11. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP), die vom 27. bis 30. April in Gmunden abgehalten wurde, beschäftigte die Teilnehmer heuer die „Zukunft der Psychiatrie“. Prim. Prof. Dr. Michael Musalek, Leiter des Anton-Proksch-Institutes, Wien, und zum Zeitpunkt der Tagung noch amtierender Präsident der ÖGPP, sprach mit der ÄrzteWoche über die Vielfalt in der Psychiatrie und den nächsten Entwicklungsschritt des Faches.

Warum wurde die ÖGPP-Tagung 2011 der Zukunft der Psychiatrie gewidmet?

Musalek: In den vergangenen Jahren haben wir uns mit den verschiedenen Strömungen in der Psychiatrie auseinandergesetzt. Aus dieser Diskussion heraus wollten wir uns jetzt mit den Möglichkeiten – und Unmöglichkeiten – der zukünftigen Entwicklung beschäftigen.

 

Wodurch zeichnet sich die gegenwärtige Psychiatrie aus?

Musalek: Die gegenwärtige Psychiatrie zeichnet sich durch eine große Vielfalt aus: Wir arbeiten mit biologischen bis hin zu psychotherapeutischen und sozialpsychiatrischen Methoden. In der Folge gilt es nun, diese Vielfalt, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat, zusammenzuführen. Die Zukunft wird integrative Modelle brauchen. Was der Psychiatrie jetzt noch fehlt, sind nicht mehr Einzelteile. Die gibt es schon und sie können natürlich immer weiter entwickelt werden – im Bereich der Psychotherapie etwa ist der nächste Schritt ein Leistungsnachweis, wie er auch bei Medikamenten üblich ist. Auch in der Sozialpsychiatrie gab es bereits große Fortschritte, zum Beispiel was die Rehabilitation von psychisch Kranken betrifft und diese Entwicklung geht weiter voran.

Was es aber zudem braucht, ist eine Integration der unterschiedlichen Zugänge, damit diese Fortschritte nicht ein loses Stückwerk bleiben. Denn es ist nicht als Alternative zu sehen, dass ein Patient entweder eine Psychotherapie oder eine medikamentöse Behandlung erhält – hier werden vielmehr integrative Behandlungsmodelle gebraucht. Eine Hauptaufgabe der zukünftigen Psychiatrie ist deshalb, solche Integrationsmodelle zu entwickeln.

Die weitere Aufgabe wird sein, dass wir von der klassischen Indikationsmedizin, die sich vorzugsweise der Therapie von Krankheiten widmet, zu einer Behandlung gelangen, die wieder den Menschen in den Mittelpunkt rückt – dass wir uns also nicht mehr nur der Behandlung von Krankheiten widmen, sondern dem kranken Menschen. Das bedeutet eine Umstellung in der Diagnostik und in der Therapie. Ein defizienzorientiertes Vorgehen wird nicht mehr ausreichen, wir müssen uns verstärkt auch mit den Ressourcen der Patienten beschäftigen.

 

Gibt es einen Bereich in der Psychiatrie, in dem integrative Modelle bereits angewandt werden?

Musalek: Der Bereich, in dem integrative Modelle sicher am meisten auch schon in der Praxis eingesetzt werden, ist sicher die Behandlung von Suchterkrankungen – auch deshalb, weil hier körperliche, psychische und soziale Faktoren in ihren besonderen Wechselwirkungen bekannt sind. Dabei soll in der Therapie kein Parallelismus erreicht werden – kein bio-psycho-soziales Vorgehen im Sinne einer biologischen, einer sozialen und einer psychologischen Behandlung. Stattdessen bemühen wir uns um ein Gesamtbehandlungskonzept, das eben alle diese Teilbereiche mit beinhaltet und insgesamt mehr ist als die bloße Summe seiner Einzelteile.

 

Könnten auch andere medizinische Fachrichtungen von dieser neuen, integrativen Psychiatrie profitieren?

Musalek: Hinsichtlich der Krankheits- und Therapiemodelle hatte die Psychiatrie immer schon eine Vorreiterrolle inne – denken wir nur an das Vulnerabilitätsmodell, das in den 60-er Jahren im Rahmen der Schizophreniebehandlung von Psychiatern und Psychologen entwickelt wurde und das heute in allen medizinischen Disziplinen herangezogen wird. Ganz ähnlich wird es auch jetzt sein.

Wir leben noch immer mit der Zwei-Welten-Legende, die davon ausgeht, dass es auf der einen Seite die Psyche gibt und auf der anderen den Körper und dass es daher auch zwei Arten von Ärzten geben muss. Das ist nicht mehr haltbar, denn wir haben es nur mit einem Menschen zu tun – wenn wir diese Wesenheit von ihrer psychischen Seite her betrachten, werden wir psychische Faktoren finden, wenn wir sie von der körperlichen Seite her betrachten, werden wir körperliche Faktoren finden, aber der, den wir betrachten, bleibt immer gleich. Das moderne psychosomatische Vorgehen ist deshalb nicht mehr eines, bei dem mittels der Psyche das Soma beeinflusst wird oder umgekehrt, sondern es wird immer ein Mensch behandelt.

 

Welcher Vortrag auf der ÖGPP hat Sie besonders beeindruckt?

Musalek: Es gab viele Vorträge, die mich persönlich beeindruckt haben, vor allem jene, die sich damit beschäftigt haben, was in den einzelnen Bereichen in Zukunft verbessert werden kann. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es in den letzten zehn, fünfzehn Jahren enorme Entwicklungen im allen Teilbereichen der Psychiatrie gegeben hat. Jetzt ist es notwendig, dass biologische Forscher mit psychotherapeutischen Forschern vermehrt ins Gespräch kommen, um auch gemeinsame Modelle zu entwickeln. Auch die in der klinischen Praxis tätigen Psychiater sind aufgerufen, sich an dieser Diskussion zu beteiligen. Sie haben die Integrationstätigkeit in Zusammenarbeit mit dem Allgemeinmediziner ja letztlich zu leisten.

 

Welcher Teilbereich – nach der Suchtforschung – wird diese Integration als Nächstes schaffen?

Musalek: Bei der Behandlung von chronischen Psychosen wurden auch bereits sehr früh Ressourcen ins Behandlungsprogramm mit einbezogen. Ich bin deshalb sehr zuversichtlich, dass wir hier große Fortschritte machen werden; und dann natürlich bei der Behandlung von Depressionen, Burn-Out und Angststörungen.

 

Werden wir uns die neue Psychiatrie leisten können?

Musalek: Die große Frage ist, ob sich eine Gesellschaft die Behandlung eines Patienten leisten möchte. Es werden enorme Beträge für Dinge ausgegeben, die man sich offensichtlich leisten möchte. Die Frage, ob etwa eine Bank zu stützen ist, stellt sich nicht. Da wird innerhalb kürzester Zeit per Handschlag eine größere Summe zur Verfügung gestellt als für den gesamten Gesundheitsbereich. Die Frage ist also: Wie human wollen wir unsere Gesellschaft gestalten?

Eine humanere Medizin hätte dabei mehrere Vorteile: Je humaner die Medizin, umso attraktiver ist sie für den Patienten, der früher zur Behandlung kommt, was die Therapie effektiver macht. Dementsprechend würde die Behandlung auch weniger kosten. Gleichzeitig könnte ein gesünderer Mensch seinen Aufgaben viel besser nachkommen als jemand, der vom Dauerkrankenstand in die Frühpension geschickt werden muss. Wir müssen überlegen, wo wir in unserer Gesellschaft in Zukunft die Schwerpunkte setzen wollen. Und ich denke, die Gesundheit wäre ein guter Schwerpunkt.

 

Das Gespräch führte Tanja Fabsits

Tanja Fabsits, Ärzte Woche 20 /2011

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