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© Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg
Abb. 1: Ein Gedicht von Fallersleben, in dem Eisele zentrale Elemente ihres Lebens erkannte.
© Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Abb. 2: Das Kraepelin gewidmete Gedicht im Original.

© Privat

Dr. phil. Monika Ankele

 

Eine historische Fallstudie

Krankenakten und Briefe von Barbara Marie Eisele (1875–1903) geben Einblick in den psychiatrischen Alltag um 1900.

Barbara Marie Eisele wurde 1900 in die Psychiatrische Klinik Heidelberg eingeliefert und starb 1903 in der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen. Die Briefe Eiseles dokumentieren ihre zahlreichen Bemühungen, aus der Anstalt entlassen zu werden, um wieder in Freiheit leben zu können.

Die Lehrsammlung der „Großherzoglichen Universitäts-Irren-Klinik Heidelberg“

1919 wurde der Arzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn (1886–1933) von der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg damit beauftragt, eine bereits bestehende Lehrsammlung der Klinik zu erweitern, in der unterschiedliche Erzeugnisse – Briefe, Zeichnungen, Objekte etc. – von Psychiatriepatienten und Psychiatriepatientinnen aufbewahrt und als Anschauungsmaterialien für den psychiatrischen Unterricht verwendet wurden. In zwei Rundschreiben, die er 1919 und 1920 an psychiatrische Kliniken und Anstalten im In- und Ausland schickte, bat er um Zusendung von Material. Dabei waren „hervorragende Einzelleistungen“ genauso erwünscht wie „jede Art von Kritzelei, auch primitivster Qualität“.[1] Die Rückmeldungen der angeschriebenen Kliniken und Anstalten waren enorm und die ursprüngliche Lehrsammlung erfuhr einen erheblichen Materialzuwachs: Wie Bettina Brand-Claussen – ehemalige Kustodin der heutigen Sammlung Prinzhorn – anmerkt, umfasste die Sammlung 1921 bereits 450 „Fälle“ und 4.500 Inventarnummern.[2]

Die ursprüngliche Lehrsammlung geht, wie Brand-Claussen vermutet, auf eine Gründung des um 1900 renommierten Psychiaters Emil Kraepelin (1856–1926) zurück.[3] Dieser war von 1891 bis 1903 Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg. Solche in Anstalten oder Kliniken errichtete Sammlungen waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht unüblich: Aus dieser Zeit bekannt und heute noch zugänglich sind beispielsweise die Sammlung von Walter Morgenthaler (1882–1965), die dieser in der kantonalen Irrenanstalt Waldau bei Bern aufbaute, sowie die Sammlung des Bethlem Royal Hospital bei London. An der Wende zum 20. Jahrhundert wurde unter Psychiatern rege diskutiert, ob Zeichnungen und Schriftstücke von Patienten und Patientinnen als diagnostische Hilfsmittel in der psychiatrischen Praxis von Nutzen sein könnten. Die Idee war, wie es der Psychiater Fritz Mohr 1906 formulierte, „dem Innenleben der Kranken auf dem Umwege über eine bestimmte Form von Ausdrucksbewegungen näher zu kommen“.[4]Die Zeichnungen oder Schriftstücke der Patienten und Patientinnen sollten dem geschulten Psychiater Einblicke in spezifische Krankheitsbilder eröffnen und würden, wie es Kraepelin formulierte, ein „kaum erwartetes Licht über den Zustand des Verfassers ausbreiten“.[5]

Unter den erhaltenen und heute über das Museum der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg zugänglichen Werken finden sich auch Gedichte, Zeichnungen und Briefe – so genannte Selbstzeugnisse – die eine junge Frau namens Barbara Marie Eisele (1875–1903) als Patientin der Heidelberger Klinik hinterließ. Neben den Selbstzeugnissen in der Sammlung Prinzhorn sind von Barbara Marie Eisele auch die Krankenakten aus Heidelberg sowie aus der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen erhalten, in die sie nach ihrer Unterbringung in Heidelberg überwiesen wurde. In den beiden Akten finden sich unter anderem auch Dokumente wie Gerichtsakten und Gerichtsbeschlüsse, ein pfarramtliches Zeugnis sowie eine Portraitaufnahme von Eisele aus dem Jahr 1901. Zudem wurden in der Krankenakte aus Emmendingen weitere handgeschriebene Briefe von Barbara Marie Eisele aufbewahrt. Die in der Emmendinger Akte wie in der Sammlung Prinzhorn erhaltenen originalen Schriftstücke lassen darauf schließen, dass sie der Zensur der Anstaltsleitung zum Opfer fielen und ihre Adressaten und Adressatinnen niemals erreichten.

Aus heutiger Sicht bergen Selbstzeugnisse wie die von Barbara Marie Eisele die Möglichkeit, einen „anderen“ Blick auf die Geschichte der Psychiatrie und ihrer Institutionen einzunehmen. Sie ermöglichen es, die Patienten und Patientinnen als Akteure und Akteurinnen, als Handelnde, Leidende und (Re-)Agierende in dem institutionellen Setting psychiatrischer Anstalten wahrzunehmen. In den Briefen und Notizen, den Gedichten und Zeichnungen der Männer und Frauen manifestieren sich ihre Zweifel und Ängste, ihre Wünsche und Sehnsüchte, ihre Bemühungen und Bestrebungen – ihre Auseinandersetzungen mit sich, der Welt und der Anstalt.

Fragmente eines Lebens

Barbara Marie Eisele wurde am 4. Dezember 1875 im Großherzogtum Baden als uneheliches Kind geboren und schien damit – wie Formulierungen in den Quellen deutlich machen – von Beginn an stigmatisiert zu sein. Von ihrer Mutter verlassen, wuchs Barbara Marie Eisele bei verschiedenen Pflegeeltern auf. Nach der Schulzeit arbeitete sie zuerst als Dienst- und Küchenmädchen, später in unterschiedlichen Fabriken. Häufig waren ihre Arbeitsstellen mit einem Wechsel des Wohnsitzes verbunden, immer wieder musste sie sich nach einem neuen Schlafplatz und einer Unterkunft umsehen. Die meiste Zeit dürfte Barbara Marie Eisele in Freiburg im Breisgau, nahe der schweizerischen Grenze, zugebracht haben.[6] Zwischen 1894 und 1897 wurde sie dort wegen verschiedener Delikte – unter anderem wegen „Strichgangs“, „Beleidigung“ und „Diebstahls“ – mehrmals zu Gefängnis und Arbeitshaus verurteilt.

1897 sollte sie auf Betreiben des Bezirksamtes Freiburg in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen werden, doch der Bezirksarzt attestierte, dass sie „nicht geisteskrank“ sei. Im November 1898 wurde sie in Basel ein weiteres Mal wegen „gewerbsmäßiger Unzucht“ von der Polizei aufgegriffen.[7] Da Barbara Marie Eisele die vorgeschriebene Untersuchung auf Geschlechtskrankheit verweigerte, wurde ihre ursprünglich auf zwei Tage angesetzte Haftstrafe verlängert.[8] Schließlich doch untersucht, lautete der Befund auf „geschlechtskrank“. Da sie „Nachts tobt und schimpft“, wurde sie in die Basler „Irrenklinik“ überwiesen. Dort erlitt Barbara Marie Eisele eine Fehlgeburt.[9] Im März 1900 kam die 24-jährige Frau erneut ins Arbeitshaus nach Kislau. Auf Antrag des dort zuständigen Arztes wurde sie im Frühjahr 1900 mit dem Verdacht auf „Tobsucht“ in die Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg eingewiesen. Als Diagnose wurde in ihrer Krankenakte „Imbezillität. Dementia praecox.??“ vermerkt. Im Herbst desselben Jahres wurde Barbara Marie Eisele von Heidelberg aus in die für arbeitsfähige Patienten und Patientinnen konzipierte Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen nahe der Stadt Freiburg überwiesen. Dort starb Barbara Marie Eisele am 10. Oktober 1903 mit 27 Jahren an den Folgen einer Syphiliserkrankung.

„Ich kann dem lieben Gott kar nicht genug danken“ – Vom Arbeitshaus Kislau in die Großherzogliche Universitäts-Irren-Klinik Heidelberg

Im April 1900 wurde Barbara Marie Eisele vom Arbeitshaus Kislau in die knapp über 20 Kilometer entfernt gelegene „Großherzogliche Universitäts-Irren-Klinik“ nach Heidelberg eingewiesen.[10] In einem Schreiben teilte der Kislauer Hausarzt seinen Verdacht auf „Tobsucht“ mit, weshalb seines Erachtens nach eine „Aufnahme in die Irrenklinik Heidelberg angezeigt [sei]“.[11] Wie der Arzt ausführte, wurde Eisele am 14. März 1900 zum zweiten Mal in das Arbeitshaus Kislau überwiesen. Wenige Tage nach ihrer Unterbringung war sie durch ihr „ordnungswidrige[s] Benehmen“ aufgefallen, weshalb sie eine „Disziplinarstrafe“ erhielt: „3 × 24 Stunden Dunkelarrest & 2 Tage Hungerkost.“[12] In seinen Ausführungen beschrieb der Arzt Barbara Marie Eisele als „Tobhändlerin“, als „reißendes Tier“, als „vollständig verrückte Person“.

Obwohl in einer Zelle isoliert, legte man ihr eine Zwangsjacke an, die sie – so die Angaben – zerriss. Im Aufnahmegespräch mit den Ärzten in Heidelberg erzählte Eisele von ihren Erlebnissen in Kislau und gab unter anderem an, von dem Verwalter „mit einem Riemen“ geschlagen worden zu sein. Empört über diese Behandlung sowie über die ihrer Meinung nach unrechtmäßige Verurteilung „tobte und schrie“ sie „ununterbrochen Tag und Nacht“.

Nach der Einweisung Barbara Marie Eiseles in die Heidelberger Klinik erfolgte ein ausführliches Gespräch mit den Ärzten, das in ihrer Krankenakte schriftlich dokumentiert wurde. Während dieser Unterredung merkte Eisele an, dass sie „lieber […] 2 Jahre in die Irrenanstalt [wolle] nicht mehr nach Kislau“.[13] Und auch in vielen späteren Selbstzeugnissen, die sie in Emmendingen verfasste, schien sie wehmütig an ihre Unterbringung in Heidelberg zurückzudenken. So schrieb sie in einem Brief, dass sie Gott dankbar sei, dass er sie „krang werden“ ließ und nach Heidelberg führte. Damit hätte er ihr „aus diesem Unklück heraus geholfen“: „[A]ber der Liebe Gott hat es aus guten Gründen gedan Ich bin im Gopf krank und Er hat mich in die Ihrenklinig in Heidelberg gefürd zu dem Erwidrigen Herrn Profeßor Grebelin und zu dem Erwierdigen Toktor Robert […] und das Wohlgeertes Freilein Oberin und die haben mich alle gern und Ich habe sie auch ale sehr Lieb also Ich kann dem Lieben Gott kar nicht genug danken das Er mich so zu guten Leuden gefürd hat […].“[14]

Ihre Dankbarkeit manifestierte sich auch in einem Gedicht, das ihr vermutlich noch aus der Schulzeit bekannt war und das sie – mit leicht abgeänderten Textpassagen – Emil Kraepelin, dem Leiter der Klinik, widmete. Das Gedicht wurde ursprünglich von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) verfasst. Dieser hatte es für den deutschen Kaiser Wilhelm I. (1797–1888) anlässlich der Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871 geschrieben. Statt der Zeile „Dein Wilhelm, dein Kaiser Wilhelm ist’s!“ dichtete Eisele „Hochgeehrter Herr Professor ists auch da!“ (siehe Kasten und Abbildung 2).

In der Klinikfamilie, die für Barbara Marie Eisele aus Oberin, Assistenzarzt und Klinikleiter bestand, schien sie sich geborgen und umsorgt zu fühlen – ein Gefühl, welches sie in ihrem bisherigen Leben entbehren musste, wo sie von Anfang an auf sich selbst gestellt war. „Zur Erinnerung / Ich bin eine Weiße der / Frühling kehrt wieder und / ales freuet sich aber ich blicke / Traurig nider auch kam Er ja nicht für mich / Was soll ich armes Kind den Frühling Pracht / und Glanz den wenn ich Blumen / winde ist es zum Totenkranz“, zitierte sie auf einem anderen Blatt Papier ein weiteres Gedicht von Fallersleben, in welchem sie zentrale Elemente ihres Lebens wiederzuerkennen schien[16] (siehe Abbildung 1).

Im Gegensatz zu Barbara Marie Eiseles bisherigem Leben war in der Heidelberger Klinik dafür gesorgt, dass sie ein Bett oder zumindest eine Matratze zum Schlafen und jeden Tag etwas zu essen hatte. Die tägliche Visite der Ärzte empfand sie als einen freundlichen Besuch „fiele[r] liebe[r] Herren“, die „keinen Unterschied [machen]“ und „sehr freundlich sind mit mihr“.[17]

Liest man die Einträge in der Krankenakte von Barbara Marie Eisele, so eröffnet sich allerdings ein anderer Blick auf die Zeit ihrer Unterbringung in Heidelberg, als es die von ihr verfassten Briefe und Gedichte vermuten lassen. Immer wieder vermerkten die Ärzte in der Krankenakte „heftigste Wutanfälle“ ihrer Patientin. Während dieser Anfälle war Barbara Marie Eisele „laut schreiend und tobend“ [18], wurde gewalttätig gegen Patientinnen und Pflegerinnen [19] und zerschlug Fensterscheiben [20] und Arzneigläser [21]. Die Ärzte ordneten daraufhin Dauerbäder an, die – laut Heidelberger „Wärter Instruction“ aus dem Jahr 1882 [22] – idealerweise eine Temperatur von 35° Celsius haben und mehrere Stunden, oft ganze Tage und Nächte, angewendet werden und beruhigend wirken sollten – bei Barbara Marie Eisele allerdings ein heftiges Widerstreben auslösten.

Darüber hinaus wurde Barbara Marie Eisele auch immer wieder das Beruhigungsmittel Hyoscin gespritzt, wobei sie sich, so ein Vermerk in der Krankenakte, „aufs Äußerste gegen das Festhalten“, das dafür notwendig erschien, wehrte.[23] Am 19. Juli, drei Monate nach Barbara Marie Eiseles Einweisung in Heidelberg, wurde notiert, dass sich die Patientin „bedeutend“ beruhigte, „sodass man ihr eine freiere Behandlung angedeihen lassen konnte welcher ihrerseits den Zustand wieder in günstigere Linie beeinflusste“.[24] Im Oktober 1903 wurde Barbara Marie Eisele schließlich von der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg mit dem Vermerk „gebessert“ in die Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen, in der um 1900 ca. 1.000 Patienten und Patientinnen untergebracht waren, überwiesen.

„Wen ich jemand häte wo sich a kleinwenig um mich annehmen det“ – Überweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen und Bemühungen um Entlassung

Ihre Überweisung nach Emmendingen konnte sich Barbara Marie Eisele nicht erklären, sie hatte aber eine mögliche Verlegung bereits während ihrer Unterbringung in Heidelberg befürchtet. In einem Brief, den sie noch in Heidelberg verfasste, bat sie „Toktor Robert“ – bei dem es sich vermutlich um den in Heidelberg tätigen Assistenzarzt Robert Gaupp (1870–1953) handelte – „dass der „Erwürdige Herr Profeßer […] mir drei in die Hand verspricht das er mich nicht fort dud“.[25] Ihre Verlegung empfand sie als Strafe, für die sie sich selbst verantwortlich fühlte. So schrieb sie an „Toktor Robert“, als dessen „Liebste Badsienndin“ sie sich sah, folgende Zeilen: „weiß ja nicht mehr was ich in meinem Strudel zu euch gesagt habe ich Stutiere und denke den kanzen Tag an ihnen was habe ich gemach und dem Toktor Robert Leid Gedan das ich hier her gekomm bin den er und die Oberin haben mich ja immer kern gehabt.“[26]

In Emmendingen wurde Barbara Marie Eisele immer wieder von den anderen Patientinnen in einer Zelle isoliert,[27] sie bekam Hyoscin- sowie Morphiuminjektionen – laut Vermerk in der Krankenakte geschah dies des Öfteren „auf ihr Bitten“[28]. In den Tagen, in denen sie – wie die Ärzte notierten – „gut zu haben“[29] war, beschäftigte sie sich mit Haus- und Handarbeiten: „hilft bei Handarbeiten“, „geht mit zum Essenholen“[30], „wird beim Gemüseputzen beschäftigt“[31].

Wie aus den zahlreichen Briefen, aber auch aus den Einträgen in der Krankenakte hervorgeht, brachte Barbara Marie Eisele in Emmendingen kontinuierlich das Anliegen vor, eine Arbeitsstelle außerhalb der Anstalt zu bekommen: „will möglichst bald eine Stelle antreten, sie fürchte sich vor keiner Arbeit.“[32] Schon in Heidelberg hatte sie den Wunsch nach Arbeit und Beschäftigung geäußert: „Auch mächt ich der Herr Robert biten das er bei dem Herr Profeßer Erlaubnis hold […] das ich jeden Tag Tärfe ihm Haus herumschafen das ich doch meine fielen Gedanken ein bißel aus dem Kopf brinke sonst kann ich ja mein Leben nicht mehr an das Tageslicht.“[33]

Von Jugend an war Barbara Marie Eisele gewohnt, zu arbeiten. Sie erkannte dabei, dass ihr die Arbeit eine gewisse Handlungsautonomie und Unabhängigkeit in ihrem Leben ermöglichte, die sie als Patientin der Anstalt zurückzuerlangen hoffte. In verschiedenen Briefen, die Barbara Marie Eisele von Emmendingen aus an den in Heidelberg tätigen Arzt „Toktor Robert“, an eine „Frau Dühtrich“ sowie an den Staatsanwalt verfasste, verwies sie auf ihre Arbeitsfähigkeit – sie brachte diese als Argument vor, um aus der Emmendinger Anstalt entlassen zu werden. An die Adressaten und Adressatinnen ihrer Briefe knüpfte sie die Hoffnung, dass diese ihr eine Arbeitsstelle geben bzw. suchen würden. Denn erst die Zusicherung einer Arbeitsstelle würde ihr eine Entlassung aus der Emmendinger Anstalt ermöglichen. In einem Bief, den Barbara Marie Eisele wenige Wochen nach ihrer Überweisung an „Toktor Robert“ nach Heidelberg schrieb, erklärte sie ihm den Sachverhalt und ihr damit verbundenes Anliegen:

„O Herr Toktor […] jete Sekunde Denke ich an sie wen sie nur ein Herz häten vier mich das sie sich um mich an nehmen deten oder zuvor nur um eine Stelle schauen den wo anfang auf mich schauen deten wie ich mich verhalden due O ich kante doch wieder meine Kleider verdienen der Herr Metinzin ern[?] hat gestern zu mir gesagt wen ich jemand häte wo sich a Kleinwenig um mich an nehmen det so derfte ich kleich nauß aber leider ist der fall nicht bei mir das ich jemand habe […].“[34]

Eiseles Bemühungen blieben erfolglos. Da die Briefe ihrer Krankenakte im Original beiliegen, ist davon auszugehen, dass sie ihren Empfänger nie erreichten. Ein Jahr später verfasste Eisele von Emmendingen aus ein weiteres Schreiben, das an Frau „Dühtrich“ adressiert war. Darin bat sie Frau „Dühtrich“, einen Brief an die Anstaltsdirektion zu schreiben. Dieser solle sie bestätigen, dass Eisele bei ihr wohnen könne, bis sie eine Arbeit gefunden habe. „Wen sie Liebe Frau Dühtrich an die Dürektzihon schreiben sie wollen mich zu sich nehmen bis ich eine Stelle häde den ich gehör auch in die Fabrik und geh bei Euch in die Kost dann könn ich hier wieder hinaus aber sonst kann Ich nicht mehr naus.“[35]

Wie schon in dem Schreiben an „Toktor Robert“, so war auch hier das Bedürfnis nach Arbeit an die Bedingung geknüpft, dass Eisele bei jemandem Aufnahme findet – schließlich hatte sie mit ihrer Gefängnisstrafe bzw. mit der Einweisung in das Arbeitshaus und die Psychiatrie alles verloren. Weder Arbeit oder Geld, noch Familie oder ein Zuhause warteten auf sie in der Welt außerhalb der Anstalt.

Ihre letzte Hoffnung setzte Barbara Marie Eisele in eine der Anstalt übergeordnete Instanz – die Staatsanwaltschaft. Wie in Meyers Konversationslexikon formuliert, galt der Staatsanwalt als „Wächter des Gesetzes“.[36] Diesen „Wächter“ wollte sie für ihr Anliegen in Anspruch nehmen.

In ihrem Schreiben bat sie den Staatsanwalt, einen Schutzmann in die Anstalt zu schicken, um diesem ein Protokoll über die „Gefangenschaft oder mehr mißhandlung“ zu diktieren, welche sie in Emmendingen seit ihrer Einweisung erfährt. Zudem sollte er auch einen Gerichtsarzt zu ihr schicken, der „untersucht ob ich wirglich geisterngestöhrt bin oder nicht, oder ob ich wirklich so krank bin das man mich wirklich hier behalden muß, oder ob ich die Arbeid bis jedzt immer recht gemacht also kann ich auch draußen mein Brod verdienen. Ich brauche nicht gerade in der Anstalt zu sitzen […].“[37] Und sie knüpfte an den „liebe[n] Herr[n] Stahtzahnwalhlt“ die Bitte: „[H]elfen sie in einer armen Seele und helfen sie ihr in eine Stelle auch werde ich einem recht dankbar sein wen ich draußen bin.“

Allerdings hegte Barbara Marie Eisele bereits den Verdacht, dass ihre zahlreichen Briefe ihr Ziel nie erreichten: „sie schicken die warrheit nicht fort.“[38] Wie aus dem Schreiben an den Staatsanwalt hervorgeht, war es für Barbara Marie Eisele nicht nachvollziehbar, warum sie in Emmendingen bleiben musste, wo sie doch tagein tagaus ihre Arbeitsfähigkeit vor den Augen der Ärzte und Pflegerinnen unter Beweis stellte.

Wenn sie in der Anstalt so arbeiten musste wie in einem Arbeitshaus, dann sollte die Strafe doch auch irgendwann abgegolten sein und sie entlassen werden: „Herr Statzahnwahlt muß doch selber sagen wen ich 6 Jahre zuchthaus häte und die Strafe wäre herum […] so müßen sie mich entlassen.“ Auch Robert Gaupp gegenüber äußerte sie in ihrem Schreiben diese Ansicht: „Morgens halb 7 Uhr schtehe ich auf und helfe schafen […] bis abens […] wen ich bei Euch so gewesen wäre so wäre ich schon länkst in der Freiheid draus und gende wieder meine Kleider verdienen“.[39]

In den Augen Barbara Marie Eiseles bedeutete zu arbeiten, dass man für das Leben außerhalb der Anstalt gewappnet war. Dementsprechend sollte die unter Beweis gestellte Arbeitsfähigkeit auch zu einer Entlassung führen – umso unverständlicher schien es für Barbara Marie Eisele, dass es für sie keine Aussicht auf Freiheit gab, egal „ob ich arbeite oder nicht“.[40]

Im Blick der Ärzte ging eine psychische Erkrankung oft Hand in Hand mit einem veränderten Arbeitsverhalten oder der Unfähigkeit, zu arbeiten. Dies bedeutete im Umkehrschluss aber auch, dass sich eine Besserung des Zustandes in der erbrachten Arbeitsleistung manifestieren konnte – eine Argumentation, der sich auch die Patienten und Patientinnen bedienten. Doch all ihre Bemühungen, aus der ungeliebten Emmendinger Anstalt entlassen zu werden, blieben für Barbara Marie Eisele erfolglos.

Im letzten Jahr ihrer Unterbringung in Emmendingen finden sich in ihrer Krankenakte nur mehr vereinzelte und sehr kurze Einträge der Ärzte verzeichnet. Am 10. Oktober 1903 starb Barbara Marie Eisele schließlich im Alter von 27 Jahren, wie sich aus dem Sektionsbefund schließen lässt, an den Folgen einer unausgeheilten Syphiliserkrankung.

1 Monika Ankele studierte Geschichte in Graz, Wien und Berlin. 2008 promovierte sie an der Universität Wien zum Thema „Alltag und Aneignung in Psychiatrien um 1900. Selbstzeugnisse von Frauen aus der Sammlung Prinzhorn“ (Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2009). Ihre Doktorarbeit wurde mit dem Michael Mitterauer-Preis für Gesellschafts-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte, mit dem Käthe-Leichter-Preis für Frauen- und Geschlechterforschung sowie mit dem doc.award ausgezeichnet. Monika Ankele ist Dozentin an der Universität Wien und arbeitet als freie Wissenschaftlerin und Kunstvermittlerin.

1  Rundbrief Karl Willmans vom Juni 1919, Archiv Sammlung Prinzhorn. Zit. n.: Bettina Brand-Claussen, Das Museum für pathologische Kunst in Heidelberg. Von den Anfängen bis 1945. In: Laurent Busine (Hg.), Wahnsinnige Schönheit. Prinzhorn-Sammlung, Ausstellungskatalog. Heidelberg 1997, S. 7–23, 7.

2 Bettina Brand-Claussen, Geschichte einer „verrückten“ Sammlung. In: Vernissage. Die Zeitschrift zur Ausstellung. 9. Jg./H. 7 (2001), S. 6–14, 10.

3 Bettina Brand-Claussen, Geschichte einer „verrückten“ Sammlung. In: Vernissage. Die Zeitschrift zur Ausstellung. 9. Jg./H. 7 (2001), S. 6–14.

4 Fritz Mohr, Über Zeichnungen von Geisteskranken und ihre diagnostische Verwertbarkeit. In: Journal für Psychologie und Neurologie 8/ 3 u. 4 (1906) S. 99–140, 139.

5 Emil Kraepelin, Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Studierende und Ärzte. 1. Bd. (Orig. 1883) 7. vielf. umgearb. Aufl. Leipzig 1903, S. 370.

6 Barbara Marie Eisele hatte sich – dies ergaben Nachforschungen in der Einwohnerkontrolle der Einwohnergemeinde Basel, die auf meine Anfrage hin von Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Archivs unternommen wurden – am 9. September 1898 in Basel angemeldet. Gestrichen, d. h. nach Einschätzung der Behörden der Einwohnerkontrolle nicht mehr in Basel befindlich, wurde sie in deren Registern am 29. Oktober 1898. Eingesehene Archivquellen: PD-REG 14a 3–2 1898/P Nr. 11528; PD-REG 14a 5–1 Band: 10.11.1897 - 4.1.1899 Nr. 2377 und Nr. 2719

7  Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt, Straf und Polizei M 8,68, 1898, S. 2037.

8 Ebda.

9 Barbara Marie Eisele, Krankenakte der „Irrenklinik“ Basel.

10 Laut Auskunft des Generallandesarchivs Karslruhe vom 16.10.2006 sowie vom 20.1.2010 konnte unter den Kislauer Gefangenenpersonalakten keine Akte zu Barbara Marie Eisele gefunden werden. Im Generallandesarchiv Karlsruhe finden sich vor allem in den Beständegruppen 521 und 311 Unterlagen zum Kislauer Arbeitshaus (allg. Verwaltungsakten, Gefangenenbücher, Gefangenenpersonalakten). Eine Hausordnung des Arbeitshauses aus dem Jahr 1909 findet sich im Bestand des Zuchthauses Bruchsal (Signatur 311/Zugang 1981 Nr. 68/30).

11 Barbara Marie Eisele, Krankenakte Heidelberg, Krankengeschichte, verfasst vom Hausarzt des Arbeitshauses Kislau.

12 Schreiben des Arbeitshauses Kislau, Betreff: Ansuchen um Unterbringung von Barbara Marie Eisele in der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg (1900).

13 Barbara Marie Eisele, Krankenakte Heidelberg, „Anamnese der Kranken“ vom 20.4.1900.

14 Barbara Marie Eisele, Krankenakte Heidelberg, Brief an Oskar, undatiert.

15 Barbara Marie Eisele, „Lebe hoch unßer Herr Profeßor“, Sammlung Prinzhorn, Inv.-Nr. 1402 fol. 1 verso. In der Version von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben lautet das Gedicht wie folgt: „Kaiser Wilhelm, 29. Januar 1871. Wer ist der greise Siegesheld, der uns zu Schutz und Wehr fürs Vaterland zog in das Feld mit Deutschlands ganzem Heer? Wer ist es, der vom Vaterland den schönsten Dank empfing? Vor Frankreichs Hauptstadt siegreich stand und heim als Kaiser ging? Du edles Deutschland, freue dich, dein König hoch und ritterlich, Dein Wilhelm, Kaiser Wilhelm ist’s! Wer hat für dich in blut’ger Schlacht besiegt den ärgsten Feind? Wer hat dich groß und stark gemacht, dich brüderlich geeint? Wer ist, wenn je ein Feind noch droht, dein bester Hort und Schutz? Wer geht für dich in Kampf und Tod der ganzen Welt zu Trutz? Du edles Deutschland, freue dich, Dein König, hoch und ritterlich, Dein Wilhelm, dein Kaiser Wilhelm ist’s!“ In: http://www.emserchronik.at/Einzelansicht.44+M54bc6439ab1.0.html (20.02.2010).

16 Sammlung Prinzhorn, Barbara Marie Eisele, Inv. Nr. 1402 fol 2 recto.

17 Sammlung Prinzhorn, Barbara Marie Eisele, Inv. Nr. 1401 fol 2 recto.

18 Krankenakte Heidelberg, Eintrag vom 3.5.1900.

19 Ebda., Einträge vom 18.5.1900, 25.5.1900.

20 Ebda., Eintrag vom 10.5.1900.

21 Ebda., Eintrag vom 19.7.1900.

22 Historisches Archiv der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, Verwaltungsakten, Wärter Instruction / Instruktion für das Wartpersonal genehmigt durch Erlaß des Ministeriums der Justiz, des Kultus und Unterrichts vom 4. October 1882 No. 15888.

23 Ebda., vgl. Eintrag vom 3.5.1900.

24 Ebda., Eintrag vom 19.7.1900.

25 Sammlung Prinzhorn, Barbara Marie Eisele, Inv. Nr. 1401 fol 1 verso.

26 Krankenakte Emmendingen, Brief vom 28.10.1900.

27 Ebda., Einträge vom 9.11.1900, 6.1.1901, 24.8.1901, 4.9.1901., 17.2.1902 etc.

28 Ebda., Eintrag vom 18.2.1901.

29 Ebda., Eintrag vom 12.1.1902.

30 Ebda., Eintrag vom 4.11.1901.

31 Ebda., Eintrag vom 9.8.1902.

32 Ebda., Eintrag vom 18.2.1901.

33 Sammlung Prinzhorn, Inv. Nr. 1401, fol. 2 verso.

34 Krankenakte Emmendingen, Brief an „Herrn Toktor Robert“ vom 28.10.1900.

35 Ebda., Brief an „Frau Dühtrich“ vom 9.9.1901.

36 „Staatsanwalt“. In: Meyers Konversationslexikon. 15. Bd. 4. Aufl. Leipzig/Wien 1885–1892, 198–199, http://www.retrobibliothek.de/retrobib/seite.html?id=115194 (2.2.2008).

37 Barbara Marie Eisele, Krankenakte Emmendingen, Brief an den „Herrn Statzanwahld“ vom 1.7.1902.

38 Ebda.

39 Barbara Marie Eisele, Krankenakte Emmendingen, Brief an „Herr Robert“ vom 28.10.1900.

40 Barbara Marie Eisele, Krankenakte Emmendingen, Brief an den Staatsanwalt vom 1.7.1902.

Emil Kraepelin gewidmetes Gedicht
„Lebe Hoch unßer Herr Profeßor /Krepelin /Wer ist der große Siegesheld /der uns zu Schutz und Wehr /fürs Vaterland zog in das Feld /Mit Deutschlands ganze Heer /wer ist es der vom Vaterland /der schönst Dank empfing vor Frankreichs /Haubtstad siegreich stad und heim als Kaißer /king du Edles Deutschland freue Dich /unßer König hoch und ritterlich der Herr /Profeßor ists. Wer hat für dich in blutiger /Schlacht Besiegt den ärgsten Feind ach /Wär hat dich groß und stark gemacht /und dich brüderlich gezirt. Wer dein bester /Hort und Schutzt Wer geht für dich in Kampf /und Tod der ganzen Welt zu Trutz du /edles Deutschland freue dich dein König /hoch und Ritterlich ja sogar unßer /Hochgeehrter Herr Profeßor ists auch da /wo uns auch alle imer so Herzlich emfangt /Auch die Marie Eisele bedankt /sich für die Müh Wo sich der Erwirdige /Herr Profeßor Kipt /“[15]

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