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Der verstummte Patient

Wie Menschen miteinander kommunizieren und dabei scheitern können.

Körperliche Symptomatiken können auch auf psychische Grundprobleme zurückgehen. Patienten sind aber nicht immer in der Lage, ihre Probleme akkurat wiederzugeben. Die Folge sind Missverständnisse, die auch beim Gespräch zwischen Arzt und Patient auftreten können. Zwischenmenschliche Kommunikation, ihre unterschiedlichen Ausprägungen und Gefahren für die Gesundheit standen im Mittelpunkt der von den steirischen psychiatrischen Institutionen veranstalteten Tagung „Verloren im Kontakt“.

 

Ein modernes Konzept der Alexithymie stellte Prof. Dr. Harald Gündel von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover in seinem Vortrag mit dem Titel „Der psychosomatische Patient und sein Bericht über den leidenden Körper“ vor. Der Begriff Alexithymie beschreibt die Unfähigkeit, eigene Gefühle wahrnehmen und benennen zu können. Auch der Ausdruck der Gefühlslage über somatische Reaktionen – gerade auch wenn diese Gefühle bewusst unterdrückt werden – kann dabei in Erscheinung treten und in Stresssituationen schlagend werden. Als Beispiel führte Gündel den Fall eines Patienten an, dem seine Frau vorwarf, dass es ihr unmöglich sei, mit ihm über Gefühle sprechen zu können. Der Patient begann aufgrund einer Teilnahme an einer Studie mit einer Therapie. Diese konnte die Trennung der Ehepartner dennoch nicht verhindern. Obwohl die Trennung einvernehmlich geschah, schilderte der Patient das massive Auftreten eines spasmodischen Tortikollis. Und zwar genau in jenem Moment, in dem er den Ehering von seinem Finger zog.

Das grundlegende Prinzip der Alexithymie finde sich im Begriff des „pensée operatoire“ (operatives Denken) wieder, das den Kontakt zu anderen als pragmatisch, mechanistisch und phantasiearm beschreibt.

Verschwiegene Gefühle

Alexithymie müsse aber nicht bedeuten, dass Menschen in jedem Moment ihres Daseins von diesem Beschwerdebild beherrscht würden, erklärte Gündel. Genauso gäbe es eine Untergruppe, die nur in Stresssituationen, etwa in partnerschaftlichen Konfliktsituationen, in ihr alexithymes Bild verfällt. Die Betroffenen werden dabei kühl und distanziert, was auch zu einer extremen Befremdung beim jeweiligen Partner führt, weil dieses Verhalten für sie oder ihn nicht nachvollziehbar ist.

Prinzipiell können zwei Pole unterschieden werden, aus denen sich das Beschwerdebild entwickeln kann. Zum einem aus einer frühkindlichen Traumatisierung heraus, wie etwa im Fall des Todes eines Elternteils. Der zweite Pol – eine neuere Entwicklung der Psychosomatik – beschreibt eine ungenügende Ausreifung im Umgang mit Emotionen, die ihren Ausdruck in körperlichen Reaktionen finden kann. „Hier liegt keine Traumatisierung vor, sondern diese Personen haben es einfach nicht gelernt, mit ihren Emotionen umzugehen“, führte Gündel aus und gab hierfür ein Beispiel: „Diese Personen können es sich zum Beispiel auch nicht erklären, wenn nach dem Tod eines Familienmitgliedes plötzlich massive Rückenschmerzen auftreten.“

Im Tierversuch konnte gezeigt werden, dass maternaler Entzug zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit im Erwachsenenalter führen und somit auch Symptomatikverstärkungen bedingen kann. Ähnlich könnte es auch zu verstärkter Symptomatik bei Multipler Sklerose, Asthma, bei den Auswirkungen von Entzündungen, speziell bei der Peritonitis, kommen.

Raumkonstruktionen beim Cybersex

Die Auseinandersetzung des Menschen mit virtuellen Räumen bekommt eine immer stärkere Bedeutung, auch für das Zusammenwirken von Personen im realen Leben, berichtete Dipl. Soz. Arne Dekker vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Zentrum Psychosoziale Medizin, Abteilung Sexualforschung und Forensik. Unterschieden werden dabei utopische von heterotopen Räumen. Die Ersteren repräsentieren ein „Kino im Kopf“, in dem sich die Person in einer virtuellen Umgebung ausleben und betätigen kann. Die heterotopen Räume dagegen ein Widerlager, das auf einem real existierenden Ort beruht: So zum Beispiel bei einer Beziehung zweier Menschen, die an verschiedenen Orten der Erde leben und den jeweils anderen über das Internet in ihr reales Leben mit einbeziehen. „Im Rahmen von Interviews bezüglich der heterotopen Räume gaben die Personen immer wieder den Begriff der ‚Wohngemeinschaft’ an – es geht um eine Nachbarschaft über tausende von Kilometern Entfernung“, so Dekker.

Migration und Kommunikation

„Wir befinden uns mitten in einer modernen Völkerwanderung, die durch zwei wesentliche Faktorengruppen bedingt ist“, referierte OA Dr. Wiltrud Hackinger von der Landesnervenklinik Sigmund Freud Graz. „Auf der einen Seite durch sogenannte PUSH-Faktoren (etwa Armut, Krieg, Krisen), die wiederum den sogenannten PULL-Faktoren wie beispielsweise wirtschaftlichen Anreizen gegenüberstehen. Es wird außerdem unterschieden, ob dieser Exodus freiwillig (biographisch bedingt, Studium) oder unfreiwillig (Vertreibung, Flucht) geschieht.

Diese Faktoren, die auch im Rahmen eines ärztlichen Gesprächs im Kontext der sozialen Anamnese einfließen sollten, spielen gerade für die Erklärung der Entwicklung psychischer Erkrankungen eine wesentliche Rolle. Die kulturelle Adoleszenz bei Menschen mit Migrationshintergrund kann zwischen fünf bis sieben Jahre dauern, bevor sie sich in ihr jeweilig neues Heimatland einleben. Nicht zu vergessen ist auch das jeweilige soziale Umfeld, in dem sich die Personen befinden. Denn der Unterschied zwischen einem Aufenthalt nach Einwanderung und dem Warten auf den hoffentlich positiven Ausgang eines Asylgesuchs ist im psychosozialen Kontext ein nicht unwesentlicher Faktor, der ein Krankheitsgeschehen mitbestimmen kann.

„Wichtig ist, immer zu bedenken, woher der Mensch kommt und was er auf seinem Weg erlebt hat, der ihn in meine Praxis führt, und diesen Hintergrund auch wahrzunehmen“, betonte Hackinger.

Ein weiterer Punkt liege auch in der sprachlichen Barriere, da die Muttersprache – etwa zum Beschreiben von Befindlichkeiten – als wichtiger Faktor der Symptomdarlegung fehlt. So bauten sich Hürden auf, die schwerwiegende Auswirkungen nach sich ziehen können, da die Patienten nicht in der Lage sind, ihre Beschwerden akkurat zu beschreiben. Ganz zu schweigen vom sozialen Wohlbefinden, wenn etwa ein Vater, der bislang für seine Familie verantwortlich war und dies auch in seinem kulturellen Hintergrund eine wichtige Bedeutung hat, plötzlich auf die Dolmetscherfähigkeiten seiner heranwachsenden Kinder angewiesen ist und nur schwer sozialen Kontakt herstellen kann. Ein Beispiel für eine fehlgeleitete Information von Arzt zu Patient ist der Fall, in dem ein Dolmetscher das Wort Zyste falsch mit dem Wort Tumor übersetzte und die betroffene Patientin daraufhin in eine psychische Krise verfiel.

 

www.psychosomatik-graz.at

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Von Christian Vajda, Ärzte Woche

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