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Prof. Dr. Thomas Stompe Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, MedUni Wien
 

Ich habe Schuld, also bin ich

Forensische Psychiatrie und der freie Wille.

Im Mai findet in Wien die dritte von Prof. Dr. Thomas Stompe initiierte Frühjahrstagung für Forensische Psychiatrie statt. Das diesjährige Thema: „Der freie Wille und die Schuldfähigkeit“.

 

Wie frei sind wir wirklich? Leben wir unter dem Diktat neurophysiologischer Abläufe, die uns steuern – oder umgekehrt? Was viele als einen rein philosophisch-akademischen Disput empfinden, hat fundamentale Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Denn die Frage, ob Straftäter schuldfähig sind oder nicht, hängt wesentlich davon ab.

 

Worüber genau werden Sie bei der Frühjahrstagung diskutieren?

STOMPE: In der Forensischen Psychiatrie geht es darum zu beurteilen, wie schuldfähig ein Mensch zum Tatzeitpunkt war – sprich, ob der freie Wille durch eine Krankheit eingeschränkt ist. Unzurechnungsfähigkeit war laut Strafgesetzbuch bisher reserviert für psychotische Erkrankungen. Aber durch die bildgebenden Verfahren sehen wir bestätigt, dass auch Menschen mit Psychopathien und anderen schweren Persönlichkeitsstörungen schon strukturelle Veränderungen im Gehirn haben. Welche Auswirkungen können solche Veränderungen auf die Willensfreiheit haben? Dieser Frage müssen wir uns heute stellen. Gut möglich, dass die Schwelle, ab wann jemand als nicht schuldfähig eingestuft wird, bald sinkt.

 

Das heißt, Straftäter und -täterinnen könnten öfter als unzurechnungsfähig gelten, weil sich in ihrem Gehirn Abweichungen zeigen?

STOMPE: In diese Richtung geht die Entwicklung. In den USA gab es schon so einen Fall. Ein Verteidiger hat für seinen Klienten ein MRT mit dem Argument beantragt, dieser Mann – ein Mörder – habe Läsionen im Gehirn, die seinen freien Willen beeinträchtigt hätten. Hier hat sich das geltende Rechtssystem zwar noch durchgesetzt, und der Antrag wurde zurückgewiesen. Aber es ist zu erwarten, dass sich Anwälte in Zukunft öfter darauf berufen werden, was die Hirnforschung laufend an Erkenntnissen produziert – wie stark sich schon kleine funktionelle und strukturelle Veränderungen im Gehirn auf die Persönlichkeit auswirken.

Sie erwähnen die Experimente des amerikanischen Hirnforschers Benjamin Libet als Ausgangspunkt der Debatte um den freien Willen, die ja besonders im deutschsprachigen Raum sehr lebhaft geführt wird.

STOMPE: Ja. Libets Versuche liegen zwar schon drei Jahrzehnte zurück, aber er war sicher Vorreiter der gegenwärtigen Entwicklung. Ende der 1970er-Jahre hat er gezeigt, dass es in bestimmten Hirnarealen bereits Bruchteile von Sekunden vor der Entscheidung, eine Hand zu heben, zu Erregungszuständen, zu Neuronentätigkeit kommt. Das heißt, das Gehirn arbeitet schon, bevor ich das Heben der Hand überhaupt denke.

Ich bilde mir also nur ein, dass ich mich frei für dieses spontane Handheben entschieden habe?

STOMPE: So sehen es die radikaleren Anhänger eines neurobiologischen Determinismus. Sie postulieren, dass die Gehirntätigkeit jedes Menschen so weit festgelegt ist, dass freier Wille gar nicht existiert. Ihrer Meinung nach brauchen wir Menschen diese Idee – das Postulat, uns frei entscheiden zu können – zwar notwendig, aber eigentlich ist alles freie Entscheiden nur eine Illusion unseres Bewusstseins.

Eine solche Position rüttelt natürlich an den Grundfesten unserer Gesellschaft, etwa an unseren Vorstellungen von Moral oder Schuldfähigkeit. Und damit auch am Rechtssystem: Wenn alle Handlungen und Entscheidungen schon feststehen, bevor ich mich „bewusst“ dafür entscheide, kann mich auch niemand mehr für eine Straftat zur Verantwortung ziehen. Zu Ende gedacht, führt das das ganze Strafrecht und wahrscheinlich auch die Psychiatrie und ihre Versuche, jemanden zu behandeln, ad absurdum.

 

Aber ist das nicht ein sehr theoretischer Diskurs, der nicht viel mit der gesellschaftlichen Realität zu tun hat?

STOMPE: Dass wir zu dem Ergebnis kommen, dass es den freien Willen gibt, wäre den meisten von uns intuitiv wahrscheinlich lieber. Ich kann zu dem Thema das Buch von Peter Bieri, „Handwerk der Freiheit“, empfehlen. Er meint dort, dass wir nur bedingt frei sind, immer eingeschränkt durch eine ganze Reihe von Randbedingungen. Aber innerhalb dieses Rahmens steht uns ein Spektrum möglicher Entscheidungen offen. Das deckt sich mit unserer Alltagserfahrung.

Aber trotzdem darf man nicht aus den Augen verlieren, wie schnell sich manchmal deterministische Positionen durchsetzen, und welche Konsequenzen das haben kann. Die Zeiten, in denen „angeborene“ Verbrecher eliminiert wurden, liegen noch nicht so lange zurück. Dass sich so etwas wiederholt, muss verhindert werden. Ich hoffe deshalb, dass die Fachwelt sich wieder einmal auf einen Common Sense einigt, und dass damit auch die Politik etwas in die Hände bekommt, womit sie sinnvoll umgehen kann. Deshalb soll es auch relativ schnell einen Tagungsband geben.

 

Was erwartet interessierte Zuhörer und Zuhörerinnen am 15. Mai?

STOMPE: Es soll ein interdisziplinärer Dialog von Fachleuten werden. Der Umgang mit dem Konzept des freien Willens in der Vergangenheit wird zum Beispiel vom Züricher Historiker Paul Hoff genauer beleuchtet. Dann gibt es Beiträge über den freien Willen aus evolutionstheoretischer, theologischer, philosophischer und rechtstheoretischer Sicht. Und ich hoffe auf eine spannende Diskussion über die Konsequenzen dieser Konzepte für unser Fachgebiet. Einige zentrale Vertreter der deutschsprachigen forensischen Psychiatrie sind jedenfalls geladen.

 

Das führte Gespräch Mag. Verena Ahne.

 

 Tipp „Frühjahrstagung für Forensische Psychiatrie“: Die Veranstaltung findet am 15. Mai 2009 am Wiener AKH in den Hörsälen der Kliniken am Südgarten statt.

Kasten:
Was sagt das Strafgesetzbuch?
Eine Straftat versucht, wer nach seiner Vorstellung von der Tat zur Verwirklichung des Tatbestandes unmittelbar ansetzt (§ 22 StGB). Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln (§ 20 StGB, Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen). Ist die Fähigkeit des Täters, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, aus einem der in § 20 bezeichneten Gründe bei Begehung der Tat erheblich vermindert, so kann die Strafe (...) gemildert werden (§ 21 StGB, Verminderte Schuldfähigkeit). Das Gesetz unterscheidet hier zwischen „unzurechnungsfähigen Straftätern“ (§ 21.1 StGB) häufig mit Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis und „zurechnungsfähigen Straftätern“ (§ 21.2 StGB), die oft eine schwere Persönlichkeitsstörung haben.
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Prof. Dr. Thomas Stompe Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, MedUni Wien

Mag. Verena Ahne, Ärzte Woche

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