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Tiefe Hirnstimulation. Ein Ratgeber für Betroffene bei Morbus Parkinson. François Alesch, Iris Kaiser 164 Seiten, € 19,95 Softcover, Fotos und Abbildungen SpringerWienNewYork, 2010 ISBN 9783709102534
Foto: Privat

Prof. Dr. François Alesch Universitätsklinik für Neurochirurgie Medizinische Universität Wien

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Mag. Iris Kaiser Klinische Psychologin an der Universitätsklinik für Neurochirurgie Medizinische Universität Wien

 

Tiefe Hirnstimulation

Wissenswertes für Patienten: Von der Vorsorge bis zur Nachsorge.

Die tiefe Hirnstimulation ist ein neurochirurgisches Verfahren, das vor über 20 Jahren in Frankreich entwickelt wurde und seither bei therapierefraktären Bewegungsstörungen wie Morbus Parkinson eingesetzt wird. Mittlerweile hat es sich in diesem Bereich zu einem Routineverfahren weiterentwickelt, bis heute wurden weltweit mehr als 70.000 Patienten mit dieser Methode behandelt.

 

Bei der tiefen Hirnstimulation werden den Patienten, je nach vorherrschender Erkrankung und individueller Symptomatik, eine oder zwei Elektroden tief in das Gehirn implantiert. Diese werden subkutan über eine Verlängerung mit einem Impulsgeber verbunden, der im Brust- oder Bauchbereich eingesetzt wird.

Bei der Parkinson‘schen Krankheit wird die Zielregion (in erster Linie der Nucleus subthalamicus) mittels hochfrequenter Stimulation gereizt, um eine Symptomverbesserung zu erreichen. Die Methode ist reversibel und adaptiv, das heißt, bei einem Fortschreiten der Erkrankung können auch die Stimulationsparameter angepasst werden. Sowohl die Operationsvorbereitungen als auch die Nachsorge gestalten sich bei der tiefen Hirnstimulation sehr aufwändig.

Guter Rat für Patienten

Viele Fragen der Patienten bleiben im hektischen Klinikalltag aber häufig unbeantwortet oder stellen sich erst im Nachhinein. Trotz der großen Zahl an bereits operierten Patienten gab es bisher noch keine objektiven Nachschlagewerke, die sich in erster Linie auf die Betroffenen und deren Angehörige bezogen. Die Autoren haben dies zum Anlass genommen, einen Patientenratgeber zu verfassen, der nicht nur sämtliche Fragen rund um die Operation behandelt, sondern der auch anderen Ärzten und Therapeuten als Einstiegshilfe zum Thema tiefe Hirnstimulation dienen soll.

Das Buch beginnt mit einem kurzen Überblick über die Anatomie und Physiologie des menschlichen Gehirns, gefolgt von der Beschreibung der Parkinson‘schen Erkrankung. Anschließend wird die Entwicklungsgeschichte der tiefen Hirnstimulation erläutert. Es wird erklärt, welche Patienten für das Verfahren in Frage kommen und welche Voruntersuchungen dafür nötig sind.

Die verschiedenen Zielpunkte, die je nach Grunderkrankung anvisiert werden können, werden beschrieben. Es folgen der Operationsablauf und die Wichtigkeit einer ganzheitlichen Nachsorge. Besonderes Augenmerk wurde dabei auf die häufig gestellten Fragen der Patienten gelegt.

Die tiefe Hirnstimulation wird mehr und mehr bei anderen Indikationen eingesetzt, daher wurde diesen ein eigenes Kapitel gewidmet. Dazu gehören z.B. der essenzielle Tremor, Multiple Sklerose, Dystonie, Tourette-Syndrom, Zwangsstörung, Depression, neuropathischer Schmerz und Epilepsie. Es werden auch noch Alternativen zur tiefen Hirnstimulation, die so genannten „Tomien“ (z.B. Pallidotomie), vorgestellt, bei denen nicht stimuliert, sondern Hirngewebe dauerhaft ausgeschaltet wird. Abschließend gibt es noch hilfreiche Tipps für Patienten und deren Angehörige.

Insgesamt behandelt der Ratgeber nicht nur allgemeine Fragen zum Thema tiefe Hirnstimulation, sondern geht auch ganz konkret auf die rezenten Entwicklungen auf diesem Gebiet ein. Prof. Dr. François Alesch führt die tiefe Hirnstimulation bereits seit mehr als 20 Jahren in Österreich durch und zählt damit im deutschsprachigen Raum zu den Pionieren der Methode. Viele Paradigmenwechsel, die auf dem Gebiet stattgefunden haben, werden in diesem Buch ausführlich thematisiert.

Nicht mehr nur die letzte Wahl

War man früher der Meinung, dass Patienten nur dann für die tiefe Hirnstimulation in Frage kommen, wenn es wirklich keine andere therapeutische Möglichkeit mehr gibt, so weiß man heute, dass der Eingriff zwar nicht die erste, aber sicherlich auch nicht die letzte Behandlungsmöglichkeit bei Morbus Parkinson darstellt.

Hier sind insbesondere die psychosozialen Umstände der Patienten zu berücksichtigen, die in interdisziplinärer Zusammenarbeit abgewogen werden müssen. Steht der Patient noch mitten im Berufsleben? Hat die Erkrankung schwere Auswirkungen auf die Partnerschaft? Diese und ähnliche Fragen sind zu berücksichtigen.

Eine weitere neue Entwicklung in der tiefen Hirnstimulation betrifft die Durchführung des Eingriffs in Allgemeinnarkose. Durch die langjährige Erfahrung und die technischen Fortschritte im Bereich der Bildgebung ist es heute möglich, die Elektrodenimplantation ohne Mithilfe des Patienten durchzuführen – bei gleichem Erfolg. Für die Patienten bedeutet der mehrstündige Eingriff in Vollnarkose selbstverständlich eine erhebliche Erleichterung und hat sicherlich zur wachsenden Beliebtheit des Verfahrens beigetragen.

In den letzten Jahren hat sich auch auf dem Gebiet der Implantate für die tiefe Hirnstimulation einiges getan. Das Buch gibt einen kompakten Überblick über ältere sowie hochmoderne Impulsgebermodelle und Elektroden. Die Vorteile der neuen, wieder aufladbaren Geräte werden diskutiert. Diese Systeme machen einen invasiven Impulsgebertausch überflüssig, da sie vom Patienten selbst aufgeladen werden.

Von Prof. Dr. François Alesch und Mag. Iris Kaiser, Ärzte Woche 9 /2011

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