zur Navigation zum Inhalt
Foto: phase 5/Kurt Keinrath
Dr. Martin Poltrum Philosoph, Psychotherapeut und Leiter der Task Force „Medical Humanities“ am Anton-Proksch-Institut in Wien-Kalksburg
 

Philosophie als „Medikament“

Die Wiederentdeckung der Lebenskunst für eine ganzheitliche Behandlung.

Dr. Martin Poltrum, Leiter der Task Force „Medical Humanities“ (Anton-Proksch-Institut, Wien-Kalksburg) hat maßgeblich an der Entwicklung eines therapeutischen Ansatzes mitgewirkt, in dem philosophische Überlegungen eine zentrale Rolle spielen.

 

Im Gespräch mit der Ärzte Woche erklärt Poltrum den theoretischen Hintergrund und praktische Anwendungen der „klinischen Philosophie“.

 

Welche Synergien und Schnittstellen eröffnen sich heute zwischen „philosophischer Therapie“ und „therapeutischer Philosophie“?

POLTRUM: Die Geschichte der gegenseitigen Beeinflussung von Philosophie und Psychotherapie ist nahezu unüberschaubar. Die alten Philosophen waren im Grunde die Psychotherapeuten ihrer Zeit. Dass Philosophie und Psychotherapie zusammengehören, ist ein sehr alter Gedanke. Schon Epikur meinte: „Wer jung ist, soll nicht zögern zu philosophieren, und wer alt ist, soll nicht müde werden im Philosophieren. Denn für keinen ist es zu früh und für keinen zu spät, sich um seine seelische Gesundheit zu kümmern.“ Wenn man etwa an die Existenzanalyse Viktor Frankls oder an die „daseinsanalytische Psychotherapie“ denkt, ist klar, dass Philosophie in der Psychotherapie immer schon am Werk ist. Philosophische Überlegungen haben einen wohltuenden Effekt auf die Seele. Das „Medikament Philosophie“, das ausgedünnt und verwässert in der Psychotherapie immer schon wirkt, kann auch direkt angewendet werden.

 

Welche Theorien und Traditionen liegen diesem Konzept zugrunde?

POLTRUM: Seit den 1980er-Jahren gibt es international viele Versuche, die Philosophie im Nahfeld der Psychotherapie zu etablieren. Diese Bemühungen laufen unter dem Code „Philosophical Counseling“. Die Bewegung der „Medical Humanities“ wiederum zielt darauf ab, in der Medizin, theoretisch wie praktisch, die Relevanz der Geisteswissenschaften neu zu etablieren. Ein anderer Diskurs, der derzeit Hochkonjunktur hat, ist der „Lebenskunstdiskurs“. Das wären mögliche Referenzen zu unserem Projekt. Aber im Grunde geht es uns darum, die „Schatzkisten“ der abendländischen Philosophie zu öffnen und unseren Patienten die darin enthaltenen „Perlen“ zu zeigen.

 

Welche philosophischen Inhalte aus jahrtausendealter abendländischer Geistesgeschichte und Lebenskunst haben besondere therapeutische Bedeutung?

POLTRUM: Da einem die philosophische Reflexion ja auch den Boden unter den Füßen wegziehen oder üble Nebenwirkungen mit sich bringen kann, geht es im klinischen Kontext vor allem um Philosophien, die eine erhebende, aufbauende und positive Wirkung mit sich bringen. Die Möglichkeiten reichen von Platons Betonung der Wichtigkeit von Idealen, die man im Leben braucht, zu Meister Eckharts Ethos der Gelassenheit bis hin zu Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“. Pessimistische oder düstere Philosophen haben im klinischen Kontext nichts verloren. Oft ist es sogar so, dass nicht einmal einzelne philosophische Strömungen im Ganzen vorgestellt werden können. So gibt es z.B. in der altgriechischen Stoa viele fruchtbare und tröstende Gedanken, die unbedingt in eine „philosophische Therapeutik“ gehören. Alle Stoiker zu thematisieren, von denen einige sogar ein bejahendes Verhältnis zum Suizid haben, wäre jedoch kontraindiziert. Es bedarf also einer sehr bedachten Auswahl.

 

Wie werden philosophische Aktivitäten für substanzabhängige Patienten genutzt?

POLTRUM: Im Rahmen des stationären Therapieaufenthaltes werden regelmäßige Philosophica angeboten, bei denen Patienten anhand ausgewählter Texte zu lebensphilosophisch relevanten Themen diskutieren und Stellung nehmen. Was ist Liebe, was ist Glück? Wo beginnt und wo endet Freundschaft? Gibt es ein metaphysisches Bedürfnis? Diese und ähnliche Fragen, die den Sinn des Lebens betreffen, werden anhand von Texten der großen Philosophen bzw. deren Lehren sowie anhand der Weltanschauung und Lebensphilosophien der Patienten debattiert. Neben diesen Philosophica in halboffenen Gruppen von bis zu zwölf Patienten verfügen wir auch über eine „Vorlesung zur Lebenskunst“: Teile des therapeutischen Kollegiums halten dabei eine Vorlesung zu einem ausgewählten philosophischen Thema und diskutieren mit der Methode des sokratischen Dialogs die sich daraus ergebenden Fragen mit den Patienten.

 

Welche praktischen Konsequenzen ergeben sich aus dem Ansatz der „therapeutischen Philosophie“?

POLTRUM: Ein besonders mächtiges Wirkprinzip der Psychotherapie ist die „Induktion von positiver Veränderungserwartung“. Psychotherapie ist dann besonders wirksam, wenn sie es schafft, Hoffnung zu wecken, positive Erwartung auf Besserung induziert und den Patienten den Glauben an eine gute Zukunft vermittelt. In der „Vorlesung zur Lebenskunst“ machen wir das. Wir stärken den Glauben, ein schöneres Leben und Glück wären wieder möglich, über die Darstellung der positiv-utopischen Aspekte des Lebens – durch unzählige in diese Richtung weisende Philosopheme.

 

Das Gespräch führte Dr. Martin Tauss

Foto: phase 5/Kurt Keinrath

Dr. Martin Poltrum Philosoph, Psychotherapeut und Leiter der Task Force „Medical Humanities“ am Anton-Proksch-Institut in Wien-Kalksburg

Von Martin Tauss, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben