zur Navigation zum Inhalt
 
Psychiatrie und Psychotherapie 14. Dezember 2010

Krank und depressiv

Depressionen gehören zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen, die mit somatischem Leiden einhergehen. Trotzdem werden sie oft nicht erkannt.

Depressionen, die zusammen mit somatischen Erkrankungen auftreten, wurden lange Zeit unterschätzt. Inzwischen ist allerdings bekannt, dass eine Despression den Verlauf einer Erkrankung ungünstig beeinflussen kann – etwa bei Diabetikern, die aufgrund ihrer Antriebsschwäche keine optimale Stoffwechseleinstellung erreichen können. Deshalb beschäftigt sich das diesjährige Konsensus-Statement der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB) mit der antidepressiven Therapie bei somatischen Erkrankungen. Die Autoren fordern, dass Depressionen, die mit einer somatischen Erkrankung einhergehen, so rasch wie möglich behandelt werden.

Eine vor zehn Jahren in Österreich von Univ.-Prof. Dr. Johannes Wancata, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, AKH Wien, durchgeführte Studie zeigte, dass knapp 35 Prozent aller stationären Patienten in Krankenhäusern neben einer somatischen auch an einer neurologischen beziehungsweise psychiatrischen Erkrankung litten: Demenz, Schizophrenie, bipolare Störung, Alkohol- und andere Abhängigkeiten. Demenzen waren dabei, aufgrund der Altersstruktur der stationär aufgenommenen Patienten, am häufigsten.

An zweiter Stelle folgten aber bereits Depressionen – immerhin rund acht Prozent aller stationären Patienten litten an einer leichten Depression. Etwa drei Prozent der Patienten in dieser Studie hätten eine stationäre psychiatrische Behandlung benötigt. 15 Prozent der Fälle zeigten Bedarf an wenigstens einem psychiatrischen Konsiliardienst. Aber nur 28,9 Prozent der Patienten mit diesem speziellen Bedürfnis wurden tatsächlich auch von einem Psychiater untersucht.

Kardiovaskuläre Erkrankungen

Das enge Zusammenspiel zwischen kardiovaskulären Erkrankungen und Depressionen wurde unter anderem in der 2004 publizierten INTERHEART-Studie deutlich: Die Untersuchung von mehr als 12.000 Patienten, die akut einen Herzinfarkt erlitten hatten, zeigte im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne kardiovaskuläre Erkrankung, dass das Risiko für einen Herzinfarkt bei denjenigen, die im vorangegangenen Jahr an einer Depression erkrankt waren, um den Faktor 1,56 höher war als bei psychisch gesunden Personen.

Auch das relative Risiko, nach einem Herzinfarkt zu versterben, lag bei depressiven Patienten um den Faktor 3 höher als bei Menschen ohne depressive Symptomatik. Depressionen, so der Wortlaut des Konsensus-Statements, sollte als Risikofaktor für einen Myokardinfarkt derselbe Stellenwert eingeräumt werden wie etwa dem Rauchen.

Datenlage

„Wir haben überraschend gute Zahlen dazu, wie viele Depressionen etwa bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten. Im Gegensatz dazu wissen wir aber nur annähernd, wie viele Depressive es in der allgemeinen österreichischen Bevölkerung gibt“, erklärte Dr. Georg Psota, Chefarzt des Psychosozialen Dienstes Wien. Meist wird davon ausgegangen, dass in der Allgemeinbevölkerung knapp zehn Prozent der Menschen an einer Depression leiden. „Es könnten aber auch deutlich mehr sein, weniger wahrscheinlich nicht“, so Psota.

Oft assoziiert

Etwa 17,6 Prozent der Typ-2-Diabetiker haben mit einer Depression zu kämpfen. Diese Patienten leiden auch signifikant häufiger an Retinopathie, Neuropathie, Nephropathie, vaskulären Problemen und sexueller Dysfunktion. Umgekehrt scheinen Depressionen auch einen unabhängigen Risikofaktor für Diabetes mellitus darzustellen. In jedem Fall gilt: Wird die Depression richtig diagnostiziert und therapiert, bessern sich auch die metabolischen Parameter.

Krebspatienten, besonders wenn ihre Erkrankung progredient ist, leiden sehr häufig unter Depressionen. Bei einer fortschreitenden onkologischen Erkrankung werden vermehrt proinflammatorische Zytokine ausgeschüttet – diese beeinflussen das limbische System, das wiederum eine depressive Symptomatik verstärkt. Aber nicht jeder Krebspatient erkrankt auch an einer Depression – Risikofaktoren sind unter anderem eine genetische Prädisposition, die erhöhte Expression proinflammatorischer Zytokine, die Verminderung von Neurotransmittern, eine Zunahme der Aktivitäten im limbischen System etc.

So rasch wie möglich

Auch chronische Schmerzerkrankungen, Morbus Alzheimer und andere somatische Erkrankungen sind häufig mit einer Depression assoziiert (siehe Kasten 1). Die antidepressive Behandlung bei gleichzeitigem Vorliegen einer somatischen Erkrankung erfordert dabei umfassendes Wissen über Pharmakodynamik und Pharmakokinetik der auf dem Markt befindlichen Medikamente. „Auch das Neben- und Wechselwirkungsprofil spielt eine wesentliche Rolle; man denke nur an die Kombination von SSRI, NSAR und Antikoagulantien, die das Blutungsrisiko erhöhen können“, so Univ.-Prof. DDr. H. c. Dr. Siegfried Kasper von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

Weil aber eine Depression Krankheitsverläufe so wesentlich und negativ beeinflussen kann, sei es wichtig, sie zu behandeln. „Therapeutischer Nihilismus ist heute in der Behandlung der Depressionen, die mit somatischen Erkrankungen einhergehen, nicht mehr angezeigt. Vielmehr gilt auch hier: Die Behandlung sollte so rasch wie möglich einsetzen“, fasste Kasper die Empfehlung zusammen.

Quelle: Konsensus-Statement 2010 der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB) und Pressekonferenz „Krank und depressiv – eine verhängnisvolle Allianz“, Wien, 11. November 2010.

Somatische Erkrankungen mit Prävalenz komorbider depressiver Erkrankungen
ErkrankungPrävalenz
Herz-Kreislauf-Erkrankungen 17–27 %
Diabetes 9–26 %
Krebserkrankungen 11 %
Chronische Nierenerkrankung 20–30 %
Morbus Alzheimer 30–50 %
Zerebrovaskuläre Erkrankung 14–19 %
Morbus Parkinson 4–75 %
Schmerz 30–54 %
Nach: Konsensus-Statement State of the art 2010 „Antidepressive Therapie bei somatischen Erkrankungen“ Clinicum neuropsy, Sonderausgabe November 2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben