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Wird der Anfangsgewinn als enorme Aufwertung des eigenen Selbst interpretiert, entwickelt sich eine erste Abhängigkeit von weiteren Gewinnen, um den neuen Status als „Sieger“ beibehalten zu können.
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Univ.-Prof. Prim. Dr. Herwig Scholz

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Mag. Bettina Quantschnig

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Spielsüchtige sind überzeugt, das Spielergebnis beeinflussen zu können.

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Abb. 1: Entwicklungsschritte der Spielsucht

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Die Automatenindustrie hat erkannt, dass „Beinahegewinne“ und gewonnene Freispiele den Selbstwert ähnlich ansprechen wie tatsächliche Gewinnausschüttungen.

 
Psychiatrie und Psychotherapie 14. Dezember 2010

Spielsucht und Kaufsucht

Die zunehmende Problematik nichtstoffgebundener Abhängigkeiten

Ärztliche Praxen, Beratungsstellen, Krankenhäuser und Ambulanzen werden in zunehmendem Ausmaß mit Menschen konfrontiert, die durch süchtiges Spielen oder Kaufsucht in enorme Schwierigkeiten geraten sind. Zu den wesentlichsten Gründen für die Kontaktaufnahme zählen nicht nur Schulden und psychosoziale Schwierigkeiten, sondern auch erhebliche Komorbiditäten mit Substanzabhängigkeiten, Angststörungen, Depressionen und anderen affektive Erkrankungen. Diese zunehmende Konfrontation mit nicht an Substanzkonsum gebundenen Abhängigkeitserkrankungen eröffnet auch die Chance für eine kritische Überprüfung der bisherigen Betrachtungsweise von Suchtkrankheiten sowie für die Entwicklung neuer Therapiestrategien.

Als Suchtkrankheiten wurden bis vor wenigen Jahrzehnten nahezu ausschließlich Abhängigkeitsprozesse gegenüber Substanzen mit eigenem Suchtpotential verstanden. Diese Sichtweise spiegelt sich auch in den heute gängigen psychiatrischen Klassifizierungssystemen wieder, in denen Verhaltenssüchte beziehungsweise nichtstoffliche Abhängigkeiten noch keine entsprechende Position aufweisen.

Dazu kommt, dass bisher in der einschlägigen Literatur über Suchtkrankheiten die organischen und psychischen Schadensdimensionen durch die verwendeten Substanzen im Vordergrund standen, während süchtiges Verhalten selbst eher als Auswirkung der Suchtmitteleinnahme gesehen wurde. Daraus ergab sich unter anderem die verbreitete Vorstellung, man könne Suchtkrankheiten neutralisieren, wenn es gelänge, die spezifische psychotrope Wirkung eines Suchtmittels chemisch zu blockieren.

Dass es zusätzlich auch nicht an die Einnahme von Substanzen gebundene Suchtprozesse gibt, wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte nur sehr zögernd akzeptiert. Entscheidend für das Umdenken war schließlich die enorme Zunahme süchtigen Spielens, die aufgrund der damit verknüpften psychosozialen Probleme nicht mehr übersehen werden konnte.

Wie in der Wissenschaft nicht ganz selten, kam es vorerst zu erheblichen terminologischen Auseinandersetzungen, da süchtiges Spielen vielfach vorerst als Zwangsstörung beziehungsweise auch als Impulskontrollstörung, interpretiert wurde. Möglicherweise ist es symptomatisch für viele Denkprozesse in der Psychiatrie, dass die an und für sich unübersehbaren Kriterien süchtigen Verhaltens meist erst nach dem Scheitern vieler anderer Erklärungsmodelle zur Kenntnis genommen werden [1].

Hilfreich für eine realistischere Betrachtungsweise waren aktuellere, neurobiologische Befunde sowie die Pionierleistungen einiger Forschungsgruppen beziehungsweise auch selbstorientierter Beratungs- und Therapieorganisationen.

Inzwischen wurden auch andere nichtstoffgebundene Abhängigkeiten als so genannte „Verhaltenssüchte“, wie süchtiger Konsum von Internetdiensten, Kaufsucht, süchtig gefärbtes Sexualverhalten, Arbeitssucht und andere mehr beschrieben [2]. Bei einer derartigen Erweiterung der Palette nichtstoffgebundener Abhängigkeiten besteht allerdings immer die Gefahr unpräziser Definitionen und vor allem auch von Übertreibungen im Sinne einer inflationären Verwendung des Suchtbegriffs.

Auf jeden Fall hat die Entdeckung substanzungebundener Suchtprozesse mit ihren auf den ersten Blick rätselhaften Phänomenen einige Fragen aufgeworfen, deren Beantwortung möglicherweise auch unser Denken über substanzgebundene Abhängigkeiten beeinflussen kann:

  • Ganz speziell ergibt sich in diesem Zusammenhang die Frage, wie sich Abhängigkeiten und die daraus resultierenden neurobiologischen Mechanismen auch ohne Substanzeinwirkung entwickeln können.
  • Dabei sollte die Chance wahrgenommen werden, nicht wie bisher üblich die Kategorie einer Suchtkrankheit, zum Beispiel Alkoholismus oder Spielsucht, zu bewerten, sondern vielmehr die Individualität des einzelnen Suchtkranken mit seiner ganz speziellen Entwicklungsgeschichte.

 

Das erfordert naturgemäß eine differenzierte Kenntnis des Betroffenen mit der individuellen Krankheitsentwicklung als Grundlage für die erforderlichen therapeutischen Maßnahmen [3]. Alle diese Aspekte werden aufgrund der hier am ehesten gegebenen Datenlage am Beispiel der Spielsucht dargestellt. Aufgrund der inzwischen nachgewiesenen enormen Häufigkeit mit weiterer Wachstumstendenz wird dann auch noch ein Exkurs über die Kaufsucht angeschlossen.

Entstehungsdynamik nichtstoff gebundener Suchtprozesse

Naturgemäß finden sich für die Entwicklung und den Verlauf von substanzungebundenen Suchtprozessen viele starke Analogien zu den Substanzabhängigkeiten. Charakteristisch ist auch hier der scheinbar harmlose Beginn: Man spielt zur Unterhaltung, man „genießt die Faszination des Internets“ oder „kauft, weil sich eine besondere Gelegenheit bietet.“

Während bei der Mehrzahl von Konsumenten daraus kein Schaden entsteht, kann sich bei einer individuellen Vulnerabilität über ein zunehmend pathologisches Konsumverhalten schließlich ein Abhängigkeitsprozess entwickeln.

In Analogie zu stoffgebundenen Abhängigkeiten kennzeichnen auch bei der Entwicklung nichtstofflicher Süchte bestimmte Kriterien die weitere Progression der Erkrankung: Es sind dies unter anderem die suchtspezifischen Phänomene Abstinenzunfähigkeit, Wiederholungszwänge, Entzugserscheinungen, Verlust der Handlungskontrolle, Vernachlässigung wichtiger Lebensinteressen und sozialer Verpflichtungen, Abwehrmechanismen, Realitätsverminderung und schließlich sozialer Rückzug bis zu irreversiblen psychosozialen Folgewirkungen [4].

Das Phänomen Spielsucht

Spielen selbst zählt zu den wichtigen sozialen und persönlichen Lernprozessen nahezu aller Menschen, kann also selbst noch keinesfalls als krankhaft gesehen werden. Das gilt zwar in erster Linie für Unterhaltungs- und Geschicklichkeitsspiele, mit fließenden Grenzen, aber auch für Glücksspiele, zu deren Verteidigung man eine gewisse, wenn auch unrealistische, Hoffnung auf Gewinn und Reichtum argumentieren könnte. Auffallend sind aber die gerade in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegenen Umsätze der Glücksspielindustrie und die daran gekoppelte Zunahme pathologischen und süchtigen Spielverhaltens mit den katastrophalen Auswirkungen für die Betroffenen und ihre Familien [5].

Es gilt somit vorerst zu verstehen, welche Vulnerabilitätsfaktoren für eine pathologische Veränderung des Spielverhaltens verantwortlich sein könnten: Diskutiert werden unter anderem genetische Vorbelastungen, von der Norm abweichende Persönlichkeitsstile, affektive Störungen, neurotische Mechanismen und ungünstige soziale Milieufaktoren. Noch zu wenig beforscht sind die möglichen Auswirkungen fehlender individueller Schutzfaktoren und Ressourcen.

Viele Untersuchungen weisen speziell dazu darauf hin, dass der Hintergrund des Abgleitens in krankhaftes Spielen mit erheblichen Selbstwertproblemen verknüpft ist, die vielfach aus einem entwertenden Erziehungsstil, Abwertungen durch die Umgebung oder nicht bewältigten Traumatisierungen erklärt werden können. Wenn die Betroffenen dann bei einem Glücksspiel den nahezu üblichen „Anfangsgewinn“ erleben, interpretieren sie diesen als enorme Aufwertung des eigenen Selbst und knüpfen daran auch unrealistische und nahezu magische Veränderungen der eigenen Identität und der Glückserwartungen [6].

Damit entwickelt sich allerdings bereits eine erste Abhängigkeit von weiteren Spielgewinnen, um den neuen Status als „Sieger“, „Big Winner“, „Sonntagskind“, „Glücksmensch“ beibehalten zu können. Da dies mit den Geschäftsprinzipien der Glücksspielanbieter keinesfalls vereinbar ist, werden dann die mit hoher Wahrscheinlichkeit eintretenden Verluste nicht mehr ausschließlich als Geldverlust, sondern als Niederlage und Bedrohung ihrer magischen Selbstaufwertung erlebt. Zur Wiederherstellung dieser Identität versuchen sie nun neue Spielgewinne zu erzwingen und gehen in ihrem zunehmend problematisch werdenden Spielverhalten dann auch erhebliche und unrealistische Risiken ein.

Neben den Versuchen die Verluste auszugleichen und dem Verheimlichungsdruck gibt es auch glücksspielbezogene Informationsverzerrungen, die ein spezifisches Charakteristikum der Spielsucht darstellen. Dazu gehört das Festhalten an einer meist risikoreichen Strategie mit unrealistischen Gewinnerwartungen. Zu den spezifischen kognitiven Verformungen zählen illusionäre Kontrollüberzeugungen, speziell die Überzeugung, das Spielergebnis beeinflussen zu können, auch wenn dazu zum Beispiel beim Automatenspiel gar keine Handhaben vorhanden sind. Dennoch entwickeln sich daraus wieder scheinbar selbstwertdienliche Gefühle der Aufwertung: Gewinne werden eigenen Fähigkeiten zugeschrieben und damit überbewertet sowie ein selektives Gedächtnis, in dem Gewinne kognitiv besser repräsentiert werden als Verluste.

Zur Verstärkung dieser Tendenzen haben die Anbieter von Glücksspielen auch erkannt, dass bestimmte Merkmale des Glücksspieles einen höheren Anreiz erzeugen, das Spiel fortzusetzen. Dazu gehören kurze Auszahlungsintervalle, hohe Ereignisfrequenzen (rasche Spielabfolge), intermittierende Verstärkung (gelegentliche Gewinne), Art des Einsatzes (Jetons statt echtem Geld) sowie Umgebungsreize wie Ton-, Licht-, Farbeffekte und die typische Casino-Atmosphäre. In den letzten Jahren hat die Automatenindustrie auch erkannt, dass „Beinahegewinne“, zum Beispiel fast nur gleiche Symbole, im Automatenspiel und gewonnene Freispiele den Selbstwert ähnlich ansprechen wie tatsächliche Gewinnausschüttungen.

Nicht zu unterschätzen ist dennoch die Bedeutung des Geldes für die Selbstwertproblematik im Zusammenhang mit der Spielsucht: Geld vermittelt das Gefühl von Macht, Kontrolle und sozialer Anerkennung und wirkt als Gradmesser für den individuellen Wert und als erheblicher narzisstischer Verstärker. Glücksspiel kann sowohl sedierende (Vergessen von Alltagssorgen und Unlustgefühlen) als auch stimulierend-euphorisierende Wirkungen ausüben. Die Bedeutung einzelner Entstehungsfaktoren und aufrechterhaltender Bedingungen kann somit sowohl zwischen unterschiedlichen Spielern als auch im individuellen Entwicklungsverlauf erheblich variieren [7].

Neurobiologische Veränderungen

Im Zuge dieser Entwicklung zum süchtigen Spielen kommt es, wie man aus aktuellen Befunden weiß, auch zu gravierenden neurobiologischen Veränderungen, vor allem in mesolimbischen Zentren und speziell dem Nucleus accumbens, wodurch sich dann – analog zu Substanzabhängigkeiten – eine endgültige, nicht mehr reversible Umprogrammierung in süchtiges Verhalten bei neuerlicher Exposition ergibt. Dadurch geraten nahezu alle anderen Lebensbereiche, soziale Normen und damit auch die Interessen von Bezugspersonen in den Hintergrund. Nur so kann man verstehen, dass an und für sich differenzierte Menschen wenig Bedenken haben, auch nahestehende Personen zu manipulieren, da sie sicher sind, demnächst einen Spielgewinn zu erzielen und damit alle Schäden bereinigen zu können.

Am Ende dieser Prozesse steht dann bei mangelnder Möglichkeit oder Bereitschaft zur Therapie der meist endgültige soziale Abstieg. Fasst man diese hier verkürzt dargestellten Entwicklungsfaktoren zusammen, zeigt sich, dass die manifeste Spielsucht erst das sichtbare Endresultat einer langzeitig vorhergehenden Fehlkompensation des Selbstwertsystems darstellt (Abb. 1).

Unter günstigen Umständen kann diese Entwicklung in jeder Phase unterbrochen werden, allerdings sinkt die Wahrscheinlichkeit mit zunehmender Eskalation des Prozesses. Demzufolge variieren damit auch die einzelnen Verläufe, wie in den Ergebnissen einer konkreten Untersuchung von am Krankenhaus de La Tour behandelten Spielsüchtigen dargestellt wird.

Konsequenzen manifester Spielsucht

Eine konkrete Bestätigung der weitreichenden Probleme Spielsüchtiger bildete sich auch bei der Auswertung der Befunde von 304 am Krankenhaus de La Tour in Treffen stationär behandelten Patienten ab: Obwohl die gesamte Bandbreite des Glücksspielangebotes vom klassischen Roulette über Lotto, Kartenspiele bis zu Internetspielen und Börsenspekulation vorlag, dominierte bisher mit großem Vorsprung das Automatenspiel als bevorzugte und problematischste Spielvariante.

Allerdings zeigen sich neuerdings Hinweise auf eine Zunahme diverser Internetspielangebote sowie den Boom klassisch-traditioneller Glücksspielformen – die Zunahme diverser Internetspielangebote, beginnend mit der Online-Kommunikation über zwanghaftes Internetsurfen, das „Abtauchen“ in virtuelle Welten, die exzessive Konsumation von Erotik- und Pornoseiten [8]. Die Dauer problematischen beziehungsweise süchtigen Spielens wurde von mehr als 54 Prozent unserer Patienten mit mehr als zehn Jahren angegeben. Als entscheidendes Motiv zur Kontaktaufnahme mit der Therapieeinrichtung dominierten neben erheblichen psychischen Problemen vor allem auch familiäre Schwierigkeiten und die meist erhebliche Verschuldung. Bei knapp 40 Prozent bestanden Außenstände von über 35.000 Euro. Im Zuge ihrer Spielsucht waren 28,9 Prozent der hier erfassten Patienten auch straffällig geworden.

Auffallend und auch für die Therapieführung besonders relevant ist der Befund, dass mehr als 43 Prozent der untersuchten Patienten auch zusätzliche Probleme im Sinne von Missbrauch beziehungsweise Substanzabhängigkeit aufwiesen. Auf die erhebliche Verknüpfung der Spielsucht mit depressiven Reaktionen weisen unter anderem Angaben von mehr als 14 Prozent der Patienten über ernsthafte Suizidversuche in der Vorgeschichte hin. Bei zwei Patientinnen lag eine Kombination zwischen Spielsucht und süchtigem Kaufverhalten vor.

Außerdem bestätigen unsere Befunde eine Vielfalt unterschiedlicher psychischer Hintergrundstörungen und Komorbiditäten, speziell im Bereich affektiver Erkrankungen beziehungsweise einseitiger pathologischer Persönlichkeitsmuster.

Therapeutische Strategien

Wie bereits einleitend betont, bietet sich durch die Notwendigkeit die Therapie Spielsüchtiger als „Neuland“ zu betrachten, auch die Chance viele in der Suchttherapie etablierte, aber inzwischen überholte Strategien zu überdenken. Speziell ist hier die Möglichkeit anzusprechen, von der kategorialen Sichtweise der „Suchtkrankheiten“ abzugehen und die Therapie auf die individuellen Hintergründe und Bedürfnisse des einzelnen Spielsüchtigen abzustellen.

In diesem Sinn haben auch die hier auszugsweise dargestellten Befunde bestätigt, dass die Problematik bei jedem einzelnen der Spielsüchtigen unterschiedlich gewichtet und gelagert ist und somit nur individuell gelöst werden kann. Wir sehen darin eine eindrucksvolle Bestätigung der Notwendigkeit einer individualisierten, langfristigen Therapie zur Vermeidung einer weiteren Eskalation der beschriebenen Konsequenzen süchtigen Spielens.

Besonders hervorzuheben ist die bereits angesprochene erhebliche Selbstwertproblematik mit ihren ganz speziellen und für die Mehrzahl der Spieler charakteristischen Kompensationsmechanismen im Sinne einer pseudonarzisstischen „Flucht nach vorne“.

Die damit verbundene Aktivierung eines völlig unrealistischen „Größenselbst“ bewirkt dann die für viele Spielsüchtige typische Manipulation der Realität im Sinne des bereits erwähnten „magischen Denkens“. An diesen allerdings individuell sehr unterschiedlich ausgeformten Persönlichkeitsvarianten und Mustern orientiert sich auch das strukturierte gruppentherapeutische Programm, das in zehn bis zwölf Sitzungen die magischen realitätsfernen Interpretationen wichtiger Lebensbereiche anspricht.

Thematische Beispiele sind zum Beispiel „Glück im Spiel und Unglück in der Liebe“ oder „Mein Leben, mein Spiel und ich selbst“ etc. Dabei wird jeweils versucht, von den magischen Besetzungen in die reale Lebenswelt zurückzufinden. Diese interaktiv gestaltete Gruppenarbeit ist eingebettet in das gesamte suchttherapeutische Konzept, wie es auch bei Substanzabhängigen üblich ist, jedoch mit steter Betonung der individuellen Bedürfnisse des einzelnen Spielsüchtigen. Aufgrund der besonderen Gegebenheiten werden hier auch die familiären, sozialen und wirtschaftlichen Aspekte thematisiert – wie Schuldnerberatung, soziale Konsolidierung und Wiedereingliederung in das Arbeitsleben [9]. Von eminenter Bedeutung ist die gute Einbindung der vielfach stark belasteten Angehörigen von Spielsüchtigen.

Strukturen für die Behandlung

Die hier dargestellten Therapieangebote können sowohl stationär als auch in geeigneten Fällen ambulant angeboten werden: Die übliche Vorgangsweise besteht in einer ambulanten Vorbereitungsphase mit den Schwerpunkten des Aufbaus einer tragfähigen therapeutischen Beziehung und der auf die individuellen Abwehrmechanismen abgestimmten Motivationsarbeit.

In den nachfolgenden Behandlungsschritten wird der Schwerpunkt auf die gemeinsame Erarbeitung der individuellen Vulnerabilitätsfaktoren und deren therapeutischer Veränderung gelegt. Im stationären Rahmen werden dafür etwa acht Wochen intensiver Therapie benötigt. Allerdings macht es, wie wir in den Anfängen unserer therapeutischen Arbeit auch selbst feststellen mussten, wenig Sinn, Spieler einzeln in einem Kollektiv mit Substanzabhängigen zu behandeln, da sich diese rasch von den anderen Patienten abgrenzen. Eine qualifizierte Therapie der Spielsucht ist nur dann gegeben, wenn Spieler in eigenen Gruppen zusammengefasst werden, da sie dann voneinander lernen und sich gegenseitig unterstützen können.

Das gesamt Therapiekonzept sieht sich als unumgängliche Basis für ein zweijähriges Nachbetreuungsprogramm, das optimalerweise ebenfalls in Gruppenform kombiniert mit Einzeltherapie stattfinden soll. Dementsprechend muss für eine qualifizierte Spielsuchttherapie die stationäre beziehungsweise ambulante Einrichtung mit ausreichend zu errichtenden extramuralen Strukturen vernetzt werden.

Die Problematik Kaufsucht

Unbeschadet der Tatsache, dass Spielsucht derzeit als die spektakulärste nichtstoffgebundene Abhängigkeit angesprochen wird, ist sie mit etwa einem bis 1,6 Prozent Betroffenen in der Bevölkerung keinesfalls die häufigste Variante. Vielmehr haben repräsentative Studien in Deutschland und Amerika Hinweise auf etwa 6,5 bis acht Prozent stark kaufsuchtgefährdete Personen mit weiteren Wachstumstendenzen erbracht [10].

Auch in diesem Bereich fanden anfangs heftige terminologische Diskussionen statt, da vor allem nordamerikanische Autoren eher von einer Zwangsstörung („Compulsive Buying“) ausgegangen sind, während im europäischen Bereich schon früh auf die stufenweise Suchtentwicklung süchtigen Kaufens hingewiesen wurde [11]. Gemeint sind hier in Analogie zu anderen Abhängigkeitsprozessen die massive Dominanz des Kaufens im psychischen Erleben Betroffener mit weitgehender Zurückdrängung von anderen Lebensinteressen beziehungsweise auch Ausblenden der konkreten Realitäten. In diesem Zusammenhang werden auch rauschartige Zustände mit eingeschränkter Kontrollfähigkeit („Kaufrausch“) beschrieben sowie Abwehrmechanismen mit starken Tendenzen zu Verheimlichung und Verleugnung. Ganz besonders hervorzuheben ist, dass bei süchtigem Kaufen nicht das gekaufte Objekt sondern die Kaufhandlung selbst im Vordergrund der Handlungsmotivation steht. Ein Indiz dafür ist die Tatsache dass vielfach unnötige Waren und oftmals gleiche Waren in Mengen erworben werden.

Das speziell suchtbahnende Moment der Kaufsucht liegt somit unter anderem in der Möglichkeit einer raschen Belohnung durch die Kaufentscheidung sowie in der subjektiv erlebten narzisstischen Zufuhr, die eine Erwerbssituation vortäuscht [12]. Das Konsum- und Kaufverhalten dient, ebenso wie andere Suchtprozesse, der Kompensation von Defiziten, die durch Nichtlösen von Problemen entstanden sind (z. B. beruflicher Stress, private Enttäuschungen etc.). Im Mittelpunkt steht also nicht der Gebrauchswert sondern die vermeintliche Befriedigung, die das Kaufen dem Käufer verschafft. Dabei kann es zu täglichen Kaufattacken und phasenhaft auftretenden Kaufattacken kommen.

Aus vielen bisherigen Studien ergaben sich Hinweise auf eine gegenüber anderen Abhängigkeiten untypische Dominanz des weiblichen Geschlechts unter den Kaufsüchtigen. Im Gegensatz zu verbreiteten Vorstellungen fanden sich in den vorliegenden Untersuchungen aber keine signifikanten Abhängigkeiten von Einkommen und Wohnort. Der Anteil kaufsüchtiger Jugendlicher entspricht in etwa dem Prozentsatz Erwachsener. Somit können beide Altersgruppen im ähnlichen Ausmaß die Kontrolle über ihr Kaufverhalten verlieren.

Wie nicht anders zu erwarten, ergab sich bei regionalen Studien in Regionen mit unterschiedlichen Wirtschaftsprinzipien auch eine unterschiedliche Zahl Kaufsuchtgefährdeter sowie ein sehr deutlicher Einfluss von Angeboten und Werbestrategien, die auf eine Verminderung von Kontrollüberlegungen beim Kauf abzielen, zum Beispiel „Schnäppchen, Angebote“, tatsächliche oder vermeintliche Verbilligungen etc.

Die psychopathologischen Hintergründe von Kaufsucht werden je nach Perspektiven der Untersucher unterschiedlich dargestellt. Vielfach sind es ebenfalls wieder Selbstwertprobleme, Selbstunsicherheiten, unbefriedigte Bedürfnisse nach Liebe und Zuwendung oder Ähnliches. Wie bei allen Abhängigkeiten bestehen erhebliche komorbide Querverbindungen zu affektiven Störungen aus den Bereichen Angst, Depression sowie auch affektiv entgleisten Persönlichkeitsstilen. Erhebliche Komorbidität findet sich auch zu anderen stoffgebundenen, aber auch nichtstoffgebundenen, Abhängigkeiten.

Die Diagnostik süchtigen Kaufverhaltens wird in der Mehrzahl der Fälle erst durch eine erhebliche Verschuldung in Gang gesetzt, in Ausnahmefällen kann süchtiges Kaufen aber auch als Begleitphänomen anderer Abhängigkeiten identifiziert werden. Die Grundlage für eine gezielte Therapie liegt meistens vorerst in der Motivationsarbeit im Sinne einer Einsicht der Betroffenen, sowohl in die Problematik ihres Kaufverhaltens, aber ganz besonders auch in ihre dafür verantwortlichen fehlerhaften Kognitionen und Verhaltensmuster.

Es liegt dabei auf der Hand, dass hier analog zu für die Therapie der Spielsucht dargestellten Vorgangsweisen nur eine ausreichende Veränderungsarbeit dieser Hintergrundstörungen die Voraussetzung für eine erfolgversprechende Therapie darstellt. Auch auf diesem Gebiet sollte die Behandlung auch auf die vielfach erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Probleme des Patienten selbst, aber auch seiner Angehörigen, Bezug nehmen und zusätzlich Beratungen durch Schuldnerdienste, Sozialarbeit und andere Fachbereiche initiieren.

1 Primar am Krankenhaus de La Tour, Treffen

2 Leitung des Psychologischen Dienstes des Krankenhauses de La Tour in Treffen und Psychologische Leitung der Spielsuchtambulanz de La Tour Villach

1 Petry J. (2003). Pathologisches Glücksspielverhalten: Ätiologische, psychologische und psychotherapeutische Aspekte. Geestacht: Neuland Verlag.

2 Grüsser SM., Thalemann CN. (2006). Verhaltenssucht. Diagnostik, Therapie, Forschung. Bern: Huber Verlag.

3 Haller R., Scholz H. et al. (2005). Spiel sucht – eine nicht stoffgebundene Abhängigkeit. Konsensus-Statement. CliniCum.

4 Meyer G., Bachmann M. (2000). Spielsucht. Ursachen und Therapie. Berlin: Springer Verlag.

5 Scholz H., Quantschnig B. (2010). Qualifizierte Therapie spielsüchtiger Patienten. Ärztekrone 10/2010.

6 Petry J. (2003). Glücksspielsucht. Entstehung, Diagnostik und Behandlung. Göttingen: Hogrefe.

7 Müller-Span F., Magraf J. (2003). Wenn Spielen pathologisch wird. Basel: Karger Verlag.

8 Petry J. (2010). Dysfunktionaler und pathologischer PC- und Internetgebrauch. Göttingen: Hogrefe.

9 Quantschnig B., Zingerle H., Scholz H. (2001). Therapiestrategien bei pathologischen Spielern. In G. Strejcek, D. Hoscher, M. Eder (Hrsg.), Glücksspielsucht in der EU und in Österreich. Wien: Linde Verlag.

10 Kollmann K., Kautsch I. (2004). Kaufsucht in Österreich. Arbeiterkammer Wien.

11 Gross W. (1990). Sucht ohne Drogen. Frankfurt: Fischer

12 Müller A., De Zwaan M., Mitchell JE. (2008). Pathologisches Kaufen. Köln: Deutscher Ärzte Verlag.

H. Scholz1, B. Quantschnig2, psychopraxis. neuropraxis 5/6/2010

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