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Friedrich Nietzsche, der Philosoph: Seiner Ansicht nach „leiden die höchsten Menschen am meisten am Dasein“.
 

„Die höchsten Menschen leiden am meisten am Dasein ...“

Die Melancholie galt früher als ein Zeichen edler Erhabenheit.

Lustlos, antriebslos, hoffnungslos – die gleichen Anzeichen, die heute auf eine Krankheit hindeuten, galten in früheren Zeiten als Ausdruck von Größe und Erhabenheit. Die Melancholie wurde als ein Privileg bedeutender Menschen gesehen.

 

„Meine Freude ist die Melancholie!“ Nein, das sagt kein geistig Verwirrter, das sagt auch nicht irgendjemand. Sondern das ist der berühmte Ausruf eines der weltweit bedeutendsten Künstler, nämlich von Michelangelo (1475-1564).

Wie kann man nur Melancholie mit Freude gleichsetzen?, fragen wir uns verwundert. Handelt es sich doch hier um ein krankhaftes Geschehen, das unbedingt behandelt werden muss!

Nun, das ist unsere heutige Sicht. Die Sicht des 21. Jahrhunderts. Heute sprechen wir auch nicht mehr von Melancholie, sondern von Depression, ein Begriff, der vor etwa hundert Jahren aufkam.

Zu Michelangelos Zeiten, in der Renaissance, wurde die Melancholie noch ganz anders betrachtet. Sie galt als ein Privileg der Künstler, ja, nach allgemeiner Einschätzung war ohne sie keine kreative Arbeit möglich. Dem Glücklichen traute man ein Meisterwerk nicht zu, dem Unglücklichen und Verzagten aber allemal. Genie und Wahnsinn, sie wurden als eine Einheit gesehen.

Schlägt man bei den gelehrten Menschen nach, bei den Dichtern und Philosophen, so trifft man immer wieder auf Stellen, wo die Schwermut als besondere Auszeichnung gefeiert wird, als Kennzeichen jener Menschen, die sich ihre Gedanken machen und nicht tumb in den Tag hinein leben.

Bei Immanuel Kant (1724–1804) lesen wir in dessen „Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen“: „Schermüthige Entfernung von dem Geräusche der Welt aus einem rechtmässigen Überdrusse ist edel.“ Und auch ein anderer Philosoph, Sören Kierkegaard (1813–1855), urteilte: „Es ist meine Überzeugung, mein Sieg über die Welt, dass ein Mensch, der die Bitterkeit der Verzweiflung noch nicht geschmeckt hat, die Bedeutung des Lebens verfehlt hat.“

Das Schicksal der Melancholiker

Leid, Traurigkeit, Isolation von der Gemeinschaft – der Melancholiker hat es nicht leicht im Leben. Aber er kann nicht anders. Er kann nicht mit dem Strom der gemeinen Masse schwimmen. Er hat zu feine Nerven, als dass er das Leben auf die leichte Schulter nehmen könnte. „Die höchsten Menschen leiden am meisten am Dasein“, schrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche in „Die Unschuld des Werdens“. Das sei gleichsam das Schicksal einer auserwählten Klasse.

Der Prototyp des Melancholikers war im 18. Jahrhundert der Dichter: erhaben und tragisch. Erhaben, weil er zu Empfindungen fähig war, die dem gemeinen Menschen verschlossen blieben. Tragisch, weil seine ausgeprägte Sensibilität ihn zu einem Leidenden machte. Es war allerdings ein spezielles Leiden, eines, das zu jener Zeit geradewegs in Mode war. Man suchte diese eigentümlich bitter-süße Empfindung, dieses Glück im Niedergeschlagensein, diesen Genuss, den die Einsamkeit gewährt, die „trauervolle Freude“. Eine Romangestalt, Goethes leidender „Werther“ (1774), konnte mit seiner Schwermut und seinem Rückzug aus der Gesellschaft gar zu einer Art Held aufsteigen, dem man gerne nacheiferte, sogar bis hin zum Vollzug des Selbstmords.

Zeichen der Auszeichnung

Wenn wir noch weiter zurückblicken, in die Antike, so finden wir auch hier einen Lobgesang auf die Melancholie. Nach Aristoteles (384–322 v. Chr.) waren alle großen Männer, ob in der Kunst, Philosophie oder Politik, Melancholiker. Der griechische Philosoph sprach es nicht ausdrücklich aus, aber dieser Schluss lässt sich aus seinen Ausführungen ziehen: Wer nicht melancholisch war, war auch nicht weiter bedeutend.

Die Melancholie galt nicht als Fluch, sondern vielmehr als Auszeichnung. So jedenfalls die Sicht insbesondere in der Antike und der Renaissance. Die schwere, düstere Gemütsverfassung als Zeichen edler Erhabenheit. Wie sich die Zeiten doch geändert haben! Was über Jahrhunderte mit einer gewissen Achtung betrachtet wurde, gilt heute nur noch als behandlungsbedürftige Krankheit. Das Beispiel zeigt einmal mehr: Wie wir, ob als Ärzte oder Betroffene, eine Krankheit sehen und ob überhaupt als Krankheit, ist stark davon abhängig, wie sie die Gesellschaft bewertet.

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Friedrich Nietzsche, der Philosoph: Seiner Ansicht nach „leiden die höchsten Menschen am meisten am Dasein“.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

  • Herr Mahan Raffael, 30.10.2011 um 17:40:

    „Auch wenn die Melancholie "früher als Zeichen edler Erhabenheit" gegolten haben mag, ist, so glaube ich, der Vers aus Michelangelos Buonarottis Sonett nicht in diesem Sinne zu verstehen. Nur wenn man den Vers aus dem Kontext reißt, ist er für die These des Artikels verwendbar. Das Sonett spricht zwar von den Leiden des Künstlers, ist aber keines Wegs eine Eloge der Melancholie. In etwa lautet das Sonett so: "Ausgeleiert bin ich, zerrissen, zerbrochen durch all die Müh', und tot sind all die Wirtshäuser, wo ich einst aß. Meine Freude ist die Melancholie, meine Ruhe die Qualen. Als Narrenfigur wär' ich gut, mit dieser Hütte hier, mitten unter prächtigen Palästen. Die Liebesflamme ist erloschen, die Seele ist kahl. Die Liebe, die Musen, die blühenden Grotten, alles ist in Unrat erstickt. Was hilft's, soviel Puppen gemacht zu haben, wenn man so endet wie der, welcher den Ozean überqueren wollte und im Sumpf absackt! Die wohlgelobte Kunst, von der ich soviel wußte, brachte mich hierher. Arm, alt und untertan. Ich löse mich auf, wenn ich nicht bald sterbe"“

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