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Foto: Abteilung für plastische und rekonstruktive Chirurgie, AKH-Wien
Verbrennungen an der Hand: Neben den Blutgefäßen sind auch Sehnen und Gelenke dicht unter der Hautoberfläche lokalisiert und daher bei höhergradigen Verbrennungen besonders gefährdet.
 

Echter Suizidversuch oder Hilferufe von Überforderten

Eine neue Typologie zur Einteilung von Patienten mit Selbstverbrennungen.

Die Behandlung von Patienten mit selbst verursachten Brandverletzungen ist schwierig, weil sie durch ihre Intention, sich selbst Schaden zuzufügen, meist großflächigere und tiefere Verbrennungen haben als Patienten, die sich thermische Traumata im Rahmen eines Unfalls zuziehen. Eine eventuelle psychiatrische Zusatzerkrankung kann die Behandlung der Verbrennungen erschweren. Eine neu entwickelte Typologie soll diese Patienten frühzeitig ausfindig machen.

 

Patienten mit selbst zugefügten Verbrennungen machen in mittel- und westeuropäischen Verbrennungszentren einen kleinen, aber konstanten Teil – zwischen zwei und sechs Prozent – der stationären Aufnahmen aus. Selbstverbrennungen stellen in unseren Breiten ein völlig anderes Phänomen dar als beispielsweise in Indien, wo sich Witwen aus sozialen Missständen heraus selbst anzünden, und sind nicht vergleichbar mit Fällen von Selbstverbrennungen als politischer Protest. Über die Hintergründe, Begleitumstände und Konsequenzen von Versuchen der Selbstverbrennung ist immer noch wenig bekannt. Die Therapie von Patienten mit selbst zugeführten Verbrennungen stellt das gesamte Behandlungsteam eines Verbrennungszentrums vor eine sehr große Herausforderung.

Sich selbst Schaden zufügen

Die Behandlung von Patienten mit selbst verursachten Brandverletzungen erweist sich als besonders schwierig, da sie durch ihre Intention, sich selbst Schaden zuzufügen, meist großflächigere und tiefere Verbrennungen haben als jene, die sich Verbrennungen im Rahmen eines Unfalles zuziehen. Sie brauchen somit meist längere stationäre Aufenthalte und mehr Operationen. Zusätzlich haben 43 bis 90 Prozent der Patienten mit Selbstverbrennungen eine psychiatrische Vorgeschichte aufzuweisen. Die häufigsten hier gestellten Diagnosen sind Depression, Schizophrenie, Persönlichkeitsstörung und Substanzmissbrauch. Das Vorhandensein einer psychiatrischen Vor- bzw. Zusatzerkrankung steht wiederum mit eventuellen Schwierigkeiten bei der Kooperation sowie generell erhöhtem medizinischem sowie pflegerischem Aufwand in Verbindung.

Unterschiedliche Patiententypen

In einer retrospektiven Studie des Verbrennungszentrums des AKH Wien (siehe Tabelle 1) wurde deutlich, dass sich Patienten mit selbst zugeführten Verbrennungen in ihrem stationären Verlauf und ihrer Entwicklung nach der Entlassung sehr stark voneinander unterscheiden und eine differenzierte Betrachtung von Patienten mit selbst verursachten Verbrennungen sinnvoll scheint. Während einige Patienten dem typischen, in der Literatur oft zitierten Paradebeispiel eines Patienten mit selbst induzierten Verbrennungen entsprachen (schwieriger Behandlungsverlauf, schwerwiegende psychiatrische Vorgeschichte, schlechte Sozialprognose), zeigten wieder andere ein völlig anderes Bild. Sie erholten sich erstaunlich schnell von ihren Verletzungen und schienen nahezu gestärkt in ein neues Leben nach der Entlassung zu gehen. Es erschien deshalb notwendig, ein Modell zur Einteilung von Patienten mit selbst verursachten Verbrennungen zu entwerfen, um genauere Prognosen über den Behandlungsverlauf geben zu können und die psychologische sowie psychiatrische Begleittherapie besser auf den Patienten abstimmen zu können.

Es wurden deshalb seit 2006 prospektiv Patienten mit selbst zugeführten Verbrennungen nach der neu entworfenen Self-Inflicted-Burns-Typology eingeteilt, welche die Patienten auf den Dimensionen Suizidversuch ja/nein und psychiatrische Vorgeschichte ja/nein unterscheidet (Tabelle 2). So können Patienten mit einer schwerwiegenden und lang bestehenden psychiatrischen Erkrankung leichter identifiziert werden, die sich in dem aktiven Wunsch, ihr Leben zu beenden, Selbstverbrennungen zufügen und dem Bild des in der Literatur gezeichneten „typischen“ Patienten mit Selbstverbrennungen entsprechen: verzögerte Wundheilung, fehlende Behandlungsmotivation und ausgeprägte Non-Compliance. Diese Patienten können von psychologischer Seite als zurückgezogen, wenig zukunftsorientiert und mit der Situation der Intensivstation stark überfordert beschrieben werden.

Reaktive Handlung Verbrennen

Die gewählte Typologie unterscheidet diese „typischen“ Patienten von Patienten, bei denen die selbst verursachten Verbrennungen zwar im Rahmen eines Suizidversuchs, aber ohne Vorliegen einer weit zurückreichenden psychiatrischen Erkrankung passieren. Bei letztgenannten Patienten geschieht der Versuch der Selbstverbrennung eher im Zuge einer reaktiven Handlung auf belastende, die Coping-Mechanismen des Individuums übersteigende Lebensumstände. Patienten dieses reaktiven Typs zeichnen sich in der Regel durch eine bessere Prognose aus. Bei ihnen kommt es kaum zu den erwarteten Schwierigkeiten des ersten Typus, sie zeigen im Gegenteil eine hohe Compliance, große Selbstwirksamkeitserwartung und eine starke, auch psychologische Behandlungsmotivation. Mit begünstigt wird ihre Prognose durch ein meist bestehendes gutes soziales Netzwerk und stabile ökonomische Verhältnisse. Zum dritte Typ zählen Patienten, deren selbst zugeführte Verbrennungen zwar bedingt sind durch eine psychiatrische Erkrankung, aber nicht in der Absicht erfolgen, sich das Leben zu nehmen. Solche Verletzungen kommen etwa im Rahmen von deliranten Episoden oder wahnhaften Ereignissen vor.

Erster Vorstoß zu einer Einteilung

Es soll an dieser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die beschriebene Einteilung lediglich ein erster Vorstoß zur Unterscheidung von Patienten mit Selbstverbrennungen ist. Aufgrund der geringen Zahl von Patienten mit selbst zugeführten Verbrennungen ist es derzeit noch nicht möglich, statistisch signifikante Aussagen über Behandlungsverlauf und Prognose zu geben – entsprechende Studien sind im Laufen. Das Modell wird derzeit dazu verwendet, die stationäre psychologische Betreuung der Patienten möglichst optimal zu gestalten sowie das Entlassungsmanagement bestmöglich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse abzustimmen.

 

Mag. Anna Titscher, Priv. Doz. Dr. Lars-Peter Kamolz und Prof. Dr. Manfred Frey sind an der Wiener Universitätsklinik für Chirurgie, Abteilung für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie tätig.

Patienten mit selbst zugeführten Verbrennungen unterscheiden sich in ihrem stationären Verlauf und ihrer Entwicklung nach der Entlassung sehr stark voneinander. Eine differenzierte Betrachtung von Patienten mit selbst verursachten Verbrennungen erscheint deshalb sinnvoll.
Tabelle 1:
Patientencharakteristika bei selbst zugeführten Verbrennungen
Patientencharakteristika  MännlichWeiblich
Gesamtzahl 36 Patienten 70% 30%
Alter 13-69 Jahre 37 Jahre (MW) 38 Jahre (MW)
Verbrennungsausmaß
Range
43% (MW) 54% (MW)
1-100%
18% (MW)
2-42%
Häufigster Verbrennungsmechanismus Übergießen mit brennbarer Flüssigkeit    
Hospitalisierungsdauer Range 23 Tage (MW)
1-221 Tage
   
Psychiatrische Vorgeschichte 64%    
Die neu entwickelte Self-Inflicted-Burns Typology unterscheidet betroffene Patienten in den Dimensionen Suzidiversuch ja/nein und psychiatrische Vorgeschichte ja/nein.
Tabelle 2:
Einteilung nach der Self-Inflicted-Burns-Typology (SIB-T)
SIB-TPsychiatrische Vorgeschichte  
Suizidwunsch Ja Nein
Ja Typisch Reaktiv
Nein Delirant Unfall
Foto: Abteilung für plastische und rekonstruktive Chirurgie, AKH-Wien

Verbrennungen an der Hand: Neben den Blutgefäßen sind auch Sehnen und Gelenke dicht unter der Hautoberfläche lokalisiert und daher bei höhergradigen Verbrennungen besonders gefährdet.

Foto: Privat

Mag. Anna Titscher Klinische- und Gesundheitspsychologin an der Universitätsklinik für Chirurgie, AKH-Wien

Von Mag. Anna Titscher, Priv. Doz. Dr. Lars-Peter Kamolz und Prof. Dr. Manfred Frey, Ärzte Woche

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