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Es lebe der kleine Unterschied

Frauen wählen zur Lösung von Aufgaben andere Strategien als Männer.

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern hinsichtlich Hirnstruktur und -funktion sind sehr gering, sie betragen nur ein Prozent. Doch dieser kleine Unterschied spielt bei der Lösung kognitiver Aufgaben doch eine Rolle.

 

Die Hirnforscherin Prof. Dr. Katrin Amunts, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Funktionelle Architektonik in Aachen, untersucht Zusammenhänge zwischen Hirnstruktur und -funktion, insbesondere aber auch genspezifische Unterschiede. „Wir haben anhand von histologischen Schnitten ein dreidimensionales Mapping-Verfahren mit einer funktionellen Bildgebung kombiniert. Dies ist das erste dreidimensionale Hirnmodell, der sogenannte Düsseldorfer Atlas“, sagte die Expertin bei der Sommerakademie der Österreichischen Apothekerkammer in Pörtschach. „Dieses Modell stellt die Zellart, molekulare Strukturen in Kombination mit funktioneller Bildgebung dar und gibt Einblick in die Tiefen des Gehirns.“ Bisher sei die Hälfte des Hirnareals auf diese Weise erfasst worden.

Strukturen wie im Städtebau

„Es zeigt sich, dass die Strukturen der einzelnen Hirnareale sehr verschieden sind, man könnte sie mit Straßen von Städten vergleichen. New York etwa hat eine ganz andere Straßengliederung als Paris, ein ähnliches Bild bietet sich uns auch im Gehirn. Diese verschiedenen Strukturen haben auch verschiedene Funktionen. Kennt man diese Zusammenhänge, so könnten auch spannende Antworten auf neurowissenschaftliche Fragen gefunden werden“, sagte Amunts.

Auf das Gewicht des Gehirns komme es allerdings nicht an. Das Durchschnittsgewicht liegt bei 1.400 Gramm, aber es gibt auch Gehirne mit 2.000 Gramm. Im Vergleich dazu war Einstein mit 1.000 Gramm Hirngewicht gleichsam ein Leichtgewicht. Männer haben mit durchschnittlich 1.500 Gramm ein schwereres Gehirn als Frauen.

Genspezifische Unterschiede gibt es bei der Hirnsymmetrie. Bei Männer ist die Asymmetrie stärker ausgeprägt als bei Frauen. Männer verfügen rechts über ein größeres Bewegungsareal, bei Frauen überschneiden sich die Bewegungsareale. Männer verfügen über eine bessere räumliche Vorstellung, Frauen über ein besseres kognitives Gedächtnis.

Die bisherigen Ergebnisse fasste die Hirnforscherin kurz so zusammen: „Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden sich auf behavioraler Ebene, bei der neuronalen Aktivität, der Anatomie (Gene, Hormone, Hirnregionen, Schaltkreise) und in Bezug auf neurologische und psychiatrische Erkrankungen, die künftig in den Therapien mehr berücksichtigt werden sollten. Behaviorale Unterschiede sind nicht nur durch die Hirnanatomie, sondern auch durch Menstruationszyklus sowie soziale und kulturelle Kontexte beeinflusst. Aber diese Unterschiede wirken sich tatsächlich nur minimal auf die Hirnfunktionen und deren Ergebnisse aus. Das weibliche Gehirn kommt nur über andere Wege mit gleichem Erfolg zur Lösung von Aufgaben.“

Geschlechtsneutrale Ergebnisse

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch der Neurophysiologie Prof. Dr. Hellmuth Petsche vom Hirnforschungszentrum Wien, der die Hirnfunktionen am lebenden Gehirn mithilfe des EEG untersuchte. Er erkannte eine Vernetzung der Gehirnhälften bei kognitiven Leistungen, insbesondere bei schöpferischen Tätigkeiten. Auch diese Studien zeigen, dass bei der Lösung von Aufgaben Frauen andere Strategien einschlagen als ihre Geschlechtsgenossen. Männer benützen, um kreativ zu sein, viel mehr beide Gehirnhälften, während Frauen linke und rechte Hirnhälfte unabhängig voneinander einsetzen. Die effektiven Leistungen halten sich aber die Waage – also nur verschiedene Methoden für ein geschlechtsneutrales Ergebnis.

An dem „Düsseldorfer Atlas“ wird weiter eifrig gearbeitet. „Wir sind auf dem besten Weg, diese Parameter in einen ursächlichen Zusammenhang mit Fähigkeiten und kognitiven Funktionen zu setzen“, ist Amunts zuversichtlich.

Von Gerta Niebauer, Ärzte Woche 45 /2010

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