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Depression: Die Schattenseite unserer Autonomie?

Soziologen machen gesellschaftliche Ursachen für die Verbreitung der affektiven Störungen verantwortlich.

Vor hundert Jahren kam die industrielle Produktion auf – und mit ihr als vorherrschende Krankheit die Nervosität. Heute leben wir in einem Wohlstand, den Generationen vor uns noch nicht kannten. Zugleich geht die Angst um: Was wird morgen sein? Werde ich meinen Arbeitsplatz verlieren? Werde ich den Anforderungen des modernen Wirtschaftslebens gewachsen sein? Manche sprechen bereits davon, dass die Depression das Signum, die typische Krankheit unserer Zeit ist.

 

Ist Depression die neue Volkskrankheit? Nimmt sie epidemisch zu? Ist dieses Leiden Ausdruck unserer gesellschaftlichen Verhältnisse? Gebiert der Turbokapitalismus mit seinem Gebot des „immer mehr und billiger“ kranke Menschen? Fragen, die Prof. Alain Ehrenberg vom Pariser Centre de Recherches Psychotropes weitgehend mit Ja beantwortet. Der Soziologieprofessor veröffentlichte Ende der 1990er Jahre das Buch „Das erschöpfte Selbst“, mit dem er weit über die akademischen Grenzen hinaus großes Aufsehen erregte. Seiner Ansicht nach handelt es sich bei der Depression in der Tat um eine neue „Volkskrankheit“, seine Kernthese lautet: Unsere moderne Gesellschaft macht uns krank. Ihre Zumutungen überforderten den einzelnen Menschen. Früher, das heißt bis etwa 1960, habe es noch ein festes Normengefüge gegeben, an dem sich jeder orientieren konnte, und sei es auch, dass er dagegen rebellierte. Doch heute herrsche gleichsam die unendliche Freiheit. Wie wir uns kleiden, welchen Beruf wir ergreifen, das sei weitgehend uns selbst überlassen. Jedenfalls ließen wir uns das nicht mehr von unseren Eltern diktieren, wie die das noch von ihren Eltern diktiert bekommen haben.

Traditionen? Schnee von gestern!

Traditionen, verbindliche Wertesysteme – das sei Schnee von gestern. Der zentrale Lebensinhalt laute heute: sich verwirklichen, glücklich sein, Karriere machen. „An die Stelle der Konformität gegenüber einer einzelnen Norm tritt zunehmend die Vervielfältigung der Werte und die Heterogenisierung der Lebensweisen“, schreibt Ehrenberg.

Jeder ist, so lautet nach Ehrenberg ein neuzeitliches Credo, seines eigenen Glückes Schmied. Initiative sei gefragt, genauso Flexibilität, Veränderung, schnelle Reaktion. Wer nicht glücklich ist, sei selber schuld. Schnell könne sich da einer, der seinen eigenen Erwartungen oder denen seiner Mitmenschen nicht entspricht, als Nichtsnutz und Versager fühlen. Ehrenberg: „Die heutigen Normen fordern, dass man selbst zu werden habe, so wie die von gestern befahlen, dass man diszipliniert und seine Rolle akzeptieren müsse … Einen Fehler in Hinsicht auf die Norm zu machen, besteht nun weniger darin, ungehorsam als vielmehr unfähig zum Handeln zu sein.“

Die dunkle Seite der Freiheit?

Für Ehrenberg ist die Depression gewissermaßen die Schattenseite der Autonomie. Stand früher die Frage im Vordergrund: Was darf ich tun?, so sei die nun ersetzt worden durch die Frage: Bin ich in der Lage, es zu tun? Dieser Wertewandel bedeute für den Einzelnen eine zunehmende Verantwortung und persönliche Unsicherheit. „Die Depression … ist die Krankheit einer Gesellschaft, deren Verhaltensnorm nicht mehr auf Schuld und Disziplin gründet, sondern auf Verantwortung und Initiative“, schreibt Ehrenberg. Um 1900 war die Nervosität das typische Leiden, die Signatur der Gesellschaft, heute sei es die Depression. Ehrenbergs Buch wurde in Frankreich zum Bestseller.

Prof. DDr. Michael Kastner, Arbeits- und Organisationspsychologe an der Universität Dortmund, führt die Häufigkeit der Depression auf die zunehmende „Dynaxität“ (Dynamik und Komplexität) moderner Lebens- und Arbeitsvollzüge zurück. Weil diese so schnell und vielschichtig geworden seien, könnten die Menschen oft nicht mehr mithalten. Aus der wiederholten Erfahrung persönlicher Überforderung zögen sie den krank machenden Schluss, den Anforderungen modernen Lebens nicht gewachsen zu sein.

Als besondere Belastung komme hinzu, dass heute niemand mehr seines Jobs sicher sein kann, weder der ungelernte Arbeiter noch der Akademiker. Die Wirtschaft befinde sich in einem ständigen Umbruch, und keiner könne sagen, welche Dienste morgen noch gefragt sind oder welche Unternehmen sich im harten Wettbewerbskampf werden behaupten können. Für den Beschäftigten bedeute das eine latente Unsicherheit. Wie soll er hoffnungsfroh nach vorne blicken, wenn seine berufliche Zukunft ungewiss ist und er nicht weiß, ob er nicht demnächst von Sozialhilfe leben muss? Wie soll er Sicherheit entwickeln, wenn die Welt um ihn unsicher ist?

Selbst wer nach dem Stellenabbau seinen Arbeitsplatz behält, unterliegt, wie Dr. Johannes Sigrist, Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie an der Universität Düsseldorf, schreibt, in den Folgejahren einem höheren Risiko, an einer Depression zu erkranken. Er spricht drastisch von denen, die Entlassungswellen „überlebt“ haben. Wie die Überlebenden einer Katastrophe würden sie mit dem Gefühl, noch einmal davongekommen sein, ihres Lebens nicht mehr recht froh.

Wehe, der Erfolg bleibt aus

Wer dauernd unter Druck steht, nicht zur Ruhe kommt, kämpft und sich anstrengt, der betreibt Raubbau mit seinen natürlichen Ressourcen. Stress kann zwar in manchen Fällen stimulierend sein, manche erzählen auch voller Stolz, dass sie eine 60-Stunden-Arbeitswoche haben, doch wenn der Erfolg und die Anerkennung ausbleiben, wenn der Stress die ungesunde Variante des Distress annimmt, dann kann es sehr schnell zum Sturz in das berühmte Loch kommen. Sigrist hat dafür den Begriff „Gratifikationskrise“ geprägt: Ständige Überarbeitung führt bei ausbleibendem Erfolgserlebnis zum Zusammenbruch, wenn es arg kommt, zu Herzinfarkt oder Depression.

Gefährdet sind nach Ansicht des Medizinsoziologen vor allem jene Menschen, die sehr ehrgeizig sind, an sich selber hohe Ansprüche stellen und ihr Selbstwertgefühl in erster Linie auf ihren beruflichen Erfolg gründen. Der IT-Manager, der ganz für seinen Beruf gelebt hat, mit 50 aber von seiner Firma vor die Tür gesetzt wird, weil er jüngeren Kräften Platz machen muss, fühlt sich verständlicherweise um sein Leben betrogen. Ein derartiger Schlag trifft den nicht ganz so hart, der Wert auf ein ausgeglichenes Leben legt, also nicht nur für seinen Beruf lebt, sondern sich auch Zeit für die Familie und Hobbys nimmt.

Seismograf des Stresses

Noch nie lebten wir in einem so großen Wohlstand wie heute. Doch ist der Preis, den wir dafür zahlen müssen, psychische Labilität, die Anfälligkeit für Depressionen? Einiges spricht dafür, auch die Beobachtung von Prof. Dr. Wolfgang Rutz, Regionalbeauftragter der Weltgesundheitsorganisation für Europa, dass in der ehemaligen Sowjetunion ein ganzes „Cluster“ an Krankheiten schlagartig zunahm, als die alte Macht abdankte und damit auch zahlreiche Lebens- und Zukunftspläne zunichte wurden: „Dazu gehörten Depressionen, aber auch Alkoholmissbrauch, Selbstmorde, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Risikoverhalten und Gewaltbereitschaft. Sie waren ein Seismograf für den neuen Stress der Gesellschaft.“ Depression als Folge zu hoher Belastung, als Reaktion auf Umweltfaktoren: Keine Frage, alle Anstrengungen in Richtung einer humaneren Arbeitswelt und einer Sicherung der existenziellen Bedürfnisse der Menschen sind auch ein Beitrag zur psychischen Gesundheit der Bevölkerung.

Harte Kritik macht krank

Weiters ist unumstritten, dass belastende Ereignisse einen niederdrücken können, das weiß der Schüler, der mit einer schlechten Klassenarbeitsnote nach Hause kommt, wie auch der Angestellte, der harte Kritik von seinem Chef einstecken musste. Ein unmittelbarer Bezug zwischen dem eigenen Befinden und dem Lebensereignis kann hergestellt werden. Dieses kausale Modell ist leicht nachvollziehbar, und daher suchen auch viele depressiv erkrankte Menschen nach entsprechenden Einschnitten in ihrem Leben, die ihre Krankheit ausgelöst haben könnten. Und daher ist es auch das populärste Erklärungsmodell.

Dieses monokausale Modell hat allerdings ein entscheidendes Manko: Es kann nicht erklären, wieso beispielsweise Arbeitslosigkeit den einen in eine Depression stürzt und den anderen nicht. Wieso steckt der eine harte Belastungen folgenlos weg, während der andere schon durch geringfügig anmutende Störungen aus der Bahn geworfen wird? Es müssen also noch weitere Faktoren und Mechanismen im Spiel sein. Die Schuld den gesellschaftlichen Verhältnissen zuzuschieben stimmt – aber offensichtlich nicht zur Gänze.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

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