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Borderline-Patienten sind hochsensibel und verletztlich. Sie müssen Achterbahnen der Gefühle und Ambivalenzen durchleben.
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Mag. Dr. Alice Sendera und Dr. Eva Martina Sendera, MAS, mit ihrem neuen Buch.

Borderline – Die andere Art zu fühlen Beziehungen verstehen und leben Sendera, Alice; Sendera, Martina 233 Seiten, € 29,95 SpringerWienNewYork, 2010 ISBN 9783211997109

 

Achterbahn der Gefühle

Borderline-Patienten reagieren meist impulsiv und wesentlich heftiger als andere Menschen in ähnlichen Situationen. Wenn sie ihre Verletzlichkeit kennen und damit umgehen lernen, können sie trotzdem ein normales Leben führen.

Das Beziehungsverhalten von Menschen mit Borderline-Syndrom ist für Betroffene, Angehörige, Freunde, Therapeuten und Menschen aus dem Pflege- und Sozialbereich oft eine große Herausforderung. Durch Diskriminierung und die oft falsche Darstellung der Borderline-Problematik in den Medien werden Verwandte, Partner und Freunde verunsichert und bleiben mit ihren Fragen und Ängsten auf der Strecke.

 

Beim Borderline-Syndrom ist der Aufklärungsbedarf groß, denn zunehmend lassen Zahlen über die Krankheitshäufigkeit aufhorchen. Geschätzte 5,9 Prozent der Bevölkerung erfüllen die Kriterien einer Borderline-Störung. Das Suizidrisiko liegt bei zehn Prozent. Suizidversuche sind dabei nicht immer als Impulsdurchbrüche zu sehen; Borderline-Patienten leben oft in einer Form der chronischen Suizidalität, die das Leben unerträglich macht. Informationen für Angehörige sind wichtig, sollen aber aus einem grundlegenden Verständnis resultieren – für Menschen, die einen besonders schwierigen Lebenskampf führen, hochsensibel und verletzlich sind, Achterbahnen der Gefühle ertragen und Ambivalenzen leben müssen und trotzdem, wie wir alle, die Sehnsucht nach einer harmonischen Beziehung in sich tragen.

Störung der Emotionsregulation

Verhaltensweisen wie Impulsdurchbrüche, Selbstschädigung, Fremdaggression sind sowohl für Patienten als auch Mitmenschen schwierig und erscheinen oft unlösbar. Zur Frage, ob Borderline heilbar ist, denken wir, dass auf alle Fälle die typischen Verhaltensweisen veränderbar sind, eine gewisse emotionale Vulnerabilität jedoch lebenslang bestehen bleibt. Trotzdem kann ein normales Leben geführt werden – in dem Wissen um diese Verletzbarkeit, die auslösender Trigger und den Umgang damit.

Das zentrale Problem ist die Störung der Emotionsregulation. Eine für die Störung typische, extrem niedrige Reizschwelle führt zum Auslösen von Emotionen, die sich auf sehr hohem Erregungsniveau halten und nur langsam abklingen. Die unterschiedlichen Emotionen werden von den Betroffenen nicht differenziert wahrgenommen und verursachen aversive Spannungszustände. Dazu kommen die Schwierigkeit, Gefühle zu steuern, die mangelnde Impulskontrolle und eine enorme Angst vor Gefühlen.

Borderline-Patienten reagieren meist impulsiv und wesentlich heftiger als andere Menschen in ähnlichen Situationen. Es scheint, dass Borderline-Patienten ganz ihre Gefühle sind. Dafür gibt es im Skills-Training gezielte Hilfestellungen. So erfahren Borderline-Patienten, dass Gefühle differenziert wahrgenommen, beschrieben und zugeordnet werden können, und erhalten so das Gefühl der Kontrolle und emotionalen Stabilität.

Im Beziehungsverhalten steht an erster Stelle das verzweifelte Bemühen, ein tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden. Es gibt auf der einen Seite schwierige Beziehungsmuster mit häufig wiederkehrenden Trennungs- und Wiederannäherungs-Prozessen, begleitet durch eine ausgeprägte Angst vor dem Alleinsein und dem Verlassenwerden. Auf der anderen Seite zeigen Langzeitverläufe, dass viele Borderline-Beziehungen selten ganz aufgelöst werden, lange bestehen, jedoch sehr turbulent sind.

Borderline-Beziehungsmuster

Neben den entwertenden Beschreibungen der Borderline-Beziehungsmuster finden wir viele ermutigende und positive Eigenschaften – die Fähigkeit zur Leidenschaft, Offenheit, ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, ein gutes Gespür für zwischenmenschliche und emotionale Prozesse. Borderline-Menschen sind wie Seismographen für die Gefühle und Bedürfnisse anderer.

Die Beziehungsgestaltung wird sowohl von Betroffenen als auch von Bezugspersonen als Achterbahn der Gefühle erlebt. Das Gefühl, nicht verstanden zu werden auf der einen und das Gefühl, nicht verstehen zu können auf anderen, bringt beide Seiten an die Grenzen der Belastbarkeit.

Dabei kommt es zu Problemen mit Nähe -und Distanzregulation. So dominiert auf der einen Seite der Wunsch nach Nähe und Verschmelzung und gleichzeitig wird die Angst, verletzt und ausgelöscht zu werden, aktiviert. Erschwert wird die Situation durch eine mangelnde Wahrnehmung der eigenen Emotionen, fallweise Verzerrung des Raum-Zeit-Gefühls sowie einen kurzzeitigen Kontroll- und Realitätsverlust, verbunden mit Depersonalisations- und Derealisationserleben.

Schutzmechanismen

Borderline-Patienten trauen der eigenen Gefühlswahrnehmung nicht; sie haben gelernt, diese entweder als falsch zu interpretieren oder zu unterdrücken. Wichtige Bezugspersonen reagieren oft intolerant auf dieses Verhalten. Sie vermitteln den Betroffenen, dass Gefühle und Reaktionen nicht stimmig, das heißt falsch seien. Negative Gefühlsäußerungen werden als Überreaktivität, Überempfindlichkeit und als verzerrte Sichtweise bezeichnet oder auf eine mangelnde positive Einstellung zurückgeführt.

Viele Patienten haben wiederholt traumatische Beziehungserfahrungen, in denen sie als Kind physischen und emotionalen Misshandlungen ausgesetzt waren, vernachlässigt wurden, nicht geschützt wurden, ständig wechselnde Bezugspersonen hatten oder Zeuge von Gewalt und Missbrauch wurden. In der Folge versuchen sie, weitere Verletzungen und Traumatisierungen zu verhindern. Zu diesen Schutzmechanismen zählen magische Rituale, Zwänge, psychosomatische Symptome, depressive Verstimmung, pathologische Regression sowie Selbstverletzung und Kontrollversuche.

Die therapeutische Beziehung

Modelle über das Entstehen der Problembereiche der Borderline- Patienten helfen, diese zu verstehen und auf die Besonderheiten in der Interaktion mit Betroffenen aufmerksam zu machen. Die therapeutische Beziehung hat bei der Behandlung einen wichtigen Stellenwert. Die Beeinträchtigung des Kontakt- und Beziehungsverhaltens erfordert eine verlässliche und transparente therapeutische Beziehung. Sie ist oftmals die erste Beziehungserfahrung für den Patienten, die hält und in der er angenommen wird, so wie er ist.

Borderline-Menschen kommen mit großer Ambivalenz in Therapie, oft mit wechselndem Nähe- und Distanzbedürfnis. Aufgrund ihrer oft vorhandenen frühkindlichen Traumatisierung sowie fehlgeleiteter Emotionen, Ängste, Ekel, Scham- und Schuldgefühlen ist es besonders schwierig und ihnen oft unmöglich, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen. Sie gehen eine Beziehung ein, in der sie dem Therapeuten Macht einräumen. Dadurch werden Übertragungsphänomene wachgerufen, die an die Abhängigkeitsgefühle des Kindes erinnern. Häufig wird auch die Sehnsucht nach Rettung und Geborgenheit geweckt.

Der Therapeut kann unbewusst in die Falle geraten, durch besonderes Engagement und den Aufbau intimer Nähe die schrecklichen Erfahrungen des Patienten wieder gut machen zu wollen. Es besteht die Gefahr, dass beim Therapeuten eigene narzisstische Bedürfnisse geweckt werden. Borderline-Menschen haben sehr feine Antennen, um die Bedürftigkeit des Therapeuten zu erspüren.

Gepaart mit der frühkindlichen Erfahrung, die Bedürfnisse der Erwachsenen erfüllen zu müssen, versuchen Borderline-Menschen die Bedürfnisse des Therapeuten zu stillen. Ständige Reflexion der eigenen Gefühle und Impulse sowie Super- oder Intervision auf Therapeutenseite sind sinnvoll. Der Buchtitel Die andere Art zu fühlen zeigt das zentrale Problem der Emotionsregulation, sagt aber gleichzeitig, dass „anders“ nicht „ausgegrenzt“ bedeuten muss – die Mitmenschen sind aufgefordert, diese Kranken zu verstehen.

 

Dr. Eva Martina Sendera, Ärztin für Allgemeinmedizin, und Mag. Dr. Alice Sendera, Pädagogin, Psychologin und Psychotherapeutin, sind in freier Praxis in Perchtoldsdorf, NÖ, tätig.

 

 Webtipp: www.sendera.at

Von Mag. Dr. Alice Sendera und Dr. Eva Martina Sendera, MAS, Ärzte Woche 41 /2010

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