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© Buenos Dias / photos.com
„… heute fasst sie einen Entschluss, der für sie fast etwas Heldenhaftes hat.“
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Frau Wandt kämpft oft stundenlang mit Herd, Wasserhähnen oder Lampen.

 
Psychiatrie und Psychotherapie 28. September 2010

Ein Kontrollzwang und seine Therapie

Nachempfundenes Erlebnisprotokoll und Schritte einer erfolgreichen Behandlung

Das folgende nachempfundene Erlebnisprotokoll zeigt einen kurzen Ausschnitt aus dem Leidensweg einer Patientin mit Kontrollzwängen. Es handelt sich dabei um eine schwere Störung, welche die Lebensqualität der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. In einem solchen Fall ist eine Psychotherapie unerlässlich. Die Methode der Wahl ist dabei die Verhaltenstherapie.

Frau Wandt ist 45 Jahre alt und verheiratet. Ihr Mann ist bei der Arbeit, und Frau Wandt will einkaufen. Sie ist schon draußen. Doch dann schließt sie die Haustür wieder auf. Fünf Minuten hat sie daran gerüttelt um ganz sicher zu sein, dass sie verschlossen ist. Jetzt schließt sie wieder auf und betritt die Wohnung.

Die Stille hat etwas Bedrückendes. Sie macht sich an die Arbeit. Da sie heute nur zum Supermarkt will und nicht viel einzukaufen hat, wird sie höchstens eine halbe Stunde draußen bleiben. „In der kurzen Zeit kann nicht allzu viel passieren“, denkt sie. Ganz anders ist es, wenn sie länger von der Wohnung weg sein muss. Dann schätzt sie die Gefahr als bedeutend höher ein und ihre Angst ist dementsprechend größer. Aber heute fasst sie einen Entschluss, der für sie fast etwas Heldenhaftes hat. Wenn sie schon noch einmal kontrollieren muss, so hat sie doch fest vor, nur zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Sie weiß, wenn sie anfängt, die Dinge anzufassen, dann kommt sie sehr schwer los und die Kontrollen dauern ewig.

Sie macht sich an die Arbeit. Ein Gedanke hat sie heute an der Haustür beim Versuch einkaufen zu gehen besonders beunruhigt. Natürlich wäre es sicherer, noch einmal alles nachzusehen. Aber dann würde sie nie fertig. Also nur die eine Sache, die sie besonders beunruhigt, und nichts anfassen! Sie geht zur Terrassentür. Der Hebel steht senkrecht, also ist die Tür geschlossen, ist der erste Gedanke. Aber dann wird sie unruhig. Steht er auch wirklich ganz senkrecht? Sie schaut angestrengt hin, versucht sich die Linie des Horizonts unter dem Hebel vorzustellen. Steht er auch ganz senkrecht? Sie ist etwas von der Sonne geblendet, hat das Gefühl, nicht ganz scharf zu sehen und fühlt sich wie im Nebel, als wenn sie nicht ganz da wäre. Ihre Sicherheit schmilzt dahin. Sie fängt an, halblaut zu murmeln: „Senkrecht – in Ordnung. Senkrecht – in Ordnung. Senkrecht – in Ordnung.“

Zeitweilig hatte sie aus Klebeband einen senkrechten Strich über der Türklinke angebracht. Wenn der Hebel genau in dessen Fortsetzung stand, fühlte sie sich etwas sicherer. Der Mann, der kein Verständnis für ihre „Macke“ hat, hat ihn dann mehrmals entfernt. Sie schaut angestrengt hin und alles kommt ihr verschwommen vor. Sie geht noch näher heran, mit den Augen ganz dicht an den Hebel. „Nun hör endlich auf, die Tür ist verschlossen.“ Sie schreit fast, dreht sich um und läuft geradezu aus dem Zimmer. Sie ist einigermaßen erleichtert, dass sie den verdammten Hebel nicht mehr anstarren muss. Die Tür ist in Ordnung, sagt sie sich noch einmal und dann: „Ich muss weitermachen.“ Sie eilt dann zur Haustür, geht nach draußen, schließt sie ab und fängt an, daran zu rütteln. Ein paar Minuten wird es schon dauern. Dann geht sie einkaufen. Das ist nur ein ganz kurzer Ausschnitt aus dem Leidensweg von Frau Wandt. Sie führt daneben einen oft stundenlang dauernden Kampf mit Herd, Wasserhähnen, Lampen und so weiter.

Behandlung des Kontrollzwanges

Nun schildern wir die wichtigsten Schritte, die einer Therapie zugrunde liegen.

1. Schaffung eines neuen inneren Modells für Kontrollhandlungen: Der erste Schritt ergibt sich direkt aus den Anomalien, die zwanghafte Kontrollen von normalen unterscheiden: Sie sind diffus, unorganisiert, ohne verlässliche Beurteilungskriterien und werden in der Regel im Zustand einer sehr reduzierten mentalen Spannkraft vollzogen (Unvollständigkeitsgefühl). Um das üblich diffus-unstrukturierte Vorgehen der Patienten durch geordnete, zielführende Handlungen zu ersetzen, wird gemeinsam ein neues (normales inneres) Modell für die auszuführenden Handlungen erarbeitet.

Es beinhaltet das, was nachzusehen ist, bevor Frau Wandt das Haus verlässt („einmal kontrollieren ist normal und erlaubt“), nach welchen Kriterien ein Sachverhalt zu beurteilen ist (z. B.: „ein Wasserhahn ist in Ordnung, wenn kein Wasser läuft“) und wie die Bewegungsabläufe dafür aussehen sollen („nicht hektisch-eckige, sondern energische und flüssige Bewegungen“). Anhand von Modelldarbietungen und Trockenübungen (d. h. Übungen in nicht-kritischen Situationen), wird das neue Verhalten gut eingeschliffen und trainiert.

2. Erlernen von Maßnahmen zur Überwindung des Unvollständigkeitsgefühls: Die Betroffenen müssen Maßnahmen erlernen, mit denen es ihnen gelingt sich im Umgang mit Gegenständen wie Wasserhähnen und Haustüren ganz schnell ein präzises und verlässliches Urteil über deren Zustand zu verschaffen, so dass endloses Nachkontrollieren überflüssig wird. Wir setzen dazu eine Anzahl von Techniken zur körperlichen und seelischen Mobilisierung, zur Ausrichtung der Aufmerksamkeit und zur verlässlichen Urteilsbildung ein, die mit der Patientin so lange trainiert werden, bis sie die entsprechenden Fertigkeiten ausreichend gut beherrscht.

3. Übertragung des Gelernten in die Ernstsituationen: Die Patientin setzt ihre neu erlernte Art vorzugehen in immer mehr realen und zunehmend schwierigeren Lebenssituationen ein (Verlassen der Wohnung und so weiter). Am Anfang kann sie dabei durch die zeitweilige Gegenwart des Therapeuten unterstützt werden, diese Hilfe wird zunehmend ausgeblendet (z. B. kurze Telefonkontakte statt physische Gegenwart). Sie vereinfacht selbständig immer mehr die Prozedur. Und auf diese Art nähert sich das Verhalten der Patientin zunehmend dem normalen Umgang mit den einst gefürchteten Objekten.

Wir verfügen damit über eine verlässliche und gut wirksame Strategie zur Behebung von Kontrollzwängen. Sie wird in den letzten Jahren im zunehmenden Maße angewandt. Dadurch kann das Los vieler Patienten, denen man früher hilflos gegenüber stand, entscheidend verbessert werden.

1 Verhaltenstherapeuten und Supervisoren in Berlin

N. Hoffmann, B. Hofmann1 , psychopraxis. neuropraxis 4/2010

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