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Wenn ich Machtansprüchen fröne, vernichte ich den anderen, zumindest psychisch. Univ.-Prof. Dr. Hans Georg Zapotoczky
© Anton Blitzstein

Gefühle und Gedanken sind in unserer Freiheit begründet. Erst wenn sie in Handlungen umgesetzt werden, stellt sich die Frage der Moral, des ethischen Anliegens, der Sünde. Anton Blitzstein: Mosaik der Gefühle

 
Psychiatrie und Psychotherapie 28. September 2010

Ehrerbietung und Verantwortung*

Im Leben des Menschen ist alles Entwicklung

Eine himmlische Heerschar weckte die Hirten (sind die nicht wir?) vor der Krippe mit dem Gesang: „Ehre sei Gott in der Höhe und den Menschen auf Erden, die guten Willens sind.“ Mit diesen Worten verkündeten die Engel ein Programm, das im Laufe seines Erdenlebens Jesus Christus immer wieder (so zum Beispiel in der Bergpredigt) als das entscheidende Merkmal des Christentums genannt hat.

Zur Ebenbildlichkeit

Das „und“ ist entscheidend. Die Ehrpreisung an Gott gelingt uns nur dann, wenn wir den Willen zum Frieden anderen Menschen gegenüber aufbringen. Ich kann meine Ehre Gott erweisen, indem ich Verantwortung gegenüber anderen Menschen wahrnehme. Die Verantwortung sie zu achten, ihnen friedlich zu begegnen. Ich habe auch Gott gegenüber Verantwortung, indem ich mein Leben so gestalte, dass ich Gott antworte. Ich trete in den Dialog mit Gott ein (der mich nie ganz verlassen kann) und antworte auf seine Fragen mit Ver-Antwortung. In diesem Dialog mit Gott (Dialog von Frage und Antwort) kann ich meine Ebenbildlichkeit erweisen. Ich bin ebenbildlich, wenn ich mich dem Dialog von Ehrerbietung und Verantwortung stelle.

Ebenbildlichkeit bedeutet nicht Ebenmächtigkeit, nicht Gleichheit, nicht Ebenbürtigkeit. Ebenbildlichkeit bezieht sich auf meinen Mut, mich in den Dialog von Gottes Frage und meiner Verantwortung einzulassen. Ebenbildlichkeit weist auf mein Handeln hin: Wenn Gott die Liebe sein kann, kann ich ebenbildlich auch meine Liebe weitergeben. Ebenbildlichkeit verpflichtet mich zu Handlungsprinzipien – im Grunde zu einem: Meine Liebe zu Gott findet sich in meiner Liebe zu den Menschen wieder –„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind.“

Gott schuf (1. Moses 1, 27) den Menschen ihm zum Bilde. Heißt Ebenbildlichkeit dann nicht auch, ich muss mir ein Bild machen, das beiden – Gott und Mensch – entsprechen kann? Heißt: Ich muss das Bild, das ich von mir habe, an Gottes Bild, das ich von ihm habe, annähern. Wie kann das geschehen? Seine Allmacht, seine Allgegenwart sind Ereignisse, die über meinem Vermögen liegen. Darin kann Ebenbildlichkeit nicht begründet sein. Seine Güte, sein Verständnis, seine Annahme meiner Schwächen und Fehler schon eher. Seine Liebe liegt grenzenlos über meinen liebevollen Anstrengungen, doch ich kann mich bemühen. In der Ebenbildlichkeit liegt die Chance begründet, meine Bemühungen, mein Streben heranzuführen an das unendliche Vermächtnis der Liebe Gottes, das sich schon darin zeigt, dass ich bin wie ich bin. Ebenbildlichkeit ist ein Prozess. Gottes Existenz geht zum Teil in meine über. Wenn Gott die Liebe ist, kann ich ebenbildlich meine Liebe weitergeben. Wie kann ich sonst Gott ebenbildlich erscheinen?

Gebote – keine Strafe, sondern sanfte Ermahnung und liebevolle Erinnerung

Kann ich Ehrerbietung ohne weiteres aufbringen? Kann ich sie vor jedem haben? Muss ich nicht den Menschen erst erkannt haben, bevor ich mich vor ihm verbeuge? Muss ich ihn nicht erst erlebt haben, muss ich nicht wissen, wer er ist und was ich von ihm halten kann? Und erst Ehrerbietung vor Gott? Eine Voraussetzung für Ehrerbietung ist Begegnung. Durch sie erfahre ich, wer ich bin, durch sie wird mir der andere deutlich und erfahrbar und erkenntlich. Wie erfahre ich Gott? Und wann?

Wenn ich geliebt werde, schon im Mutterleib vor der Geburt, durch Gefühle, die mich nach der Geburt begleiten. Durch die Art, wie ich mit meinen Gefühlen umgehen lerne. Durch die Gefühlsbildung – Herzensbildung –, die ich erfahre. Ich bin nicht alleine. Begegnungen fördern mich, eröffnen mich, lassen mich reifen. Nicht zufällig steht nach den drei Geboten, die mein Verhältnis zu Gott betreffen, im vierten Gebot die Beziehung zu den Eltern – damit es mir wohl ergehe auf Erden.

Ich möchte dem psychischen Wohlergehen den Vortritt lassen. Ich übernehme vor allem, von meinen Eltern, meinen Erzeugern, meine Gefühlswelt, ich werde geliebt und kann deshalb lieben. Dies trotz aller Einschränkungen und Fehlhaltungen, die sich in diese Gefühlswelt eingeschlichen haben können. Ich bin so hoffnungsvoll, dass ich annehme, bei meiner Zeugung haben sich zwei Menschen geliebt. Und dieser Funke ist auch auf mich übergesprungen. Ich bin Ergebnis einer liebevollen Vereinigung.

Dass diese Überzeugung so wenig Echo in der katholischen Amtskirche findet, betrübt mich. Ich empfinde die Distanz dieser Kirche zur Körperlichkeit, die immer von Gefühlen getragen wird, beschämend und falsch. Ein liebevolles Vertrauen ist ohne diese Körperlichkeit (Inkarnation des Seelischen) nicht erreichbar. Ich brauche Zärtlichkeit zur Begegnung, auch wenn sie sich nicht in einer bloßen körperlichen Berührung zeigen sollte. Ich muss mich in meiner Ganzheit darbringen, in der Einheit von Körper, Seele, Geist, um die volle Offenheit meiner Gefühlswelt zu erlangen. Im vierten Gebot ist die Einheit meiner seelischen Entwicklung begründet, in ihm werde ich aufgestellt als einer, der das Leben meistern kann. Urvertrauen als Gefühlsbasis, das ist der Sinn des vierten Gebots, einschließlich dem Herrgott.

Die Leibfeindlichkeit der katholischen Amtskirche hat dazu geführt, dass dem sechsten Gebot mehr dogmatische Aufmerksamkeit zugewandt wurde (dies über Jahrhunderte hinweg) als dem fünften Gebot „Du sollst nicht töten“. Wen nicht töten? Den anderen nicht, dich selbst auch nicht. Dieses Gebot ist ein Aufruf zu anderen Bewältigungs- und Lösungsmöglichkeiten – im Kleinen wie im Großen. Ein Aufruf zum Gespräch, zu Fragen und neuen Antworten. Krieg ist eine große Sünde – und nicht mit einem Friedensnobelpreis zu dekorieren. Krieg ist ein Verbrechen gegen Gott.

Wer das fünfte Gebot einhalten will, muss seine Handlungen zunächst von Machtansprüchen säubern. Davon kann ich auch die katholische Amtskirche nicht ausnehmen. Ihre Geschichte ist voller Beispiele, die angeführt werden können: Kreuzzüge, Bekehrungsfeldzüge wie in Mittel- und Südamerika, heute die Missachtung der Frau, sogar die Wiener Philharmoniker nehmen Künstlerinnen in ihr Orchester auf. Wenn ich Machtansprüchen fröne, vernichte ich den anderen, zumindest psychisch. Das fünfte Gebot weist auf mich zurück. Wie kann ich mich verhalten, dass es gar nicht dazu kommen kann, dass ich Gewalt einsetzen müsste.

Eine gewaltlose Gesellschaft braucht Einsicht und Erfahrung in anderen Begegnungsformen als Voraussetzung. Hier wäre Bildung aufgerufen. Dazu benötigten wir andere Lehrer. Auch Gewaltlosigkeit kann gelehrt und gelernt werden. Schwächen müssen einbekannt werden und, sei es durch entsprechende therapeutische Hilfen, behoben werden. Unsere Gesellschaft ist nicht perfekt, wir weisen Mängel auf, nur gemeinsame Anstrengungen können unsere Ausrichtung begradigen. „Du sollst nicht töten“, du sollst ein Gespräch finden, die Lösung liegt jenseits von Gewalt, liegt im Zugehen auf den anderen und jede meiner Bemühungen bezeugt meine Ehrerbietung vor dem anderen wie vor Gott. Dahin gehen auch die Aufbrüche der psychotherapeutischen Bemühungen – mehr Seelenfrieden, mehr Einklang mit sich selbst, weniger Machtstreben und Gewalt gegen den anderen. Und dann müssen wir einsehen, wie gottlos wir oft sind.

Der Verdacht lässt mich nicht los, das sechste Gebot in der deutschen Fassung „keine Unkeuschheit treiben“ ist deshalb so unscharf formuliert worden, damit möglichst viele Schuldgefühle und vermeintliche Sünden darin eingepackt werden können. Im Alten Testament (5. Moses 5, 18) ist von „du sollst nicht Ehebrechen“ die Rede. Was ist Keuschheit? Ein Gefühl – kann ein Gefühl Sünde sein? Gefühle und Gedanken sind in unserer Freiheit begründet. Erst wenn sie in Handlungen umgesetzt werden, stellt sich die Frage der Moral, des ethischen Anliegens, der Sünde. Erotik ist ein notwendiges Gefühl, ohne sie käme keine Begegnung zustande. Erotik zeichnet den Menschen aus. Wenn einige Menschen für sich beschließen, ohne erotische Gefühle zu leben, bleibe es ihnen unbenommen.

Lust ist ein in der katholischen Amtskirche verpöntes Wort. Es ist fälschlicherweise ausschließlich auf die Leiblichkeit bezogen. Doch kann Lust auf vieles gerichtet sein: Lust zu diskutieren, Lust aufzubegehren und mit Gegenargumenten zu operieren, Lust körperliche oder geistige Bewegung einzusetzen, Lust mit einem Partner zu leben, Lust zu leben und Lust Gott zu loben. Lustfeindlichkeit kann den Sinn des Lebens infrage stellen. Und Erotik trägt zur Fülle des Lebens bei.

Man muss den Weg des Menschen dahin als Entwicklung sehen. Zunächst ist viel Autoerotik – etwa beim kleinen Kind – zu beobachten. In der Pubertät steht das Triebleben im Vordergrund, dem Jugendliche oft bedingungslos ausgeliefert sind. Masturbation ist ein Übergangsstadium, das der Entdeckung sexueller Möglichkeiten dient. Onan, von ihm wurde das Wort „onanieren“ abgeleitet, ließ seinen Samen auf die Erde fallen und verderbte den Auftrag seines Vaters Juda, der wollte, dass Onan seines Bruders Weib zur Ehe nehme und er seines Bruders Samen erwecke.

Daraufhin wurde er vom Herrn getötet (1. Moses, 38, 9, 10). Beschäftigung mit dem eigenen Trieb und den sexuellen Entdeckungen steht im Vordergrund dieser Epoche.

Erst sich begreifen. Dann auf den anderen zugehen. In der weiteren psychischen Entwicklung kommt immer mehr Seele hinzu. Das Seelische erweitert Sexualität zur Erotik. Dadurch blüht das Gefühlsleben auf, man spürt sich und den anderen, durch den anderen wird das eigene Ich erlebbarer. Erotik ist Pflege der emotionalen Gestimmtheit mit sich und dem Partner. Man kann besitzen ohne besitzen zu wollen. Man betrachtet den Partner und sich als Geschenk. Das Ich erweitert sich zum Wir.

Und das sechste Gebot, das zwischen dem fünften und dem siebten Gebot steht, erhält den Sinn – durch mein sexuell-erotisches Verlangen darf ich den Partner weder einengen und physisch oder / und psychisch fertig machen (ihn töten), noch ihm zu seiner weiteren Entwicklung Möglichkeit und Zeit stehlen. Auch das sechste Gebot will Vermittlung und Ausgleich schaffen, Abstimmung mit dem Partner und mit meinem Begehren, Einstimmung in ein von beiden gewünschtes Verhalten. Wenn diese – die Einstimmung – nicht erreicht wird, verweigere ich Gott meine Ehrerbietung. Das bedeutet das sechste Gebot: Hinwendung und Erfüllung statt Schuld und Strafe.

Mit den restlichen vier Geboten bin ich in Verlegenheit – gestohlen wird überall, falsche Zeugnisse, verbreitete Gerüchte, geschönte Bilanzen sind die Regel, man kann niemandem mehr trauen, man begehrt alles, was einem nicht gehört, Grundstücke, Häuser, Firmen, Frauen – und wer es nicht tut, ist ein Außenseiter, ein Unverbesserlicher, einer, dessen Schliche man noch nicht durchschaut hat, ein besonders Gefährlicher, vor dem man sich hüten muss. Die Globalisierung der Verleugnung von Gebot sieben bis zehn kennt heute keine Grenzen. Wessen Wort gilt noch? Wir versinken in einer Neid- und Geizgesellschaft, die keine Verantwortung mehr kennt. Verantwortungslosigkeit statt Ehrerbietung.

Ein Prozess ohne Ende

Wenn ich mich nicht den anderen Menschen zuwenden kann, sie nicht zu lieben vermag, wie kann ich dann Gott, dem Verursacher aller meiner Gefühle, und so auch meiner Liebe, Ehrerbietung entgegenbringen? Auch wenn Gott nirgends ist, ist er überall. Wir sind von der Präsenz Gottes eingehüllt, sie atmet in uns, wir sind von ihr durchdrungen, in jedem unserer Gedanken, unserer Gefühle und Handlungen ist Gott gegenwärtig und wenn wir uns dessen einmal bewusst sind, müssen wir unser Verantwortungsgefühl entschieden anders ausrichten, um Gott die Ehrerbietung leisten zu können.

Wir brauchen mehr Nähe zu Gott, wir könnten es mit Liebe zu den Mitmenschen versuchen, alle anderen Versuche führen uns kaum hin zu Gott: Naturwissenschaftliche Überraschungen wie Lichtjahre, schwarze Löcher, Urknall führen uns zu unvorstellbaren, zu schwer glaubwürdigen, zu mystischen Dimensionen. Unser Weg, einfühlbar und selbsterprobt, den wir gehen können, zu dem, was an Gott spürbar ist, zu seiner Liebe, ist unsere Liebe zu den Menschen, die um uns sind.

Wir sind angerufen, an dem Prozess, den dieser Weg zur Liebe Gottes darstellt, mitzubauen. Wir brauchen lebendige Ehrerbietung, nicht Raststationen wie Dogmen, Angststationen, die ein nach rückwärts gerichtetes, unaktuelles, kaum nachvollziehbares, antiquarisches Vermächtnis darstellen, die beschwichtigen statt eröffnen. Wir brauchen Bewegung, mehr Bewegung, mehr Ehrerbietung, mehr Verantwortung zu Liebe. Im Leben des Menschen ist alles Entwicklung, alles ein prozesshaftes Fortschreiten, das über den Menschen hin zu Gott führt. Unsere Selbsterfahrung mündet in der Entwicklung zu Liebe, Entwicklung zu Verantwortung und in der Ehrerbietung gegenüber Gott. Ein Prozess ohne Ende.

* Dieser Text folgt dem Vortrag, mit dem Univ.-Prof. Dr. Hans Georg Zapotoczky im Mai 2010 das 13. Symposium „Psychiatrie und Seelsorge“ einleitete.

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