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Psychiatrie und Psychotherapie 28. September 2010

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Die für alle überraschende Nachricht vom Tod von Prof. Hans Georg Zapotoczky hat in der Öffentlichkeit, bei den Kollegen, aber ganz besonders bei den Patienten große Bestürzung ausgelöst. Geboren am 24. September 1932 in Linz, fand nach eigenen Angaben sein erster Kontakt mit der Medizin bereits im dritten Lebensjahr statt, als er aufgrund einer schweren Infektionserkrankung von den Ärzten bereits aufgegeben wurde. Rückblickend hat er sich deshalb selbst als lebenden Beweis gegen medizinische Prognosen gesehen.

In den späteren Jahren seiner Jugend war er mit der Kriegszeit in Linz konfrontiert, die er mit all ihrer Traurigkeit und ihrem Schrecken erlebt hat, die ihn aber nach eigener Erinnerung zu einer ersten Selbstständigkeit in vielen Lebensbereichen gezwungen hat. Ein erster Kristallisationspunkt für seine breite humanistische Gesinnung ergab sich schon am humanistischen Gymnasium auf der Spittelwiese, das seinen Schülern die Gelegenheit gab, ab der sechsten Klasse Theater zu spielen und sich vertieft mit Literatur zu befassen.

Im Studium der Medizin an der medizinischen Universität in Wien war es ihm möglicherweise aufgrund seiner kindlichen Erfahrungen bereits ein Anliegen, die medizinischen Prognosestellungen einerseits zu verfeinern, andererseits auch zu humanisieren.

Alle diese Tendenzen führten ihn geradewegs zur Wahl des Faches Psychiatrie, das er an der Wiener Psychiatrisch-Neurologischen Universitätsklinik unter der Leitung von Professor Hans Hoff absolvierte und wo er sich 1976 auch habilitiert hat. Zusätzliche Ausbildungen im Ausland hat er in Zürich bei Professor Bleuler und am Londoner Institute of Psychiatry bei Prof. Isaak Marks sowie bei Prof. Meyer im Middlesex Hospital absolviert. 1982 folgte die Ernennung zum außerordentlichen Universitätsprofessor und ab 1990 zum ordentlichen Universitätsprofessor und Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie in Graz, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 führte.

Zu seinen besonderen Kraftquellen gehörten zweifellos seine Familie, besonders Gattin Helga und seine Kinder Andrea und Stephan sowie seine vielen Freunde. Will man Prof. Hans Georg Zapotoczky mit nur wenigen Sätzen beschreiben, dann muss wahrscheinlich an erster Stelle sein besonderes Engagement für seine Patienten angeführt werden, das nicht nur unendlich vielen Menschen aus seelischen Schwierigkeiten geholfen hat, sondern auch bereits lange vor der Erfindung dieses Begriffes von einer erheblichen therapeutischen Nachhaltigkeit geprägt war.

Gerade aus diesem Tun ergibt sich der zweite wesentliche Bereich für seine Charakterisierung: Prof. Hans Georg Zapotoczky hat immer deutlich gemacht, dass nahezu alle seine wissenschaftlichen Arbeiten – mehr als 350 Publikationen, vier Bücher und 15 Buchbeiträge – eigentlich das Resultat von Fragen aus seiner täglichen Arbeit mit Patienten darstellen. Dominierende Themen seiner wissenschaftlichen Arbeit waren deshalb vor allem die Arbeit mit Angstkranken und depressiven Patienten. Eine Pionierleistung war dabei die aufmerksame Beobachtung der unterschiedlichen Probleme affektiver Störungen in verschiedenen Lebensphasen. „Fast alles, was ich weiß, habe ich von meinen Patienten gelernt“, ist eine in unseren Zeiten von Spitzenmedizinern selten gehörte Aussage, zu der er aber sehr energisch gestanden ist. Das war keinesfalls ein Widerspruch gegenüber seiner klaren Dankbarkeit gegenüber seinen Lehrern an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Wien beziehungsweise auch seinen Kollegen und Mitarbeitern an der Klinik Graz und den von ihm geschaffenen psychosozialen Einrichtungen, die er, wie ebenfalls kaum ein anderer, auch mit seiner fachlichen und humanitären Neugier anzustecken vermocht hat.

Schon sehr früh hat sich Prof. Hans Georg Zapotoczky der Verhaltenstherapie zugewandt, die er nicht nur inhaltlich, sondern auch organisatorisch ganz erheblich weiterentwickelt und aufgewertet hat. Seine Bereitschaft für fachliche beziehungsweise auch interdisziplinäre Kommunikation hat sich auch in einer umfangreichen Mitarbeit in vielen Gremien niedergeschlagen, die hier nur auszugsweise wiedergegeben wird: 1994 war er Präsident der Österreichischen Van Swieten-Gesellschaft, 1993–1995 Präsident der Wissenschaftlichen Gesellschaft der Ärzte in der Steiermark, 1990–1994 Präsident der Österreichischen Gesellschaft zur Förderung der Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin, 1998 –2000 Präsident der ÖGNP, zudem Membre correspondant de la Societe medico-psychologique de Paris, Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde, Korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Ehrenmitglied der österreichischen Gesellschaft für Verhaltenstherapie sowie 1991 Gründer der Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit und vieles andere mehr.

1998 hat er zusammen mit Walter Pöldinger die Zeitschrift „Psychopraxis“ initiiert, die sich in einer, in dieser Form einmaligen, Synthese von modernen Forschungsergebnissen und Praxiswissen an alle in der Psychiatrie Tätigen richtet. Als Ausdruck seiner großen öffentlichen Anerkennung erhielt er auch zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst erster Klasse und das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark.

Ein dritter ganz wesentlicher Aspekt findet sich aber zweifellos in seinem feinen und oft selbstironischen Humor, der es seiner Umgebung ermöglich hat, auch viele weniger erfreuliche Aspekte trotzdem in einem positiven Licht zu sehen. In diesem Zusammenhang könnte man Prof. Hans Georg Zapotoczky in Analogie zu ähnlichen Etikettierungen in der Psychologie durchaus als den Meister der „Positiven Psychiatrie“ bezeichnen. Zusätzlich hat er auch weit über die Grenzen des Fachbereichs Psychiatrie eine große Freude am Schreiben entwickelt, die sich in gekonnten literarischen Arbeiten niederschlug. Dabei hat er es in einmaliger Art verstanden, seine Lebenserfahrung in prägnante Aphorismen zu verkürzen – zum Beispiel: „Wenn einmal gesät ist, sollte man nicht mehr ackern“ …

Alles in allem ist und bleibt Prof. Hans Georg Zapotoczky nicht nur ein sehr bedeutender Psychiater, Arzt und Lehrer, sondern für alle, die ihn kennen lernen durften, ein Guter, ein Weiser, ein Tüchtiger, ein Lustiger und ein Eigener.

 

Prim. Univ.-Prof. Dr. Herwig Scholz

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