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Psychiatrie und Psychotherapie 21. September 2010

Papageno-Effekt statt Selbsttötung

Eine Studie der MedUni Wien zeigt, dass Suizide durch entsprechende Medienberichterstattung verhindert werden können.

„Sei ein Mann und folge mir nicht nach.“ Mit diesem Satz, den Goethe der zweiten Auflage seines Romans Die Leiden des jungen Werther 1775 hinzufügte, sollten junge Menschen davon abgehalten werden, es dem Protagonisten nachzutun und sich selbst zu töten. Dass eine Form der textlichen Darstellung tatsächlich präventiv wirksam sein kann, zeigt eine aktuelle Studie.

 

Im 18. Jahrhundert sprach man vom „Werther-Fieber“: Gemeint war damit die Häufung von Suiziden nach Lektüre des damaligen Kultbuchs. Seit den 1970er-Jahren wird die Bezeichnung „Werther-Effekt“ generell für die Nachahmung nach der Berichterstattung über Suizide verwendet (Ziegler und Hegerl: Nervenarzt 2002; 73: 41–49). Dem stellt ein Forscherteam am Zentrum für Public Health der MedUni Wien jetzt den „Papageno-Effekt“ gegenüber, nachdem nachgewiesen werden konnte, dass eine bestimmte Art von Berichterstattung offenbar suizidprotektiv wirkt.1 Berichte darüber, wie Menschen eine Krisensituationen konstruktiv und ohne suizidales Verhalten bewältigen konnten, waren in der Woche nach dem Erscheinen des jeweiligen Artikels mit einer Senkung der Suizidraten assoziiert. In jenen Regionen, in denen die Berichte von vielen Menschen gelesen wurden, war die Assoziation am stärksten ausgeprägt.

Bewältigungsstrategien zeigen

„Ein derartiger präventiver Effekt wurde unter Experten bereits seit einiger Zeit diskutiert, jedoch gab es bisher keine empirischen Studien dazu“, erklärt der Erstautor der Studie Dr. Thomas Niederkrotenthaler. „Für diesen Effekt haben wir nun einen empirischen Hinweis gefunden.” Auf die Idee, diesen Effekt nach Papageno aus Mozarts Zauberflöte zu benennen, kamen die Forscher, da diese Figur eine suizidale Krise bewältigt: Papageno ist mit Vorbereitungen zum Selbstmord beschäftigt, da er seine geliebte Papagena verloren glaubt, wird jedoch in letzter Minute davon überzeugt, dass er Papagena doch für sich gewinnen kann und lässt von seinem Vorhaben ab.

Zwar ist Niederkrotenthaler überzeugt, dass die Evidenzbasis des nun erstmals beschriebenen Papageno-Effekts noch geprüft werden muss, doch die neue Richtung der Hypothesenbildung sei nun klar vorgegeben.

Die wichtigsten Eckpunkte einer protektiven Berichterstattung sind:2 Das Vermeiden einer monokausalen Darstellung des Motivs und detailreicher Beschreibungen der genauen Umstände der Tat und der Person sowie Interviews mit Angehörigen in der Schockphase. Auch von Heroisierung und Romatisierung soll Abstand genommen werden. Hingegen sollen die individuelle Problematik erklärt und Lösungsansätze sowie professionelle Hilfsangebote aufgezeigt werden. Ein weiteres Merkmal einer geeigneten Berichterstattung sei die Angabe von Kennzeichen, die auf eine Suizidgefährdung hinweisen können.

 

1 Niederkrotenthaler, T. et al.: British Journal of Psychiatry 2010; 197: 234–43

 

2 Leitfaden zur Berichterstattung: www.suizidforschung.at/leitfaden.pdf

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