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Foto:PiA

Dipl.-Ing. Mag. Gerhard E. Bruckner, Mag. Bakk.pth. Gisela Hajek und Christian Novotny gründeten den psychotherapeutischen Bereitschaftsdienst in Wien (von l. n. r.).
 
Psychiatrie und Psychotherapie 5. September 2010

Kurzer Weg zum Psychotherapeuten

Ein neuer Bereitschaftsdienst ermöglicht Hilfesuchenden in Wien binnen einer Woche Zugang zur Therapie.

Psychotherapeuten in Ausbildung bringen überweisende Ärzten und Patienten schnell und kostengünstig in Kontakt mit dem passenden Psychotherapeuten. Erschwingliche und qualitative Therapie zu ermöglichen und die bisher eher verborgene Arbeit der Psychotherapeuten in Ausbildung stärker  in die Grundversorgung einzubauen, ist ihr Ziel.

Depression, Suchtverhalten, Lebenskrisen und psychosomatische Erkrankungen sind Probleme, mit denen niedergelassene Ärzte oft konfrontiert werden. Die Vermittlung von Patienten mit solchen Problemen an einen Psychotherapeuten ist nun einfacher geworden. Ein neuer  Sekretariatsdienst hilft bei der Terminvereinbarung und Suche nach einem Therapeuten mit passender Spezialisierung, in der eigenen Sprache und nach örtlicher Verfügbarkeit. Nichts Ungewöhnliches, sollte man meinen, doch wird der Patient überrascht. Die 40 im Netzwerk verfügbaren Psychotherapeuten, befinden sich noch in Ausbildung.

„Eigentlich begann es damit, dass die Studenten keine guten Skripten bekamen“ erinnert sich Christian Novotny, Obmann der Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA). Gemeinsam mit Dipl.-Ing. Mag. Gerhard Bruckner wurde eine Interessensvertretung gegründet, die heute Studenten von sieben Ausbildungsstätten vertritt. Unter Novotny und Mag. Bakk.pth. Gisela Hajek, derzeit in Mutterschutz, ging aus dieser Initiative ein unabhängiger Verein hervor, der Therapeuten in Ausbildung gegen einen Mitgliedsbeitrag die Möglichkeit zu Fortbildungen, Hilfe bei der Suche von Praktikumsplätzen und alle zwei Wochen eine Intervision der Mitglieder untereinander bietet.

Initiative für Patienten

Nach ersten Initiativen der PiA wie die psychotherapeutische Notfallhotline an Wochenenden und Feiertagen, ist der psychotherapeutische Bereitschaftsdienst (PTBD) nun das bisher größte Projekt des Vereins.

Bereits über 70 Ärzte, Sozialarbeiter und Psychologen konnten für die Zusammenarbeit mit dem PTBD gewonnen werden. „Die Psychotherapie soll Teil der Grundversorgung werden“, betonen die Organisatoren ihr Anliegen. Für leidende Menschen sei es unzumutbar, Wochen auf einen Erstgesprächstermin beim nächst freien Psychotherapeuten am anderen Ende von Wien zu warten. Deshalb arbeiten die Therapeuten in Ausbildung in ihrer Freizeit beim Telefondienst, beim Erstellen der Homepage, suchen um Förderungen an und verteilen Informationsmaterial an Ärzte. Eine von Bruckner entwickelte Datenbank beinhaltet wöchentlich aktualisiert die in Praxen in Wien verfügbaren Therapieplätze und Termine für Erstgespräche in acht Sprachen.

Dass Therapeuten in Ausbildung bereits in ihrem zukünftigen Berufsfeld tätig sind, ist dabei nichts Neues. An der Sigmund Freud Universität in Wien, die die größte psychotherapeutische Ambulanz Europas führt, sind  Therapeuten in Ausbildung im Fachspezifikum-Status als Praktikanten fester Teil des Mitarbeiterstamms, ebenso wie in den Abteilungen für Psychiatrie und Psychotherapie der Spitäler Wiens sowie sozialen Einrichtungen. „In den vergangenen zehn Jahren wurden von den neu eingetragenen Psychotherapeuten vor ihrer offiziellen Aufnahme in die Therapeutenliste des Gesundheitsministeriums zumindest 900.000 Stunden an psychotherapeutischen Leistungen erbracht.“ weiß Novotny.  Möglich ist das, weil Therapeuten in Ausbildung nach Abschluss des größten Teils des Studiums die Freigabe erhalten, für drei Jahre eigenständig zu praktizieren und  mindestens 600  Therapiestunden abzuhalten. Zusätzlich müssen mindestens 120 Stunden Supervision erfolgen. Oft wird die Supervision auch nach Beendigung der Ausbildung im Sinne der Qualitätssicherung fortgesetzt.

Zugänge schaffen

Die Initiative hilft, Mängel zu verringern: Therapeuten mit Kassenvertrag sind ausgebucht und die Kosten für private Therapiestunden von 70 Euro und mehr wirken für viele Hilfesuchende abschreckend. Auch sind Ärzte und Psychotherapeuten zu wenig vernetzt, nur wenige Ärzte haben eine psychotherapeutische Zusatzausbildung. „Wir wollen das Angebot zugänglicher machen und den Patienten Wartezeiten und lange Anfahrtswege ersparen“, so Bruckner. 30 Euro sind pro Erstgespräch und Therapiestunde zu bezahlen. Die im Netzwerk aufscheinenden Therapeuten in Ausbildung verpflichten sich vertraglich für mindestens zwölf Monate. Danach kann der Stundensatz neu vereinbart werden.  Um „seinen Therapeuten“ zu finden, braucht es mehrere Erstgespräche, denn Sympathie und Vertrauen sind entscheidend für den Erfolg.

 

Link: Psychotherapeutischer Bereitschaftsdienst
Mo, Mi und Do, 15 bis 18 Uhr
Tel.: 01-320203040

 Kritisch betrachtet

Der neue psychotherapeutische Bereitschaftsdienst, gegründet von PsychotherapeutInnen in Ausbildung, bringt die dahinterstehenden Probleme ans Licht. "So sehr wir das Engagement begrüßen, es hat einen Januskopf", sagt Dr. Jutta Fiegl, Präsidentin der Vereinigung Österreichischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, VÖPP. "Die AusbildungskandidatInnen können nicht alleine die Lücke im Gesundheitssystem füllen."

Die Lücke besteht darin, dass PatientInnen, die dringend professionelle Hilfe benötigen, mit langen Wartezeiten konfrontiert werden. Rasche Hilfe im Akutfall ist oft nicht möglich, weil es zu wenige Psychotherapieplätze auf Krankenschein gibt. Selbst wenn die Betroffenen die Wartezeit durchgehalten haben, gibt es viel zu wenige Behandlungsstunden auf Krankenschein. (Quelle: ots)

Barbara Buchner/ots

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