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Panik als Massenphänomen

Nach der Tragödie bei der Loveparade äußerte laut "Welt online" der Kieler Katastrophenforscher Prof. Wolf Dombrowsky im ZDF-Magazin "drehscheibe Deutschland" Zweifel am Sicherheitskonzept.  SpringerMedizin.at bringt hier eine Arbeit des Soziologen und Leiters der einzigen Katastrophenforschungsstelle Deutschlands an der Uni Kiel, zum Thema "Panik als Massenphänomen".

Berichte von Panikausbrüchen lassen immer wieder erschrecken. Die Vorstellung, derart die Kontrolle zuverlieren, dass man sogar über Angehörige und Freunde hinwegtrampeln könnte, erschüttert unsere Ansichten über uns selbst und über die Beherrschbarkeit unserer Handlungsbedingungen.

Ganz besonders Einsatzkräfte fürchten Panik, weil sie am ehesten dort ausbrechen könnte, wo der Einsatz am nötigsten ist – an vorderster Front, am Ort des Geschehens, dem unter ungünstigsten Umständen alle entfliehen wollen. Doch kann man sich vor einer Panik überhaupt schützen? Kann man ihre Entstehung erkennen und dann mit Aussicht auf Erfolg steuernd eingreifen, sie gar verhindern oder zumindest so lenken, dass sie in einen "geordneten Prozess" überführt werden kann? Und was schließlich soll man tun, wenn während eines Einsatzes Panik ausbricht?

Gerät man dann selbst in Panik und löst sich, wie ein einzelnes Tier in einer Stampede, in einer unkontrollierbaren Masse auf?
In der Literatur werden häufig Bilder von "durchgehenden Pferden", "ausbrechenden Herden" oder "hochschreckenden Schwärmen" benutzt, um den Übergang vom Individuum zur Masse und damit von eigenverantwortlichem Denken zu fremdgesteuerter Impulsivität vorstellbar zu illustrieren. Doch werden wir in Extremsituationen wirklich zum Tier? 

Massenpanik1

Abb.1: Jedes Jahr Tote durch Massenpaniken beim Fußball wie hier bei einem Spiel in Rio de Janeiro. Unvergessen dabei ist die Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion am 29.05.1985: Während des Europapokalendspiels attackieren englische Fans des FC Liverpool italienische von Juventus Turin. Bei der nun einsetzenden Flucht der Italiener werden 39 Fans zu Tode gedrückt.

Panikphantasie

Auf den ersten Blick erscheint es so. Bei vielen Panikfällen wurden Menschen in der Masse erdrückt oder zu Tode getrampelt. Bei Bränden (Ringtheater Wien, Stardust Diskothek Dublin) und Massenveranstaltungen finden Einsatzkräfte tatsächlich an Notausgängen verkrampfte Menschenknäuel oder von Hunderten zertrampelte Körper. Gleichwohl belegen alle Untersuchungen [3, 23, 25], dass die Bilder, die sich den Einsatzkräften vor Ort einprägen, und die sie oftmals lange verfolgen (z. B. im Rahmen einer posttraumatischen Belastungsstörung), keineswegs den Darstellungen "letzter dramatischer Szenen" entsprechen, die im Nachhinein veröffentlicht werden, und die das öffentliche Bewusstsein von Panik bilden [26].

Die "Verlaufsgeschichte" des Ereignisses ist zumeist ganz anders als die "Erzählgeschichte", die "Panik" öffentlich vermittelt. In den Medien finden wir ausschließlich die Erzählgeschichte, die mediale Repräsentation. In ihr ist "Panik" ein Bedeutungskürzel, das einen komplexen Sachverhalt in der Phantasie der Konsumenten durch deren Phantasien bebildert, so dass es inhaltlicher oder sachlicher Darstellungen gar nicht mehr bedarf. Sätze, wie "Passagiere in Panik" oder "Bewohner stürzten in Panik auf die Straßen", reichen aus, um sich das Furchtbarste vorstellen zu können und, weit bedeutungsvoller, um davon überzeugt zu sein, zu wissen, wie sich die Betroffenen tatsächlich verhielten. 
Die Mehrzahl nimmt an, dass Menschen in Panik "wie von Sinnen" seien, "völlig aufgelöst", "ohne jede Beherrschung", "von Furien gehetzt"; dass ihnen das "blanke Entsetzen" im Gesicht und die "nackte Angst" in den Augen stünde und dass sie "kopflos" flöhen oder "zur Salzsäule erstarrten", unfähig, Alternativen oder Chancen wahrzunehmen [2, 39].

Dramatik den Ereignisse

Viele Katastrophen- und Kriegsfilme bedienen sich dieser Ausdrucksformen, um durch die Differenz zwischen Ordnung und Chaos, Beherrschung und Zügellosigkeit, Disziplin und Entregelung der Dramatik den Ereignissen sichtbaren und nacherlebbaren Ausdruck zu verleihen. Ganz offensichtlich hängen unsere Bilder über Panik mit der Angst zusammen, den Kopf und die Beherrschung zu verlieren und im Chaos zu versinken. Auf der anderen Seite zieht dieser Moment völliger Entblößung und Unkontrolliertheit magisch an.

Die Häufigkeit des metaphorischen Gebrauchs von Panik verweist auf die Lust, Andere oder Anderes in panischer Auflösung zu sehen: Neureiche, die der Börsenabsturz in Panik treibt; Chefs, die den Überblick verlieren; Sponsoren, deren Verein in die Bedeutungslosigkeit stürzt. Joachim Schumacher [40] hat diese Doppelgesichtigkeit als Sicherheitsstreben und Freiheitsdurst politisch analysiert. Michael Balint [2] hat sie aus psychologischer Perspektive "thrill" genannt, als gleichzeitig anziehende wie abstoßende "Angstlust".

Gräbt man tiefer ins Mythologische und Archaische, dürfte diese Angstlust ganz elementar gewesen sein. Bei den Ägyptern war der griechische Hirtengott Pan ("alles") einer der acht großen Götter, Massenreallzuständig für jährlich wiederkehrende Fruchtbarkeit. Ihr verdankte man alles Lebende und Nährende, auch alles Lustvolle; doch blieb sie aus, zerfielen Ordnung und Kultur, ging der Mensch buchstäblich unter.

Elementare Natur und menschlicher Kultur

Pan verkörpert beide Momente und damit die Einheit von elementarer Natur und menschlicher Kultur, aber auch den Widerstreit zwischen wilder Triebhaftigkeit und kultivierender Bezähmung. Als Gott der Fruchtbarkeit verbindet Pan die Triebhaftigkeit und Üppigkeit des Lebens, das Dionysische und Orgiastische, mit dem Verzehrt- und Verbrauchtwerden, also dem Tod. In vielen Kulturen endeten die rauschhaften Fruchtbarkeitsfeste in Opferritualen: Die Saat musste "sterben", um nach ihrer "Beerdigung" auferstehen zu können.

In den alltäglichen medialen Repräsentationen hat sich die Einheit des kulturhistorischen Ursprungs in ein rein metaphorisches Panikkonzept aufgelöst, das den "thrill“ von "Angst und Schrecken" öffentlich als Kontrollverlust inszeniert – und dabei durchaus an gewisse niedere Instinkte appelliert – , und in ein pseudokausales Panikkonzept, bei dem die Attribuierung "panisch" genügt, um ein Verhalten ursächlich zu erklären und als Versagen zu beurteilen: Die Betroffenen haben den Kopf, damit die Kontrolle über sich sowie über die Situation verloren und gleichsam versagt. Francis Bacon verwies darauf, dass beide Konzepte aus pädagogischen Gründen nicht auseinander gerissen werden sollten. Die Angst zu versagen und in Chaos zu versinken, motiviere auch dazu, sich zusammenzureißen und Ordnung so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Staatsmännern riet Bacon, eine möglichst "gute", "fruchtbare" Ordnung zu installieren, weil sie am besten vor Untergängen bewahre. Damit ist auch die politische Dimension von "Panik" berührt. 

Integration empirischerPanikforschung

Rationales Handeln, Kontrollfähigkeit und intellektuelles statt physisches Alarmhandeln erscheinen als die wichtigsten Bedingungen zur Vermeidung von Panik. Vor allem Einsatz- und Ordnungskräfte sollten dazu befähigt werden, Panikreaktionen bereits in der Entstehung erkennen und durch geeignete Maßnahmen beeinflussen zu können [3].

Masssenpanik2

Abb2: Immer wieder Tote bei der Wallfahrt nach Mekka. Mehr als 240 Moslems starben Ende Januar 2004, als fast 2 Mio. Pilger sich zum islamischen Opferfest Eid Al Adha in der Mina-Ebene nahe Mekka versammelt hatten. Während der symbolischen Steinigung des Satans stürzten die Gläubigen und wurden von den nachdrängenden Massen zu Tode getrampelt. Im Jahr 2003 starben 14 Pilger, 2001 waren es 35, 1994 kamen 270 Menschen ums Leben. Der traurige „Rekord“ fällt in das Jahr 1990, als 1426 Moslems in einem überfüllten Fußgängertunnel erstickten. 

Im deutschsprachigen Raum haben Detlev Ploog [3], Horst Schuh [37, 38], Wolf Dombrowsky [6, 7] und andere [0, 30] anhand konkreter Fälle und Einsatzerfordernisse die prinzipielle Möglichkeit zur Panikprävention und -intervention aufgezeigt. Doch belegt eine kritische Durchsicht der verschiedenen Ereignisanalysen, Lehrbücher, Leitfäden und Ausbildungsvorschriften, dass kaum empirische Erfahrungen und wenig erprobte Maßnahmen vorliegen. Empirischen Bestand hat eigentlich nur eine Erfahrung: Interventionen nach Ausbruch einer Panik haben so gut wie keine, präventive Maßnahmen - vor extremen Belastungssituationen haben sie dagegen hohe Erfolgschancen. Die verschwindend wenigen – und daher immer aufs Neue zitierten Beispiele, in denen beherzte Aktionen Einzelner in einer Panik geordnete Verhaltensweisen spontan organisieren konnten, durchziehen daher die Literatur wie die berühmten "missing links" die Anthropologie. Zweierlei sticht ins Auge:

1. Eine systematische, entwickelte Panikintervention steht noch aus. Wo aber Interventionen eher zufällig und selten gelingen, kann es mit dem grundsätzlichen Wissen über die effektive Beeinflussung von Panikverhalten nicht weit her sein. 

2. Da Panik vornehmlich dort ausbrach, wo auf präventive Vorkehrungen verzichtet oder gegen sie verstoßen wurde, erweist sich Panik als folgerichtiges, d. h. aus den situativen Mängeln und Fehlern logisch herleitbares Ergebnis. Hier nun zeigt sich das theoretische Problemvon Panik. Die Frage nämlich, wie Menschen in Gefahr und innerhalb kollektiver Erregungszustände agieren, sollte zuallererst zur Empirie führen, wird aber – zumindest in Europa – bislang noch immer von den Erfahrungen und Anschauungen von Denkern bestimmt, für die Umstürze, Revolutionen, Massenvernichtung, Vertreibung und Flucht die Erfahrungsgrundlage waren.

Die Mehrzahl der mit Panik und Menschenmassen befassten Vertreter – von Le Bon bis Canetti, von Freud bis Broch, von Reiwald bis Domizlaff und Schwarz – argumentieren dabei auf der Grundlage mehr oder weniger expliziter Menschenbilder und mehr oder weniger empirisch begründeter Kausalerklärungen aus anderen Extrembereichen (z. B. Phobien, Neurosen, Krieg). Einig ist man sich, neben allem Schulen- und Disziplinenstreit, nur darin, dass der Einzelne nicht mehr Herr seiner selbst und nicht mehr Herr der Situation ist. Das Rationale wird von den Affekten des evolutionär Früheren (gemeinhin: Stammhirn vs. Kortex) und des zwanghaft Kollektiven (gemeinhin: der Masse, der Straße) hinweggefegt. 

Vom theoretischen Konzept zum praktischen Handeln 

Nun soll keineswegs geleugnet werden, dass das menschliche Handeln und Verhalten sowohl von archaischen Antrieben und genetisch verankerten Programmen als auch von massenpsychologischen Einflüssen mitbestimmt wird. Dennoch muss man sich der praktischen Konsequenzen bewusst werden, die der in diesem Bereich obwaltenden theoretischen Akzentsetzung ausfließen. Sobald man nämlich Panik in erster Linie aus dem Wesen der Handelnden statt aus den Bedingungendes Handelns herleitet, wird Panik unweigerlichzu einer artgemäßen Konstante,der bestenfalls pharmakologisch oderchirurgisch (z. B. lobotomisch), nicht aberwillentlich gegengesteuert werden kann.Jede Paniktheorie, die phylogenetisch argumentiertund/oder die Entstehung vonPanik als Pathologie begreift, verbaut sichdaher die Möglichkeit, soziale, psychischeund kulturelle – im weitesten Sinne gesellschaftliche– Verursachungen und autonome,rein kognitive Steuerungen in Betrachtziehen zu können. In welch eminentem Sinn diese theoretischen Überlegungen praktische Auswirkungen haben, wird an einem Strang der menschlichen Entwicklungsgeschichte demonstriert, der, wie kaum ein anderer, zu verdeutlichen vermag, dass biologisch angelegte, instinktresiduale Verhaltensprogrammeprinzipiell, eben auch anthropologischbedingt, kulturell überformt und willentlich in den Griff zu nehmen sind. Gemeint sind die menschliche Sexualität und die kulturell vielfältige Art, sie denkend, d. h. bewusst beherrschbar, in den Griff zu bekommen.

Wer heute einen Freikörperkultur-(FKK-)Strand oder eine öffentliche Badeanstalt besucht, in der textilfreies Baden und Sonnen erlaubt ist, wird sich kaum für abnorm halten, nur weil bei ihm eine Reiz-Reaktions-Kette ausbleibt, die jedem Pavian-Männchen beim Anblickeines roten Hinterteils zur Lust gereichte. Im Gegenteil, alle Beteiligten halten es für "normal", d. h. für situativ angemessen, gerade nicht sexuell zu reagieren, sondern sich gegenseitig intellektuell derart auf Distanz zu halten, wie es in Jahrhunderten zuvor nur durch strikte Tabus und extrem verhüllende Kleiderordnungen erreicht werden konnte. Wer sich heute die Bademode anschaut, wie sie zu Beginn der öffentlichen Badekultur getragen werden musste,der wird unschwer feststellen, dass die Sexualisierung von Körperpartien eine weitgehend kulturelle Leistung ist und Sexualität insgesamt, also nicht nur beim Baden, durchaus willentlich, mit Hilfe kultureller Überformungen (der Mode, der Gerüche,der Hygiene) gesteuert werden kann.

Die Mechanik des langfristigen Prozessesder kulturellen Überformung dermenschlichen Sexualität lässt sich durchaus auf "Panik" übertragen. Zu fragen ist nämlich, warum es nicht möglich sein sollte, die angeblich rein biologische Dispositionen zu Panik und zu Angstreaktionen in Gefahrensituationen ebenso einer willentlichen Beherrschung zuzuführen, wie es im Bereich des Sexuellen seit langem gelingt?

Der strategische Vorteil einer solchen Fragestellung leuchtet unmittelbar ein: Wo man bislang glaubte, einem entwicklungsgeschichtlichen Handicap ausgeliefert zu sein, könnte man nun nach Strategiensuchen, mit denen sich das biologische Erbe kulturell beherrschen lässt.

Kognitive Strategienzur Überwindung instinktivenVerhaltens

Dass eine solche kulturelle Beherrschungprinzipiell möglich ist, zeigt nicht nur die Geschichte der menschlichen Sexualität. Auch die scheinbar unbeherrschbaren Reiz-Reaktions-Muster des Reflektorischen

lassen sich mental in den Griff nehmen: Jedes Sicherheitstraining für Autofahrer (und weit stärker für Piloten oder Taucher) vermittelt Kenntnisse über neurolinguistisches Programmieren (NLP), über die Fähigkeit also, durch beständiges Wiederholen spezifischer Verhaltensregeln (z. B. des Satzes: "Hase – Draufhalten", "Hase –Draufhalten") den sonst obsiegenden spontanen Impulsen zu entgehen. Plötzlich auftauchende Gefahren werden dann nicht mehr "instinktiv", also gedankenlos (z. B. durch unkontrolliertes Bremsen oder Verreißen der Lenkung) pariert, sondern mit Bedacht, d. h. situativ angemessen.

Natürlich führt ein solches Verfahren schnell an Grenzen. Der auf "Hase" und "Draufhalten" programmierte Autofahrer wird zwangsläufig zum Selbstmörder, wendet er das Verfahren auch dann an, wenn sich eine Kuh auf die Fahrbahn verirrt haben sollte. Das Verfahren der bewussten Reflexbeherrschung greift also nur, wenn gerade nicht automatisch, sondern fallbezogen reagiert werden kann. Das aber bedeutet, dass eine wirkungsvolle Selbstprogrammierung außerordentlich differenziert sein muss, damit die sehr unterschiedlichen Auslöser von Schreck und Angst trotzdem zu angemessenen Reaktionen führen.

Damit eröffnet die Selbstprogrammierung eine wesentlich erhöhte Chance, sich bei Gefahr richtig zu verhalten. Mit den NLP-Techniken lassen sich nicht nur Kommunikationsstrategien erlernen und die Fähigkeit zum genauen Beobachten und Wahrnehmen schärfen, sondern auch Verhaltensgrundzüge verankern, die geeignet sind, Körperreaktionen in Not- und Stresssituationen schneller überwinden zu können. Insofern bewirkt NLP auch, Stress zu mindern, Angst und Hemmungen zu überwinden und zielgerichtet handlungsfähig zu werden oder zu bleiben [28].

Betrachtet man den Vorgang eingehender, so bewirkt die Technik der Selbstprogrammierung eigentlich ein Doppeltes. Es soll präsent gehalten werden, dass bestimmte Gefahren drohen, und an jede dieser möglichen Gefahren soll eine angemessene Reaktion gekoppelt werden, damit im Fall der Fälle gleichfalls ein Doppeltes zur Wirkung kommt: Da man mit realen Gefahren rechnet, werden Geist und Körper von Schreck und Angst nicht überflutet, und es bleiben Raum und Zeit für angemessene Reaktionen.

Von der Theorie nun zur Praxis

Vorgeschlagen wird ein Spiel, das bei der nächsten Autofahrt mit der Familie oder mit Freunden, auch mit den Kameradinnen und Kameraden, ausprobiert werden kann. Das Spiel beginnt mit dem Auftauchen des "Wildwechselvorsichtzeichens". Einer der Mitfahrer ruft ohne Vorankündigung einen Tiernamen (Hase, Reh, Hund etc.); der Fahrer muss daraufhin ohne Zögern seine Reaktion mitteilen (nicht ausführen, natürlich). Gemeinsam wird dann diskutiert, ob und warum eine solche Reaktion (z. B. "Bremsen", "Ausweichen", "Draufhalten" etc.) angemessen gewesen wäre. In fortgeschrittenen Spielverläufen kann man die Gefahrenquellen erweitern und variieren: Ein Kind rennt auf die Fahrbahn, ein umgestürzter Baum blockiert die Weiterfahrt...

Je intensiver und variantenreicher man spielt, desto schneller dämmert die Einsicht, dass die Kapazität der Programmierungstechnik immanente Grenzen hat. Bei drei Kühen auf der Fahrbahn, hoher Geschwindigkeit und Gegenverkehr nützt weder Bremsen noch Ausweichen. Und ist auch der Ausweg ins Feld versperrt (durch Leitplanken, Bebauung, Wald o. Ä.), dann weiß man, dass man für bestimmte Bedingungen auch mit der besten Verhaltensprogrammierung keine Chance mehr hat.

Angemessene Reaktionen als Resultat sämtlicher relevanter Informationen

Was sich nun erschließt, ist das, was D. Claessens [4, 5] "roportionendenken"genannt hat: Wir leben in derart vernetzten Kausalzusammenhägen, dass einfache Wenn-Dann-Beziehungen untaugliche Aussagen über Wirklichkeit darstellen. "Wenn-Hase-Dann-Draufhalten" ist eben nur wirkungsvoll, wenn alle sonstigen Handlungsbedingungen keinen Einfluss haben. Dochwann hät sich die Realitä schon an diese exklusive Bedingung?

Weit eher haben wir es mit mehrfach gekoppelten Relationen zu tun, bei denen die Veränderung einer Variablen sogleich Veränderungen des gesamten Wirkungsgefüges herbeiführt. Das "Wenn-Pudel-Dann-Draufhalten“wird sofort zum Wahnsinn, wenn hinter dem Pudel ein Mütterchen auf die Straß stürzt, das ihn halten will. So gesehen, handeln wir immer innerhalb von Szenarien zu bzw.abnehmender Wahrscheinlichkeiten, d.h. es erscheint uns äußerst unwahrscheinlich, dass in einem Waldstück ein Pudel samt Besitzerin auf die Straß stürzt, das warnende Hupen überhört wird, links und rechts keine zwei Meter Platz mehr sind und aufgrund völlig überhöhter Geschwindigkeit, Nieselregen und Laubbefall ohnehin kein vernünftiges Manöver mehr helfen kann.

Viel wahrscheinlicher ist es, dass sich in jedem Moment das tatsächliche Verhalten des Fahrers als eine Resultante aus sämtlichen Informationen ergibt, die im Moment des Fahrens als relevant wahrgenommen und die unbewusst wirksam werden. Tageszeit, Wetter, Straßenverhältnisse, Verkehrsdichte, aber auch Gesundheitszustand, persönliche Einflüsse (Sorgen, Zeitdruck, Stress o. Ä) und Ablenkungen (Radioprogramm, Mitfahrer, äußere Sinneseindrücke) führen daher zu dem, was gemeinhin als "angemessenes" Verhalten bezeichnet wird: Innerhalb der jeweiligen Bedingungen pegelt sich ein halbwegs vernünftig darauf bezogenes Verhalten ein.

Das Verhalten wird immer vernünftiger, je mehr situative Variablen erkannt und beachtet werden, so dass letzten Endes die Technik der Selbstprogrammierung dazu befähigt, immer mehr Handlungsbedingungen zu berücksichtigen und, entsprechend der Abwägungen von Gefahren und Reaktionschancen, den Gesamtrahmen des Handelns zu ändern, sobald sichtbar wird, dass unter momentanen Bedingungen keine Reaktionschance gegeben wäre: Wer also glaubt, dass beim Eintritt einer vorgestellten Gefahr jede wirkungsvolle Reaktionschance verbaut wäre, der wird selbstverständlich die Gesamtbedingungen dadurch ändern, dass er sofort vom Gas geht und auf neuem Wahrscheinlichkeitsniveau zu überlegen beginnt: Wenn jetzt etwas passiert, kann ich wenigstens bremsen...

Risikoassessment zur Panikprävention

Das Beispiel des Autofahrens ist nicht nur deswegen so breit ausgeführt worden, weil in diesem Bereich beinahe jeder auf eigene Erfahrungen zurückgreifen kann, sondern auch, weil es, wie zahlreiche Unfälle belegen, relativ "paniknah" ist. Deshalb lassen sich die Überlegungen zur Verhaltensprogrammierung auch für die Panikprävention nutzen. Jeder Kino-, Diskothek- oder Stadionbesuch (um die häufigsten Orte von Panikausbrüchen zu nehmen) eignet sich, genau wie das Autofahren, zum "Assessmentspiel". Als Assessment bezeichnet man nichts anderes als die systematischen Abwägungen der Folgen und Folgenfolgenvon Entscheidungen oder Maßnahmen: So kann man durchaus Szenarien durchspielen,nach dem Motto: "Was wäre wenn...".

Was wäre, wenn jetzt....

 ein Feuer ausbräche? Behielte ich im Dunkeln die Orientierung? Kenne ich die Notausgänge? Sind sie benutzbar? Erreiche ich sie, wenn alle darauf losstürmen? Indem man so die Bedingungen zu antizipieren sucht, unter denen man im Ernstfall handeln müsste, stößt man alsbald an die Grenzen seines Handlungsrahmens und muss feststellen, dass die eigenen Handlungsstrategien nur geringe Realisierungschance haben, wenn andere aus Unkenntnis, Egoismus, Hilflosigkeit´oder anderen Gründen die eigenen Absichten durchkreuzen.

Spätestens hier wird die Bedeutung planvoller Kooperation sichtbar und damit die Notwendigkeit, im Ernstfall auf "programmierte" Bündnispartner zu stoßen. Sobald eine bestimmte Anzahl gleichartig Denkender vorhanden ist, steigt die Chance, die Situation positiv beeinflussen zu können. Wer sich durch Verhaltensassessment und -programmierung vor Panikrisiken zu schützen sucht, der erkennt sehr schnell, dass primär konkrete Gefahrenquellen drohen: verstopfte Fluchtwege, verriegelte Notausgänge, fehlende Kennzeichnung der Fluchtwege, fehlende Notbeleuchtung, desinteressiertes und schlecht ausgebildetes Personal, schlecht gewartete oder fehlende Sicherheitseinrichtungen und gefährliche Materialien (Kunststoffe). Indem das Gefahrenpotenzial sichtbar wird, verändern sich, wie beim Autofahren, die Proportionen von Wahrnehmen, Verhalten und Konsequenzen:

Oberhalb eines bestimmten Gesamtrisikos nützen im Eventualfall individuelle Strategien gar nichts mehr und kollektive nur noch wenig, so dass es notwendig wird, den gegebenen Handlungsrahmen zu verlassen und nach einem neuen, chancenreicheren Mischungsverhältnis aus Risiken und Reaktionsmöglichkeiten zu suchen. Man kann den Manager ansprechen und auf Abhilfe drängen; man kann die Gewerbeaufsicht oder die zuständige Brandschutzbehörde informieren, oder man kann auf den Besuch eines besonders gefährlichen Lokals ganz verzichten und in seinem Freundeskreis die Gründe darlegen und um Verständnis, viel leicht sogar Nachahmung werben. Die Abstimmung der Füße (ausbleibende Kundschaft), die direkte Ansprache oder gar die Beschwerde wirken oftmals Wunder und reduzieren das Gesamtrisiko auf ein erträgliches, kalkulierbares Maß.

Was ist nun gewonnen?

Die solcherart Handelnden lernen, situative Gefahrenpotenziale zu antizipieren, sich darauf einzustellen und so mit individuellen "Imprägnierroutinen" zu verbinden, dass im Ernstfall geistig trainierte Routinen zur Verfügung stehen. Diese mentalen Einsatzpläne sind geeignet, die Schreckphase drastisch zu begrenzen und eine innere, psychische Distanz zum Geschehen herzustellen, aus der heraus jene kühle Ruhe möglich wird, die man zum angemessenen Handeln braucht. Zugleich lässt das Gefahren- und Reaktionsassessment die Grenzen der eigenen Belastbarkeit erkennen, da die sorgfältige Prüfung der Relation von situativen Gefahren und darauf bezogenen Handlungsalternativen sehr schnell zeigt, wann man mit dem eigenen Latein am Ende ist und die Situation selbst verändert werden muss (d. h. die gesamte Fahrweise oder die Sicherheitsstandards eines Lokals). Dies nun verweist auf Grundsätzliches.

Handlungsorientierte Definition der Panik als Massenphänomen

Panik, so könnte man nach all dem definieren, ist der Endpunkt einer Chancenreduktion in dem Sinne, dass den Handelnden rapide und radikal alle Chancen abhanden kommen, eine lebensbedrohliche Situation nach eigenen Bedingungen positiv beeinflussen zu können. Eine solche Definition mag sehr abstrakt klingen, doch fasst sie den hier vertretenen Ansatz am besten.

Der Mensch ist ja deswegen Mensch, weil er sein animalisches Erbe, seine Residualinstinkte, durch kulturell erzeugte Sicherheiten, durch Technik, Institutionen und Normen ausbalancieren und nach eigenen Bestimmungsgründen formen kann. Dies schließt nicht aus, dass er unter pessimalen Umständen in eine Situation kommen kann, in der ihm sämtliche kulturellen Sicherheiten entrissen sind und er in dieser völligen Entblößung von sicherheitsstiftenden Leitungsinstanzen auf die kümmerlichen Instinktresiduen zurückgeworfen ist, die ihm die Evolution zwar gelassen, die aber seine Kultur nicht entfaltet und gepflegt hat und die in den meisten Fällen auch nichts mehr nützen. Ein derart reduziertes Wesen ist dann tatsächlich außer Stande, situativ angemessen zu reagieren.

Man mag dies als "Panik" bezeichnen, doch ist es inhaltlich weit von dem kreischenden Angstbündel entfernt, das uns die Medien suggerieren.

Quelle: Anaesthesist 2005 · 54:245–253, DOI 10.1007/s00101-004-0780-3, Online publiziert: 28. Januar 2005
© Springer Medizin Verlag 2005

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W. R. Dombrowsky, Katastrophenforschungsstelle (KFS), Universität, Kiel·
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